Sprachkurs für die Teilnehmer des Dramatischen Kurses
**MARIE STEINER, Dornach, 2. bis 4. September 1924 **
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den Sitz ihrer Sprache, was das «vorn»-Sprechen anbelangt: der Romane, besonders der Franzose, dann der Deutsche oder der Russe.
Speziell beim Deutschen ist zu unterscheiden zwischen den mehr westlich oder mehr östlich orientierten Deutschen.
Dieser allgemein gehaltene Kursus wird aus fünf Stunden bestehen.
Es werden die heutigen verschiedenen Sprech- und Gesangsmethoden
erwähnt, Kopf-, Nasen- und Brustresonanzen. «Ja, und das Neue
unserer Methode besteht darin, daß wir in der Luft den Resonanzboden erblicken.» Es wird an die Schöpfungsgeschichte erinnert, wie
dem Menschen der lebendige Odem eingeblasen wurde. Der lebendige Odem weht außerhalb von uns.
Bei dem nun beginnenden Üben wird es sich darum handeln, zum
Laut, zum Wesen des jeweiligen Lautes ein Verhältnis zu gewinnen.
Zu den Vokalen, urständend heimathaft in den Planeten, zu den Konsonanten, urständend heimathaft in den Tierkreiszeichen. Es wird
noch das Besondere der finnischen Sprache gestreift.
Einfache Artikulationsübungen
Daß er dir log uns darf es nicht loben
Mit der Luft in uns die Luft außer uns ergreifen. Die Luft als solche
ist der Resonanzboden, sonst nichts. In den Konsonanten liegt «das
Ei des Kolumbus».
Nimm nicht Nonnen in nimmermüde Mühlen
Rate mir mehrere Rätsel nur richtig
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 3 5
Redlich
Rüstet
Riesig
Ruhig
Reuige
Protzig
Bäder
Polternd
Bieder
Puder
Bergig
ratsam
rühmlich
rächend
rollend
Rosse
preist
brünstig
putzig
bastelnd
patzend
brüstend
Übungen, die den Atemstrom bewältigen können
Erfüllung geht
Durch Hoffnung
Geht durch Sehnen
Durch Wollen
Wollen weht
Im Webenden
Weht im Bebenden
Webt bebend
Webend bindend
Im Finden
Findend windend
Kündend
Erfüllung geht
f= wisse, daß ich etwas weiß, zum Beispiel: Aus dem ff etwas wissen,
/ / = solch mehrmaliges //=de r Geist, der die Materie ergreift und
formt.
Durch Hoffnung
Empfindungsnuance; Lautverständnis notwendig.
Geht durch Sehnen
vorn nur den Ton ansetzen; h= schönster Laut zum Plastizieren;
s= etwas Furcht in uns erregend.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 3 6
Durch Wollen
#>= unser Innerstes an die Außenwelt heranbringen; dies wird umgemodelt durch o und //= wollen; zum Beispiel geht bei dem Worte
«warum» alles aus dem Inneren heraus.
Wollen weht
Im Webenden
Weht im Bebenden
Webt bebend
Webend bindend
Im Finden
Findend windend
Kündend
Jede Zeile mit vollem Atemstrom; Atmen nach jeder Zeile; den ganzen Atemstrom auf einmal frei herauslassen. An dem e kann man
lernen, den Nervenstrom zu packen; #=vorn packen: kündend.
Umzukehrende, gute Übung
Wollen nellow
Sehnen nenhes
Mit der aus uns herausströmenden Luft ergreifen wir die Luft draußen. Atemübung, die uns die Möglichkeit gibt, den Atem durch den
rhythmischen Fluß auszuströmen, zu verteilen.
In den unermeßlich weiten Räumen,
In den endenlosen Zeiten,
In der Menschenseele Tiefen,
In der Weltenoffenbarung:
Suche des großen Rätsels Lösung.
Die ersten vier Zeilen flutenhaft aus dem Kosmos heraus empfindend;
die letzte Zeile als Gedanke aus dem Kopf.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 3 7
II
Dornach, 3. September 1924, mittags
Zuerst Übung: Dialog zwischen einem Blutsmenschen und einem
Nervenmenschen. Der Blutsmensch bringt seine Meinung in mehr
ruhiger Weise hier zum Ausdruck und wird sich in Lauten wie a, o,
u und au bewegen. Der Nervöse wird erregter und hitziger sein und
e und / bevorzugen.
Der Ruhige: Sahst du das Blaß an Wang und Mund?
Der Nervöse: Nichts im Gesicht bemerkte ich.
Der Ruhige: Du kannst nur schauen, was kraß.
Der Nervöse: Nimm mir nicht mich selbst.
Der Ruhige: Allzustark wachst du kaum.
Der Nervöse: Eben deswegen will ich dies nicht.
Ausführungen über die Umlaute. Aufhellung des Umlautes ä= KraftKräfte, Macht-Mächte.
Durch das Lauterleben sich vertiefen in einzelne Worte und Wortbedeutungen :
Weinen - Wein — fühlen das seh eurythmisch
= Sch-wein
Nacht - Mahr = Mar-sch
E-Ubung. Das sich In-sich-Befestigen. Dann /= zwei korrespondierende Übungen, ein Hauptmoment am Ende (a), das andere Hauptmoment in der Mitte (b).
Lebendige Wesen treten wesendes Leben
(a) Wirklich findig wird Ich im irdischen Lebenswesen
(b) Im irdischen Lebenswesen wird Ich wirklich findig
Wechselwirkung von /' und e:
Die Liebestriebe werte nicht gering
Eine Übung, um in ausweitender Weise zu sprechen:
Breite weise Wiesen über das Land
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 3 8
Lebendige Wesen treten wesendes Leben
Fühlen, wie e konsolidierend wirkt; bewirkt das Hineintreten der
Nervenkraft in sich; fühlen, wie man sich dabei beruhigt. Es tritt
etwas heran, man fühlt sich fest: der Nervenstrom erstarkt in einem;
eignet sich daher am besten zum Monolog: in sich Hineinbrüten des
Menschen.
Wirklich findig wird Ich im irdischen Lebenswesen
* = aus dem Inneren nach außen. Überzeugen den anderen, der Nervenkraft nach außen folgend; dagegen zum e hin, hier verspüren die
nach innen gehende Nervenkraft des e.
Im irdischen Lebenswesen wird Ich wirklich findig
£=in der Mitte: Weg erst nach innen zu, dann nach außen.
Die Liebestriebe werte nicht gering
ie=Verdichtung der Nervenkraft; «nicht gering» frei herausströmen
lassen.
Breite weise Wiesen über das Land
ei= Hineintreiben der Nervenkraft in die umliegenden Gebiete der
Nerven, daher Konsolidierung bewirkend, Stützen suchen in anderen
Organen. Erhebt uns zur Harmonisierung des Sprachstromes. Alles
dies zur Festigung der Stimme.
Abschließende Vokalübungen
a == offen, couragiert den Atem herauslassen
e = verengt sich
/ = ganz spitz
o = Arbeit mit Lippen beginnt
u = Lippen angestrengt formend
Lalle im Oststurm
das / wirklich Wellen schlagen lassend!
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 3 9
gä - nö - bü
Umlaute: oft nicht rein genug heraus.
-uff!
zu Hilfe: die naturgemäß aufgebauten Konsonanten, um ganz aus
sich herauszukommen.
Übergang %u den Konsonanten
Mäuse messen mein Essen
Deutlichkeit: jeder gesprochene Laut ganz und voll gestaltet, m,
s= gut und ordentlich aussprechen.
Lämmer leisten leises Läuten
Flüssigkeit: der Atemstrom fließt beim Sprechen, so daß man nicht
abgehackt ein Wort neben das andere stellt. /= findet man sich hinein
in /, wird man allmählich flüssiger sprechen.
Bei biedern Bauern bleib brav
Umhüllend: Geschlossenheit, den Laut rund und voll, nicht spitz,
nackt. Die Vokale mit Haut umgeben, damit sie nicht bloßstehen.
£=gut aussprechen, dabei Gefühl haben, daß man dadurch die Laute
in eine Hülle schließt.
Komm kurzer kräftiger Kerl
Gliederung: Beobachtung der Abschnitte eines Satzes, die durch Bau
und Inhalt gegeben sind. Man darf nicht fortreden wie ein Wasserfall. Der Zuhörer muß mit dem Verstehen des Gesagten immer gerade bei dem Ausgesprochenen sein, das erreicht man durch Pausen.
k= deutlich aussprechen: verlangt Pausen!
Am Schluß dieser Stunde: Wenn man sich vertieft in das Bilden
eines Konsonanten, wie er entsteht, kann man empfinden bei d die
Kugelform, bei k die Würfelform. Dieses kann man zum Inhalt einer
Meditation machen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 0
III.
Dornach, 3. September 1924, nachmittags
Lippenlaute: p m w* b
Zahnlaute: /* v* s seh st c %
Zungenlaute: n d t l
Gaumenlaute: g k ch ngj h
Den Unterschied zwischen diesen Lauten ganz bewußt erfühlen und
erlernen. Der Zusammenhang des Mechanisch-Dynamischen und des
Lebensvollen darf nur von der Sprache gelernt werden. Die Stimme
springt im gewöhnlichen Leben hin und her; zum exakten Sprechen
muß man erst Übungen machen, bei denen die Stimme nicht zu
springen braucht.
Die folgenden Übungen sich erst zum Bewußtsein bringen, dann
aber den Sprachstrom laufen lassen, damit nicht der Verstand die
Dinge erklügelt.
Bei meiner Waffe,
Sie Vieh schieden,
Nur erlag Inger ich
Die Stimme geht im Verlaufe des Satzes nach hinten, ohne eine Stelle
zu überspringen: spricht sich angenehm leicht.
Ich ringe Groll,
Rind war beim Baum
Ich ringe groß Schaf,
Voll Rind nieder beim Weih
da springt die Stimme schon. - Diese Übungen und die folgende besonders mit Fülle, Deutlichkeit, Rundung.
Verschiedene zusammengestellte Sätze mehr oder weniger primitiver Art: . . _ .. n
Bei seiner Gartenture saß er
Er hat dir geraten
Befolge nur aufs beste
* Zusammenwirken von Unterlippe und oberer Zahnreihe, Vergleiche die neue Gliederung in Vortrag 18, Seite 356 ff.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 41
Recht vom Herzen gut
So wie du nur gerade vermagst
Rechten Rat
der Gang der Stimme mehrmals hin und her, aber immer ohne zu
springen. Dies wirklich schön sprechend.
Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt.
Gut, um scharfe, komplizierte Kurve zu bekommen: immer zur Zunge
zurück; das ist nicht mehr primitiv, schon dramatisch. Das Konsonantische dominiert, daher: aus den Elementen, nicht aus der Seele heraus.
Von anderem Gesichtswinkel aus:
Blaselaute
Stoßlaute
Zitterlaut
Wellenlaut
das heißt, das, was in der Luft draußen geschieht, wenn wir mit ihnen
arbeiten: wir müssen fühlen, was der Konsonant in der Luft macht,
nicht in unserer Kehle!
Tritt dort die Tür durch
Beim Rezitieren müssen alle die Affekte im Worte in der Lautgestaltung mitempfunden werden. Dazu gut, wenn sich die Zunge zum
Tastorgan ausbildet: den Laut befühlt. Hier: fühlen den Unterschied
zwischen hart t, sanft d.
Horch!
h=hinausgehen, hinausgleiten mit dem Atemstrom, ch= das Eintauchen, das Eingehen: sich assimilieren.
ich
drückt das Wesen des Deutschen aus: freundlich, häßlich, oder auch
g am Ende.
Halt! Hebe hurtig hohe Humpen!
Hole Heinrich hierher hohe Halme
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 2
Das Wort wird durch h kräftiger, bekommt Wucht. Manche Menschen sprechen zu nahe an den Lippen, dadurch verliert ihre Sprache
an Kraft und Eindringlichkeit. Bei «Halt!» Atem heraus! Ausrufzeichen! Der, den man anruft, muß auch wirklich halten.
Pfeife pfiffige Pfeiferpfiffe
im flieg t hartes Zurückweisen: Vergleiche «pfui!», hier: aus Ruhe
in Tätigkeit heraus.
Empfange empfindend Pfunde Pfeffer
gemildert: pf weich und hart; man wird höflicher, fast sentimental.
Schwinge schwere Schwalbe
Schnell im Schwünge
schmerzlos
= etwas vertraulich mitteilen. Wenn man vom Sinn absieht, offenbart
sich der Laut! Das ist anzustreben.
Ach forsche rasch;
Es schoß so scharf auf Schußweise
man wird von den Lauten fortgerissen, gepackt! Blaselaute.
Drück die Dinge, die beiden Narrenkappen Tag um Tag
stoßen!
Sturm-Wort rumort um Tor und Turm
zu nuancieren in den Konsonanten; die ersten: mehr schwimmen im
Sprachstrom, die letzten: stoßen.
Molch-Wurm bohrt durch Tor und Turm
möglichst dunkel und dröhnend sprechen, um eine etwas zu helle
Färbung der Stimme zu beseitigen.
Dumm tobt Wurm-Molch durch Tor und Turm
zu achten auf die drei verschiedenen Stimmungen, die in den drei
Zeilen allein durch das Lautliche entstehen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 3
Abracadabra
Rabadacabra = aggressiv!
Bradacaraba = wenig nobel!
Cadarabraba
Man könnte dieses Wort wie ein Mantram empfinden. Vergleiche den
französischen Dichter Mallarme, «mot magique». Es bezeugt, daß es
kein ausgeklügeltes Wort ist.
A = der ganze Mensch
b = Umhüllung, Haus des Menschen
Ab = Mensch mit seinem Haus
Abr = läuft
Abra = kommt heraus
Abrac = stellt sich kräftig hin
Abraca = fühlt sich Mensch
Abracad = zeigt auf den anderen Menschen
Abracadabra = fühlt dann in ihm auch einen Menschen!
IV.
Dornach, 4. September 1924, mittags
Beim künstlerischen Sprechen muß der ganze Organismus - NervenSinnesorganismus, Blutzirkulationsorganismus und StofTwechselorganismus - beteiligt sein. Atem und Puls stehen in einem Verhältnis
von 1:4; 18 Atemzüge und 72 Pulsschläge in der Minute. Der Grieche,
welcher noch wirklich das Übersinnliche empfunden und es auch zum
Ausdruck gebracht hat, weil er noch nicht wie der heutige Mensch im
Ich stand, hat diese Gesetze im Hexameter ausgedrückt. Drei Daktylen, Zäsur auf einem Atemzug; dann wiederum drei Daktylen, Pause,
Zeilenende.
— UU — U KJ— KJ KJ I — KJ KJ— UU — U U /
Die griechische Epik muß mehr rezitiert werden, in der nordischen
Epik ist schon ein starker Einschlag zum Deklamatorischen durch
den Hoch- und Tiefton.
Rezitation = mehr für epische Dichtung
Deklamation = mehr für lyrische Dichtung.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 4
Singe o Muse vom Zorn mir des Peleiden Achilleus
— uu— uu /—ou— uu /
Zäsur für Atem Pause
Im Rhythmus zwei Systeme: Normal Atem 18 - Blut, Puls 72=1:4.
Wenn Zäsur nicht gebracht wird, fehlt etwas. Hierbei ist nicht nur
auf den flüssigen Rhythmus, sondern auch auf die richtige, sinngemäße
Färbung der Vokale zu sehen. Den Ton durchsichtig machen: innere
Modulation bei Muse: u; dagegen Empuse: u hart. Anpacken, ausdrücken: Zorn! In den Puls hinein spielt schon der Wille.
Bei Homer: das Unsterbliche klingt durch die Dichtung - bei
Klopstock: als Seele angesprochen. Heute: ist es ganz weg.
Uns ist in alten maeren Wunders vil geseit
von heleden lobebaeren von grözer arebeit
Im Altgermanischen: Hoch- und Tiefton. Diese Dichtung hatte zum
Inhalt Geschehnisse übersinnlicher Welten, die sich wie ein Alpdruck
auf die Seele legten: mar=Nachtmar! Aber: noch mit der ganzen
menschlichen Organisation verbunden. Vergleiche das Kind, wie es
wächst. Volk, wenn noch jung - aus Wachstumskräften ersteht die
Dichtung: Das Epische ist die ursprüngliche Dichtform. Wollen wir
wieder Stil finden, müssen wir uns an diese Dinge halten.
Unterschied: Rezitation - Deklamation
Episch: Epik:
Was mit Ebenmaß gebildet wird: Laute zurücknehmen in dumpfere
das - bildhaft-plastisch - gestaltet Region, Gaumenlaute. Ätherdas Einatmen, arbeitet mit Pausen, leib: Wachstumskräfte,
besonders notwendig vorbereitend das Gestalten des neuen
Momentes. Griechisch: rezitiert.
Nordisch: durch Hoch- und Tiefton schon Einschlag des Willens. -
Die Deutschen waren lyrisch gestimmt, ihnen lag das Deklamatorische.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 5
Lyrisch:
Musikalisch-deklamatorisch. Ausatmung arbeitet: auf deren Wogen wird das Musikalische zum
Ausdruck gebracht.
Dramatisch:
Bedient sich beider Mittel, beides
durchdringt sich; musikalischdeklamatorisch - die lyrische
Note: wenn der Spieler Eigenes
ausspricht; rezitatorisch: das Epische : wenn er erzählt oder Urteil
abgibt; aufgeregtes Erzählen:
stark Konsonantieren; Repliken:
vokalisch zunächst, solange langLyrik:
Tiefstes Inneres teilen wir der
Außenwelt mit. Nur erträglich,
wenn mit Lippenlauten gesprochen. Das Innerste gerade verbunden mit dem Willen. Ich.
Dramatik:
Lebt in Sympathie - Antipathie.
Astralleib; dafür Ausdrucksorgan
=Zunge, das heißt, man schmeckt
das Bittere, Saure, Süße. Der
Dichter wird Zungenlaute anhäufen.
sam.
Rezitation Es stand in alten Zeiten
Ein Schloß, so hoch und hehr,
Weit glänzt' es über die Lande
Bis an das blaue Meer.
Hinstellen das alles, so daß die Leute es sehen! Zum Beispiel: a in
«es stand»: muß uns schon fesseln. Das a benützen, das uns die Geschehnisse herausprojiziert, in alte Zeiten hinein, «in alten Zeiten»:
abrücken, o in «Schloß»: voll, Rundung, «hoch und hehr»: um pompös zu wirken, macht man es plastisch, «über die Lande»: in sich
gliedern, aber nicht verschwommen, «blaue Meer»: abrücken.
Allgemeine Bemerkungen. Das Musikalische webt in sich. Das
Sprechen braucht die Bewegungsgebärde, die nie aufgehalten werden
darf. Hier die größte Gefahr für einige, die das Gesangliche viel mehr
empfinden als das Plastische. - Das bewußte Willenselement, das sich
erst später im Gedicht ausleben muß, wenn das Dramatische in das
Gedicht einschlägt, darf nicht zu stark sein. - Wenn die dramatische
Kraft überwiegt, wird das Epische zurückgedrängt; sie wird zu stark.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 6
Deklamation Über allen Gipfeln
Ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Erster Teil: Man muß den Willen etwas in den ganz ausströmenden
Atem hineinbringen; aus dem Kopfbewußtsein heraus, nicht Kopfresonanz; mit Lippenlauten, sonst greulich; objektive, fast epische
Schilderung. Man geht mehr mit dem Gefühl mit, wenn man mit dem
frei ausströmenden Atem spricht.
Im zweiten Teil besonders von sich selbst lösen. Die objektive
Schilderung ist vorbei, zu Ende. Der Dichter geht in sein Inneres herein. Bei «warte nur» kommt sein Brustsystem in Aktion. Das muß
sich durch eine Pause auf dem Hintergrund des anderen abheben.
Nach «balde» ist Zeit zu atmen, neu den Atem herauszubringen. Auf
«ruhest» etwas verweilen. - Es ist kein besonderer Schmerz in dem
Gedicht, sondern eine ganz abgeklärte Bereitwilligkeit, sogar der
Wunsch, zu ruhen. - Aber es tritt zum Kopf System, aus dem das erste
gesprochen war, noch das rhythmische System hinzu, welches das
Gefühlsleben ist.
V.
Dornach, 4. September 1924, nachmittags
Nachdem die grundlegenden Unterschiede von Deklamation und Rezitation praktisch in der vorangegangenen Stunde dargestellt wurden,
kann auf die früher berechtigten Fachbezeichnungen der Schauspieler
hingewiesen werden.
Naive: mehr rezitieren, höher sprechen
Sentimentale: mehr deklamieren, tiefer sprechen
Charakterspieler: rezitieren, aber tief
Heldenspieler: deklamieren, aber hoch.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 7
Solche Typen waren in alten Zeiten nicht willkürlich, fußten im
Theaterwesen der früheren Epochen auf guter alter Tradition, die ihre
volle Berechtigung hatte. Nur gingen die Schlüssel dazu verloren.
Da morgen Herr Dr. Steiner seinen Kurs beginnen wird, wird heute
alles auf das praktische Üben verlegt.
Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang.
Wer hohen Muts sich rühmen kann,
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.
Gottlob, daß ich singen und preisen kann,
Zu singen und preisen den braven Mann.
Rein lyrisch; Lippenlaute.
Der Tauwind kam vom Mittagsmeer
Und schnob durch Welschland trüb und feucht;
Die Wolken flogen vor ihm her,
Wie wenn der Wolf die Herde scheucht.
Er fegte die Felder, zerbrach den Forst;
Auf Seen und Strömen das Grundeis borst.
Schildernd; Gaumenlaute. Der Zuhörer muß Worte, die in ihn hineingehen sollen, länger gesprochen bekommen; zum Beispiel «Wolken», «Grundeis» und so weiter. Dagegen mehr nebenbei wird gesprochen, etwas schneller, der Nebensatz: «Wie wenn der Wolf die
Herde scheucht.» «Wolf»: böse; Wortgebärde.
Als Abschluß vier Sprach-Meditationsübungen:
Weiße Helligkeit scheinet in die schwarze Finsternis
Die schwarze Finsternis ergreift die fühlende Seele
Die fühlende Seele ersehnet die weiße Helligkeit
Die weiße Helligkeit ist der wollende Seelentrieb
Der wollende Seelentrieb findet die weiße Helligkeit
In der weißen Helligkeit webet die sehnende Seele -
Rein Geistiges ausdrücken: durchschimmern lassen die Verschiedenheit von Licht und Finsternis. Mehr im reinen Gefühl, weniger mit
Willenseinschlag: «Die fühlende Seele ersehnet die weiße Helligkeit.»
Ebenso das Finden der Helligkeit. Das «webet» mehr im reinen Gefühlsstrom, das andere mehr mit Willenseinschlag.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 8
Richtlinie für das, was wir in unserer Kunst ausdrücken sollen. Die
folgende Übung ist im Aufbau eine Umkehrung dessen, was aufgebaut ist in der Übung: «In den unermeßlich weiten Räumen.»
Du findest dich selbst:
Suchend in Weltenfernen,
Strebend nach Weltenhöhen,
Kämpfend in Weltentiefen.
Zuerst das Vorstellungsgemäße, dann die drei Nuancierungen:
suchend, strebend, kämpfend.
Sende aufwärts sehnend Verlangen -
Sende vorwärts bedachtes Streben -
Sende rückwärts gewissenhaft Bedenken
Trotzdem es rückwärts geht, Steigerung in der Intensität.
Solche mantrischen Sprüche sind in mehrfacher Hinsicht nützlich.
Es wird auch lehren, die Stimme zu einem Kahn zu machen, der einen
anderen trägt. Für die Rezitation zur Eurythmie ist es sehr wichtig,
daß die Stimme tragender Kahn wird!
Wäge dein Wollen klar,
Richte dein Fühlen wahr,
Stähle dein Denken starr:
Starres Denken trägt,
Rechtes Fühlen wahrt,
Klarem Wollen folgt
Die Tat.
Erstens: Erwartung. Wie ein Gebot aus geistigen Welten, von geistigen Wesenheiten, nicht bloß wie von einem alten, wohlwollenden
Lehrer.
Der zweite Teil faßt zusammen, was schon vorbereitet ist, die Erfüllung. Bei «wahrt» in das / hinübergehen, das etwas Heruntersenkendes hat. Falls Pause nötig, nach «folgt».
Alles Lehrhaft-Abstrakte muß weg, das Geistig-Erlebte muß hinein. Nicht lehrhaft-religiös. Die Möglichkeit, das Naturhafte mit Bildhaftem oder Musikalischem zu füllen. Beides durchdringt sich hier.
Es muß sich lösen, vergeistigen, was innerhalb der Sinnesanschauung
bildhaft ist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 82 Seite: 4 9
Wenn man an die Szene im Geistgebiet «Die Pforte der Einweihung», Devachan, 7. Bild, denkt, kann man sehen, was damit gemeint ist.
Im zweiten Teil ist ein starker Willenseinschlag notwendig. |