AUFSATZ
Über den Toneurythmie-Kurs, 2. März 1924
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redenden und musikalischen Künste, deren Leiter Frau Marie Steiner ist, einen Kursus über Toneurythmie zu veranstalten. […] Hier
soll nun in einigen Sätzen über Absicht und Haltung gesprochen
werden. Die eurythmische Kunst hat bisher die Lauteurythmie in
einem bestimmten Maße ausgebildet. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker und wissen, daß auf diesem Gebiete alles, was schon
jetzt geleistet werden kann, nur ein Anfang ist. Aber das Angefangene muß eben weiterentwickelt werden.
Für die Toneurythmie, den «sichtbaren Gesang», waren wir bisher nicht so weit gekommen wie für die Lauteurythmie, das «sichtbare Wort». Wenn die Anfänge, die wir bisher hatten, auf dem rechten Wege fortgesetzt werden sollen, so mußte gerade jetzt - in dem
Stadium, in dem die Toneurythmie praktiziert worden ist, eine
Weiterbildung stattfinden. Das sollte durch diesen Kursus geschehen. Dabei mußte aber auch auf das Wesen des Musikalischen selbst
hingewiesen werden. Denn in der Eurythmie wird Musik sichtbar;
und man muß ein Gefühl dafür haben, wo diese ihre wahre Quelle
in der Menschennatur hat, wenn man ihr Grundwesen sichtbar
machen will.
In der Toneurythmie wird anschaulich, was in der Musik im
Unanschaulich-Hörbaren lebt. Es ist gerade da die größte Gefahr
vorhanden, unmusikalisch zu werden. Ich hoffe, in den Vorträgen
dieses Kursus den Beweis erbracht zu haben, daß dann, wenn Musik
in Bewegung überströmt, das Bedürfnis entsteht, alles Unmusikalische in der Musik abzustoßen und nur «reine Musik» in das Reich
des Sichtbaren hinüberzutragen. Wer allerdings der Ansicht ist, daß
mit dem Hinübertragen des Hörbaren in die sichtbare Bewegung
und Form das Musikalische aufhöre, der wird gegen die ganze Toneurythmie seine Bedenken haben. Allein eine solche Anschauung ist
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doch wohl nicht im tiefsten Wesen eine künstlerische. Denn wer
Kunst in sich erlebt, der muß Freude an jeder Erweiterung der
künstlerischen Quellen und Formen haben. Und es ist nun einmal
so, daß Musik wie jede wahre Kunst aus dem Innersten des Menschen hervorquillt. Und dieses kann sein Leben auf die mannigfaltigste Art offenbaren. Was im Menschen singen will, das will sich
auch in Bewegungsformen darstellen; und nur, was als Bewegungsmöglichkeiten in dem menschlichen Organismus liegt, wird in Lautund Toneurythmie aus ihm herausgeholt. Es ist der Mensch selbst,
der sein Wesen da offenbart. Die menschliche Gestalt ist nur als
festgehaltene Bewegung verständlich; und die Bewegung des Menschen offenbart erst den Sinn seiner Gestalt. Man darf sagen: wer die
Berechtigung von Ton- und Lauteurythmie bestreitet, der lehnt
damit ab, den ganzen vollen Menschen zur Erscheinung kommen zu
lassen. Nun, der Materialismus lehnt es ab, in der menschlichen
Erkenntnis den Geist zur Erscheinung kommen zu lassen; die
Ablehnung der Eurythmie als einer neben den anderen Künsten und
in Verbindung mit ihnen berechtigten Kunst wird wohl in einer
ähnlichen Gesinnung ihren Ursprung haben.
Es steht zu hoffen, daß die Eurythmiker einige Anregung durch
diesen Kursus empfangen haben und daß damit zur Weiterbildung
unserer eurythmischen Kunst einiges hat beigetragen werden
können. |