Geisteswissenschaftliche Ausführungen in Anknüpfung an die «Klassische Walpurgisnacht»
** Dornach, 27. September 1918**
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daran knüpfen, die in der Art einer künstlerischen Betrachtung sich
hätten anschließen sollen an die aufgeführten Szenen des «Faust». Da
aber die Aufführung wegen einiger Erkrankungen nicht stattfindet und
der Vortrag daher für sich stehen kann, so werde ich die Sache etwas
anders einrichten. Ich werde anknüpfen an die Szene, die dann am
Sonntag, einhalb sieben Uhr, hier aufgeführt werden soll, aber ich
werde - das bemerke ich ausdrücklich - nicht über die Szene vom künstlerischen Standpunkt aus sprechen, sondern ich werde von einem andern
Gesichtspunkte aus über diese Szene sprechen, mehr in Anknüpfung an
diese Szene, indem ich an das Vorliegen dieser Szene als Goethesche
Leistung einige geisteswissenschaftliche Ausführungen anknüpfe, die
sich wiederum in einer gewissen Beziehung anschließen an das schon in
diesem Herbst hier Gesagte. Gerade um Mißverständnisse nach dieser
Richtung zu vermeiden, bitte ich, das ausdrücklich ins Auge zu fassen,
daß ich nicht vom künstlerischen Standpunkt aus sprechen, sondern an
diese Szene geisteswissenschaftliche Bemerkungen anknüpfen werde.
Wer diese Szene, um die es sich dann handeln wird, an seiner Seele
vorüberziehen läßt, hat Gelegenheit, recht tief in Goethes Seele hineinzuschauen, insofern als diese Szene und auch die nächstfolgende, die
dann zur Helena-Phantasmagorie hinüberführt, ganz besonders zeigen,
wie Goethe fühlte und ahnte - wenn er das auch noch nicht in ausgesprochenen Ideen hatte - geisteswissenschaftliche Wahrheiten. Ein
Dichter, der nicht mit seinem Erkennen in geisteswissenschaftliche Wahrheiten hineinragt, hätte diese Szenen ganz gewiß so nicht gemacht. Es
würde zu weit führen, wollte ich auch nur einleitend - was ein anderes
Mal geschehen kann - darüber sprechen, auf welchem Wege Goethe zu
seinen geisteswissenschaftlichen Einsichten gekommen ist. Ich will einfach dasjenige an die Szene anknüpfen, was Ihnen ersichtlich machen
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kann, wie Goethe gewisse Dinge der geistigen Welt ansehen mußte, um
die Szene so zu gestalten, wie sie ist. Das, was ich vor einigen Tagen hier
ausgeführt habe über die Entwickelung des Menschen als zeitlich-leibliches Wesen, kannte Goethe in ausgesprochenen Ideen allerdings nicht.
Man kann nicht sagen, daß sich irgendwie in Goethes Entwickelungsgang nachweisen ließe ein ausgesprochenes Wissen davon, daß der
Mensch in seiner Lebensmitte erst aus seinem Leibesorganismus heraus
die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis erhält. Wir wissen das aus den Betrachtungen, die wir in diesen Wochen hier angestellt haben, daß in
einer gewissen Weise der Mensch erst etwa mit dem Ende der Zwanzigerjahre fähig wird, durch die Kräfte, die er aus seiner eigenen Leibesorganisation heraus entwickelt, Selbsterkenntnis zu erringen. Man muß,
wenn man über diese Dinge sich sachgemäß unterrichten will, ins Auge
fassen, daß der Mensch wirklich ein kompliziertes Wesen ist. Man versteht ihn nur, wenn man zunächst sich klarmacht, inwiefern er - wenn
ich den Ausdruck gebrauchen darf, der heute vielfach von der Wissenschaft angefochten wird - ein Geschöpf ist, und daß dieses Geschöpf
zurückweist auf seine Schöpfer, auf seine geistigen Schöpfer.
Nun kann man - ich möchte sagen gewissermaßen geistig-chemisch,
wenn ich den pedantischen Ausdruck gebrauchen darf - herausheben
aus dem Menschen dasjenige, was dieser Mensch rein dadurch ist, daß
er in einer gewissen Abhängigkeit von seinen ihm ureigenen geistigen
Schöpfern ist, von denjenigen Wesen unter den Hierarchien der Weltenordnung, deren besondere Mission im Weltenall gipfelt in der Schöpfung des Menschen, von denjenigen Wesen, mit denen sich daher der
Mensch als Mensch ganz besonders verwandt fühlen muß. Wenn man
den Menschen so loslöst, kann man schematisch die Sache so darstellen.
Denken wir, in irgendeinem Punkte seiner Entwickelung würde der
Mensch durch diesen Kreis hier dargestellt werden. Verfolgt man dann
die menschliche Wesenheit, die ich durch diesen Kreis darstellen will,
rücklaufend in ihrem Hervorgehen aus ihren geistigen Schöpfern, so
würde das diese Strömung darstellen, die ich hier also - orange - andeuten will. Wenn man zurückgehen, prüfen würde, wie der Mensdi
durch die Monden-, Sonnen-, Saturnzeit und später durch die Erdenzeit
sich entwickelt, würde man die Eigenheiten der einzelnen Wesenheiten
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der höheren Hierarchien finden, so wie sie Ihnen aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» bekannt sind. Man würde finden das Zusammenwirken, die Wechselbeziehungen dieser Hierarchien, und man
würde, wenn man durchschaute den Zusammenhang des Menschen mit
den Hierarchien, zu einer Anschauung darüber kommen, wie der Mensch
gewissermaßen das Ziel der Götterschöpfung ist in der Art, wie ich das
in dem zweiten Mysteriendrama in einem Gespräche, das Capesius
gleich in der ersten Szene zu führen hat mit dem Hierophanten, zur
Darstellung gebracht habe. Ich habe dort auch auf die bedenkliche Seite
einer solchen Erkenntnis für den unreifen Menschen hingewiesen.
Aber gerade, wenn man sich nun fragt: Was würde der Mensch im
Laufe seiner physischen Lebensentwickelung zwischen Geburt und Tod,
wenn er nur dem Einflüsse dieser seiner Schöpfer unterworfen wäre,
was würde er dann? Er würde dann jenes Wesen für die physische Welt,
das gewissermaßen erst für die Selbsterkenntnis am Ende der Zwanzigerjahre reif wird. Denn diese schöpferischen Wesenheiten haben sich
die Aufgabe gestellt, den Menschen so zu gestalten, daß er innerhalb
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seiner irdischen Entwickelung das erlangt, was er erlangt auf der
Grundlage seiner Leibesorganisation, derjenigen Organisation, die'
selbst aus dem Irdischen genommen ist, die also verwandt ist mit den
irdischen Stoffen, verwandt ist mit dem Wechselspiel der irdischen
Kräfte. Ich möchte sagen: Von ihren Intentionen aus geben diese göttlichen Wesenheiten dem Menschen Gelegenheit, sich gesund allseitig vorzubereiten durch seine Leibesorganisation bis zu dem Ende der Zwanzigerjahre zur Selbsterkenntnis und zur Welterkenntnis, welche von der
Selbsterkenntnis ausgeht. - Und dann würden sie ihm Gelegenheit geben
in der zweiten Lebenshälfte, diese Selbsterkenntnis in einem ganz andern Maße zu treiben, als der Mensch sie jetzt als Erdenmensch, so wie
er ist, betreiben kann. Der Mensch würde, wenn er wirklich erst aufwachte, wie es in den Intentionen der zu ihm gehörigen Geister der
Hierarchien lag, dann zwar spät, mit dem Ende der 2 wanziger jähre,
zur Selbsterkenntnis und der damit verbundenen Welterkenntnis aufwachen, aber er würde diese Selbsterkenntnis und damit verbundene
Welterkenntnis in einem hohen Glänze erlangen. Er würde wirklich
sich innerlichst Aufschluß geben können über die Frage: Was bin ich als
Mensch? - was er in der Gegenwart unter gewöhnlichen Verhältnissen
nicht kann. Er würde diese Selbsterkenntnis auch als Anschauung haben,
würde sie nicht durch abstrakte Begriffe erwerben müssen. Beides ist
nicht vorhanden. In der ersten Hälfte des Lebens ist nicht jener herabgeminderte Bewußtseinszustand vorhanden, welcher, ich möchte sagen,
nicht durch ein Schlafleben, aber durch ein Dämmerleben, in dem der
Mensch dann von höherer Intelligenz, nicht von seiner eigenen, durchstrahlt wäre, in ganz anderer Weise seine leibliche Organisation ausbilden würde, um dann zur Selbsterkenntnis zu erwachen. Weder ist
dieser Dämmerzustand vorhanden, sondern es tritt verhältnismäßig
früh für den Menschen eine gewisse, wenn auch nicht durchaus jene
glanzvolle Selbsterkenntnis auf, welche in den Intentionen seiner Schöpfer liegt, noch tritt dann wiederum nach der Lebensmitte jene Selbsterkenntnis auf, welche auftreten könnte wiederum nach den Intentionen
dieser Schöpfer. Und wenn wir fragen: Was ist eigentlich schuld daran,
daß dies nicht so ist? - dann kommen wir zu den andern Strömungen,
welche Einfluß haben auf den Menschen. Wir kommen dann zu jener
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Strömung, die nicht eigentlich in seinem Wesen liegt, sondern die sich
gewissermaßen zeitlich mit ihm vereinigt hat, wir kommen zu der luziferischen Strömung - gelb -, zu jener Strömung, die ihm möglich machte,
daß er in der ersten Lebenshälfte schon eine gewisse, wenn auch nicht
die geschilderte glanzvolle Selbsterkenntnis hat.
Und eine andere Strömung - blau - vereinigt sich mit ihm zeitlich,
wie Sie wissen, etwas später. Es ist die ahrima/iische Strömung, diejenige
Strömung, welche verhindert, daß der Mensch, so wie er jetzt ist als
Erdenmensch, in der zweiten Lebenshälfte zur glanzvollen Selbsterkenntnis kommt, welche ihm von seinen Schöpfern zugedacht ist. Das
Bewußtsein des Menschen ist gewissermaßen nach den Intentionen seiner Schöpfer für einen viel helleren Zustand veranlagt als den, in den
es eintritt in der zweiten Lebenshälfte. Es wird herabgedämmert durch
die ahrimanische Strömung. Natürlich dürfen wir nicht glauben, daß
die luziferische Strömung nur in der ersten Lebenshälfte und die ahrimanische Strömung nur in der zweiten Lebenshälfte vorhanden wären;
sie dauern durch das ganze Leben hindurch. Aber, ich möchte sagen,
zu tun machen sich diese Strömungen in den angegebenen Zeiten des
menschlichen Lebens mit dem, was ich angedeutet habe. In andern Zeiten haben sie mit etwas anderem zu tun. Darauf kommt sehr viel an,
daß man in diesen Dingen nicht etwa falsche Schlüsse zieht aus dem,
was gesagt wird. Also es darf niemals etwa jemand sagen, es wäre hier
ausgesprochen worden, der Mensch sei in der ersten Lebenshälfte luziferisch, in der zweiten Lebenshälfte ahrimanisch; das wäre total falsch.
Solche Mißverständnisse entstanden oft, und es ist sehr wichtig, daß
man sich solchen Mißverständnissen nicht hingibt. Deshalb betone ich
immer wieder und wiederum, in der Geisteswissenschaft wird angestrebt, genau zu sprechen. Und in der Geisteswissenschaft wird viel
gesündigt dadurch, daß das genau Gesprochene in einer beliebig abgeänderten Form, nachlässig abgeänderten Form dann in die Welt hinausgetragen wird.
So steht der Mensch in einer, man möchte sagen, dreigliedrigen Strömung darinnen, wovon nur die eine diejenige ist, zu der er eigentlich
gehört. Die andern beiden Strömungen liegen nicht ursprünglich in der
menschlichen Entwickelung, sondern sie vereinigen sich, wenn wir so
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sagen dürfen, zeitlich mit ihr. Wir können sogar den Zeitpunkt angeben,
und Sie finden ihn in meiner «Geheimwissenschaft» verzeichnet: die
luziferische Strömung in der sogenannten lemurischen Zeit, die ahrimanische Strömung in der sogenannten atlantischen Zeit.
Nun kann man nicht sagen, daß Goethe ganz ausgesprochen irgend
etwas gewußt hat von jener eigentümlichen Entwickelungsphase des
Menschen, die in der Lebensmitte für diesen Menschen eintritt. Aber er
hat gefühlt, geahnt und sehr deutlich geahnt, daß der Mensch durch
Impulse, die in der Weltenordnung liegen, in seiner zweiten Lebenshälfte im Grunde doch ein anderes Wesen ist als in der ersten Lebenshälfte. Und wenn man mit einem Blick ins Seelenleben, der tiefer blicken
kann, als die heutige Oberflächlichkeit oftmals will, Goethes ganze
Sehnsucht ansieht, aus der südlichen Kultur, aus Italiens Kultur für sein
eigenes Leben etwas ganz Besonderes zu gewinnen, wenn man dann
verfolgt, was für einen Einfluß er über diesen Gewinn durch seine
italienische Reise für sein Erkennen, für sein Künstlertum bei sich selbst
verzeichnet, dann bekommt man auch eine Empfindung davon, wie
Goethe das Hinübergehen in die zweite Lebenshälfte für sich fruchtbar
machen wollte durch einen tiefgehenden, intensiven Einfluß, von dem er
glaubte, daß er ihn nicht finden könne, wenn er in seinen alten Verhältnissen bleibe. Goethe war sich also bewußt, daß in den Vierzigerjahren etwas eintritt für die menschliche Seele, was in ganz anderer
Weise Aufschluß geben muß über das Wesen des Menschen, als in der
ersten Lebenshälfte durch eigene menschliche Kräfte ein solcher Aufschluß zu gewinnen ist. Und diese ahnende, aber sehr deutlich ahnende
Erkenntnis ist eingeflossen in die Schöpfung des zweiten Teiles des
Goetheschen «Faust». Für Goethe war es immer eine ganz besondere
Schwierigkeit, sich der Frage zu nähern: Wie gewinnt man Selbsterkenntnis? - Das Ringen nach Selbsterkenntnis ist zu bemerken in der
allerinteressantesten, in der allerbedeutsamsten Weise, wenn man Goethes Entwickelung im rechten Lichte verfolgt. Und nach und nach - nicht
schon, als er die Jugendpartien des «Faust» schrieb -, sondern nach und
nach nahm die Schöpfung seiner Faust-Gestalt und der ganzen FaustDichtung ein solches Gepräge an, daß das Ringen nach menschlicher
Selbsterkenntnis in dem Faust sich besonders ausdrücken sollte.
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Im Zusammenhange damit hat Goethe ersonnen die Figur des Homunkulus. Wie gesagt, ich spreche heute nicht vom künstlerischen Standpunkte, sondern ich knüpfe geisteswissenschaftliche Bemerkungen an
Goethes «Faust» an. Also die Figur des Homunkulus hat Goethe ersonnen im Zusammenhange mit dem Streben, in Faust den nach Selbsterkenntnis ringenden Menschen darzustellen. Was wurde unter dem
Einflüsse dieses Sinnens nach der Selbsterkenntnis des Faust die Homunkulus-Gestalt? Sie wurde dasjenige, was repräsentiert die Menschenerkenntnis durch den Menschen. Was kann man wissen über den Menschen, wenn man das Wissen zusammennimmt, das man über die Stoffe,
über die Kräfte der Erde hat? Wie kann man sich denken, daß dasjenige,
was uns sonst in den Reichen der Natur umgibt an Ingredienzien des
Erdendaseins, sich zusammengestaltet und den Menschen bildet ? Wie kann
man sich das vorstellen? Das wurde für Goethe eine brennende Frage.
Bedenken Sie nur: als Schiller seine Freundschaft mit Goethe schloß,
da schrieb er einen bedeutungsvollen Brief an Goethe. Ich habe diesen
Brief oftmals zitiert, weil er sowohl charakteristisch ist für Goethes und
Schillers Freundschaft wie auch für Goethes ganzen Seelencharakter. Da
schreibt Schiller: Ich habe lange, obzwar aus ziemlicher Ferne, das Wesen
und den Gang Ihres Geisteslebens angesehen, mit immer erhöhter Bewunderung betrachtet, und ich habe gesehen, daß Sie sich bemühen,
alles dasjenige, was die Natur sonst darbietet, gewissermaßen zusammenzufassen und aus der Totalität des ganzen Naturwirkens im Geiste
sich zuletzt den Menschen zusammenzusetzen. Ein heldenmäßiges Unternehmen - schreibt Schiller -, vor dem jeder andere Intellekt scheitern
müßte. Wären Sie als ein Grieche geboren oder nur als ein Italiener
- meint Schiller -, so wäre schon von Ihrer frühesten Jugend ab die
imaginative Kraft in Ihnen gelegen, aus den einzelnen Ingredienzien
der Natur sich den Menschen zusammengestellt zu denken. Da Sie aber
in dieser nordischen Natur geboren sind, waren Sie genötigt, in Ihrer
Seele geistig ein Griechenland zu gebären und durch die Imagination
dasjenige zu ersetzen, was nicht in Ihrer Natur lag.
Also Schiller schreibt Goethe zu dieses Streben nach Menschenerkenntnis durch Zusammenfügung aller Einzelheiten, welche man aus der
Erkenntnis der Reiche der Natur gewinnen kann. Und vor Goethe
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stand in der Tat als Ideal des Erkennens ein solches Erkennen des Menschen. Was kann man vom Menschen wissen? Da kamen ihm doch in
gewissen Stunden die Gedanken, daß es im Grunde mit irdischem Wissen
wenig ist, was man als Menschenerkenntnis erwirbt, daß kein Mensch
wird in dieser Menschenerkenntnis, daß nur ein Menschlein wird, ein
Homunkulus. Und oftmals stand vor Goethe der brennend-quälende
Gedanke: Nun sind wir in der Welt als Menschen, fühlen, denken,
wollen als Menschen, aber wir wissen eigentlich nur etwas, nicht von
dem Homo, sondern von dem Homunkulus. Das, was wir uns an Ideen
bilden über den Menschen, das ist wirklich im Verhältnis zu dem, was
der Mensch in Wahrheit ist, wie ein kleines Menschlein in einer gläsernen
Phiole.
Und zu dieser brennend-quälenden Frage gesellte sich für Goethe die
andere: Wie kann das, was in der Erkenntnis so gar nicht entspricht
dem Natur-, dem kosmischen Dasein, auferweckt, belebt werden, so
daß es in der Erkenntnis wenigstens annähernd auch das werde, was
der Mensch in Wirklichkeit ist, und wovon er so wenig weiß, daß er
eigentlich nicht von einem Homo, sondern nur von einem Homunkulus
weiß. Deshalb läßt er durch Wagner nun dieses Menschlein, diesen
Homunkulus, erzeugen. Und er unternimmt es dann, in der weiteren
Entwickelung seiner Dichtung solches aufzuzeigen, was der Mensch erleben kann, damit sich seine Menschenkenntnis erweitert, damit aus
dem Homunkulus wenigstens annähernd ein Homo wird.
Nun war es ein Goethescher, ich will sagen, Glaube, daß die Vorstellungen, die man nur in der - also in der Goetheschen - Gegenwart
gewinnen kann, die man aus der nordischen Welt heraus gewinnen
kann, nicht eigentlich biegsam und schmiegsam genug sind, um das
Homunkuluswissen über den Menschen zu erweitern. Es war Goethes
Glaube, daß man besser fährt, wenn man versucht, dasjenige, was dem
Menschen doch möglich ist in seinem Seelenleben an Erkenntnis über
den Menschen zu erwerben, in solche Vorstellungen zu kleiden, wie sie
eine der Natur noch näherstehende Zeit, wie sie die griechische Zeit
hatte. Es war Goethes unablässiger Glaube, daß man einen bedeutsamen, tiefen, erfrischenden Eindruck bekommt, an Wahrheitswert gewinnt für seine Vorstellungen, wenn man in die Art und Formung des
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griechischen Gedankenlebens sich einfügt. Diese Empfindung liegt dem
zugrunde, daß er Faust der griechischen Welt entgegenführt, daß er
Faust nach Griechenland führen will, um dort als Mensch menschlich
zu leben und Kultur zu erwerben. Würde man Goethe - ich will das
etwas radikal ausdrücken — aufs Gewissen gefragt haben: Was halten
Sie eigentlich von dem, was die Menschen Ihrer Umgebung über die
Griechen gedacht und empfunden haben oder denken und empfinden? -
so würde er wahrscheinlich geantwortet haben: Ach, das halte ich doch
alles für törichtes Zeug. Da reden die Menschen über das griechische
Leben, aber sie haben gar keine Vorstellungen, um dieses griechische
Leben zu erfassen. Was so unsere Pedanten - so würde Goethe ungefähr
geantwortet haben — über die griechische Helena schreiben, denken und
drucken lassen: philiströses Zeug! Denn sie lernen doch nicht kennen
diese Helena und auch keinen andern Griechen und keine andere Griechin, so wie die Griechen waren. -Aber das war gerade Goethes Streben,
Griechenland wirklich in der Seele näherzukommen. Daher sollte auch
sein Faust in der Dichtung Griechenland näherkommen, menschlich
unter griechischen Menschen leben. Die Helena bot nur den Anknüpfungspunkt dazu eben als eine Griechin, als die schönste Griechin, als
eine hervorstechende Griechin, um die sich soviel Zank und Streit
erhoben hat und so weiter. Erhöhung und Erweiterung, Verstärkung
von Menschenerkenntnis und Menschenanschauung, das ist dasjenige,
was sich in Faust ausbilden soll.
Nun müssen wir ins Auge fassen, daß Goethe, indem er sich eine
solche Frage mehr oder weniger deutlich ahnend vorlegte - aber in
diesem ahnenden Erkennen wurde sie für ihn brennend, quälend -, sich
bewußt war, daß der abstrakte, der philosophische, der naturwissenschaftliche Erkenntnisweg, welchen manche für den einzig richtigen
halten, doch nur eine Erkenntnisströmung ist, und er ahnte, daß es viele
Erkenntnisströmungen gibt. Und wer glaubt, daß Goethe ein rationalistischer Philister war, wie im Grunde genommen alle Vertreter moderner Wissenschaft sein müssen — sonst würde Wissenschaft nicht im modernen Sinne echte Wissenschaft sein, denn sie ist im modernen Sinne selbst
pedantisch, philiströs und rationalistisch -, wer glaubt, daß Goethe solch
ein pedantischer, rationalistischer Philister war, versteht nichts von
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Goethe. Der versteht tatsächlich nichts von Goethe, welcher glaubt, daß
Goethe nur einen einzigen Augenblick angenommen habe, man könne
durch gewöhnliches wissenschaftliches Nachdenken sich über die Menschennatur in ihrer Fülle und in ihrer Totalität irgendwie unterrichten.
Goethe hat gut gewußt, daß die menschliche Seele nicht bloß auf dem
Wege des Denkens oder auch auf dem Wege derjenigen Betätigung, die
auf dem physischen Plane liegt, die Wahrheit rinden kann, sondern daß
die menschliche Seele auf verschiedenen Wegen sich hineinfinden muß in
die Wirklichkeit und in die Wahrheit. Goethe hat gut gekannt jene Annäherung an die Wahrheit, welche erfolgt gewissermaßen eine Schichte
tiefer, als das gewöhnliche tagwache Bewußtseinsleben verläuft. Dieses
tagwache Bewußtseinsleben, in dem sich unsere gescheiten Vorstellungen
tummeln, das von allen Pedanten so hoch geschätzt wird, liegt im
Grunde genommen recht weit ab von alldem, was in der Welt webt und
west als Grundlage für das Dasein. Der Mensch nähert sich in einer
gewissen Beziehung schon mehr dem, was webt und west unter der
Oberfläche dieses Daseins, wenn er - man muß das nur nicht mißverstehen - aus seinem Unterbewußtsein, wenn auch noch so chaotisch,
wenn auch noch so sporadisch, sinnvolle Träume heraufkommen fühlt
und schaut. Ich habe es öfter ausgeführt im vorigen Jahre: auf den
Inhalt der Träume kommt es wenig an, aber auf die innere Dramatik
der Träume, auf den Zusammenhang des Traumlebens mit der tieferen menschlichen Wirklichkeit kommt es an. Ein Philosoph, Johannes
Volkelt, hat in den siebziger Jahren in einem Büchelchen «Die Traumphantasie» nur leise gewagt, daran zu rühren, daß der Mensch in seinen
Träumen sich dem Welträtsel nähert. Oh, wenn er nicht später diesen
furchtbaren Professorenfehler verbessert hätte durch gut pedantische
erkenntnistheoretische Werke, wäre er sicher nicht der Professor Johannes Volkelt geworden, der in Basel, Würzburg, Jena und Leipzig Philosophie lehren durfte! Denn das ist eine große Sünde wider die moderne
Wissenschaft, auf so etwas hinzuweisen, daß der Mensch untertaucht in
eine wirkliche, wesenhafte Weltenströmung, wenn er im Schlafesleben
ist, und daß dann aus diesem Erleben Dinge herauftauchen, die sich
allerdings nur bildhaft, chaotisch zeigen, so daß man sie nicht in ihrer
unmittelbaren Gestalt hinnehmen darf, die aber doch verraten, daß
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der Mensch im Schlafesweben in einer Sphäre ist, in der er dem vollinhaltlichen Weben und Wesen, aus dem das Sichtbare, das SinnlichSichtbare auch herauswächst, näher ist, als er es ist vom Aufwachen bis
zum Einschlafen.
Wenn man in diese Sphäre untertaucht, die der heutige Mensch nur
dadurch kennenlernt, daß er Träume hat, die, wenn auch schlechte, aber
doch eben Interpreten sind, wenn der Mensch untertaucht in diese Welt,
deren Interpreten die Träume sind, dann steht er in der ganzen Weltenordnung in einer andern Weise darinnen, als er darinnensteht, wenn er
im gewöhnlichen tagwachen Bewußtsein ist. Natürlich kann man aus
dem bloßen Traumleben nicht merken, wie der Unterschied ist zwischen
dem Leben im tagwachen Bewußtsein und dem Leben, das man durchläuft, wenn man da unten ist in dem Gebiete, aus dem die Träume
herauf weben und wesen. Aber Geisteswissenschaft kann uns hinunterführen in dieses Gebiet. In diesem Gebiete, da hört selbst die menschliche Sprache auf, ihre rechte Bedeutung zu haben. Deshalb ist die
Verständigung so schwierig. Da unten in diesem Gebiete beziehen sich
die Worte, die wir hier für die sinnenfällige Welt gebildet haben,
nicht mehr in der richtigen Weise auf das, was dort vorgeht. Man
kann nicht recht ausdrücken durch Worte, wie sie heute gebraucht werden von dem tagwachen Bewußtsein, das, was sich da unten abspielt.
Nehmen Sie nur einmal die gewöhnlichen Elemente, so wie sie früher
genannt wurden; heute nennt man das Aggregatzustände und bezeichnet sie etwas anders, aber wir können uns verstehen, wenn wir die
alten Ausdrücke gebrauchen. Man sagte: Erde, Wasser, Luft, Feuer
oder Wärme. Wir kennen diese Dinge aus der «Geheimwissenschaft».
Wir können dasjenige, was fest ist, festen Aggregatzustand hat, das
Erdartige nennen; dasjenige, was den flüssigen Aggregatzustand hat,
das Wasser nennen; dasjenige, was den Aggregatzustand so hat, daß,
wenn es nicht eingeschlossen ist, es sich stark ausdehnt, Luft nennen,
und dasjenige, was diese drei Substanzen durchdringt, Wärme oder
Feuer. Ja, das können wir, wenn wir hier vom Gesichtspunkte des tagwachen Bewußtseins aus über unsere Umgebung sprechen, weil die
Dinge da sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, die mit diesen Worten:
Erde, Wasser, Luft, Feuer bezeichnet werden. Aber tauchen wir unter
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in diejenige Welt, aus der die Traume heraufwirken, dann gibt es da
nicht Erde, Wasser, Luft, Feuer. Das gibt es da nicht; da hat es keinen
Sinn mehr, diese Worte in derselben Weise anzuwenden, wie hier für
die Welt, in der wir mit unserem tagwachen Bewußtsein sind. Daraus
sehen Sie schon die Relativität dieser Dinge, sobald man in ein anderes
Gebiet des Daseins eintritt, das durch ein anderes Bewußtsein aufgefaßt
werden muß. Da sind diese Dinge gar nicht mehr vorhanden, die das
gewöhnliche materialistische Bewußtsein für absolute Dinge halt. Erde
ist da nicht Erde. Überhaupt hat es keinen Sinn, davon zu reden, wenn
man in die Welt untertaucht, die nun auch eine Wirklichkeit ist, aber
die mit einem andern Bewußtsein aufgefaßt werden muß. Wohl aber
ist da unten etwas, wovon man sagen kann, es ist ein Mittelding zwischen Luft und Wasser. Man erlebt es in diesem andern Bewußtsein
durch ganz andere Gedankenformen, als man sonst erlebt. Luft ist nicht
Luft, und Wasser ist nicht Wasser, aber ein gewisses Mittelding von
Luft und Wasser, man möchte sagen eine Art wässeriger Rauch, wie es
noch die alte hebräische Sprache «Ruach» nannte. Aber es ist damit nicht
der jetzige physische Rauch, es ist schon dieses Mittelding zwischen
Wasser und Luft gemeint.
Und ein anderes Mittelding ist da zwischen Erde und Feuer, das,
mochte ich sagen, was Sie sich so vorstellen müßten, daß unsere Metalle
allmählich glühend und so feurig würden, daß sie eigentlich schon nichts
mehr sind als Feuer, daß sie durch und durch Feuer sind. Und dieses
Mittelding zwischen Erde und Feuer und zwischen Luft und Wasser,
das ist da unten, das ist unten in einer Welt, aus der die Träume heraufwirbeln. Wir könnten, wie Sie es leicht begreiflich finden werden, in
dieser Welt mit unserem physischen Leib nicht sein. Wir müssen mit
unserer Seele vom Einschlafen bis zum Aufwachen hineingehen, denn
mit unserem physischen Leib konnten wir in dieser Welt nicht atmen,
denn darinnen gibt es keine Luft. Ich habe ein Wesen geschildert, das in
dieser Welt atmen kann, aber das ist ein Wesen - Sie kennen es aus meinen Mysterien -, das nicht Luft zum Einatmen braucht, sondern das Licht
atmet. Also solche Wesen kann man, wenn man sie kennt, wohl schildern. Aber der Mensch darf seinen physischen Leib nicht in diese Welt
hineintragen, denn er könnte nicht atmen und würde verbrennen darCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite: 134
innen. Dennoch ist der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit
dieser Welt verbunden, und die Träume sprudeln aus dieser Welt herauf.
Diese Welt, die da der Mensch antrifft, von der man sagen kann, sie
liegt unter der Schwelle seines Bewußtseins, ist zwar recht unähnlich
derjenigen Welt, die wir heute sehen vom Aufwachen bis zum Einschlafen, aber sie ist nicht so unähnlich den früheren Welten, aus denen
sich die jetzige herausentwickelt hat. Frühere Welten, schon die Sonnenwelt - Sie können das entnehmen aus meiner Darstellung in der «Geheimwissenschaft» - ist auch als physische Welt so gestaltet, daß in ihr,
wenn ich sagen darf, Feuererde, Erdfeuer und Wasserluft miteinander
brodeln, nicht dasjenige, was heute so hübsch getrennt ist. So daß wir
also, wenn wir historisch, kosmisch-historisch die Weltenentwickelung
auffassen, das schon so tun müssen, daß wir uns vorstellen; Gehen wir
zu früheren Entwickelungszuständen unseres Daseins zurück, dann
müssen wir uns diese früheren Entwickelungszustände ähnlich dem vorstellen, was wir erreichen heute, wenn wir in die Welt untertauchen, zu
der wir gehören zwischen dem Einschlafen und Aufwachen.
Aber an diese Welten, die heute nur schlafend erlebt werden, früher
so physisch da waren, wie jetzt unsere Welt physisch da ist, kann man
nicht herankommen, ohne daß man das, was in unserer heutigen Welt
nicht mehr sichtbar ist, als sichtbar, als offenbar sich denkt. Sie können
sich nicht vorstellen die Wasserluft in derselben Weise, wie Sie sich vorstellen müssen heute nebeneinander Wasser und Luft. Heute stellen Sie
sich nebeneinander Wasser und Luft vor. Das ist entstanden dadurch,
daß sich differenziert hat die Wasserluft, die früher substantiell einheitlich war. Die Wasserluft hat sich in diese zwei polarischen Gegensätze
Wasser und Luft auseinandergelegt. Sie war früher eine Einheit, die
Wasserluft, dafür aber war sie mit einem andern Pol durchsetzt. Heute
ist der Mensch gewissermaßen heruntergestiegen und hat den andern
Pol, den die Wasserluft hatte, ganz verloren. Dafür ist die Wasserluft
selbst in die zwei Pole Wasser und Luft auseinandergetreten. Will man
eine Vorstellung gewinnen über dasjenige, was der andere Pol zur
Wasserlurt war, so muß man sich gewisses Wesenhaftes vorstellen, das
man auch in der Welt erlebt, in welcher der Mensch ist zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen, aus der die Träume heraufspielen. Man
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muß sich aber auch, wenn man zum alten Sonnendasein zurückgeht, vorstellen, daß die Wasserluft neben sich etwas hatte, was geistig wesenhaft
war, was von der Wesenheit der Elementargeister war. Und die Elementargeister, die zu der Wasserluft gehören, haben sich in der Mythe
noch erhalten, wie sich in der Mythe, der Mythologie Anklänge an alte
Wahrheiten noch erhalten haben. Und zu den Wesenheiten, die zu der
Wasserluft gehören, gehört dasjenige, was die griechische Mythologie
oder überhaupt die alte Mythologie Sirenen genannt hat. So daß man
von der Welt, auf die wir jetzt hinweisen, ebenso spricht, wenn man
sagt: Es sind in ihr Wasserluft und Sirenen. - Wie man von unserer Welt
äußerlich sachgemäß spricht, wenn man sagt: Es ist Wasser und Luft. -
Es ist Wasserluft und sind Sirenen. Die Sirenen gehören also zu denjenigen Elementarwesen, welche der andere Pol der Wasserluft sind.
Das andere, wofür wir heute Erde haben, das ganz herabgerückt ist
unter das Wasser, und droben Feuer oder Wärme, das war wiederum
eines: das war Erdfeuer oder Feuererde. Wiederum gehört zu denjenigen
Wesenheiten, welche sich so wie die heutige Wärme und das heutige
Feuer zu der Erde polarisch entgegengesetzt verhalten, unter andern
Elementargeistern derjenige, den Goethe mit den Griechen Seismos
nennt. Indem Goethe auftreten läßt in der Szene, um die es sich da handelt, die Sirenen, deutet er zu gleicher Zeit, ich möchte sagen recht handgreiflich darauf, wie sie mit dem Wasser zusammenhängen, aber nicht
eigentlich mit dem Wasser von heute, denn das ist schon dichter geworden, das ist nur ein Pol der alten Wasserluft. Die Sirenen fühlen sich
auch nur geistig zum Wasser gehörig, sie sind, wenn man das Wasser so
denkt wie die alte Wasserluft, dasjenige, was zu diesem Wasser gehört
wie die Luft zum heutigen Wasser. Und wie die Luft im Winde ihre
Klänge entwickelt in chaotischer Weise, so entwickelt das geistige Element in den Sirenen dasjenige, was zum Wasser gehört, respektive der
Wasserluft, das geistige Element, das mit dieser Wasserluft so zusammenhängt wie die Luft mit unserem Wasser. Und die Tätigkeit des
Seismos, als kosmische Kraft gedacht, ist dasjenige, was als Feuer wirtschaftet im Haushalte der Natur. Darauf deutet die griechische Mythe,
darauf deutet Goethe. Und so wie Goethe die Sache darstellt, fühlt
jeder, der mit der Wirklichkeit bekannt ist, daß Goethe ein ahnendes
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Erkennen von diesen Dingen hatte. Er wußte, so verhält es sich mit der
Welt, die wir betreten vom Einschlafen bis zum Aufwachen, und die wir
wiederfinden, wenn wir erkennend den Blick zurückwenden in Ursprungszustände unseres jetzigen Daseins.
Aber bedenken Sie, welche Angst Sie kriegten, wenn Sie plötzlich
bewußt versetzt würden, nicht so, wie es in den bloßen Träumen geschieht, sondern wenn Sie plötzlich bewußt versetzt würden in ein Element, eine Sphäre, wo Sie keine feste Erde unter sich haben. Denn die
hört auf. Das ist alles feurig, was Erde sein sollte; da können Sie beliebig selbst schmelzen und kalt und warm werden im Elemente des
Feuers. Und in der Wasserluft, wo Sie nicht atmen können, sondern wo
Sie nur abwechselnd Licht- und Finsterniszustände erleben - denken
Sie, welche Angst Sie zunächst kriegen müßten über dieses Unsichere,
in das Sie da untertauchen, in dieses Wogende und Wirbelnde! Was ist
denn in den Menschen gefahren in derjenigen Epoche der Weltenordnung, wo er sich, wie es ja einmal gewesen sein muß - denn er ist in alten
Zeiten in diesem wogenden und webenden Elemente gewesen, wie ich
Ihnen gesagt habe -, was ist denn in den Menschen gefahren, daß er fest
stehen konnte mit der Bildung der festen Erde zugleich? Was hat den
Menschen ergriffen? Die Sphinx-Natur! Die gibt in dem wogenden Elemente den festen Gleichgewichtspunkt. Gleichzeitig mit demjenigen,
was der Erde jene Form gegeben hat, wodurch sie dieser feste Planet ist,
auf dem man stehen kann, webte dieselbe Kraft dem Menschen das ein,
was charakterisiert oder repräsentiert werden kann durch die SphinxNatur.
Nun führt Goethe in dieser Szene etwas vor, was eigentlich nur vom
Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt werden kann. Und er glaubt,
daß er es am besten charakterisieren kann, indem er nicht unsere heutigen, nur vom Tagwachen hergenommenen Begriffe nimmt, sondern
griechische Begriffe; die findet er biegsamer und passender. Daher versetzt er die ganze Sache nach Griechenland, wo er glaubt, eher fertig
zu werden mit den Vorstellungen, die von der griechischen Natur her
genommen werden. Da glaubt er, besser charakterisieren zu können all
dasjenige, was der Mensch erlebt heute vom Einschlafen bis zum Aufwachen, was er erlebt hat in alten Zeiten, wo dem Wasser nicht die Luft,
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der Erde nicht das Feuer, sondern der Wasserluft die Sirenen, dem Erdfeuer oder der Feuererde so etwas wie der Seismos entgegenstehen.
Und nun läßt er die Welt auftreten in seinem «Faust». Warum läßt
er sie auftreten? Es handelt sich ihm darum, daß man vom Homunkulus zum Homo kommt, daß der Homunkulus eine Aussicht bekomme,
nicht bloß Homunkulus zu bleiben, sondern Homo zu werden, so viel
zu verstehen, daß er Mensch werden kann. Er soll also in seinem Weltbild eine Erweiterung erfahren. Und so sachgemäß macht das Goethe,
daß, indem er nun in diese kosmisch-alte Welt einführt, er die Sphinxe
gleich aufstellt:
Sphinxe haben Platz genommen.
Und die Sphinxe bilden das feste Element. Rundherum wogt es, wie
es jetzt nicht wogen darf, weil die Menschen heillose Angst bekommen
würden davor. Ringsum wogt es. Aber mag auch die ganze Hölle losgehen, wenn die Geister sich so benehmen wie die Sirenen, wie der Seismos, es wird zurückgewiesen darauf, daß der Mensch den Stützpunkt,
die Gleichgewichtslage gefunden hat:
Welch ein widerwärtig Zittern,
- es wird geschildert diese Welt, von der ich eben gesprochen habe.
Häßlich grausenhaftes Wittern!
Welch ein Schwanken, welches Beben,
Schaukelnd Hin- und Widerstreben!
Das würden Sie schon empfinden, dieses Hin- und Widerstreben, wenn
Sie in diese Welt untertauchen würden!
Welch unleidlicher Verdruß!
Aber nun die Besinnung:
Doch wir
- die Sphinxe -
ändern nicht die Stelle,
Bräche los die ganze Hölle.
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Nun fließt in die menschlichen Vorstellungen immer etwas von solcher Anschauung ein. Die Menschen wissen es nicht, aber ihre Vorstellungen werden beeinflußt von dem, was in den Untergründen des
Daseins lebt. Und dadurch entstehen mehr oder weniger phantasievolle
Theorien. Die Theorie, daß die Gebirge sich durch Feuer gebildet haben,
was für ältere Zeiten der kosmischen Entwickelung ganz richtig ist, aber
durch das Erdfeuer - nicht durch das heutige Feuer, durch die Feuererde-,
mischt sich hinein in die heutigen Vorstellungen. Dadurch entstehen
konfuse Vorstellungen, und die meisten heutigen Vorstellungen sind
konfus vom höheren Standpunkte aus. Man kann sie nur verstehen,
wenn man - so paradox das klingt, es ist so -, wenn man sie übersetzt.
Sie erklingen in der gewöhnlichen landläufig philiströsen täglichen
Menschensprache. Übersetzt man sie in die Sprache, die man eigentlich
vom Einschlafen bis zum Aufwachen sprechen müßte, da gewinnen diese
Theorien erst einen Sinn, denn da zeigt sich, daß man in diesen Theorien
doch leise Hindeutungen auf frühere Erdepochen hat. Und man kann
die ganze Szene, wie sie anfängt hier, nicht anders verstehen, als indem
man sich darüber klar ist, Goethe wollte dasjenige auftauchen lassen,
was der Mensch erlebte, wenn er vom Einschlafen bis zum Aufwachen
bewußt würde, was er so erlebte, daß er dadurch ein Bewußtsein von
einem früheren kosmischen Zustand der Erde entwickelt.
Denken Sie, wie stark Goethe ahnen mußte geisteswissenschaftliches
Erkennen, daß er so sachgemäß diese Dinge hinstellt. Aber das geht
weiter. In diese Welt soll der Homunkulus geführt werden. Goethe will
gleichsam sagen, wenn ich das wiederum radikal ausdrücken darf: Nun,
wenn ich mich an die Vorstellungen der philiströsen Wissenschaft wende,
da kriege ich natürlich nichts zustande, was den Homunkulus zu einem
Homo machen könnte, da wird nichts daraus. Aber wenn ich solche
Vorstellungen zu Hilfe nehme und sie aufnehme in die Menschenseele,
sie einverleibe der Faust-Szene, Vorstellungen, wie sie gewonnen werden können, wenn der Mensch bewußt erlebt die Welt vom Einschlafen
bis zum Aufwachen, da geht es vielleicht schon eher, daß man erweiterte
Menschenkenntnis gewinnt, daß der Homunkulus zum Homo wird. -
Daher läßt Goethe den Homunkulus untertauchen nicht in die philiströse wissenschaftliche Welt, in das, was der Mensch gegenwärtig erCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 3 Seite: 13 9
fährt, sondern in eine andere Welt, die er hier vorführt, und die der
Mensch erlebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen. In dieser Welt erfährt man aber auch so manches; kurioserweise erfährt man da auch
etwas darüber, wie ungleich eigentlich in ihren Entwickelungsstadien
die Wesen sind, die so neben uns im Weltenall wohnen. Man versteht
nichts, aber auch schon gar nichts von dieser Welt, wenn man diese
Wesen so nebeneinander betrachtet und sie, ich möchte sagen, gleichwertig nebeneinander stehen läßt. Wenn man Ameisen betrachtet, Bienen betrachtet, überhaupt dieses ganze eigentümliche Insektenvolk betrachtet, dann kommt man zu der Anschauung - ich habe sie an andern
Orten und zu andern Zeiten als unsere geisteswissenschaftlichen Anschauungen ausgeführt -, das sind zurückgebliebene Formen aus früheren Zeiten, oder auch Formen, welche schon vorausnehmen das, was in
späteren Zeiten kommen soll, wie die Bienen respektive der Bienenstock; das sind Wesen, die eigentlich einer andern Zeit in ihren Formen
angehören, die hereinragen in unsere Zeit.
Wenn die wissenschaftlichen Nichtwisser kommen und diese Welt
beschreiben, wie zum Beispiel Forel, der sich so viel mit Ameisen beschäftigt hat, dann geschieht es, daß die Leute allerlei Staunenswertes
über die Ameise erzählen. Aber wenn sie bei der wissenschaftlichen
Tapsigkeit bleiben, nicht zur Geisteswissenschaft kommen, dann ist es
natürlich, daß sie nichts Wesenhaftes sagen können, warum man zu staunen hat über diese Welt, die überall durchdrungen ist von einer Vernunft. Nicht über die einzelne Ameise, aber über das Ganze des Ameisenhaufens und der Ameisenwelt selbst, der Bienenwelt, ist kosmische
Vernunft, die viel gescheiter ist als unsere Hirnvernunft, ausgegossen; die
gehören alle eigentlich in einer gewissen Beziehung einer früheren Welt
an. Denken Sie, wie sachgemäß Goethe schildert. Indem er eine frühere
Welt schildert, läßt er darin die Ameisen auftreten, die Imsen. Und
indem er einen Berg so entstehen läßt, wie er in früherer kosmischer Entwickelung erstanden ist, wie man ihn wieder sieht für eine andere Wirklichkeitssphäre in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, läßt
er Ameisen auftreten, die sich dann mit dem beschäftigen, was der Berg
mit ans Dasein gebracht hat. Aber zu Genossen dieser Ameisen macht er
besonders andere Wesen. Die Ameisen, überhaupt fast das ganze InsekCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite: 140
tenvolk, sind eigentlich eine Rasse, die nicht recht hereinpaßt in die
Gegenwartserde. Diese Welt der Ameisen fühlt sich eigentlich anachronistisch in der gegenwärtigen Welt. Sie haben nicht viel damit zu tun, sie
haben keine rechten Genossen. Die andern Tiere sind von ganz anderer
Artung. Es sind furchtbar große Unterschiede zwischen der seelischgeistigen Artung des Insektenvolkes, solchen Volkes zum Beispiel wie
das Ameisenvolk und anderer Tiere. Die Genossen der Ameisen sind
eigentlich nicht die gegenwärtigen physischen Tierformen, sondern die
geistigen Elementarwesen, die Goethe als Pygmäen auftreten läßt, als
Zwerge, als Daktyle; denen stehen sie in verwandtschaftlicher Beziehung, trotzdem die Ameisen eine physische Natur sich errungen haben
in diesem Erdendasein, viel näher als diesen Gegenwartswesen. Also
von dieser zu einer alten kosmischen Epoche gehörigen Art des Ameisenvolkes weiß Goethe, und er geheimnißt es hinein in diese Szene.
Nun, wie ist denn eigentlich diese unsere Welt entstanden? Nicht
wahr, sie hat ihren gegenwärtigen Zustand aus dem alten Zustand herausentwickelt. Wir haben jetzt gesprochen von dem alten Zustand, und
auf den gegenwärtigen braucht man nur hinzuweisen, denn er ist dasjenige, was in der physischen Erdenumgebung ist. Aber ohne Kampf ist
das nicht abgegangen. Das gab einen mächtigen kosmischen Kampf,
indem das Alte sich zum Neuen entwickelte. Die Frage entsteht: Kann
man auch diesen Kampf beobachten? — Man kann auch diesen Kampf
beobachten! Man beobachtet ihn dann, wenn man erfassen kann das
Aufwachen aus einem sehr deutlich erschauten Traum zu einem noch
nicht ganz Wachsein, sondern zu einem halb Wachsein. Also wenn man
aus einem tieferen Schlafzustand zu einem weniger tiefen herauf aufwacht, wenn man noch nicht aufwacht, sondern auf dem Wege des Aufwachens ist. Da nähert man sich der Sinnenwelt, und man hat noch nicht
ganz verlassen diese Welt da unten, und da gerat man hinein in einen
Kampf, der ganz ähnlich ist dem Kampfe, der sich abgespielt hat, als
die alte Welt in die neue sich verwandelte. So sachgemäß geht Goethe
wieder vor, daß er, indem er hier einen Traum als Ausdruck für die alte
Weltenordnung auftreten läßt, auch das Erwachen aus diesem Traum
darstellt, das einen Kampf im Kosmos zum Ausdruck bringt. Dasjenige,
was der Gegenwart angehört, kommt in Kampf mit dem, was der alten
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Zeit angehört: die Pygmäen, die zu der alten Welt gehören, mit den
Reihern, die zu den gegenwärtigen Wassern gehören. Dieser Kampf
spielt sich ab. Und dieses Erblicken des Kampfes ist zu gleicher Zeit ein
Aufwachen. Und daß es sich um das Aufwachen handelt, das drückt
Goethe so deutlich aus, daß er das andeutet, was oftmals das Aufwachen
bewirkt. Man hört irgend etwas, das noch geistig im Traume erscheint,
imaginativ-bildlich, und das dann übergeht in die äußere Wirklichkeit:
das Herannahen der Kraniche des Ibykus, die ja auftreten in dieser
Szene. Das zeigt uns Goethe im ersten Teil dieser Szene, was man im
Traumbewußtsein, wenn es voll entwickelt ist, erleben kann, und was
auf frühere Erdzustände hinweist, was er glaubte, mit griechischen Vorstellungen besser durchdringen zu können als mit Gegenwartsvorstellungen.
Und nun der Homunkulus. So weit geht es doch nicht! Denn für den
Gegenwartsmenschen ist es — das deutet Goethe nun ganz klar an -
nicht möglich, zu voller, klarer Bewußtheit das zu bringen, was da unten
sich abspielt. Furcht, Angst hindert den Menschen, wenn auch unbewußte
Angst. Ich habe das oft dargestellt. Der Homunkulus wagt sich nicht
hinein in diese Welt, das spricht er auch ganz deutlich aus. Als er wieder
erscheint, da erklärt er, nein, da will er nicht hinein, er will zwar entstehen, das heißt, es soll ein Homo daraus werden, aber in diese Welt,
da will er nicht hinein.
Ich schwebe so von Stell' zu Stelle
Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
Voll Ungeduld, mein Glas entzwei zu schlagen;
Allein, was ich bisher gesehn,
Hinein da mocht' ich mich nicht wagen.
Also, es ist eine gefährliche Welt, in die der Homunkulus noch nicht
untertauchen will. Er möchte doch in einer weniger gefährlichen Welt
seinen Weg vom Homunkulus zum Homo antreten.
Nun, hätte man Goethe gefragt: Ja, also mit der Traumwelt, respektive mit der Schlafeswelt, da glauben Sie nicht, daß viel zu machen ist,
wenn Sie im Menschenkopf den Homunkulus zu einem Homo werden
lassen wollen. Aber wie wäre es mit der Philosophie? Die Philosophen
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denken ja über die Weltenrätsel nach. Wie wäre es mit der Philosophie?
Wie wäre es, wenn man anfragt über das wahre Menschentum bei
Leibniz oder bei Kant? Da würde Goethe ein recht skeptisches Gesicht
gemacht haben, ein recht ungläubiges Gesicht! Den modernen Philosophen hat er alles mögliche Gute zugeschrieben, aber daß sie in das
Wesen des Menschen eindringen können, daß sie irgend etwas beitragen
können, so daß der Homunkulus zu einem Homo im Menschenleben
wird, das glaubte er nicht. Auch da glaubte er, daß man schon näherkomme, wenn man griechische Vorstellungen verwende. Von den Griechen namentlich der älteren Zeit, in der Anaxagoras und Thaies lebten,
wußte Goethe. Die standen mit ihren Anschauungen noch näher jenen
alten Mysterienanschauungen, welche noch etwas von jener geistigen
Welt gewußt haben, aus der dem Menschen nur die Träume herauffluten. - Deshalb läßt er den Homunkulus begegnen zwei uralten griechischen Philosophen, von denen der eine, Anaxagoras, sehr viel noch
weiß von der alten Mysterienweisheit, namentlich viel von den Geheimnissen der Feuererde. In das Denken, in die vernünftige Philosophie
des Anaxagoras ragen hinein noch diejenigen Vorstellungen, welche die
alten Mysterien gehabt haben, und die anknüpften an die Geschehnisse
innerhalb der Feuererde.
Bei Thaies waren zwar auch noch Reminiszenzen an alte Vorstellungen vorhanden, Anknüpfungen an die Geheimnisse der Wasserluft; aber
zu gleicher Zeit macht es Goethe klar, daß die Anschauungen des Anaxagoras untergehende sind, wenn auch die höheren, und daß mit Thaies
die neuere Zeit beginnt. Mit Recht- ich habe es sogar in meinen «Rätseln
der Philosophie» ausgesprochen - beginnt die Geschichte der neueren
Philosophie, die Geschichte der Philosophie überhaupt, mit Thaies.
Thaies ist gewissermaßen der Urphilister, als den ihn Goethe hier hinstellt, der die philiströse Weltanschauung der fünften nachatlantischen
Periode einzuleiten hat, die zwar in einer gewissen, aber nur dunklen
Weise anknüpft an die Geheimnisse der Wasserluft.
So charakterisiert Goethe im ersten Teil dieser Szene, wo er noch aus
den Erfahrungen der Traumeswelt heraus schildert, die Welt des Seismos, zu dem die Pygmäen gehören, all dasjenige, was zusammenhängt
mit den schöpferischen Kräften des Seismos auf der einen Seite. Und
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das Element des Wassers, das er in die Gegenwart schon überführen läßt,
daher nicht als Wasserluft, sondern als Wasser charakterisiert mit den
Reihern und so weiter, das stellt er dem Feuer entgegen: Wasser, Feuer,
eigentlich Wasserluft, Feuererde. Und zwischen Wasser und Feuer
kommt es zum Kampf: die Pygmäen mit den Reihern. Und nur in
anderer Weise in den Verstand herübergetragen spielt sich derselbe
Kampf, der sich zuerst abspielt zwischen den Pygmäen, als den Repräsentanten der Erde oder des Erdfeuers, und den Reihern, als den
Repräsentanten des Wassers, der Wasserluft, dann im Verstande ab
zwischen Anaxagoras, dem Philosophen des Feuers, und Thaies, dem
Philosophen des Wassers.
So schön ist der Parallelismus, daß in dieser zweiten Stufe seiner
Darstellung Goethe richtig zur Anschauung bringt, wie nunmehr, da
sich der Homunkulus zum Homo -Werden nicht hinuntergewagt hat ins
unterbewußte Element, er jetzt ins Bewußte hinauf sich flüchtet. Und
bei denen, die im Bewußtsein noch so manches sich bewahren wollen
von dem, was man aber im Unterbewußten erfahren würde, bei den
Philosophen, möchte Homunkulus erfahren, wie man zum Homo wird.
Da stellt es sich heraus, daß, weil die Philosophen ihre Impulse von
verschiedenen Gebieten des Erlebens hernehmen, sie nicht einig sind und
selbst in solche Kämpfe kommen, in solche Ideenkämpfe, die sich auf
Grundlage der Kämpfe im Kosmos abspielen! Wie zwischen den
Pygmäen und Reihern, so zwischen den Begriffen des Anaxagoras und
den Begriffen des Thaies: derselbe Kampf!
Was tut Goethe? Er schildert also zuerst dasjenige, was sich da unten
abspielt in der unterbewußten Welt, führt dann herauf in die Welt des
Bewußtseins, aber knüpft an die Reminiszenzen an, die aus dem Unterbewußten heraufkommen, die namentlich bei Anaxagoras deutlich sind,
daher wird Anaxagoras auch von dem Thaies für einen Phantasten gehalten.
Aber wir haben es schon mit einer zweiten Schichte des Menschenlebens zu tun, mit derjenigen Schichte, die das tagwachende Bewußtsein
auch hat, wenn auch der eine oder andere in mehr geistiger Weise, oder
auch mehr oder weniger — wie ich es dargestellt habe — wachend-schlafend, schlafend-wachend es hat. Man kann es auch wachend-schlafend
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und schlafend-wachend haben. Das ist die zweite Schichte des Erlebens,
die da dargestellt wird. Und sehr bedeutsam ist das Folgende. Was da
erlebt wird, das läßt Goethe in einer andern Form erleben, als er das
erste erleben läßt. Mit den Sirenen läßt er einfach beginnen. Die beginnen die Szene. Man ist in der Schlafeswelt, in der Traumeswelt, man hat
nicht nötig, irgend etwas dazu zu tun, um in dieser Welt zu sein, daher
führt sie Goethe einfach vor. Nun wacht man aber auf aus dieser Welt.
Indem man aufwacht, kommt man in das gewöhnliche Bewußtsein.
Goethe hat aus einem gewissen Grunde Luzifer und Ahriman in dem
einen Mephistopheles zusammengefaßt. Dieses Aufwachen zeigt er in
dem Erlebnisse des Mephistopheles. Und interessant ist es, indem Mephistopheles gewissermaßen repräsentiert das noch nicht voll Aufgewachtsein, da ist er noch unten, er erlebt es durch die griechischen
Lamien; dann geht es ins bewußte Leben herauf. Aber soll es nun ins
vollbewußte Leben heraufgehen, soll wirklich der Homunkulus-Mephisto eintreten in das vollbewußte Leben, in das Verstandesleben, da
muß sich der Mensch gleichsam aufrütteln, da muß er sich fassen, da
muß er aus dem Traum in die Wirklichkeit erwachen. Daher begegnet
der Mephisto bei diesem Erwachen der Oreade, der Oreas, die sehr deutlich in Goethes Sprache andeutet, daß es sich um das handelt, was ich
gesagt habe.
Herauf hier! Mein Gebirg ist alt,
Steht in ursprünglicher Gestalt.
Verehre schroffe Felsensteige,
Des Pindus letztgedehnte Zweige.
Schon stand ich unerschüttert so,
Als über mich Pompejus floh.
Daneben das Gebild des Wahns
Verschwindet schon beim Krähn des Hahns.
Die Oreas, sie macht, indem aufgerüttelt wird das Schlafbewußtsein
ins Wachbewußtsein, gewissermaßen darauf aufmerksam, daß man
jetzt aus der Welt, die man sonst die Welt des Wahns nennt, wenn sie
auch in der Weise eine Wirklichkeit ist, wie ich geschildert habe, herüberkommt in die Welt, wo die Gebirge feststehen, wo nicht alles auf
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und ab wogt. Und Goethe geniert sich eigentlich nicht, sehr deutlich
darauf hinzuweisen, wie man aus dieser Welt erwacht. Denken Sie nur,
wie oft man aus der Welt, aus der die Träume heraufsprudeln, erwacht
beim Krähn des Hahns. Also Goethe macht das sehr deutlich. Jetzt geht
es in die wache Welt hinauf, wo die Philosophen zu reden haben, wo
durch die Reden der Philosophen der Homunkulus zu einem Homo
werden soll.
Nun wäre viei zu sagen - vielleicht morgen. Ich will nur noch darauf
aufmerksam machen, daß, nachdem diese Welt absolviert ist, Goethe
auch noch auf eine dritte hinweist. Und wie es erst, die Bergnymphe
Oreas war, die hingewiesen hat auf diese Welt des Wachens, des Tagwachens, so ist es eine Nymphe wiederum, das heißt, ein Elementarwesen, welches stark aufrüttelt: die Baumnymphe, die Dryade, die
Mephistopheles zu einer dritten Schichte des Bewußtseins führt, zu einer
dritten Schichte, in der man Vernunft und Hellsichtigkeit vereinigt:
Unterbewußtes, Bewußtes, Überbewußtes. Auch auf diejenige Welt,
auf die wir gerade durch die Geisteswissenschaft hinweisen wollen,
deutet Goethe in einer gewissen Beziehung schon hin. Nur deutet er in
einer sehr eigenartigen Weise darauf hin. Die Wesen, welche Mephistopheles zunächst findet, sind die Phorkyaden.
Aus unseren Darstellungen übermorgen werden Sie sehen, was für
angenehme, schöne Wesen diese Phorkyaden sind, und namentlich, was
für eine eindringliche, Herzenstöne anschlagende Sprache diese Phorkyaden führen! Und dennoch, wer da weiß, welchen Erlebnissen der
Mensch die Stirne bieten muß, wenn er in bewußter Art in die geistige
Welt einzudringen hat, der versteht die Begegnung des Mephistopheles
mit den Phorkyaden.
Doch davon will ich dann morgen weiter sprechen, weil sich die Sache
doch nicht in einer Auseinandersetzung erledigen läßt. |