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Goethe s Ahnungen nach dem Konkreten hin. Schattenhafte Begriffe und wirklichkeitsdurchtränkte Vorstellungen

Goethe s Ahnungen nach dem Konkreten hin. Schattenhafte Begriffe und wirklichkeitsdurchtränkte Vorstellungen

Dornach, 27. Januar 79/7, nach einer szenischen Darstellung aus «Faust» II, zweiter Aufzug: «Hochgewölbtes, enges gotisches Zimmer». «Laboratorium»

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denn diese Szenen enthalten viele Keime der Entwickelung, in welcher auch die geisteswissenschaftliche Strömung läuft. Man kann sagen, daß Goethe, indem er diese Szenen aus langjähriger, allseitiger Erfahrung heraus schrieb, vieles geahnt hat von dem, was durch die Geisteswissenschaft wie eine Saat aufgehen muß. Sowohl wie ein kulturhistorisches Dokument als auch wie ein Ausdruck einer tiefen Erkenntnis stehen gerade diese Szenen des zweiten Teiles des «Faust» vor unserer Seele. Wir dürfen schon, wenn wir an solche tiefste Manifestationen Goetheschen Geistes herantreten, die uns jetzt schon gewohnten geisteswissenschaftlichen Vorstellungen zu Hilfe nehmen, um zum vollen Verständnisse zu kommen. Denn in diesen geisteswissenschaftlichen Vorstellungen liegt formuliert, zum vollen Bewußtsein gebracht, was Goethe aus einer inneren Imagination heraus mit den Erfahrungen seiner Zeit ausgestaltete. Wir haben in der ersten der beiden Szenen zunächst etwas wie ein bedeutsames kulturhistorisches Dokument. Als Goethe, herangereift durch alles dasjenige, was er in sich aufgenommen hatte aus den Naturwissenschaften auf der einen Seite, aus der Vertiefung heraus, welche diese naturwissenschaftlichen Anschauungen durch seine mystischen Studien erfahren haben, aus jener Vertiefung heraus ferner, die ihm die griechische Kunst gegeben hatte, als Goethe diese Vorstellungen, die da in ihm lebten, zu Gestalten formte, da war zugleich die Zeit, in welcher aus unendlichem Erkenntnis-Enthusiasmus heraus die Geister versuchten, heranzukommen an die höchsten Probleme des Daseins. Es Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:273 Seite: 59 ist etwas, was gerade in unseren Kreisen nicht überraschen darf, nicht überraschen kann, daß das Streben nach der geistigen Welt, wenn es recht intensiv auftritt, man kann sagen seine Karikaturen treibt, richtig seine Karikaturen treibt. Sowohl das mystische Streben wie auch das tiefere philosophische Erkenntnisstreben, sie treiben ihre Karikaturen. In Goethes unmittelbarer Nachbarschaft entwickelte sich zu der Zeit, in der in Goethes Geist diese Szenen sich entfalteten, wirklich ein bedeutsames, man kann sagen philosophisch-theosophisches Streben. Da lehrte Johann Gottlieb Fichte aus einem ungeheuren Erkenntnis-Enthusiasmus heraus. Sie können aus den skizzenhaften Ausführungen in meinen Büchern, sowohl in dem einen über «Die Rätsel der Philosophie» wie auch aus dem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» ersehen, wie Fichte in elementarer Weise strebte, dasjenige zu gestalten, was im Innersten der Menschenseele an Göttlich-Geistigem lebt, so daß durch diese Entfaltung des Göttlich-Geistigen im Inneren der Seele der Mensch sich seines göttlich-geistigen Ursprunges selber bewußt wird. Fichte suchte das volle Leben des Ich, des schaffenden, wirkenden Ich, aber auch des gotterfüllten Ich in der Menschenseele zu erfassen. Damit versuchte er, den Anschluß des inneren menschlichen Lebens an das ganze kosmische Leben zu erfühlen. Und aus diesem Enthusiasmus heraus sprach er. Es ist nur zu erklärlich, daß gerade ein solcher Geistvorstoß vielfach Anstoß erregte. Nicht wahr, aus dem Konkreten der Geisteswissenschaft heraus konnte Fichte noch nicht sprechen, dazu war die Zeit noch nicht reif. Man möchte sagen, wie in abstrakten, umfassenden Begriffen suchte Fichte das Gefühl lebendig zu machen, das dann durch die Eindrücke der Geisteswissenschaft im Menschen belebt werden kann. Dadurch hatte seine Sprache vielfach etwas Abstraktes, aber etwas von lebendigem Fühlen, von lebendiger Empfindung durchdrungenes Abstraktes. Und es bedurfte schon des starken Eindruckes, den eine solche Persönlichkeit unmittelbar machen kann, um überhaupt dasjenige, was Fichte zu sagen hatte, ernst zu nehmen. Gedruckt nahm es sich vielfach recht paradox aus, noch paradoxer als die Paradoxien - die notwendigen Paradoxien - der Geisteswissenschaft es oftmals sein müssen, weil dasjenige, was wahr ist, den Menschen, die daran nicht gewöhnt sind, vielfach nur als das Lächerliche erscheint. Deshalb konnte gerade ein solcher Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite: 6 0 Geist wie Fichte, der die Wahrheit sogar noch in ganz abstrakter Form sagen mußte, lächerlich gefunden werden. Auf der andern Seite konnten Menschen, die schon den großen Eindruck Fichtes bekamen, die Dinge übertreiben, wie ja alles leicht im Leben übertrieben wird. Und dann kamen Karikaturen der Fichteschen Wesenheit heraus, Karikaturen auch der andern, die aus ähnlicher Gesinnung dazumal in Jena lehrten. Lehrte in Jena doch auch Schelling, der dann aus einem ähnlichen Streben wie Fichte sich wirklich durchrang, wie ich oftmals betonte, zu einer recht tiefen Auffassung des Christentums, ja des Mysteriums von Golgatha, der sich geradezu zu einer Art von Theosophie hinwendete, die er dann, allerdings ohne von seinen Zeitgenossen verstanden zu werden, in seiner «Philosophie der Mythologie» und in seiner «Philosophie der Offenbarung» zum Ausdrucke brachte, die aber schon lebte in jener Abhandlung, die er in Anlehnung an Jakob Böhme geschrieben hat über die menschliche Freiheit und andere damit zusammenhängende Gegenstände, schon lebte in seinem Gespräche «Bruno oder über das göttliche und das natürliche Prinzip der Dinge», namentlich lebte in seiner schönen Abhandlung «Über die Gottheiten von Samothrake», wo er ein Bild aufrollte von dem, was nach seiner Ansicht wirklich gelebt hat in jenen alten Mysterien. Dann gab es solche Geister wie Friedrich Schlegel, die in energischer Weise auf die verschiedenen Zweige des menschlichen Wissens dasjenige anwendeten, was diese mehr philosophisch gearteten Naturen aus dem Zentrum der Weltenordnung herauszulocken versuchten. Hegel hatte begonnen, seine Philosophie aufzuzeichnen. Das alles hatte sich in Goethes Nachbarschaft abgespielt. Diese Menschen versuchten über alles Relative in der Welt, über alles dasjenige, was die Menschen in der Alltäglichkeit beherrscht, hinauszudringen zu dem Absoluten, zu demjenigen, was nicht bloß in Relativitäten lebt. So suchte Fichte hinauszudringen über das gewöhnliche alltägliche Ich zu dem absoluten Ich, das in der Gottheit verankert ist und in der Ewigkeit webt. So suchten Schelling und Hegel zu dringen zu dem absoluten Sein. Die Art, wie die Zeit solches aufnahm, war natürlich verschieden. Man kann sich - insbesondere heute, wo die Geisteswissenschaft an unsere Herzen herandringen kann - schon eine lebendige Vorstellung Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 3 Seite: 61 verschaffen, in welcher Gemütsverfassung sich so ein Fichte, so ein Schelling, so ein Hegel befinden mochten, wenn sie über dasjenige sprachen, was ihnen so klar vor dem geistigen Auge stand, und die Menschen dagegen sich stumpf verhielten, stumpf, feindselig. Und dann kann man es begreifen, daß der jugendliche Fichte, indem er den Zöpfen in Jena entgegentrat, die alles nach ihrer Art zu wissen vermeinten, auch einmal zornentflammt sein konnte. Fichte war öfter zornentflammt, nicht nur, als man ihn von Jena wegschickte, sondern er war auch öfter zornentflammt, wenn er sah, daß er sein Bestes gab, und es in kein Herz, keine Seele hineinging, weil die Leute alles besser zu wissen vermeinten aus den alten herkömmlichen Vorstellungen und dem Wissen, das sie aufgenommen hatten. Und da kann man es dann schon begreifen, daß sich manchmal solch ein Geist wie Fichte, wenn er die Zöpfe von Jena vor sich hatte, zu dem Ausspruch hat hinreißen lassen können, wenn er da zu tun haben sollte mit diesen alten Kerlen, man solle alle, die über dreißig Jahre alt sind, totschlagen. — Es war ein Geisteskampf allererster Art, der dazumal in Jena entbrannte. Man schwärzte das auch an, was dazumal in Jena lebte. Ein Wasserdichter, der aber gerade Publikum hatte, der Kotzebue, schrieb ein sehr interessantes dramatisches Pamphlet, das geistvoll ist, geistvoll dadurch, daß er schilderte so eine Art, könnte man sagen, Jung-Baccalaureus, der in Jena ausgebildet worden ist, und der, indem er nach Hause kehrt zu seiner Mutter, in lauter Phrasen spricht, wie er sie in Jena gehört hat. Die werden alle wörtlich hineingenommen in dieses Pamphlet, das da heißt «Der hyperboreische Esel oder die neue Bildung». Es nimmt sich das alles sehr geistvoll aus; es ist aber doch nichts anderes als eine niedrige Denunziation eines großen Wollens. Das müssen wir natürlich fernhalten von dem, was Goethe seinerseits auch tadeln wollte: die Karikatur, die sich herausentwickelt aus dem Großen, denn wir müssen uns klar sein darüber, daß der Briefwechsel zwischen Goethe und Fichte, der Briefwechsel zwischen Goethe und Schelling zeigt, daß Goethe voll zu würdigen verstand diese nach dem Absoluten strebenden Geister. Aber Goethe war, wenn man bei ihm auch nicht okkulte Prinzipien geradezu systematisch verarbeitet findet, man kann sagen ein ganz in der Aura des Okkulten lebender Geist, der da wußte, wie dasjenige, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite: 62 was lebt im guten Fortschritte der Weltentwickelung, nach der einen Seite ahrimanisch, nach der andern Seite - wenn er auch diese Ausdrücke nicht gebrauchte, auf Ausdrücke kommt es nicht an - luziferisch abbiegen kann, und daß eigentlich die Weltentwickelung immer im Pendelschlag ist zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen. Und Goethe wollte alles aus dem Tiefsten heraus entwickeln, überall zeigen, wie im Grunde genommen das Streben nach dem Höchsten zu gleicher Zeit eine Gefahr sein kann. Was kann nicht alles eine Gefahr werden! Das Allerbeste kann eine Gefahr werden, selbstverständlich. Und gerade dieses Problem trat Goethe so lebhaft vor das Seelenauge, wie das Beste eine Gefahr werden kann, wenn sich die ahrimanischen, die luziferischen Mächte in die Dinge hineinmischen. Da hatte er seine Faust-Dichtung im Auge, jenen Faust, der nach den tiefsten Geheimnissen des Daseins strebte, der verwirklicht zeigen sollte, was Goethe immer vor der Seele stand: das unmittelbare Anschauen des Geistig-Lebendigen in allem Natürlichen und Geschichtlichen. Goethe selber strebte zurück nach den Geheimnissen des geistigen Daseins der griechischen Vorzeit. Er wollte sich verbinden mit demjenigen, was schaffend lebendig in einem fertiggewordenen Zeiträume, im vierten nachatlantischen Zeiträume, vorhanden war. Das wollte er gestalten in seinem Faust, der nach dem Lebendigen der Helena hinstrebt. Die Wege sucht Goethe, auf denen er seinen Faust zu Helena führen kann. Aber Goethe war klar, daß dies eine Gefahr bedeutet. So berechtigt, so hochsinnig das Streben ist, das in solchem liegt, eine Gefahr bedeutet es, weil es sehr leicht in das luziferische Fahrwasser hineinführen kann. So zeigt uns denn Goethe zunächst den Faust ins luziferische Fahrwasser hineingeratend, paralysiert durch die Erscheinung der Helena, paralysiert durch die Verbindung mit dem Spirituellen. Aus dem Reich der Mütter hat Faust Helena heraufgeholt, zunächst nur als geistige Kraft vor sich gehabt. Paralysiert ist er durch das, was er spirituell erleben kann. Das Innere des Faust ist ausgefüllt mit dem, was er aufgenommen hatte. Er lebt in dem lebendigen Geistigen, in dem spirituellen Elemente des alten Griechenlandes, aber er ist dadurch paralysiert. Und so finden wir ihn, indem Mephisto ihn zurückgebracht hat in Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite: 63 seine Zelle, in sein Laboratorium, und ihn paralysiert zeigt durch das Zusammenleben mit dem geistigen Elemente der Vergangenheit. Wen Helena paralysiert, Der kommt so leicht nicht zu Verstande . . . meint Mephistopheles. Wir sehen auch, wie eine gewisse Scheidung eingetreten ist zwischen Faust, der in das luziferische Fahrwasser geraten ist, und Mephistopheles. Faust ist gewissermaßen mit seiner Seele - ob sie nun mehr oder weniger bewußt dies erlebt, was sie erlebt - in einem andern geistigen Fahrwasser, in das er durch luziferische Impulse gekommen ist, als diejenigen geistigen Wege sind, in denen Mephisiopheles wandelt. Sie sind wie durch eine Bewußtseinsgrenze jetzt voneinander geschieden. Faust träumt, so sagt man in der profanen Sprache. Er weiß nichts von seiner alten Welt, in der er als der ihm gegenwärtigen lebt. Mephisto hat sie aber um sich, und durch Mephisto lebt denn auch alles ahrimanisch wieder auf. Und so haben wir im Grunde genommen die zwei Welten gerade in dieser Szene hart aneinanderstoßend, ganz sachgemäß aneinanderstoßend. Es ist merkwürdig, wie gründlich Goethe in seiner instinktiv geisteswissenschaftlichen Art eigentlich ist. Dieses Aneinanderstoßen, es wird uns ganz deutlich gemacht durch den Famulus, der jetzt eingeführt wird, der ahnungslos hin und her pendelt, konnte man sagen, zwischen den gefährlichsten Dingen, die sich in seiner Umgebung abspielen. Diesen Ahnungslosen sehen wir zunächst, der uns gewissermaßen repräsentiert eine Art von Menschen, die wie gefangen sind von der Ahnungslosigkeit, der Unaufmerksamkeit, für die sie oftmals nichts können. Er sieht nicht, was um ihn herum vorgeht. In diesem Sinne kann man auch die ganze Rede auffassen, die von diesem Famulus kommt. Anders schon wird uns das ganze Milieu, in dem wir jetzt leben, durch die Begegnung des zum Baccalaureus gewordenen früheren Schülers mit Mephistopheles dargestellt. Der Baccalaureus, man sieht es ihm an, geht ganz aus der Umgebung hervor, die ich Ihnen vorhin geschildert habe. Aber er stellt eine Karikatur davon dar, ist von alledem infiCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:273 Seite: 64 ziert, was die Kant-Fichte-Schelling-Hegelsche Philosophie, die Schlegelschen Auseinandersetzungen haben geben können; aber er nimmt alles im engumgrenzten, egoistischen Sinne. Warum tut er denn das? Ja, diese Frage muß man sich schon vorlegen. Warum ist denn eigentlich der Baccalaureus dasjenige geworden, als was er sich uns darstellt? Hat Goethe etwa wollen die ihm werte Philosophie der Jenenser verspotten in dem Baccalaureus? Ganz und gar nicht. Aber in seinem Sinne ist hineingeschickt worden in dieses philosophische Fahrwasser der Schüler, der da hat als ein Geleitwort von Mephistopheles erhalten: Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum. Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange, Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange! Den Impuls hat der Baccalaureus gewordene Schüler von Mephistopheles selber. Mephistopheles kann sich nicht beklagen, daß ihn der Baccalaureus so behandelt, daß er sagen muß: Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist? Denn er hat das alles in ihn gepflanzt; er hat das gesät in seiner Seele. Der Baccalaureus ist schon gefolgt dem Spruch und der Muhme, der berühmten Schlange. Und er fühlt sich zunächst gar nicht bange, das wird erst kommen. Er fühlt sich gar nicht bange in seiner Gottähnlichkeit, die er ja sehr deutlich ausspricht, indem er darauf aufmerksam macht, daß er es ist, der die Welt erschaffen hat, der die Welt gestaltet hat. - Schließlich ist dieses ja aus der Kantschen Philosophie für manche karikatursuchenden Menschenkinder geworden, wird es auch noch heute vielfach. Ja, man kann schon Menschenkinder kennenlernen, welche die Kantsche Philosophie noch ichlicher auffassen als dieser Baccalaureus. Wir haben einmal einen Menschen kennengelernt, der so infiziert war von Kantscher, Fichtescher Philosophie, daß er wirklich die Meinung hatte, er habe die ganze Welt erschaffen. Das war in ihm zur fixen Idee geworden, er habe die ganze Welt erschaffen. Ich sagte ihm dazumal: Nun ja, gewiß, als Vorstellung, als Ihre Vorstellung haben Sie ja die Welt erschaffen, aber zu der Vorstellung kommt noch etwas hinzu, denn Sie Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:273 Seite: 65 haben auch die Vorstellung Ihrer eigenen Stiefel erschaffen, aber der Schuster hat sie gemacht, diese Stiefel, und Sie können nicht sagen, daß Sie diese Stiefel gemacht haben, obwohl Sie die Vorstellung dieser Stiefel gemacht haben! - Im Grunde beruht alle echte Widerlegung, sogar der Schopenhauerschen Philosophie von der «Welt als Vorstellung», auf diesem Schusterproblem, nur sieht man diese Dinge nicht immer im rechten Lichte. Also der Baccalaureus ist schon gewissermaßen ein Opfer des Mephisto, so wie er ihm jetzt selber entgegentritt. Nach dem Absoluten haben die Philosophen gestrebt. In dem Baccalaureus wird das Streben nach dem Absoluten zu einer Karikatur. Mephisto muß ihm sagen: Kommt nur nicht absolut nach Haus. Man sieht den Zusammenhang mit der Kultur, mit der Geisteskultur der damaligen Zeit in sehr geistvoller Weise durch Goethe dargestellt. Daher sind diese Szenen, weil sie aus der lebendigen Wirklichkeit heraus sind, auch so lebendig und so ungemein dramatisch. Und Goethe hat immer wieder und wiederum das Bestreben, die Menschen hinauszuführen über jene etwas nach Kellergeruch duftenden Vorstellungen, die man so leicht hört: Ach, wir wollen uns nur mit dem Guten verbinden; nichts Ahrimanisches und Luziferisches soll da sein; das muß man fliehen. - Weil Goethe nicht liebt diese nach Kellergeruch duftenden Vorstellungen, stellt er auch zuweilen den Mephistopheles recht sympathisch dar, recht gemütvoll, könnte man sagen. Denn wie gemütvoll ist es doch, wenn der gute Mephistopheles, als der Baccalaureus gar zu absolut wird, mit seinem Stuhl hinunterrückt von dem Baccalaureus zu dem - Publikum. Namentlich zu dem jüngeren Parterre, dachte sich Goethe, rückt Mephistopheles heran und sucht jetzt dort ein Unterkommen. Und Goethe läßt den Mephistopheles nicht bloß Teuflisches, sondern ganz Treffendes sagen, weil Goethe weiß, wieviel Mephistophelisches dem Leben beigemischt sein muß, wenn das Leben gedeihen soll, wie ungesund die Vorstellungen sind, die in der angedeuteten Weise nach Kellergeruch duften. Und es ist schon der Mühe wert, einmal nachzudenken darüber, wie auch Goethe nicht ganz kalt geblieben ist bei der Kälte der stumpfen Menge. Daher läßt er seinen Mephistopheles sich Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite:66 sogar etwas erzürnt aussprechen über die Leute, denen er ansieht, wie kalt sie bleiben bei den Weisheitssprüchen, die er doch äußert. Es ist das schon eine Kälte, auf die Goethe auch hinweisen wollte, obwohl diese Kälte lange noch nicht so kalt war, wie heute oftmals die Gesinnung und die Stimmung der Seele ist gegenüber demjenigen, was aus dem geistigen Leben an die Menschheit herandringen kann. Und dann sehen wir, wie eine echt ahrimanische Tätigkeit sich entfaltet in der Erzeugung des Homunkulus. Goethe ist es nicht leicht geworden, gerade diejenige Partie seines «Faust» zu dichten, die wir hier vor uns gehabt haben. Kleine Dichter werden mit allem fertig! Sogar mit dem großen Problem unter Umständen würde ein kleiner Dichter rasch fertig geworden sein: Faust und Helena zusammenzubringen. Aber Goethe war eben kein kleiner Dichter, daher ist ihm das Dichten schwer und sauer geworden. Daher mußte er einen Weg suchen, Faust wirklich mit der Helena zusammenzuführen, mit der er zusammen lebte, ich möchte sagen, in einem andern Bewußtseinszustande, wie wir gesehen haben. Goethe mußte den Weg suchen. Er war sich gar nicht gleich klar, wie er diesen Weg finden sollte. Zuerst sollte Faust hinuntergeführt werden in die Unterwelt und von Proserpina sich die Hilfe erbitten, daß Helena leibhaftig zu ihm herankomme. Aber Goethe empfand dasjenige, was er da darstellen würde, um sich die Helena von der Proserpina zu holen, so, daß er keine Begriffe und Vorstellungen fand, um die Sache darzustellen. Denn bedenken Sie nur, um was es sich handelte. Es handelte sich darum, daß Faust soweit gekommen war, im Unterbewußtsein seiner Seele, imaginativ, an die Helena heranzukommen; aber er sollte mit denjenigen Fähigkeiten an sie herankommen, die ihm im Leben natürlich waren. Dazu mußte Helena in diese Bewußtseinssphäre hereinsteigen. Also Goethe mußte gewissermaßen eine Verkörperung der Helena zustande bringen. Dazu benützte er dasjenige, was er wußte aus Paracelsus, den er wohl studiert hatte, namentlich die Abhandlung von Paracelsus' «De generatione rerum» kam ihm sehr zugute. Da schildert Paracelsus, wie man durch gewisse Vorgänge Homunkeln erzeugen kann. Es ist selbstverständlich für den heutigen Menschen sehr leicht, zu sagen: Nun ja, das war halt ein mittelalterliches Vorurteil des Paracelsus. - Es ist für den heutigen Menschen leicht, zu Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 3 Seite: 6 7 sagen: Kein Mensch braucht zu glauben an dasjenige, was da Paracelsus phantasiert. - Gewiß, es braucht es ja meinetwillen auch keiner. Aber bedenken sollte man doch, daß Paracelsus in jener Abhandlung «De generatione rerum» ausdrücklich versichert, durch gewisse Vorgänge wäre man imstande, etwas zu erzeugen, was zwar keinen Körper hat - bitte, darauf zu achten! Paracelsus sagt ausdrücklich: es hat keinen Körper -, was aber Fähigkeiten hat, die ähnlich sind den menschlichen Seelenfähigkeiten, nur sich bis zur Hellsichtigkeit steigern. Also Paracelsus dachte an gewisse Hantierungen, die den Menschen dahin bringen, vor sich ein körperloses Wesen zu haben, das aber so wie der Mensch eine Art Verstandestätigkeit, eine Art Intellektualität, ja sogar in höherer Steigerung entfaltet. Das hat Goethe zu Hilfe genommen. Er hat sich etwa gedacht: rein spirituell griff herein die Helena in die Bewußtseinssphäre des Faust, aber sie muß dichter werden. Dieses Dichterwerden, das ließ er geschehen durch ein solches Wesen, wie der Homunkulus es ist, der gewissermaßen die Brücke baut zwischen dem rein Geistigen, Spirituellen, indem er selber körperlos ist, aber bei Gelegenheit von körperlichen Hantierungen entsteht, zu dem Körperlichen hinüber, so daß man sagen kann: Durch die Anwesenheit des Homunkulus wird es möglich, die ganz spirituelle Helena hereinzuführen in diejenige körperliche Welt, in der Faust heimisch ist. Natürlich brauchte Goethe zu alldem eine Art Mißverständnis noch. Und das Mißverständnis wird auf dem Umwege durch Wagner herbeigeführt. Wagner ist durch seinen materialistischen Sinn dazu verführt, an die ganz materielle Herstellung des Homunkulus zu glauben; er würde dasjenige nicht zustande bringen, was ein wirklicher Homunkulus ist, denn dazu bedarf es geistiger Kräfte, die Wagner nicht zur Verfügung stehen. Diese geistigen Kräfte werden dadurch herbeigeführt, daß Mephistopheles, das ahrimanische Element, herankommt. Denn dadurch wird wiederum der ahrimanische Impuls gegeben, daß wirklich aus dem etwas wird, was Wagner da zusammenkohobiert. Hätte Wagner auf seinem Wege ganz allein, vielleicht durch Zuhilfekommen von irgendwelchen ja überall verborgenen Kräften seinerseits etwas zustande gebracht, dann wäre es ihm vielleicht so gegangen wie jenem Mann, der mir vor einiger Zeit schrieb, daß er, nachdem er sich Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 3 Seite:68 lange bemüht hätte, nun wirklich lebende kleine Männchen in seinem Zimmer zustande gebracht habe, aber nun nicht mehr loskommen könne; er könne nicht mehr sich retten vor ihnen! Er wollte Rat, wie er sich retten könnte vor diesen Geschöpfen, die er als lebendige Mechanismen hervorgebracht hat. Sie verfolgten ihn seither überall. Man kann sich schon vorstellen, was aus dem Verstande solcher Menschen wird! Diese Menschen, die solche abenteuerlichen Dinge erleben, gibt es natürlich heute noch immer, ebenso wie es die Spötter gibt gegen diese Dinge. Durch ein niedliches Zusammentreffen, das aber auch nur ein niedliches Zusammentreffen ist, behauptete ja gerade in der Zeit übrigens, in der Goethe diese Szene schrieb, Johann Jakob Wagner in Würzburg, daß man Homunkein erzeugen könne, und er gab sogar Wege an, wie man Homunkein erzeugen kann. Es ist dies aber selbstverständlich nicht wahr, daß Goethe von ihm den Namen genommen hat. Denn der Name rührt schon her aus dem alten «Faust», der damals vorhanden war; der wurde niedergeschrieben, als dieser Johann Jakob Wagner noch ein Säugling war. Es gehört also wiederum Mephistopheles dazu, daß aus dem, was Wagner zustande bringt, wirklich der Homunkulus wird. Aber er wird nun. Und er wird eigentlich im Grunde genommen so, wie Goethe gelernt hatte den Homunkulus darzustellen nach der Anleitung des Paracelsus. Und der Homunkulus wird in der Tat sogleich hellsichtig, denn er schaut _ den Traum des Faust, beschreibt dasjenige, was Faust gewissermaßen luziferisch abgezogen, wie in einem andern Bewußtseinszustand, erlebt, wie Faust wirklich hingelangt in die griechische Weit. Die Zusammenkunft des Zeus mit Leda, der Mutter der Helena: wir erkennen sie in der Beschreibung, die der Homunkulus von dem Traum des Faust gibt. Wir sehen also, wie Goethe unmittelbar nebeneinanderstellt dasjenige, was zuerst spirituell im Faust lebt, und den Homunkulus, der es zu deuten, aufzufassen weiß. Wir sehen, wie Goethe herüberarbeitet in die gewöhnliche physische Welt, so daß die Helena in die gewöhnliche physische Welt dann eintreten kann. Und durch all die Vorgänge, die geschildert werden in der «Klassischen Walpurgisnacht», sehen wir, wie Goethe versucht, aus dem Ewig-Geistigen der Helena, mit der Faust zusammen gelebt hat, das Körperliche zu gestalten, indem der HomunCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 73 Seite: 6 9 kulus durchgeht durch alle Reiche der Natur und seine Körperlosigkeit ablegt, sich verkörperlicht, sich verbindet mit dem geistigen Elemente der Helena. Und dadurch, daß das dann durchgeht durch alle Reiche der Natur, wird die Helena äußerlich auf dem physischen Plane das, als was sie uns im dritten Akte des zweiten Teiles des «Faust» entgegentritt. Durch den Homunkulus und durch die Umwandlung, die der Homunkulus vollziehen kann mit dem, womit Faust spirituell zusammen lebt, wird die Helena neu geboren. Das ist es, worauf es Goethe ankommt. Deshalb hat er den Homunkulus hineingesetzt, deshalb zeigt er die Verwandtschaft dessen, was Faust sozusagen träumt, mit dem, was der Homunkulus schaut. Damit aber steht Goethe auch wahrem Okkultismus sehr nahe, jenem wahren Okkultismus, auf den ich öfter hingewiesen habe, und von dem alle Denkweise wegführt, die nur in Abstraktionen sich ergeht, die nur in abstrakten Begriffen leben will. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht, wie eine gewisse einseitige Ausbildung des christlichen Prinzips gerade dahin geführt hat, wesenlose, schattenhafte Begriffe zu zeitigen als „Weltanschauung, die nicht imstande sind, gewissermaßen hineinzugreifen ins reale Leben. Und unter solchen Begriffen steht die Menschheit heute. Die Menschheit hat auf der einen Seite das rein mechanische Naturwissen, das aber kein Wissen ist, sondern nur eine Hantierung, woraus das Lebendige herausgetrieben ist. Encheiresin naturae nennt's die Chemie, Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie, sagt der Mephisto. Das auf der einen Seite, das nur immer abschreiben will, was äußerlich geschieht. Und auf der andern Seite die abgezogenen Begriffe von irgendeinem Geistigen, das entweder pantheistisch vorgestellt wird, oder einem Geistigen, das in irgendeinem Wolkenkuckucksheim von schattenhaften Begriffen lebt, die nicht in der Lage sind, wirklich unterzutauchen ins Leben, zu erfassen das wirkliche Leben. Deshalb habe ich darauf hingewiesen, wie Geisteswissenschaft imstande ist, den realen, unmittelbaren Menschen wieder zu verstehen, zum Beispiel zu sagen: Dieses Haupt des Menschen ist nur auf der einen Seite dasjenige, was der Anatom daraus macht, indem er es rein äußerCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 73 Seite: 7 0 lieh schildert, es ist auch nicht bloß dasjenige, was äußerlich eine abstrakt im Wolkenkuckucksheim der Begriffe segelnde Seele verkörpert, sondern dieses Haupt muß man verstehen als hervorgegangen durch Metamorphose aus dem Leib der vorhergehenden Inkarnation und, wie ich in den letzten Vorträgen ausgeführt habe, aus dem ganzen Kosmos, aus der Sphäre des ganzen Kosmos heraus gebildet. - Dieses Gestalten, im Gestalten in die materielle Welt eingreifen durch die Begriffe, nicht das Schwefeln in allgemeinen abstrakten Begriffen, ist das Wesentliche, was konkrete Geisteswissenschaft anstreben muß. Denn gerade dasjenige, wovor sich manche in der Gegenwart lebende christliche Pastoren und sonstige ähnliche Leute in ihren wesenlosen Abstraktionen von Gott und dem Ewigen am meisten fürchten, das ist dieses lebendige Erfassen der Welt, das konkrete Erfassen des Materiellen, das auch eine Offenbarung des Geistigen ist. Dieses Untertauchen mit den Begriffen in die wirkliche Welt ist es, was die Menschen heute nicht haben wollen. Das ist es aber gerade, auf das auch Goethe ganz energisch hinweisen will. Daher kontrastiert er diesen Geist des Homunkulus, der das wirkliche, konkrete Geistige schaut, wie es dann in dem Bewußtsein des Faust, wenn auch von anderer Art, lebt, dieses Schauen kontrastiert er mit der Art, wie Mephisto die Welt gern haben mochte aus der Vereinseitigung des christlichen Mittelalters heraus: die Auslöschung alles desjenigen, was. spirituell an die Menschenseele herankommt. Darum sieht der Homunkulus dasjenige, was weder Wagner noch Mephistopheles sehen. Und daher, weil Mephistopheles sagt: Was du nicht alles zu erzählen hast! So klein du bist, so groß bist du Phantast. Ich sehe nichts —, antwortet Homunkulus: Das glaub ich. Du aus Norden, Im Nebelalter jung geworden, Im Wust von Rittertum und Pfäfferei, Wo wäre da dein Auge frei! Im Düstern bist du nur zu Hause. Goethe erstrebt bewußt ein konkretes Erfassen der Wirklichkeit. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:273 Seite: 71 Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß selbstverständlich an der Stelle, wo der Homunkulus zu Mephistopheles spricht, durch irgendwelchen Umstand ein Vers ausgefallen ist; denn wir sehen überall den Reim: Das glaub ich. Du aus Norden, Im Nebelalter jung geworden, Im Wust von Rittertum und Pfäfferei, Wo wäre da dein Auge frei! Im Düstern bist du nur zu Hause. Auf «zu Hause» fehlt der Reim. Verbräunt Gestein, bemodert, widrig, Spitzbögig, schnörkelhaftest, niedrig! Also, es ist durch irgendwelchen Umstand beim Diktieren ein Vers ausgefallen, denn es fehlt der Reim - und es ist kein Grund, daß der Reim hier nicht stehen sollte -, also ein Vers, der etwa so gelautet haben muß: Was aber soll uns die dumpfe Klause - so daß Homunkulus, nachdem er gesehen hat, daß der Mephisto ihn nicht versteht, ihn deutlich darauf verweist, wie die Menschen entfernt worden sind von der konkreten geistigen Welt durch die Verabstrahierung, durch die nebelhaften Begriffe, die ausgebildet worden sind, und die ins Enge getrieben worden sind eben in solchen Verrichtungen, wie die waren, aus denen Faust herausgewachsen ist, der ihnen aber entwachsen ist. Aber Mephisto fühlt sich da wohl in seiner Teuflischkeit. Daher meint Homunkulus etwa: Das glaub ich. Du aus Norden, Im Nebelalter jung geworden. Das Mittelalter ist hier gemeint, aber mit Anspielung an das alte Niflheim: Im Nebelalter jung geworden - Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:273 Seite:72 Jung geworden ist ein alter Ausdruck, der sehr gut ist. So wie man alt wird vom Physischen aus, so wird man jung vom Geistigen aus, wenn man geboren wird. Und dieses war ein alter deutscher Ausdruck; statt «geboren werden» sagte man «jung werden», womit man bezeugte, daß in der Sprache schon ein Verständnis dafür enthalten ist. Also: Du aus Norden, Im Nebelalter jung geworden, Im Wust von Rittertum und PfäfFerei, Wo wäre da dein Auge frei! Im Düstern bist du nur zu Hause. Was aber soll uns die dumpfe Klause? Und nun blickt er umher in der dumpfen Klause und sieht da alles, was da ist: Verbräunt Gestein, vermodert, widrig, Spitzbögig, schnörkelhaftest, niedrig, Dann: Erwacht uns dieser, gibt es neue Not, denn der muß in das lebendige Leben eingeführt werden, weil er nicht bloß abstrakte Begriffe will; er will nicht bloß zum Beispiel das Griechentum geschildert haben dadurch, daß man es zeigt, so wie es Humanisten oder Philologen gemacht haben, sondern er will lebendig mit diesem Griechentum leben, indem der Repräsentant dieses Griechentums, die Helena, leibhaftig vor ihn treten soll. So sehen wir überall gerade in dieser Szene Goethes wunderbare Ahnung nach dem Konkreten hin. Es ist ja, man könnte sagen, bei diesen Altersdichtungen Goethes jedes Wort aus einer tiefen Welterfahrung heraus geschrieben. Und das gibt diesen Worten Gewicht, ungeheures Gewicht, gibt ihnen auch eine Unvergänglichkeit. Denn wie schön sind solche Worte gerade von Mephistopheles gesprochen, wodurch sie ihre besondere Färbung erhalten: O weh! hinweg! und laßt mir jene Streite Von Tyrannei und Sklaverei beiseite. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:273 Seite: 73 Mich langeweilt's; denn kaum ist's abgetan, So fangen sie von vorne wieder an; Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt Von Asmodeus, der dahinter steckt. Von dem Zwietrachtteufel, mit dem sich der Mephisto recht verwandt fühlt. Sie streiten sich, so heißt's, um Freiheitsrechte. Man fühlt sich fast in die Gegenwart herein versetzt, denn da heißt es auch: Sie streiten sich um Freiheitsrechte! Schon Goethe antwortet: Genau besehn sind's Knechte gegen Knechte. Im Ganzen möchte man sagen: O könnte doch die Zeit kommen, wo auch aus dem Gedichte eines solchen Strebens, wie man es gerade geoffenbart durch diese Szene bei Goethe findet, an das ja durchaus angeknüpft werden soll aus Geisteswissenschaftlich-Anthroposophischem der Gegenwart - o könnte doch dasjenige, was in dem Gedichte eines solchen Strebens liegt, die Leute mehr ergreifen, könnte es sich einbürgern in die Seelen! Wir kämen wahrhaftig als Menschen weiter. Aber statt dessen hat seit Goethes Zeiten die Verabstrahierung alles Strebens noch unendlich weitere Fortschritte gemacht. Und hier ist der Punkt, wo gerade der, der sich geisteswissenschaftlich bestrebt, versuchen sollte - meinetwillen sich heraufrankend an Goethe -, sich klarzumachen den Unterschied zwischen konkret-geistigem Streben und abstrakt-geistigem Streben. Die Beschäftigung mit Geisteswissenschaft gibt solche Begriffe, durch die man wirklich untertaucht in das Reale, in das Wirkliche, durch die man verstehen lernt dieses Wirkliche. Der Materialismus gibt gar keine wirklichen Begriffe, der gibt nur Begriffsschatten. Wo kann denn der Materialismus so etwas verstehen, wie den von uns klargemachten Unterschied zwischen dem Haupte des Menschen und dem übrigen Leib? Oder wie kann der Materialismus zum Beispie] folgendes verstehen? Nehmen wir einen Begriff, der unendlich wichtig ist. Wir wissen, der Mensch hat seinen physischen Leib, seinen Ätherleib, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite: 74 seinen astralischen Leib, sein Ich. Das Tier hat seinen physischen Leib, seinen Ätherleib, seinen Astralleib. Wir sehen das Tier. Interessant ist es, Tiere zu beobachten, wenn sie so, nachdem sie auf der Weide sich reichlich vollgefressen haben, daliegen und verdauen. Es ist interessant zu beobachten. Warum denn? Weil das Tier ganz mit seinem astralischen Wesen in seinen Ätherleib zurückgezogen ist. Was tut denn eigentlich die Seele des Tieres, wenn es da verdaut? Mit unendlichem Wohlbehagen nimmt die Seele teil an dem, was in dem Leibe geschieht. Es liegt da und schaut sich beim Verdauen zu. Mit unendlichem Wohlbehagen schaut es sich zu; das Wohlbehagen ist bei dem Tier ganz ungeheuer. Interessant ist es, zum Beispiel eine Kuh verdauen zu sehen, geistig, wenn sie daliegt und nun wirklich ihr innerlich sichtbar werden alle die Vorgänge, die sich da abspielen, indem die Nahrungsstoffe in den Magen aufgenommen sind und vom Magen nun in die übrigen Partien des Leibes befördert werden. Dem schaut das Tier mit innerstem Behagen zu, weil eine innige Korrespondenz zwischen seinem Astralleib und seinem Ätherleib besteht. Das Astralische lebt in dem, was der ätherische Leib spiegelt von den physisch-chemischen Vorgängen, durch die sich die Nahrungsstoffe einführen in den Organismus. Das ist eine ganze Welt, welche die Kuh sieht! Allerdings besteht diese Welt nur aus Kuh und aus den Vorgängen, die in der Kuh stattfinden. Aber wahrhaftig, wenn auch alles dasjenige, was dieser astralische Leib in dem Ätherleib der Kuh wahrnimmt, bloß die Vorgänge in dem ganzen Umkreis, in der Sphäre der Kuh sind, so vergrößert sich das alles, so daß, es so groß wird für das Bewußtsein der Kuh, wie unser menschliches Bewußtsein groß ist, indem es bis zum Firmament geht. Ich müßte Ihnen die Vorgänge, die da zwischen dem Magen und dem übrigen Organismus der Kuh stattfinden, als eine große Sphäre zeichnen, die sich entfaltet, weit hinaus entwickelt, indem in diesem Augenblick für die Kuh nur der Kuh-Kosmos, aber in riesiger Größe, da ist. Das ist kein Scherz, das ist so. Und die Kuh fühlt sich ungeheuer gehoben, wenn sie so ihren Kosmos sieht, sich als Kosmos sieht. Da sieht man in die konkrete Natur der Tiere hinein. Denn dadurch, daß der Mensch ein Ich hat, reißt dieses Ich den astralischen Leib von jener innigen Verbindung mit dem Ätherleibe los, in der dieser astralische Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite: 75 Leib mit dem Ätherleib zum Beispiel bei der Kuh ist. Er wird losgerissen. Und dadurch ist dem Menschen die Möglichkeit entzogen, wenn er nach dem Essen verdaut, das ganze Verdauungsgeschäft des Kosmos zu überblicken. Es bleibt für ihn das alles unbewußt. Dagegen beschränkt das Ich durch seine Tätigkeit die Impulse des Ätherleibes so, daß sie nur in dem Bereiche der Sinnesorgane von dem astralischen Leib erfaßt werden. So daß dasjenige, was beim Tier als Ganzes mit dem astralischen Leib zusammen lebt, beim Menschen nur in den Sinnesorganen konzentriert ist. Dadurch aber wird für den Menschen der Sinnesprozeß so groß, wie für gewisse Augenblicke der tierische Prozeß für das Tier wird. Es ist in gewissem Sinne eine Unvollkommenheit des Menschen, daß er, wenn er sein Nachmittagsschläfchen eben beginnt, nicht träumend seiner Verdauung zusehen kann, denn er würde eine ganze Welt sehen. Aber dieser Welt entreißt das Ich den astralischen Leib des Menschen und läßt ihn schauen als Kosmos nur dasjenige, was in den Sinnesorganen selber erlebt wird. Ich wollte dieses nur als Beispiel anführen. Denn man sieht daraus, daß es der konkreten Geisteswissenschaft darauf ankommt, in die Wesen wirklich hinunterzusteigen mit den Begriffen; nicht schattenhafte Begriffe zu konstruieren, sondern Begriffe, die in die Wirklichkeit eintauchen. Und alle Begriffe der Geisteswissenschaft sollen ja so sein, daß sie in die Wirklichkeit eintauchen. Das aber ist gerade die Begleiterscheinung der materialistischen Zeit, daß sie diese Begriffe, die in die Wirklichkeit untertauchen, verschmäht. Sie will solche nicht haben. Für die Erkenntnis der Natur führt das bloß zu dem Mangel, daß man nichts in Wirklichkeit erkennt. Aber für das Leben führt das zu einem weit größeren Mangel. Es macht den Menschen unmöglich, Sinn zu haben für konkrete, inhaltsvolle Begriffe. Daher ist die Erziehung im Materialismus zugleich eine Erziehung zu inhaltsleeren, schattenhaften Begriffen. Die Dinge gehen durchaus parallel: nicht spirituell verstehen können die Wirklichkeit, alles für einen Mechanismus ansehen, und unfähig sein, zu irgendwelchen Begriffen zu kommen, die wirklich in die Verhältnisse der Welt, des Menschen einlaufen können. Und in dieser Beziehung muß man die Gegenwart verstehen, denn Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite:76 darinnen liegen gerade die Schwierigkeiten der Gegenwart. In der Gegenwart gibt es gewiß idealistische Naturen, aber sie sind die idealistischen Naturen einer materialistischen Zeit, und daher reden sie in schattenhaften allgemeinen Begriffen, die nicht eingreifen können in die Wirklichkeit, die höchstens eingreifen können auf dem Umwege der Leidenschaft, auf dem Umwege, daß man sich aufbläst und sie möglichst stark in die Welt hinausposaunt. Während man also auf der einen Seite mit Bezug auf die Erkenntnis der Natur nur die Unmöglichkeit hat, die Natur zu verstehen, hat man auf der andern Seite als die notwendige Parallelerscheinung das Deklamieren von schattenhaften Begriffen. Und wenn man so redet, redet man wahrhaftig nicht von irgend etwas selber Unrealem, sondern von demjenigen, was in der schlimmsten Weise mit den leidvollen Ereignissen der Gegenwart zusammenhängt. Zu Goethes Zeiten war die Sache noch nicht so weit gediehen, aber heute stehen wir schon vor dem Unverständnis vieler Leute, überhaupt einen Unterschied zu finden zwischen einem schattenhaften und einem wirklichen Begriffe. Der Wagner, wie ihn Goethe schildert, lebt auch in schattenhaften Begriffen, und der Homunkulus versucht es ihm sogar klarzumachen, wie er in schattenhaften Begriffen lebt, zum Beispiel durch die Worte, nachdem der Wagner in Angst gefragt hat: Und ich? Was wird aus mir, wenn die andern fortziehen? Eh nun, Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun. Entfalte du die alten Pergamente, Nach Vorschrift sammle Lebenselemente Und füge sie mit Vorsicht eins ans andre. Das Was bedenke, mehr bedenke Wie? Indessen ich ein Stückchen Welt durchwandre, Entdeck* ich wohl das Tüpfchen auf das i. Wenn ich diese Stelle lese, muß ich mich immer erinnern, daß sie so recht aus dem Leben ist, gerade aus dem Gelehrtenleben. Denn ich weiß von einer Doktorpromotion, wo ein junger Doktorand einem sehr geCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite: 77 lehrten Herrn, der Historiker war, aber als Historiker vorzugsweise als Urkundenmensch über die historische Wissenschaft Professor war, gegenüberstand: das war derjenige, welcher der hauptsächlichste Lehrer dieses jungen Doktoranden war. Unter den Fragen, die er ihm stellte, war diese, daß er fragte: Nun, sagen Sie mir, Herr Kandidat, in welcher päpstlichen Urkunde kommt zum erstenmal der I-Punkt vor? - Das wußte der gleich, unter welchem Papste in den Urkunden der I-Punkt vorkommt: Innozenz IV.! - Nun saß ein anderer Historiker, der nicht so war, daneben, und der wollte so ein bißchen den Mephisto spielen, und deshalb sagte er: Na, Herr Kollege, jetzt muß ich auch einmal, da ich der andere Examinator bin, an den Kandidaten eine Frage stellen. Sagen Sie mir, Herr Kandidat, wann hat denn dieser Innozenz IV. den päpstlichen Stuhl bestiegen? - Der Kandidat wußte nichts. Wann ist denn der Innozenz IV. gestorben? - Der Kandidat wußte nichts. Nun, mein lieber Herr Kandidat, dann sagen Sie mir was anderes, was Sie überhaupt über den Innozenz wissen, außer dem, daß in seinen Urkunden der I-Punkt zuerst vorkommt! - Der wußte gar nichts. Da sagte der Professor der Urkundenlehre, der alten Pergamente: Aber Herr Kandidat, es ist ja gerade, wie wenn Ihnen heute ein Brett vor den Kopf genagelt wäre! - Da sagte der andere, der so den Mephisto spielen wollte: Oh, Herr Kollege, er ist ja Ihr Lieblingsschüler! Wer hat ihm denn dieses Brett vor den Kopf genagelt? Nun, so konnte auch der gute Wagner, anders als der Homunkulus, in seinem Pergamente das Tüpfelchen auf das i entdecken. Aber seit jener Zeit ist, ich möchte sagen, universell und historisch die abstrakte, rein in Begriffen lebende Denkweise gekommen. Und so sehen wir dann, daß wirklich das tief in die ganze Weltgeschichte eingreifende Schauspiel sich vollziehen kann, daß in wichtiger Angelegenheit ein Dokument vor die Welt hintritt, das in lauter Schattenbegriffen lebt. Man kann sich nichts Unwirklicheres und Unrealeres denken als jene Note, die neulich Woodyow Wilson an den Senat der amerikanischen Staaten gerichtet hat! Heute, wo es nur frommt, zu versuchen, die Wirklichkeiten der Welt zu verstehen, sieht man die Ohnmacht an hervorragender Stelle, anderes zu fassen als nur Schattenbegriffe, Begriffsschatten. Da darf man sich wohl fragen: Soll denn das Leid ins Unendliche Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:273 Seite: 78 fortgesetzt werden deshalb, weil an den hervorragendsten Stellen aus der Kultur des Materialismus heraus die Menschen die Wirklichkeit fliehen und nur noch BegrifTsschatten fassen können? - Ich weiß, daß, wenn man an solche traurigen Ereignisse der Gegenwart streift, man wenig Verständnis findet, weil heute die wenigsten Menschen auch nur fassen können den Unterschied zwischen BegrifTsschatten und Wirklichkeit. Denn derjenige, der ein bloßer Idealist ist - es ist ja immer anerkennenswert, Idealist zu sein —, aber nicht versteht die spirituelle Wirklichkeit, der wird sogar schön finden, so unendlich schön, wenn so nett von Freiheit und Menschenrechten gesprochen wird und von internationalen Staatenverbänden und dergleichen. Man wird gar nicht einsehen, worin eigentlich das Unheilbringende dieser Dinge liegt, man wird es in weitesten Kreisen gar nicht einsehen. Man wird so wenig verstanden, daß man selbst Verständnis gewinnt für die Worte, die der Mephisto spricht, nachdem er abrückt von dem Baccalaureus. Denn schließlich, so wie der Baccalaureus redet, so redet heute mancher, der als ein großer Mann gilt, der, wenn er auch nicht die ganze Welt erschaffen will, so die ganze Welt nach dem düstersten SchattenbegrirT regieren will. Und mit Bezug auf das Verständnis solcher Dinge wollen die Menschen durchaus nicht vorrücken. Sie bleiben immer Kinder, bleiben Kinder, die da glauben können, mit Begriffsschablonen könne die Welt regiert werden. Deshalb kann man Verständnis haben auch für die mephistophelischen Worte: Ihr bleibt bei meinem Worte kalt, Euch guten Kindern laß ich's gehen; Bedenkt: der Teufel, der ist alt, So werdet alt, ihn zu verstehen! Diejenigen, die da glauben, daß man mit Begriffsschatten die Welt regieren kann, verstehen noch nicht einmal dasjenige, was Goethe durch den Teufel, da wo der Teufel die Wahrheit ausspricht, sagt! Wie, ich möchte sagen, ein Kolleg zum Verständnis des Reellen, des Wirklichen in unserer von BegrifYsschablonen beherrschten Zeit kann man auffassen gerade die Homunkulusszene im zweiten Teil von Goethes «Faust». Aber man muß diese Dinge wirklich in vollem Ernste Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 273 Seite:79 nehmen. Und insbesondere an uns wäre es, uns recht klare Begriffe zu machen über den Unterschied all der Deklamationen, die jetzt so reichlich durch die Welt gehen, die seit Jahrzehnten durch die Welt gegangen sind, und die endlich die Situation von heute herbeigeführt haben. |


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ablage/offen/rudolf_steiner/kunst/003_ga_273_das_faust_problem/003_goethes_ahnungen.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:17

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