Ausblicke in die von Goethe gesuchten wahren Wirklichkeiten
Dornach, 10. September 1916
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versuchen, einiges zu sagen über gewisse Beziehungen des Menschen zu
den geistigen Welten. Es darf angenommen werden von demjenigen,
der wirklich sich mit dem Rüstzeug der Geisteswissenschaft vertieft in
die Faust-Dichtung, daß Goethe eigentlich gerade in diesen letzten
Szenen etwas von dem Tiefsten sagen wollte, was er in innerem Erlebnis sich errungen hatte durch sein langes Erdenleben als seine Weltanschauung. Weltanschauung in diesem Falle auch so gemeint, daß
Goethe wie instinktiv, möchte ich sagen, wie als selbstverständliche Beigabe diese Szenen so gemacht hat, daß man wirklich aus ihnen herausfühlt seine Stellung auch zu der Menschheitsentwickelung, zu den Impulsen der Menschheitsentwickelung, soweit sie seiner Erkenntnis zugänglich waren. Wenn man geisteswissenschaftliche Ideen heranbringt
an die Gestalten, die Goethe in seiner Faust-Dichtung geschaffen hat,
dann muß das natürlich in einer ganz bestimmten Weise aufgefaßt
werden. Es wäre durchaus falsch, wenn Sie glauben wollten, daß Goethe
diese Ideen, von denen hier die Rede ist, zunächst zugrunde gelegt hat
und dann, gewissermaßen wie man auf einen Kleiderrechen Kleider
aufhängt, die Reden der Personen und ihre Charakteristik aufgehängt
hätte. Das ist nicht der Fall. Wenn man also spricht, so wie wir jetzt
sprechen wollen über diese Gestalten des Goetheschen «Faust», so muß
man das in dem Sinne nehmen, daß Goethe gewissermaßen diese Gestalten von Angesicht zu Angesicht kannte und so charakterisierte, wie er
sie charakterisieren konnte, daß aber Geisteswissenschaft mit vollem
Rechte noch tiefer in die Sache eingehen kann. Nicht wahr, wenn Sie
einem Menschen begegnen, den Sie gewissermaßen zum erstenmal sehen,
so werden Sie auch nicht gleich darauf kommen, was alles in seiner Seele
ist. Trotzdem ist dieses in seiner Seele. Wenn Sie nun nach der ersten Begegnung mit diesem Menschen den Menschen beschreiben, so kann es
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sein, daß Sie nur einige Seiten beschreiben von dem Menschen, vielleicht
etwas, was rein äußerlich ist, von ihm beschreiben. Aber es ist doch dieser
Mensch, den vielleicht Sie selbst, wenn Sie ihn oft gesehen haben, oder ein
anderer, der tiefer in die Seele zu sehen vermag, mit viel tieferen Ideen
dann charakterisieren müßten. Wenn ich also zunächst, um das Bedeutsame heute und morgen aussprechen zu können, was im Zusammenhang
mit der Faust-Dichtung ausgesprochen werden kann, wenn ich zunächst
die Frage aufstelle: Was ist dieser Mephistopheles bei Goethe? - so ist
das nicht so vorzustellen, als ob Goethe in seinem Bewußtsein auch die
Ideen gehabt hätte, die ich Ihnen entwickeln muß, wenn ich von Mephistopheles spreche. Goethe hat eben den Mephistopheles charakterisiert,
wie er ihn gekannt hat, aber deshalb bleibt doch der Mephistopheles,
wie er in Wirklichkeit ist, eine bestimmte Gestalt, die man auch durch
geisteswissenschaftliche Ideen charakterisieren kann; und es ist gerade das Bedeutsame, daß man durch diese geisteswissenschaftliche
Charakteristik tiefer hineinschauen kann in die Individualität des
Mephistopheles oder anderer in der Faust-Dichtung vorkommender
Gestalten.
Im Sinne der Geisteswissenschaft muß man jedenfalls solch eine Gestalt, wie Mephistopheles es ist, sich vorstellen als in gewissem Sinne
zurückgeblieben auf der alten Mondenentwickelung. Das ist die Voraussetzung gewissermaßen, die geisteswissenschaftliche Voraussetzung,
daß Mephistopheles ein Wesen ist, das nicht mitgemacht hat in der entsprechenden Form die Entwickelung, die es hätte mitmachen können
vom Monde, oder sagen wir vielleicht schon von der Sonne aus zur Erde,
oder durch den Mond zur Erde. Aber wenn er uns auch entgegentritt
- allerdings geistig-visionär entgegentritt —, wenn er uns auch entgegentritt, dieser Mephistopheles, in der irdischen Menschengestalt, so würden
wir doch fehlgehen, wenn wir ihn auffassen würden so, daß wir etwa
sagten: Er ist gegenüber der menschlichen Entwickelung auf dem Monde
zurückgeblieben. - Er steht ganz entschieden höher auf der Erde, der
Mephistopheles, als der Mensch auf der Erde steht, mit Bezug natürlich
auf seine Entwickelung, nicht in bezug auf das Talent zum Bösen. Das
können Sie ja, wenn Sie wollen, tieferstehend nennen, daß Mephistopheles dieses Genie zum Bösen hat. Aber er ist ein Wesen gewissermaßen
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einer höheren hierarchischen Ordnung, als der Mensch es ist, das ist
schließlich selbstverständlich. Würden wir also zurückgehen zur alten
Mondenentwickelung, so würden wir dort finden, daß der Mensch
selbstverständlich in seiner Mondenentwickelung klar unter der Entwickelung des Mephistopheles steht, desjenigen Wesens, aus dem der
Mephistopheles auf der Erde geworden ist. Also wir müssen ein höheres
Wesen suchen in Mephistopheles, ein Wesen, das einfach mit höheren
Fähigkeiten zurückgeblieben ist auf der Mondenentwickelung, als der
Mensch sie jemals gehabt hat. Wie könnten wir uns, ich möchte sagen,
durch eine Analogie noch klarmachen, wie solch ein Wesen eigentlich
beschaffen ist?
Nehmen wir einmal an, wir blickten auf unsere jetzige Erdenentwickelung hin. Wir finden auch während unserer jetzigen Erdenentwickelung, daß Menschen weiter sind in ihrer Entwickelung als andere Menschen. Es gibt Menschen, die entschieden weiter sind in ihrer
Entwickelung als andere Menschen, ja, wir sprechen während der Erdenentwickelung von gewissen Menschen, welche die Initiation durchgemacht haben, die also - während das im jetzigen Erdenzyklus für die
Allgemeinheit noch nicht der Fall ist - schon in die Welt hineinschauen,
die jenseits der Schwelle liegt. Natürlich gibt es auch eine entsprechend
fortschreitende Entwickelung für solche vorgeschrittene Menschen. Aber
auch diese Menschen können in einer gewissen Weise zurückbleiben auf
den Stufen ihrer Erdenentwickelung und zum Jupiter sich so hinüberleben, daß sie gewissermaßen, wenn die Jupiterentwickelung akut wird,
sagen: Ginge alles den Gang, den die regelmäßige Weltenentwickelung
macht, dann würden wir jetzt auf dem Jupiter dieses oder jenes durchmachen, aber das wollen wir nicht, wir bleiben stehen auf dem Standpunkt, den wir während der Erdenentwickelung erlangt haben. - Der
Standpunkt ist ein höherer vielleicht, als er von Menschen hat während
der Erdenentwickelung erlangt werden können; der Standpunkt ist ein
solcher, daß schon während der Erdenentwickelung die Jupiterentwickelung vielleicht vorausgenommen ist. Aber diese Wesen - Menschen sind
es in diesem Fall - bleiben doch zurück auf dem Standpunkt, den sie
auf der Erde gehabt haben, und stellen sich in diese Jupiterentwickelung
so hinein mit einer Jupiterentwickelung, die sie schon während der
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Erdenzeit durchgemacht haben. Also sie sind zurückgeblieben gegenüber
ihren eigenen Maßen, aber nicht zurückgeblieben gegenüber der allgemeinen Entwickelung. Sie machen die Entwickelung nur nicht so durch,
wie sie die Menschen dann auf dem Jupiter durchmachen werden, sie
bleiben Erdenwesen, Erdenmenschen, aber sie tragen schon von der Erde
aus die Jupiterentwickelung in sich.
Sie müssen durchaus sich klar sein darüber, daß die verschiedenen
Evolutionsvorgänge wirklich recht kompliziert sind, und daß es solche
Evolutionsvorgänge, wie ich sie eben charakterisiert habe, tatsächlich
auch gibt. Und übertragen Sie jetzt das, was ich gesagt habe von JupiterErde, auf Erde-Mond, dann bekommen Sie ungefähr die Vorstellung
von dem, was zunächst der Mephistopheles ist, der in Goethes «Faust»
auftritt. Er ist dadurch den ahrimanischen Hierarchien zuzuzählen, daß
er die Erdenentwickelung des Menschen schon vorausgenommen hat
während der alten Mondenzeit, aber jetzt sich so auf die Erde hereinstellt, daß er nicht Erdenvernunfl, Erdenverstand, Erdenindividualität
hereinbringt in die Erdenentwickelung, wie sie von der Erde gegeben
werden, sondern wie er sie voraus auf dem alten Monde genommen hat,
angenommen hat. Daher fühlt er sich im «Prolog im Himmel» so außerordentlich überlegen dem Menschen Faust, Er ist ihm auch überlegen,
dem Menschen Faust, denn der Mensch Faust soll im Goetheschen Sinne
ein richtiger Erdenmensch sein, der nur nicht in der Region der Stumpflinge zurückgeblieben ist, der aber ganz auf Erdenkräfte baut, auf
Erdenimpulse baut das, was er in seiner Seele zu entwickeln hat. Faust
ist Erdenmensch, Erdenkämpfer. Mephistopheles tritt ihm gegenüber
als der Mondenmensch, der natürlich sich ihm ungeheuer überlegen fühlt,
weil er noch in den geistigen Regionen des Mondes schon angenommen
hat Vernunft und Wissenschaft, die sonst die Erdenmenschen auf der
Erde haben. Daher kann natürlich Mephistopheles nur ein geistiges
Wesen sein. Würde er Menschengestalt so wie ein anderer Mensch annehmen, dann müßte er auch der Erdenevolution sich anbequemen. Das
tut er aber nicht. Da sehen wir also in Mephistopheles ein Wesen, welches
außerordentlich hoch sich fühlen kann gegenüber dem Erdenmenschen.
Da aber während der Erdenentwickelung erst die Möglichkeit auftritt,
moralische Impulse zu haben - erinnern Sie sich an Vorträge, die wir
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gerade in diesen Wochen gehalten haben -, da wahrend der Erdenzeit
die menschlich-moralischen Impulse erst auftreten, namentlich alles dasjenige da erst auftritt, was aus dem Impuls der Liebe hervorgeht, so hat
Mephistopheles, der seine Mondenentwickelung festgehalten hat, diese
Impulse der Liebe ohne weiteres nicht. Er hat sie ohne weiteres nicht.
Er ist also ein geistiges Wesen, das zu einer Hierarchie gehört, die deshalb, weil sie sich zurückgehalten hat und auch in früheren Entwickelungsepochen sehr hoch gestiegen ist, eine gewisse Höhe aus ihrer ganzen
Wesenheit hat.
Stellen wir diesem Mephistopheles gegenüber die höheren Engel.
Nehmen wir an, so ein jetziger Engel stünde neben Mephistopheles, also
ein Wesen, das jetzt Engel ist. Was ist das für ein Wesen, das jetzt Engel
ist? Es ist ein Wesen, das hinuntersteigen muß während der Jupiterentwickelung, um während der Jupiterentwickelung die Dienste an der
Jupitermenschheit zu leisten, welche andere Wesen - sagen wir zum
Beispiel Erzengelwesen - an der heutigen Erdenmenschheit leisten. Das
ist also ein Wesen, ein solches Engelwesen, das naturgemäß, weil es
geistig ist, wenn es einfach neben Mephistopheles steht, in der Evolution
weniger weit ist als Mephistopheles selber, respektive die Hierarchie,
der er angehört. Die Engelwesen werden in bezug auf Intellektualitat
dasjenige erst während der Jupiterentwickelung erreichen können, was
Mephistopheles durch seine Hierarchie - wenn auch nicht durch sich
selbst, falls wir ihn als einen Mondenmenschen ansehen, als einen Monden-Initiierten - schon auf dem Monde erlangt hat. Man könnte sagen,
der unmittelbare Vorgesetzte des Mephistopheles ist sogar ein außerordentlich hochstehendes Wesen, wenn auch ein in der Evolution zurückgebliebenes Wesen, ein so hochstehendes Wesen, daß ein Wesen wie etwa
von dem Range des Erzengels Michael sich unter dem Range des unmittelbaren Vorgesetzten des Mephistopheles fühlt. Diese Evolutionsvorgänge komplizieren die Rangordnungen der geistigen Wesen. Solch
ein Wesen wie Mephistopheles hat sich während der Mondenentwickelung sehr weit entwickelt. Dadurch ist es voraus der gewöhnlichen Engelentwickelung, der normalen Engelentwickelung. Solch ein Wesen wie
Mephistopheles ist aber Geist geblieben. Dadurch, daß es Geist ist, hat
es etwas Verwandtes mit der gewöhnlichen Engelentwickelung. Engel
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sind ja auch Geister. So daß wir sagen können: Vom mephistophelischen
Standpunkte aus ist es ganz richtig, wenn Mephistopheles davon spricht:
«unmündiges Volk» - zu den Engeln. Sie sind ihm gegenüber wirklich
ein unmündiges Volk, ein Volk, das es in der Entwickelung, auf die er
besonderen Wert legt, nicht so weit gebracht hat wie er selber.
Nun gibt es natürlich auch wiederum alle möglichen Evolutionsstufen
in der Hierarchie der Angeloi. Auch da können wir eine - gewissermaßen pedantisch-philiströs gesprochen - normale Evolutionsstufe für
die Engelentwickelung annehmen. Aber wir müssen annehmen - das ist
ja Tatsache -, daß auch gewisse Engel zurückgeblieben sind, daß sie sich
also, wenn ich den Ausdruck bilden darf, verluziferisieren. Vor der
normalen Entwickelung bleiben gewisse Engel zurück und verluziferisieren sich. Es sind solche, die nicht mitgehen, sondern auf früheren
Stufen zurückbleiben. Die Engel, die sich so verluziferisierten, schon
verluzif erisiert hatten vor der lemurischen Erdenzeit, nehmen nun noch
eine ganz besondere Stellung ein. Denn wodurch erlangten sie denn das,
daß sie sich dazumal verluziferisieren konnten? Es stand - wenn ich
mich jetzt populär, wenn auch vielleicht nur annähernd ausdrücken soll,
weil es nicht anders sein kann -, damals bevor, daß eben die Wesensgruppe, die Mensch war, ihre Mondenentwickelung durchmachte. Nun
kam das, was man die luziferische Verführung nennt, durch geistige
Wesenheiten, die sich luziferisiert hatten. Diese Luziferisierung führte
gewisse Wesen dazu, während der lemurischen Entwickelung dasjenige
für den Menschen zu bewirken, was Sie aus der «GeheimWissenschaft
im Umriß» kennen. Dann führte wiederum die ahrimanische Entwickelung dazu, während der atlantischen Zeit dasjenige zu bewirken, was
Sie auch aus der «GeheimWissenschaft» und aus Vorträgen, die jetzt
gehalten worden sind, kennen. So müssen wir also sagen: Von luziferischer Seite ging während der alten lemurischen Zeit ein gewisser Impuls
aus, an dem für die Menschheit alle Wesen, die sich vorher luziferisiert
hatten, beteiligt waren. Dieser Impuls besteht darinnen, daß der Mensch
weiter in das Materielle heruntergestiegen ist während der Erdenentwickelung, als er in der fortschreitenden Entwickelung hätte sollen,
daß seine Begierden, Triebe und Leidenschaften, man könnte sagen, in
die materielle Entwickelung verstrickt worden sind. Es mußte ein
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Gegengewicht gegeben werden. Und dieses Gegengewicht wurde gegeben
durch die ahrimanische Entwickelung, so daß der Mensch im Gleichgewicht schwebt zwischen der luziferischen und der ahrimanischen Entwickelung. Das alles aber, daß der Mensch also im Gleichgewicht schwebt
zwischen der luziferischen und der ahrimanischen Entwickelung, ist doch
in einem gewissen höheren Stile, in einem gewissen höheren Sinne wiederum der Plan der fortschreitenden Evolution, liegt im Plan der fortschreitenden Evolution.
Indem ich Ihnen das rekapituliert habe, können Sie sich sagen: Faust,
dem rechten Erdenmenschen, werden gegenüberstehen luziferische und
ahrimanische Gewalten. Und die ahrimanischen Gewalten, die ihm
gegenüberstehen, zeigt Ihnen Goethe besonders in dem Mephistopheles,
den er Faust an die Seite stellt als den Repräsentanten der ahrimanischen
Gewalt. Wir hatten schon das besprochen, warum Goethe es unterlassen
hat, deutlich herauszustellen, wie die luziferischen Impulse an den Faust
herankommen. Aber überall - ich habe das angedeutet - schimmert das
durch, daß Goethe eigentlich den Faust hineingestellt hat in die Mitte
zwischen die mephistophelischen und die luziferischen Gewalten. Ich
habe ausdrücklich wiederholt hervorgehoben, Goethe konnte sich zu
seiner Zeit, weil es die Geisteswissenschaft noch nicht so gegeben hat wie
heute, noch nicht ganz klar sein über das Verhältnis des Menschen Faust
zu Ahriman-Mephistopheles und zu Luzifer. Aber er hatte ein gewisses
instinktives Erkennen, daß Faust diesen zwei Impulsarten gegenübersteht.
Nun fragen wir uns: Worin besteht denn eigentlich dasjenige, was,
sei es Mephistopheles selber oder seien es die Verwandten des Mephistopheles, mit den Menschen wollten? - Was Mephistopheles mit den
Menschen wollte, ist wirklich nichts anderes eigentlich als etwas, was
die Menschen auf der Erde unmöglich gemacht hätte, richtig unmöglich
gemacht hätte. Denn was auf der Erde erst eingetreten ist, das ist die
Fortpflanzung durch die Geschlechter der Menschen, durch das Männlich-Weibliche. Mephistopheles als ein richtiger Monden-Initiierter, der
nur zurückgeblieben ist, kann das absolut nicht leiden, und das ist dasjenige, was er eigentlich als seine Aufgabe betrachtet, aus der Welt
zu schaffen die Möglichkeit, durch geschlechtliche Fortpflanzung eine
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Menschheit auf der Erde zu haben. Das soll es nicht geben auf der Erde.
Also fassen wir das genau: Die normale Entwickelung des Menschen
auf der Erde besteht ja darinnen, daß sich auf der Erde das Menschengeschlecht durch die Geschlechter fortpflanzt. Aber Mephistopheles
wollte auf der Mondenentwickelung zurückbleiben. Er wollte das daher
nicht haben, daß die Liebe zur Liebe der Geschlechter auf der Erde
führt. Mephistopheles ist der Feind der Liebe der Geschlechter auf der
Erde. Der ganz entschiedene Feind ist er. Er fühlt sich daher - und
Goethe charakterisiert das ganz richtig - außerordentlich dazu berufen,
alles dasjenige ad absurdum zu führen, was irgendwie zur Geschlechterliebe führt. Was er veranlassen will in der Beziehung des Faust zu
Gretchen - lesen Sie nur mit Aufmerksamkeit die Gretchen-Szenen, da
werden Sie überall spüren, er will da allerlei, was das Amt des AhrimanMephistopheles ist. Aber die Liebe zwischen Faust und Gretchen, die
wirkliche menschliche Erdenliebe, die will er nicht aufkommen lassen,
weder bei Faust noch bei Gretchen will er sie eigentlich dulden. Dagegen
ist er richtig im Spiele da, wo im Laboratorium der Homunkulus erzeugt
wird. Und Sie wissen aus früheren Darstellungen, die ich aus dem
«Faust» gegeben habe, daß der Homunkulus erzeugt wird, um aus der
Natur heraus, ohne Geschlechterliebe, ein Hervorbringer eines Menschlichen - der Helena - zu werden. Das setzt sich Mephistopheles zur
Aufgabe, nicht eine Menschheit im Sinne der fortschreitenden Entwickelung, die auf der Erde durch Geschlechterliebe hervorgeht, zu erzeugen,
sondern auf einem andern Wege, durch die Kräfte, die dem Ahriman
zugeteilt sind, eine Wesensart zu erzeugen, die nicht im Sinne des für
die Erde bestimmten Menschengeschlechtes ist. Denn denken Sie einmal
nur an anderes als an diesen Homunkulus, denken Sie an den Euphorion, denken Sie an die ganze Art, wie Helena wieder heraufkommt,
da ist überall Mephistopheles im Spiele. Aber nirgends soll da irgend
etwas von regulärer Geschlechterliebe in Betracht kommen. Also die
Rolle, die Mephistopheles zugeteilt ist, ist schon ganz außerordentlich
gut getroffen und kann von der Geisteswissenschaft aus durchaus gerechtfertigt werden. Es ist eine ungeheure Tiefe darinnen.
Und nun nehmen Sie das merkwürdige Wort, gleich als die himmlische Heerschar beginnt da zu sein:
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Mißtöne hör* ich, garstiges Geklimper,
Von oben kommt's mit unwillkommnem Tag;
Es ist das bübisch-mädchenhafte Gestümper,
Wie frömmelnder Geschmack sich's Heben mag.
Ihr wißt, wie wir in tiefverruchten Stunden
Vernichtung sannen menschlichem Geschlecht:
Das traut er den Engeln schon zu, zu wissen, daß sie zugeschaut haben
damals, als Mephistopheles mit seinen Genossen Vernichtung gesonnen
hat menschlichem Geschlecht. Jetzt sagt er weiter etwas, indem er gewissermaßen die Sprache des Erdenmenschen annimmt:
Das Schändlichste, was wir erfunden,
- das Schändlichste ist eben diese Vernichtung des menschlichen Geschlechtes. Man nennt es das Schändlichste.
Um nun weiterzukommen mit dem Verständnisse - es ist natürlich
außerordentlich schwer, an diese Dinge heranzugehen, denn Goethe
wollte sein tiefstes menschlich-geistiges Fühlen und Empfinden und Erkennen darin ausdrücken —, um weiterzukommen hat man ungefähr die
folgende Betrachtung nötig. Nicht wahr, Sie wissen, es gibt - für uns
wenigstens - eine Geisteswissenschaft, wenn sie auch heute erst im Anfange ihrer Entwickelung ist. Sie wissen auch, es hat immer so etwas
gegeben, wenn es auch in früheren Zeiten auf andere Weise erlangt worden ist, als wahre Erkenntnis der Welt, die über den Schein hinausgeht,
die zur Wirklichkeit dringt. Nun wissen Sie auch, daß in einer gewissen
Weise sorgfältig gewacht wurde, namentlich in älteren Zeiten, über das
geistige Gut, das in den Mysterien bewahrt wurde und das auf wirkliche
Welterkenntnis ging. Dieses Geistesgut wurde nur denjenigen - das
wissen Sie - mitgeteilt, die ihre Reife dafür zeigten. Wenn man sich nun
fragt, welcher Art war denn eigentlich diese besondere Art des Erkennens, diese besondere Art des Geistesgutes, welche da in den Mysterien
mitgeteilt worden ist, so kommt man am besten zu Rande, wenn man
versucht zu vergleichen unseren fünften nachatlantischen Zeitraum
mit vorhergehenden Zeiträumen, dem griechisch-lateinischen, ägyptischchaldäischen und so weiter. Und wenn man sich an der Hand dieser VerCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 72 Seite: 28 2
gleichung fragt, wie hat sich die ganze Auffassung der Welt durch den
Menschen geändert aus den früheren Zeitepochen, aus den früheren
Kulturepochen in unsere Kulturepoche herein? Es ist wirklich wahr, daß
sich Wichtiges, Bedeutungsvolles vollzogen hat in der Evolution der
Menschheit, daß es eine fable convenue ist, wenn man glaubt, nur das
brauche man zu wissen über die Entwickelung der Menschheit, was die
triviale Geschichte, das, was man heute eben Geschichte nennt, mitteilt.
Es waren die früheren Kulturzeitalter ganz anders, als man sie sich
vorstellte nach der gewöhnlichen Geschichte, die eine fable convenue ist.
Erinnern Sie sich nur einmal an die Tiefe eines solchen Spruches, wie
ich ihn angeführt habe:
O Sonn', ein Konig dieser Welt,
Die Luna dein Geschlecht erhält;
Merkur kopuliert euch fix.
Ohn' Venus' Gunst erreicht ihr alls nichts,
Welch Märten sich als Mann erkoren.
Jovis G'nad ist euch unverloren;
Damit Saturnus, alt und greis,
In vielen Farben sich erweis.
Es liegt eine ungeheure Tiefe verballhornt in einem solchen Spruche,
aber sie war einmal da, diese Tiefe. Die Menschen haben einmal, wenn
auch durch die Ergebnisse des atavistischen Hellsehens, in diese Realitäten hineingesehen, auf die gedeutet wurde zum Beispiel auch in einem
solchen Spruche. Aus diesem Wissen der Grundlage des Daseins ist herausgetreten der fünfte nachatlantische Zeitraum. Nach zwei Seiten hin
ist er abgeirrt. Die eine Seite habe ich Ihnen gewissermaßen durch die
Initiation des fünften nachatlantischen Zeitraums charakterisiert, die
ich geschildert habe durch Baco von Verulam, durch Lord Bacon. Da
haben wir die Sehnsucht, alles, was über das Sinnlich-Wahrnehmbare
hinausgeht, als bloße Idole zu behandeln. Sie wissen, vier Arten von
Idolen hat Bacon angenommen. Wir haben sie angeführt: Idola tribus,
Idola specus, Idola fori, Idola theatri, vier Arten. Dadurch drückt sich
durch Bacons Geist im Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums
die eine Tendenz aus, alles, alles nur zu bauen auf eine Erkenntnis, die
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durch sinnliches Anschauen und durch Begriffe gewonnen ist, die sich
wiederum aus der sinnlichen Anschauung ergeben. Alles, was über die
sinnliche Anschauung hinausgeht, ist Idol, dessen Inhalt sich eigentlich
in Worten erschöpft. Und das haben wir ja schon charakterisiert, das ist
gewissermaßen die eine Strömung.
Nehmen Sie nun einmal, schematisch ausgedrückt, die Strömung,
welche sich ausdrückt durch so etwas wie: «O Sonn*, ein König dieser
Welt», die noch in tiefe Grundlagen des Daseins hineingeht, nehmen Sie
diese in ihrer Fortsetzung. Wenn sie durch sich nur sich entwickeln
wollte von dem vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum hinüber, können wir sagen, so würde sie so gehen (siehe Zeichnung). Die
Entwickelung, welche zu den Idolen führt, die geht unter diese Evolution hinunter (blaue Linie), sie erkennt nicht an, daß man in Wirklichkeit unmittelbar ein Geistiges findet, so wie man ein Sinnliches
findet; sie schaltet das Geistige aus und betrachtet es nur als in den Wortidolen enthalten, diese Entwickelung wird also inauguriert mit Bacon.
IV.
weiß
Welches wäre denn das Gegenbild dazu? Das Gegenbild dazu wäre
eine Entwickelung, welche nur anerkennen würde, daß ein Geistiges, ein
Seelisch-Geistiges vorhanden ist, welche das Physisch-Materielle nicht
anerkennt. Das wäre das Gegenbild dazu. Wir könnten also fragen: Ist
auch diese Entwickelung vorhanden? Gibt es ebenso, wie Bacon sagt,
nur die sinnliche Wirklichkeit ist Wirklichkeit, das andere sind Wortidole, einen Ausdruck dafür, daß es nur ein Geistig-Wirkliches gibt und
kein Materiell-Physisches, das in die Sinne tritt? Das gibt es in der Tat
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auch. Etwas später als Bacon lebt Berkeley, George Berkeley, und der
stellt diese Linie der Entwickelung dar (rote Linie). Machen wir uns mit
ein paar Worten klar, worin das Wesentliche der Weltanschauung Berkeleys liegt.
Berkeley ist der Anschauung, die sich ihm im wesentlichen aus seiner
theologischen Weltanschauung heraus ergeben hat - er war zuletzt Bischof —, daß alles das, was außerhalb des Menschen ist und durch die
Sinne wahrgenommen wird, nur so lange da ist, als es durch die Sinne
wahrgenommen wird. Also Berkeleys Anschauung ist diese - nicht wahr,
am Gegensatz kann man es vielleicht am besten charakterisieren —: Sie
nehmen an, jetzt aus einer, ich möchte sagen, Anschauung heraus, die
dem Berkeleyismus gegenüber naiv ist, Sie nehmen an das Folgende:
Wenn Sie da hereinkommen, so sehen Sie, sagen wir, Herrn Bauer hier
sitzen, aber Sie nehmen an, er hätte auch schon vorher hier gesessen, und
Sie sehen ihn nachher. - Es gibt, wie gesagt, nicht den geringsten Beweis
dafür, daß dasjenige, was Sie auf diesem Stuhle sitzen sehen, auch da
war, bevor Sie es gesehen haben. Und wenn Sie wieder hinausgehen, so
glauben Sie, der Herr bleibe hier sitzen und sitze da, während Sie ihm
den Rücken wenden und hinausgehen. Berkeley ist der Ansicht: Es gibt
keinen Beweis dafür, daß, sagen wir das, was Sie hier gesehen haben,
noch da sitzt. So lange sitzt es da, als Sie hinschauen, denn das ist lebendig, das Bilden im Auge, und wie sollte das Bilden im Auge da sein,
wenn Sie nicht hinschauen? Man kann die Baconsche Weltanschauung
logisch vollständig beweisen. Man kann auch die Berkeleysche Weltanschauung logisch vollständig beweisen, denn es gibt keinen Widerspruch im Berkeleyismus, der logisch sich ergeben könnte, es ist durchaus
logisch zu erhärten, wenn es auch dem naiven Bewußtsein nicht entspricht. Berkeley ist nämlich nicht der Ansicht, daß Sie, wenn Sie hereingehen, den Herrn Bauer scharfen, und wenn Sie hinausgehen, ihn
wieder hinwegzaubern, dieser Ansicht ist er gerade nicht, aber daß das,
was Sie sehen, erst mit Ihrem Schauen kommt und wieder weggeht mit
Ihrem Schauen. Esse est percipi: Sein ist Wahrgenommenwerden. Und
ein anderes Sein als das Wahrgenommenwerden in der umliegenden
Welt gibt es nicht. Daher ist, wie Sie sich jetzt vorstellen können, für
Berkeley alles das, was Sinnenwelt ist, überhaupt nur im Werden. Sie
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gucken hin, da ist es da; Sie gucken weg, da ist es weg, da ist es nicht
mehr da. Das alles ist also nur in Ihren Anschauungen da. Wie gesagt:
Esse est percipi, es gibt nichts außer dem Wahrnehmen, außer dem
Wahrnehmungsprozeß. Aber hinter diesem Wahrnehmungsprozeß, der
also gar nichts anderes ist als der Wahrnehmungsprozeß, da ist das göttlich-geistige Sein. Außer Ihrem Wahrnehmen hat es mit dem Herrn
Bauer noch der Gott zu tun, der ihn hinsetzt,, so wie er will. Und dieser
Gott, wenn Sie hereingehen, erzeugt aus dem, was nur in ihm ist, in
Ihnen das Bild des Herrn Bauer. Dann, wenn Sie weggehen, läßt er es
wieder verschwinden. Diese Sinnenwelt gibt es also nicht, nur GeistigSeelisches gibt es. Sie alle, so wie Sie hier vor mir stehen, sind nur das
Geschöpf meiner Augen. Außer dem, was das Geschöpf meiner Augen
ist, gibt es noch die göttlich-geistige, seelisch-geistige Welt, die aber Sie
ganz anders erhält und trägt, als Sie da als Geschöpf meiner Augen
existieren.
Ich habe diese Anschauung nur charakterisiert. Sie ist wirklich philosophisch streng beweisbar. Aber sie ist dasjenige, was, man möchte sagen,
von dem Baconismus die andere Hälfte der Welt gibt. Und in diesen
zwei Richtungen, in der roten und blauen, pendelt alle Weltanschauung
des fünften nachatlantischen Zeitraums. Entweder es verstrickt sich diese
Weltanschauung in die bloße Anerkennung des Sinnlich-Wirklichen und
erklärt sich dadurch selber ohnmächtig, in dem Sinnlich-Wirklichen ein
reales Geistiges zu schauen, oder sie erschöpft sich in der bloßen Anerkennung des Geistig-Seelischen, sieht überall nur Gott und göttliche
Gedanken und erklärt sich ohnmächtig, von dem Leben in Gott und in
göttlichen Gedanken herunterzusteigen zur sinnlichen Wirklichkeit.
Diese zwei Abirrungen gibt es durchaus im fünften nachatlantischen
Zeitraum. Und wer das geistige Leben betrachtet, wie es sich außerhalb
der Esoterik entwickelt, wird es laufend finden entweder auf der einen
oder auf der andern, auf der roten oder auf der blauen Linie. Das äußere
Exoterische Hegt nicht auf dem, was ich hier gezeichnet habe als die
weiße Linie.
Man kann sagen, daß der Mensch des fünften nachatlantischen Zeitraumes in eine gewisse Spannung hineinkommt zwischen diesen zwei
Anschauungen der Welt. Und intensiv hat Goethe diese Spannung geCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 72 Seite: 28 6
fühlt. Ich habe Ihnen hier, ich möchte sagen die theoretischen, die mehr
philosophischen Impulse vorgeführt, aber bei denen ist es nicht geblieben. Alles Leben irrt ebenso zwischen dem bloß Geistig-Seelischen und
dem bloß Sinnlich-Materiellen hin. Goethe empfand diese Spannung in
eminentester Weise. Daß er das alles empfand, was in der Außenwelt
lebt, ich möchte sagen unter dem Einfluß der Strömung der blauen
Linie, werden Sie nicht wunderbar finden, denn so geht unsere wesentliche Entwickelung im fünften nachatlantischen Zeitraum überhaupt,
möglichst zum Materiellen hin und zur bloßen Anerkennung des Materiellen.
Aber auch die andere Linie empfand Goethe schon. Er empfand sie
tief, nur war es zu Goethes Zeiten wirklich noch nicht so, ich möchte
sagen, bedenklich, den Materialismus materialistisch zu nennen wie
heute. Es war damals noch nicht so bedenklich, auf das Abirrende der
blauen Linie hinzuweisen, als es heute ist. Heute muß Geisteswissenschaft auf das Abirrende der blauen Linie hinweisen, und sie wird daher
aushalten müssen alle Anpralle, alle furchtbaren Anpralle, die da kommen müssen, weil man immer nur zunächst mit Vorurteilen, ja mit Haß
sich dem entgegenstemmt, was als Erkenntnis sich in die Welt begeben
will. Und immer mehr und mehr wird der Materialismus heiliggesprochen werden, allerdings auf eine weltliche Art. Aber man kann doch
sagen, heiliggesprochen werden wird der Materialismus. Wie nahe ist
heute schon die materialistische Medizin daran, sakrosankt sich zu erklären, wie viele andere Bestrebungen sind heute daran, sich sakrosankt
zu erklären im Sinne des Materialismus, im Sinne der Abirrung, die die
blaue Linie anzeigt, der Abirrung von dem Geistig-Seelischen, das zu
gleicher Zeit aber als seine Offenbarung das Sinnlich-Materielle enthalt,
das dann dazugehört, das eins ist mit ihm, und das geltend gemacht werden muß von dem, was wir Geisteswissenschaft nennen. Jene Verfolgungen, welche man die inquisitorischen Verfolgungen nennen könnte,
die auf andern Gebieten früher schon waren, werden im Gebiete des Materialismus erst kommen, beginnen eigentlich erst jetzt so recht, beginnen
jetzt, fangen jetzt erst an, sich geltend zu machen, wenn auch die Formen
andere werden. Die Auflehnung gegen die materialistische Färbung der
Erkenntnis wird nicht minder der Inquisition verfallen, der Inquisition
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der Zukunft, die in etwas andern Formen auftreten wird als die Inquisition der Vergangenheit, als frühere Bestrebungen den entsprechenden Inquisitionen verfallen sind. Man glaube nur nicht, daß alles das,
was nach der blauen Linie abirrt, nicht ebensogut intolerant werden
wird, wie Bestrebungen auf andern Gebieten intolerant wurden.
Nicht so deutlich trat die rote Linie früher schon hervor. Sie sonderte
sich gleichsam erst in der fünften nachatlantischen Zeit und sogar etwas
später ab als die blaue Linie, aber sie war in früheren Bestrebungen
schon darinnen enthalten. In einer besonderen Form trat sie eigentlich
erst auf und hat ihren bedeutendsten, ihren größten philosophischen
Vertreter gerade in Berkeley. Doch hat sie genügend andere Vertreter.
Sie trat in der fünften nachatlantischen Zeit hervor, aber gewisse Dinge
blieben ihr aus den Formen, die sie schon hatte, und deshalb war es, daß
es zu Goethes Zeiten schon bedenklich war, über die rote Linie ordentlich zu reden, während Goethe noch durchaus unbedenklich reden konnte
über die blaue Linie. Über die rote Linie war es bedenklich zu reden.
Denn was strebt denn eigentlich auf der Bahn dieser roten Linie? Da
streben alle diejenigen Weltanschauungen, welche vermeiden, den Blick
über die Welt, über die ganze Breite der Welt auszudehnen, und welche
schwelgen möchten in einem allgemein Geistig-Seelischen, in einem Geistig-Seelischen, das ohnmächtig sein will gegenüber der sinnlichen Offenbarung; eine Weltanschauung, die zwar sprechen will über das Übersinnliche, aber die eigentlich nichts erkennen will. Da haben wir ein
weites Gebiet, zu dem sich nach und nach fast alle Religionsbekenntnisse
und alle Sekten gewendet haben, denn das ist das Eigentümliche, daß
diese Weltanschauungen eigentlich verzichten darauf, die Welt zu begreifen, und nur über irgend etwas Übersinnliches im allgemeinen reden
und redend schwelgen wollen. Sie wollen sich nicht die positive konkrete
Erkenntniskraft aneignen, mit dem, was sie erlangen, mit dem, wovon
sie reden, wirklich unterzutauchen in die Welt der Wirklichkeit.
Sie werden mich vielleicht besser verstehen, wenn ich versuche, in
der folgenden Weise mich auszudrücken. Denken Sie einmal, wie heute
das Leben für einen Durchschnittsmenschen verlaufen kann. Der steht,
sagen wir, sechs Tage in der Woche in der Fabrik oder im Kontor oder
wo immer. Da steht er innerhalb eines rein materiellen Getriebes, das
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aufgeht in der bloßen Sinnesbetrachtung, da mischt sich nichts Geistiges
hinein heute, und immer weniger und weniger Geistiges mischt sich da
hinein. Da betrachtet man im Gegenteil denjenigen, der etwas Geistiges
hineinmischen will, als einen ganz tollen Kerl. Aber auf diesem Gebiete
funktionieren alle die Kräfte, welche die heutige Wissenschaft erkennen
will. Da funktionieren alle die menschlichen Zusammenhänge, über die
sich die Erkenntnis hermachen will, kurz, da ist alles das an Gedanken
und Begriffen entwickelt, was über die sich vor unseren Augen ausbreitende Wirklichkeit sich ergeht. Und dann nehmen wir an, nehmen
wir zu seinem Besten an, daß dieser Mensch, der also die Woche über im
Büro oder in der Fabrik mit dem rein materiell Erkennbaren sich beschäftigt hat oder der das rein materiell Erkennbare gelehrt hat- schließlich wird in den gewöhnlichen Schulen auch nichts anderes gelehrt als das
materiell Erkennbare -, daß der Mensch - nehmen wir zu seinem Besten
an aus gewisser Aufrichtigkeit - am Sonntag in die Kirche geht, und da
hört er nun reden von dem, von dem heute in der Kirche geredet wird,
geredet wird nach der Evolution, die sich seit Jahrhunderten ergeben hat.
Versuchen Sie einmal, wenn Sie es können, ich meine, wenn Sie dazu genügend oft in der Kirche gewesen sind und Predigten angehört haben
mit offenem Ohre, wenn Sie mit offenem Auge gesehen haben, was da
vorgeht, fragen Sie sich einmal, ob in dem, was da gesprochen wird,
etwas steckt, was geeignet ist, über die Welt aufzuklären, die sich um
uns herum ausbreitet. Man gibt zwar vor, daß der Gott, von dem da
geredet wird, der Welt zugrunde liegt, aber man spricht nicht, nirgends,
von der Art und Weise, wie er durch seine Kräfte, durch seine Impulse in
die Welt eingreift. Man hat eine eigene Weltanschauung für die Wochentage: blaue Linie; eine eigene Weltanschauung für die Sonntage: rote
Linie. Nirgends, nirgends haben wir einen Zusammenhang zwischen
beidem, wenn wir wirklich die Dinge durchschauen. Fragen Sie einmal: Was hat denn dasjenige, was gelehrt wird von der Kanzel herunter, für eine Beziehung zu der Chemie, zu der Physik, zu der Biologie? — Es wird gar keine Beziehung gesucht, sie wird sogar perhorresziert.
Nehmen Sie dagegen die Geisteswissenschaft, so werden Sie gleich
sehen, worauf es ankommt. Geisteswissenschaft spricht nicht so von der
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sinnlich-materiellen Welt wie die gewöhnliche Physik, die gewöhnliche
Chemie, sondern sie spricht so von der physisch-sinnlichen Welt, daß
in das, was sie von der physisch-sinnlichen Welt spricht, hereinfließen
kann in allen Einzelheiten das, was sie nun über die geistige Welt sagt.
Sie hat nicht eine Wochentagsansicht und eine Sonntagsansicht, sondern
eine Ansicht, die über die geistige Welt sich ergeht und wie hinunterfließt
in die Einzelheiten der physisch-sinnlichen Welt. Sie erklärt sich nicht
ohnmächtig, wie der Berkeleyismus, vom Geistigen aus die Sinnenwelt
zu erfassen, sie erklärt sich nicht ohnmächtig, wie der Baconismus, den
Geist zji finden in der Sinnenwelt, sondern nur Idole zu rinden. Woher
kommt denn das? Nun, das haben wir schon begriffen. Es ist naturgemäß dem fünften nachatlantischen Zeitraum, daß die Evolution, die
durch die blaue Linie schematisiert wird, entstand. Bacon konnten wir
gewissermaßen den Inaugurator nennen. Es mußte der Mensch einmal
untertauchen in die Materie, ich habe das oft auseinandergesetzt und
auseinandergesetzt, daß die Geisteswissenschaft durchaus nicht Gegner
des Materialismus ist, sondern versteht, warum die materielle Entwickelung erkannt wird in der fünften nachatlantischen Zeit. Aber sie kann
nicht erkannt werden, ohne daß man sich inspirieren läßt durch einen
solchen Geist wie Ahriman. Und lassen Sie diesen Materialismus der
fünften nachatlantischen Periode noch so lange sich entwickeln in seinem
ahrimanischen Sinne, er wird glauben müssen seinerseits - das können
Sie versichert sein, und Sie werden es nicht sein, weil ich es Ihnen sage,
sondern weil Sie es verstehen werden aus dem ganzen Geiste der Geisteswissenschaft heraus -, er wird festhalten müssen, dieser materialistischahrimanische Sinn, an dem, was sich Ahriman-Mephistopheles in tief
verruchten Stunden gelobt hat, nichts zu tun haben zu wollen mit dem
regelmäßigen Fortgang des Menschengeschlechtes auf der Erde. Daher
wird diese Wissenschaft, die aus diesem Materialismus herausgewachsen
ist, niemals zu einem Durchschauen kommen des Geheimnisses der
Menschwerdung, des Rätsels der Embryologie und so weiter - niemals!
Sie würde kommen können zu einem Verständnis der Entstehung solcher
Wesenheiten, die auf dem Wege des Homunkulus sich bilden können.
Aber niemals wird diese Wissenschaft dazu kommen. Nun ist das nur
eine Evolutionsströmung. Aber vieles, vieles hängt mit diesem AhrimaCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 72 Seite: 29 0
nismus zusammen. Das Wissen ist nur ein Teil. Aber es läuft in der ganzen Kultur dieser Ahrimanismus.
Die andere Strömung, die durch die rote Linie schematisiert wird,
empfand Goethe auch tief, nur war es ihm nicht möglich, ich möchte
sagen, so deutlich, so ganz deutlich die Gestalten hinzustellen für diese
rote Linie, wie er sie hingestellt hat für die blaue Linie. Für die blaue
Linie hat er den Mephistopheles und seine Dick- und Dürrteufel und die
Lemuren hingestellt. Da stehen sie vor uns. Das hat er gewagt. Denn
verleumdet werden diejenigen, die über die Lemuren und die Dick- und
Dürrteufel sprechen, erst vom jetzigen Zeitalter ab, werden immer mehr
verleumdet, wenn sie in dem Sinne der Geisteswissenschaft sprechen. Zu
Goethes Zeiten war das noch gewissermaßen weniger bedenklich. Aber
bedenklich war das andere, das Goethe auch durchschaute und recht gut
durchschaute, war das, daß er wohl wußte, wenn diese rote Linie sich
hereinstellt in unsere Gegenwart, wenn wirklich da eine Anschauung ist,
die sich ohnmächtig erklärt und immer mehr und mehr ohnmächtig erklären wird, von der Anerkennung des Geistig-Seelischen zur Durchdringung der wirklichen Welt zu kommen, so beruht es darauf, daß
gewisse luziferische Geister verhindern, daß Strömungen, die früher
berechtigt waren, fortschreiten. Luziferische Wesenschaft verhindert
gewisse Strömungen, religiöse und sektiererische Strömungen, fortzuschreiten. Und so können diese nicht durchdringen die Welt, bleiben in
der bloßen Anerkennung des Geistig-Seelischen stecken. Der Berkeleyismus ist nur ein besonderer Ausdruck dafür. Das beruht auf einem luziferischen Zurückgehaltenwerden. Wie drückt es sich aus für Goethe zum
Beispiel? Mephistopheles erinnert sich an sich und seine Geschwister, an
diejenigen, die einstmals in tiefverruchten Stunden - das bedeutet in der
Sprache des Mephistopheles etwas anderes - Vernichtung geschworen
haben dem menschlichen Geschlecht, das heißt, nichts wissen zu wollen
von der Art und Weise, wie die Menschheit die Erde bevölkert. Mephistopheles erinnert sich daran, daß eigentlich zu seinem Wesentlichen
gehört, daß er in der ahrimanischen Zeit, bildlich gesprochen, in der
bedeutsamen Sitzung seiner Geister war, die damals beschlossen haben,
es solle niemals ein Mensch auf der Erde auf natürliche Art geboren werden, sondern die Kräfte, die als geschlechtliche auf der Erde existieren,
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sollen zu etwas ganz anderem benützt werden. Das haben diese ahrimanischen Wesenheiten beschlossen in der alten Zeit, ja nicht die Liebe der
Geschlechter aufkommen zu lassen. Aber nun sagt Goethe, indem er sich
selbstverständlich nicht identifiziert, aber hineindenkt in den Mephistopheles: Es gibt andere, die nicht von Mephistopheles inspiriert sind, aber
auch inspiriert sind, nun, die sagen zwar nichts darüber, daß das Menschengeschlecht auf der Erde sich nicht auf gewöhnlich menschliche Weise
fortpflanzen soll, aber sie fangen an zu beten, finden, daß diejenigen
erst das wahrhaft heilige Leben führen, die nichts tun in dem Sinne der
gewöhnlichen Fortpflanzung der Menschheit, die davon absehen, die
nichts wissen wollen davon: die Asketen, die Heiligen, die gegenüber
der Liebe der Geschlechter die bekannten langen Gesichter machen, von
denen wir schon öfter gesprochen haben. - Solche vermutet, sieht, schaut
Mephistopheles auf der andern Seite in der Engelschar darinnen. Da sieht
er die Inspiratoren dieser andern, die anbeten im Grunde genommen
dasjenige, was Mephistopheles und seine Geschwister beschlossen haben:
. . . wie wir in tiefverruchten Stunden
Vernichtung sannen menschlichem Geschlecht:
Das Schändlichste, was wir erfunden,
Ist ihrer Andacht eben recht.
Daran heftet sich ja die Andacht. Die luziferisierten Inspiratoren der
zurückgebliebenen Kirchengemeinschaften, Mönchsgemeinschaften, sektiererischen Richtungen, die luziferisierten Inspiratoren, stehen doch
unter den andern Scharen darinnen. Nicht umsonst sagt der Mephistopheles zu dem einen langen Burschen, der ihm besonders gefällt:
Die Pfaflenmiene will dich gar nicht kleiden.
Da hat Goethe vieles von dem hineingeheimnißt, was er auf der
Seele hatte gegenüber der Weltanschauung, die mit der Pfaffenmiene
einhergeht, gegenüber der Sonntagsweltanschauung, die er als luziferisch gedacht hat gegenüber der ahrimanischen. Mephistopheles fühlt
sich verwandt denjenigen, die in ihre Andacht aufgenommen haben
das, was Mephistopheles in seine Wissenschaft aufgenommen hat und in
seinen Willen.
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Wie wir zu denken haben über all diese Sachen rein geisteswissenschaftlich, davon können wir ja noch sprechen. Jetzt wollen wir aber
im Goetheschen Sinne über diese Dinge sprechen. Und eine - wenn ich
so sagen darf - Ur-Goethesche Empfindung ist das schon, was ich eben
ausgesprochen habe. So stehen zunächst die ahrimanische Welt - Lemuren, Dickteufel, Dürrteufel - und etwas luziferisch zunächst Angehauchtes sich gegenüber. Das drückt Goethe ganz klar aus. Luziferisch Angehauchtes steht gegenüber dem Mephistophelischen, wie gesagt, so kaschiert, als es nur möglich ist, daß diejenige Persönlichkeit es ausdrückt,
na, der man so manches gestattet: der Teufel. Der darf von der «Pfaffenmiene» sprechen, von den «allerliebsten» Jungen und so weiter. In
den Tatsachen steht sich also das gegenüber. Auf der einen Seite Mephistopheles, der gewissermaßen verpfändet hat Faustens Seele. Wodurch
verpfändet? Dadurch, daß er den Faust durch alles Irdische getrieben
hat, was unter die Sphäre hinuntergeht, die im Erdenwerden hereingekommen ist, und unter die Menschwerdung durch geschlechtliche Liebe
heruntergeht. Dadurch hat er Anspruch auf die Seele des Faust, daß
er ihn eingeführt hat in alles Ahrimanische. Was durch den Faust noch in
die Gretchen-Liebe hineingekommen ist, dafür kann Mephistopheles
wahrhaftig nichts, und das hat er genügend in sein Gegenteil verkehrt.
Und nachher geht es recht ahrimanisch zu. Da werden nur ahrimanische
Künste angewendet, um gewisse äußere Erscheinungen der Griechenwelt hervorzurufen. Was man durch ahrimanische Künste erreichen
kann, wird erreicht zuerst im staatlichen Zusammenhange - sagen wir
es ganz leise. Dann wird es gesucht im Werden des Menschen, im Zusammenhang mit der Evolution, aber mit der untermenschlichen und
untertierischen Evolution, im Zusammenhange mit dem mechanisierten
Homunkulus, historisch mechanisierten Homunkulus. Helena wird heraufgebracht auf eine Weise, wie es nicht im Erdensein der Menschheit
liegt. Dann werden einige Erdenhandlungen hervorgebracht, na, das
sind ja schließlich auch keine Erdengestalten, die da mithelfen, helfen als
Eilebeute und Habebald. All das ist unter dem Einfluß ahrimanischer
Künste schon sehr verpfändet, und verpfändet durch das einzige, was
er haben kann von dem eigentlichen Erdensegen des Menschen. Also
dadurch, daß er ihn durch die flache Unbedeutendheit führt - für das
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Erdendasein ist es nur flache Unbedeutendheit, aber es ist deshalb nicht
etwas, wozu nicht ungeheure Vernunft und Wissenschaft gehört, wenn es
auch flache Unbedeutendheit ist -, durch das ist die Seele ihm verpfändet. Dann verpfändet durch das andere, daß er von dem eigentlichen
Erdensegen - nun, was denn hat? Der Mensch hat sein Ich auf der Erde
bekommen, also erst sein Blut. Knochen, Sehnen, Bänder, was die geflickte Halbnatur macht, kann der Mephistopheles haben, aber den
eigentlichen Erdensegen, das Blut, den Repräsentanten, den physischmateriellen Repräsentanten des Erdenmenschen, den möchte er zwar
haben, aber den kann er ja nicht haben. Er ist auf dem Monde stehengeblieben. Von dem kann er nur haben den blutgeschriebenen Titel, nur
dasjenige, was gewissermaßen in den abstrakten Vertrag hereinzubringen ist, was nicht zusammenhängt mit den Impulsen, die in der Realität
sind, sondern was in der Abstraktheit, der Vertragsmäßigkeit bleibt.
Das kann er nur herausziehen aus dem Blut, nicht den Impuls selber,
sondern nur das kann Mephistopheles herausziehen.
Die Seele ist ihm verpfändet. Nun, in seiner Sprache sieht es so aus,
als ob die andere Schar sie ihm einfach weggeschmuggelt hätte, listig
weggenommen. Aber so ohne weiteres ist das nicht. Bis zu dem Tod, den
wir gestern geschildert haben, hat schon der Mephisto den Faust noch
immer ziemlich in seinen Krallen. Wenn Sie aber den Tod so anerkennen, wie wir ihn gestern gezeigt haben, nicht erst, wenn der Faust hinfällt, sondern wie der Tod so allmählich eintritt, dann ist dasjenige, was
Faust da erlebt, und insbesondere als das wonnige Gefühl erlebt, das
ich gestern am Schlüsse beschrieben habe, nachdem sich die Seele vom
Leibe gelockert hat, schon etwas in der geistigen Welt darinnen Erlebtes.
Da gleitet Faustens Seele oder, wie Goethe zuerst geschrieben hat,
Faustens Entelechie - wir werden morgen von dieser Entelechie sprechen - hinüber in die luziferische Sphäre und würde in der luziferischen
Sphäre sich auflösen. Da hätte Faust ebensowenig davon, wie wenn er
dem Mephistopheles verfallen würde. Denken Sie doch nur, was ihm
da droht!
Wendet zur Klarheit
Euch, liebende Flammen!
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Die sich verdammen,
Heile die Wahrheit;
Daß sie vom Bösen
Froh sich erlösen,
Um in dem Allverein
Selig zu sein.
Aber diese Seligkeit würde zur Auflösung im All führen, zum Übergehen in die achte Sphäre! Faust hätte eben dies davon: er hätte die
Auflösung in das All, was identisch wäre mit der Vernichtung. Und
nun schlagen Sie die letzte Szene auf, von der ich gesagt habe, daß sie
notwendig mit der vorhergehenden Szene verbunden ist, daß sie dazugehört, daß sie da sein muß. Da sehen wir in einem ganz andern Gebiete
die Handlung fortgehen. Da kommen die Engel wiederum und bringen
Faustens Entelechie, Faustens Unsterbliches. Aber indem sie diese Entelechie, dieses Unsterbliche bringen, sagen sie, wodurch sie diese Entelechie hierherbringen können. Die jüngeren Engel, so heißt es in der letzten Szene:
Jene Rosen, aus den Händen
Liebend-heiliger Büßerinnen,
Halfen uns den Sieg gewinnen
Und das hohe Werk vollenden,
Diesen Seelenschatz erbeuten.
Die Engel heben also die Entelechie, die Seele des Faust nicht durch
ihre eigene Natur, sondern dadurch, daß sie die Rosen der liebendheiligen Büßerinnen haben, aus der menschlichen Sphäre heraus, beziehungsweise aus dem heraus, wo Menschen hineingewachsen sind, die
das menschliche Erdenleben durchgemacht haben, die wirklich aus dem
Erdenleben heraus sich entwickelt haben. Goethe leitet die ganze Evolution von dem Mephisto, von den Engeln ab auf die menschliche Evolution, indem die Engel die Entelechie nicht durch ihre eigene Kraft nur
retten, sondern sie dadurch retten, daß sie die Rosen empfangen haben
aus den Händen liebend-heiliger Büßerinnen. Das ist der unendlich
tiefe Gedanke. Da bringt Goethe seine Überzeugung hinein von der
Bedeutung der fortlaufenden menschlichen Entwickelung, von der BeCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 72 Seite: 29 5
deutung der Erdenentwickelung. Und daher muß er aus dem Menschenwesen heraus etwas finden, was das bloße Ahrimanisch-Mephistophelische überwindet. Mephistopheles steht da, die Lemuren befehligt er -
aus Knochen, Sehnen und Bändern zusammengeflickte Halbnaturen -,
die Dickteufel, die Dürrteufel befehligt er. Ich habe auseinandergesetzt,
was dies bedeutet: die untermenschliche Natur, die nie den Menschen
hervorbringen könnte, liegt in alldem nur, die Natur in einer Basis, aus
der der Mensch nicht herauswachsen kann, liegt dadrinnen. Alles liegt
dadrinnen, was die Weltanschauung begreifen kann, die auf der blauen
Linie läuft, aber so darf dasjenige, was uns umgibt, nicht gefaßt werden.
Dem Mephistopheles stehen von seiner Mondenzeit her nur zur Verfügung die Kräfte, welche befehligen Lemuren, Dick- und Dürrteufel,
aber was die aus der Natur herausziehen, aus der Erdennatur, ist nur
das Mephistophelische, und da kann noch anderes herausgezogen werden, was Mephistopheles nicht wissen kann, weil er nicht die Erdenentwickelung in seiner Art mitgemacht hat. Das wird herausgezogen, indem
aus der nun wirklichen Heiligung der physischen Natur, der Veredelung
der physischen Natur die Verwandtschaft mit den irdischen Kräften
und Elementen gesucht wird.
Ewiger Wonnebrand,
Glühendes Liebeband,
Siedender Schmerz der Brust,
Schäumende Gottes-Lust.
Pfeile, durchdringet mich,
Lanzen, bezwinget mich,
Keulen, zerschmettert mich,
Blitze, durch wettert mich; •
- und so weiter. Da haben Sie das Durchbrausen der Natur, die zum
Menschen gehört, die auch verbunden ist mit dem Luziferischen, mit dem
Teuflischen, aber höher hinaufgeht. Da haben Sie diese Natur. Und die
Engel haben auf der Erde die Aufgabe oder für die Erde die Aufgabe,
mitzunehmen die Pflege des Menschengeschlechtes. Die Engel, die
nicht zurückbleiben, sondern fortschreiten bis zu der Pflege des Menschengeschlechtes, wie es auf der Erde sein soll, betrachtet Goethe als die
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eigentlichen Erlöser. Erinnern Sie sich, welchen Auftrag der Herr den
eigentlichen Engeln gibt:
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfaß' euch mit der Liebe holden Schranken
- da sollen sie Hilfe leisten, da sollen sie eingreifen, und sie tun es. Diejenigen Engel schreiten in der Engelschar wirklich vorwärts, die sich
beschäftigen mit den liebend-heiligen Büßerinnen und von ihnen die
Rosen nehmen. So wie der Mensch das ihm in der Erdenevolution Zugeteilte aufnimmt, so nehmen diese Engel, die nicht zurückbleiben auf
der Mondenentwickelung, sondern mit der Erdenentwickelung mitgehen, die Kräfte entgegen, die da kommen von solchen Naturen, wie sie
dargestellt sind in dem letzten Akt in den liebend-heiligen Büßerinnen.
Das bringt sie weiter. Das ist Goethes Überzeugung, daß sich die Engel
entwickeln über das Luziferische hinaus. Wie gesagt, ich wollte mit alldem das andeuten, was Goethes Gedanke ist, wie Goethe verbunden
war mit all den großen Evolutionsgedanken in seiner Art.
Nun wollen wir morgen weitersprechen. Ich hoffe, daß Sie aus dem
heute Auseinandergesetzten gesehen haben, wie Goethe Tiefen des Werdens und der Weltengeheimnisse aufsucht, um seinen «Faust» zu schaffen, und wie er sein Urteil abgeben wollte über die sich fortentwickelnden Weltanschauungsströmungen. Ja wahrhaftig, es liegt viel in diesem
«Faust», sehr, sehr viel liegt in diesem Faust! Und man muß schon
sagen: Unendliches könnte die Menschheit gewinnen, wenn sie versuchen würde, sich an alldem zurechtzufinden, was in diesen Goetheschen «Faust», um Goethes eigenen Ausdruck zu gebrauchen, hineingeheimnißt ist. Doch von alldem wollen wir dann morgen weiter reden
und von einigen Zusammenhängen dieser Faust-Ideen mit den Ideen
der Geisteswissenschaft. |