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Pfingststimmung. Fausts Initiation mit den Geistern der Erde

Pfingststimmung. Fausts Initiation mit den Geistern der Erde

Dornach, 22. Mai 191$, im Anschluß an eine eurythmische Darstellung der ersten Szene des «Faust» II. Teil

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ist ja, das wird verstanden werden, gerade zu diesem Zeitpunkt, nämlich gerade zu Pfingsten, wohl kaum möglich. Bedenken wir, wodurch die Zeit der Pfingsten charakterisiert ist in dem Dokument des Christentums, in dem Neuen Testament. Wir werden finden, daß die bedeutsame Charakteristik des Pflngstfestes die ist, daß der Geist ausgegossen wird über diejenigen, die Apostel genannt werden. Und die Folge des Ausgießens des Geistes ist, wie wir aus dem zweiten Kapitel der Apostelgeschichte ersehen, daß die Menschen der verschiedensten Sprachen, die da versammelt sind am Pfingstfeste, zehn Tage nach der sogenannten Himmelfahrt, ein jeder das, was ihnen verkündet werden soll, so vernimmt, daß es ihm vertraut klingt, trotzdem ein jeder ausdrücklich betont, daß er nur seiner Muttersprache fähig ist. Und so erscheint die Ausgießung des Geistes am Pfingstfeste wie die Ergießung des Geistes der Liebe, der Eintracht, der Harmonie derjenigen, die über den Erdkreis hin die verschiedensten Sprachen sprechen. Oder man könnte, besser gesagt, um den Wortlaut der Bibel besser zu treffen, die Sache in der folgenden Weise wenden. Man könnte sagen: Es wird in der Pfingstverkündigung etwas gegeben, was so dem menschlichen Gemüte anklingt, daß ein jeder es verstehen kann, trotzdem er nur seine Muttersprache versteht. Es empfindet fast jeder als dem widersprechend, was uns in diesem Jahre am Pfingstfeste umgibt, wenn nur eine Interpretation desjenigen gegeben wird, was mit dieser Pfingstverkündigung gemeint sein kann. Wir brauchen nur zu bedenken, daß die Welt neunzehn Jahrhunderte nach dieser Pfingstverkündigung es dahin gebracht hat, diese Pfingstverkündigung so zu befolgen, daß nunmehr dieses Pfingstfest sieht auf vierunddreißig verschieden sprechende Völker miteinander im Kampfe, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 72 Seite: 9 6 gewissermaßen völlig widersprechend demjenigen, was der Sinn des Pfingstfestes ist. Vielleicht wird diese Sprache der Tatsache doch wenigstens in eine gewisse Anzahl von Menschen die Erkenntnis einfließen lassen, daß jene Pfingstverkündigung noch nicht in durchgreifender Weise über den Erdkreis sich verbreitet hat, daß sie noch nicht in genügender Art die Gemüter der Menschen ergriffen hat, und daß sie in einer neuen Form zu den Gemütern der Menschen wird sprechen müssen, eindringlicher, bedeutsamer, als sie bisher gesprochen hat, damit sie in die Zukunft hin in derjenigen Weise verstanden werden könne, in der sie doch verstanden werden muß. Und so sei denn in diesem Jahre als Pfingstbetrachtung gewissermaßen ein allgemeiner Gesichtspunkt eingenommen, ein Gesichtspunkt, der uns von einer gewissen Seite die neue Pfingstverkündigung nahebringen kann, die wir meinen mit der Geisteswissenschaft. Denn als eine Pfingstverkündigung an die Menschheit müssen wir doch ansehen, was gerade in den Vorträgen ausgeführt worden ist, die wir hier absolviert haben; als eine Pfingstverkündigung müssen wir diese Geisteswissenschaft doch auffassen. Nehmen wir einmal das, was wir über das Mysterium von Golgatha wissen, und lassen wir es vor unsere Seele treten. Worin besteht das Wesentliche dieses Mysteriums von Golgatha? Dieses Wesentliche des Mysteriums von Golgatha besteht darinnen, daß eine geistige Wesenheit, von der wir wissen, daß sie den kosmischen Sphären angehört, herabgestiegen ist und irdische Schicksale, irdisches Leid durchgemacht hat in einem physischen Menschenleibe, daß die Christus-Wesenheit drei Jahre verlebt hat in dem Leibe des Jesus von Nazareth. Durch das, was die Christus-Wesenheit in dem Leibe des Jesus von Nazareth erlebt hat, ist diese Christus-Wesenheit seit dem Mysterium von Golgotha mit dem vereinigt, was wir den Geist der Erde nennen können, was wir das Aurische der Erde nennen können. So daß die gesamte Erdenentwickelung für uns in eine Zeit vor dem Mysterium von Golgatha zerfällt, da gewissermaßen dasjenige, was der Christus-Geist ist, nur angedeutet werden kann, wenn der Mensch sich erhebt durch Initiation aus der irdischen Sphäre heraus, um wahrzunehmen nicht dasjenige, was innerhalb der irdischen Sphäre liegt, sondern dasjenige, woran die Erde keiCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 72 Seite: 9 7 nen Anteil hat, was ihr erst vorbestimmt ist für eine spätere Zukunft, und in die Zeit nach dem Mysterium von Golgatha, Seit dem Mysterium von Golgatha, wissen wir, ist dies so, daß der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen nicht der Erde zu entfliehen braucht, sondern innerhalb der Erdensphäre verbleiben kann und vernehmen kann innerhalb dieser Erdensphäre dasjenige, was die Christus-Wesenheit an Impulsen enthält. Nun müssen wir uns klarmachen, daß die Jahrhunderte bis in unsere Zeit herein in bezug auf einen Teil der Menschheit ein Bewußtsein davon^aufgenommen haben, daß der Christus-Impuls mit dem Erdendasein sich verknüpft habe. Ganz geändert hat sich etwas in dem Gesamtbewußtsein der Menschen, derjenigen Menschen, die etwas gefühlt haben, empfunden haben von dem Christus-Impuls. Geändert hat sich etwas in dem Gesamtbewußtsein dieser Menschen. Der Glaube trat in die Seele ein, daß der Christus mit dem Menschen ist, daß sich das menschliche Gemüt vereinigen kann mit dem Christus, daß das menschliche Gemüt etwas durchleben kann innerhalb des Erdendaseins, was von dem Christus-Impuls lebendig durchdrungen wird. Ein Verständnis aber desjenigen, was der Christus-Impuls im gesamten Erdendasein in der Entwickelung der Menschheit ist, muß durch die Geisteswissenschaft erst wirklich in die Menschenseelen dringen. Und dazu ist notwendig, daß erkannt werde, wie dieser Christus-Impuls in der Menschenseele so wirkt, daß zwei andere geistige Impulse gewissermaßen im Gleichgewicht gehalten werden. Das wird darzustellen haben unser Bildwerk, welches wir aufzustellen haben im Osten unseres Baues. Da werden wir den Repräsentanten der Menschheit hinstellen, den Repräsentanten des Menschen, insofern dieser Mensch das Tiefste in sich erleben kann, insofern dieser Mensch erleben kann das, was man erlebt, wenn man den Christus-Impuls als einen lebendigen Impuls in seine Seele aufgenommen hat. Meinetwillen wird man nennen können die Hauptfigur im Bau im Osten den Christus, man wird ihn auch nennen können den Repräsentanten des verinnerlichten Menschen überhaupt. Aber man wird sehen müssen diesen Geist, der durch einen menschlichen Leib spricht, im Zusammenhange mit zwei andern geistigen Wesenheiten, mit Luzifer und Ahriman. Aufrechtstecopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 72 Seite: 9 8 hend wird der Repräsentant der Menschheit auszudrücken haben das Verhältnis zu Luzifer und Ahriman. Es wird alles an dieser Figur nur charakteristisch sein müssen. Vor allen Dingen werden Sie später, wenn diese Figur gerade einmal aufgestellt ist, bemerken können, daß die Geste der als Linke erhobenen Hand und die Geste der als Rechte gesenkten Hand ganz besondere sind. Diese Geste der Hände wird verstanden werden können, wenn man sehen wird, wie oben auf dem Felsen, nach dessen Gipfel sich die linke Hand des Menschheitsrepräsentanten erhebt, der linke Arm erhebt, wie oben auf diesem Felsengipfel Luzifer abstürzt aus dem Grunde, weil er sich die Flügel bricht. Nun wird man leicht glauben können, daß dieses Brechen der Flügel durch die Kraft geschähe, welche ausströmt aus dem Arm des Menschheitsrepräsentanten, als ob gleichsam diese Kraft nach Luzifer ausstrahlte und ihm die Flügel bräche. Das wäre eine falsche Auffassung. Und es wird uns hoffentlich gelingen, durch die plastische Darstellung diese falsche Auffassung nicht aufkommen zu lassen. Denn nicht darum handelt es sich, daß von dem durchchristeten Menschen etwas ausströme, was Luzifer die Flügel bricht, sondern darum handelt es sich, daß Luzifer in sich selber etwas erlebt, indem er die Nähe des Christus empfindet, was zum Brechen seiner Flügel führt. Weil er die Christus-Kraft, den Christus-Impuls, nicht ertragen kann, bricht er sich die Flügel. Es ist ein Vorgang, der nicht durch einen Kampf des Christus gegen Luzifer erzeugt wird, sondern es ist ein Vorgang im Inneren des Luzifer selber, etwas, was Luzifer in sich erleben muß, und es darf keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß es dem Christus unmöglich wäre, Haß- oder Kampfgefühle gegen Luzifer zu empfinden. Der Christus ist der Christus und erfüllt nur mit Positivem das Weltensein, bekämpft keine Macht der Welt! Aber sich muß die Macht bekämpfen, die als luziferische Macht nun in seine Nähe kommt. Daher darf nicht aggressiv die Hand wirken, die links erhoben wird, und auch nicht aggressiv darf die linke Hälfte des Antlitzes wirken mit dieser eigentümlichen Geste, sondern es ist wie ein Hinweisen darauf, daß im Weitenzusammenhange Christus etwas mit Luzifer zu tun hat. Aber nicht ein Kampf ist es. Der Kampf entsteht erst in der Seele des Luzifer selber. Er bricht sich selbst die Flügel, ihm werden die Flügel nicht von Christus gebrochen. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 72 Seite: 9 9 Und ebenso ist es mit Ahriman, der in einer Felsenhöhle unter der rechten Seite des durchchristeten Menschen kauert, unter der die Erde nach oben getrieben wird: das Materielle, das in die Menschen wie hineingetrieben wird, das aber sich nicht erkraften kann und erlahmt, weil die Christus-Kraft in seiner Nähe ist. Wiederum darf die Christus-Kraft, die durch den Arm in die Hand wallt und strömt, nichts verraten von einem Haß gegen Ahriman, sondern Ahriman ist es selber, der in sich erlahmt, und der durch dasjenige, was in seiner Seele vorgeht, das versteckt liegende Gold in den Adern der Erde wie Fesseln um sich schlingt, so daß er aus dem Erdengolde sich Fesseln macht und sich selber anschmiedet. Er wird nicht durch Christus angeschmiedet, er schmiedet sich selber an, indem er die Nähe des Christus empfindet. Damit aber wird erst das Urverhältnis, ich möchte sagen, bloßgelegt, welches erkannt werden muß, damit dasjenige, was der Christus-Impuls ist, wirklich von den menschlichen Seelen verstanden werden kann. Durch ein einfaches Gleichnis kann man diesen Christus-Impuls abstrakt klarlegen. Denken Sie sich einmal ein Pendel. Das Pendel schlägt aus nach der einen Seite, fällt dann durch seine eigene Schwerkraft bis zum untersten Punkt und schlägt nach der andern Seite aus, eben so weit, bis an dieser andern Seite ein Punkt ist, den wir als Gleichgewichtspunkt bezeichnen. Dieser Punkt wäre ein toter Punkt, ein ruhender Punkt, wenn das Pendel nun nicht nach der andern Seite ausschlagen würde. Leben ist im Pendel dadurch, daß es nach beiden Seiten ausschlägt und in der Mitte einen Ruhepunkt hat. So können wir uns seit dem Mysterium von Golgatha die Erdenentwickelung vorstellen: Pendelausschlag nach der einen Seite, nach der luziferischen Seite, und Pendelausschlag nach der andern Seite, nach der ahrimanischen Seite. Und der Gleichgewichtspunkt ist der Christus in der Mitte. Daß dies erst erkannt werden muß, mag Ihnen aus einer bedeutsamen historischen Tatsache hervorgehen. Wir alle bewundern das Bild, das Michelangelo als «Jüngstes Gericht» gemalt hat. Sie kennen es aus Nachbildungen des Originals, das sich in der Sixtinischen Kapelle befindet. Wir sehen da mit großartiger Meisterschaft durch Michelangelo hinCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite: 10 0 gemalt den Christus, wie triumphierend die einen zur Hölle sendend, den bösen Geistern entgegen, die andern, die Guten, nach dem Himmel sendend. Und schauen wir einmal ins Antlitz diesem Christus, dann sehen wir in ihm den Weltenzorn. Und haben wir Geisteswissenschaft aufgenommen, haben wir alles das wirklich in Liebe mit unserem Gemüte vereinigt, was wir bisher aufnehmen konnten von Geisteswissenschaft, dann sagen wir heute trotz unserer Bewunderung gegenüber dem, was Michelangelo geschaffen hat: Das ist kein Christus, denn der Christus richtet nicht! Die Menschen richten sich selber, wie Luzifer und Ahriman eigene Vorgänge erleben, nicht dasjenige, was durch irgendeinen Kampf des Christus gegen sie bewirkt wird. Als Michelangelo seinen Christus schuf, war noch nicht die Zeit, den Christus in wirklicher Vollkommenheit zu erkennen. Es waltete in den Menschen noch, ich möchte sagen, Unklarheit. Man sah im Christus selber etwas von dem, wovon wir heute wissen, daß es dem Luzifer oder dem Ahriman zugeschrieben werden muß. Und verstehen können wir heute etwas von dem, wenn Leute in dem Michelangelo-Christus selber etwas wie Luzifer oder Ahriman gefunden haben, denn er ist noch nicht frei, so wie ihn Michelangelo darstellt, von dem, wovon der Christus völlig frei ist. Halten wir uns einmal vor die Seele, stellen wir uns einmal richtig vor, was es heißt, daß aus jener Anschauung, aus der Michelangelo gewachsen ist, ein Bild des Christus nicht zustande kommen konnte, welches einem wirklichen Verstehen des Mysteriums von Golgatha entspricht, weil noch ungeklärt war dasjenige, was gewußt werden muß: das Verhältnis zwischen Christus, Luzifer und Ahriman. Wie oft ist es betont worden in unseren Kreisen, daß es eine falsche Empfindung ist, hinzuweisen auf Luzifer und zu sagen: Ich will ihm entfliehen, - oder hinzuweisen auf Ahriman und zu sagen: Ich will ihm entfliehen. - Das würde nur heißen, mit der Schwäche einen Pakt schließen wollen, würde heißen, dem Pendel den Rat zu geben, damit es in der Gleichgewichtslage sei, gar nicht auszuschlagen nach links und nach rechts, sondern immer in Ruhe zu bleiben. Wir können nicht entfliehen den Weltenkräften, die wir als Luzifer und Ahriman bezeichnen, wir müssen zu ihnen nur das rechte Verhältnis finden. Und dieses rechte VerCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite: 101 hältnis finden wir, wenn wir den Christus-Impuls in der richtigen Weise verstehen, wenn wir in der Christus-Wesenheit den Führer sehen, der uns in das rechte Verhältnis zu den luziferischen und ahrimanischen Mächten setzen kann, die einmal Mächte der Welt sein müssen. Betrachten wir alles dasjenige, was Luzifer hineinbringt in das Leben der Menschen. Alles das bringt er hinein, was zusammenhängt mit dem Empfinden, mit den Leidenschaften, mit dem Gefühls- und Gemütsleben. Trocken, nüchtern, abstrakt wäre das Leben, wenn nicht die lebendige Empfindung, das lebendige Gefühl dieses Leben durchfluteten. Sehen wir hin auf die Entwickelung der Geschichte, was die Leidenschaft, die man oftmals auch die edle Leidenschaft nennt — mit Recht die edle Leidenschaft —, in der Geschichte bewirkt hat, was Fühlen und Empfinden bewirkt haben. Nimmermehr sind aber wir imstande, überhaupt Gefühle und Empfindungen zu hegen, ohne in die Sphäre des Luzifer uns zu begeben. Nur darum handelt es sich, daß wir niemals in diese Sphäre eintreten ohne die Führung des Christus-Impulses. Und sehen wir auf der andern Seite, wie notwendig es gerade in der neueren Zeit geworden ist, immer mehr und mehr die Welt zu verstehen, Wissenschaft auszubilden, die äußeren Naturkräfte zu beherrschen. Herr desjenigen, was die äußere Wissenschaft ist, desjenigen, was in den äußeren Naturkräften lebt, ist Ahriman. Und wir müßten dumm und töricht bleiben, wollten wir fliehen das ahrimanische Element. Nicht darum handelt es sich, das ahrimanische Element zu fliehen, sondern wiederum unter der Führung des Christus-Impulses in jene Sphäre einzutreten, in der Ahriman in der Welt waltet. Und so nicht in träger Weise bloß den Ruhepunkt zu suchen, sondern die lebendige Bewegung des Weltenpendels mitzuerleben, so zu erleben, daß wir keinen Schritt machen ohne die Führung des Christus-Impulses. Christus-Erkenntnis ist erst möglich, wenn das Verhältnis des Christus-Impulses zu den luziferischen und ahrimanischen Kräften der Menschenseele klar geworden ist. Daher gehört die Verkündigung der luziferischen und ahrimanischen Seite der Welt zu demjenigen, was unsere geisteswissenschaftliche Bewegung aufnehmen mußte, da sie sich bewußt war, auf den Boden des Christus-Impulses sich stellen zu müssen. Und darum können Sie gerade in der außerchristlichen theosophischen Lehre von den ahrimaniCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite: 102 sehen und luziferischen Elementen nichts finden, weil dies eben auftreten mußte, dieses luziferische und ahrimanische Element, in dem Augenblick, in dem in ernster Weise die geisteswissenschaftliche Bewegung mit dem Christus-Impuls zu rechnen hatte. Ich denke, es ist etwas außerordentlich Wichtiges für die Menschenseele, zu fühlen, wie Geisteswissenschaft die Aufgabe hat, wirklich etwas Neues in das Menschenbewußtsein hineinzubringen, etwas so Neues, daß wir es selbst messen dürfen an so großen Schöpfungen der Menschheit, wie es der Michelangelosche Christus des «Jüngsten Gerichtes» ist. Und es wird uns dasjenige, was uns durch Geisteswissenschaft vorschweben muß, als die neue Pfingstverkündigung im rechten Sinne des Wortes erscheinen müssen. Wir haben um die Osterzeit herum gesehen, wie einer der großen Geister der neueren Zeit, Goethe, gerungen hat, denjenigen, den er als den Repräsentanten der Menschheit hingestellt hat, den Faust, in eine Beziehung zu bringen zu dem Christus-Impuls. Und wir haben gesehen, wie Goethe in seiner Jugend das noch nicht konnte, wie es ihm erst im reifen Alter möglich geworden ist. Und so erscheint uns denn vielfach das Geistesleben, wie es sich heraufentwickelte bis in unsere Gegenwart, als ein Ringen, als ein unablässiges Ringen. Es erscheint uns wahrhaftig so, daß es uns im höchsten Grade bescheiden machen muß, wenn wir so sehen, wie die erlesensten Geister der Menschheit gestrebt haben, um Vorstellungen, um Empfindungen zu bekommen für dasjenige, was der Christus-Impuls bedeutet. Da überkommt es uns, wie bescheiden wir sein müssen in dem menschlichen Streben nach dieser Erkenntnis des Christus-Impulses. Goethe - wir haben es gesehen - lag zunächst daran, das, was als luziferisches und ahrimanisches Element um den Menschen herum wirkt, wirklich hintreten zu lassen an seinen Repräsentanten der Menschheit, an den Faust. Und wir haben gesehen, wie Goethe durcheinandergemischt hat das ahrimanische und das luziferische Element, so daß man es nicht leicht unterscheiden kann in der Mephistopheles-Figur. Wir haben da gezeigt bei den Ostervorträgen, wie in der Mephistopheles-Figur zusammengemischt ist luziferisches und ahrimanisches Element, weil Goethe eine klare Erkenntnis noch nicht möglich war. Goethe hat im Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:103 Grunde genommen zeitlebens empfunden, wie in ihm rumorte das Streben, ins. Klare zu kommen über das Verhältnis des Menschen zu Luzifer und Ahriman. Als er am Ende des 18. Jahrhunderts als reifer Mann von Schiller aufgefordert wurde seinen «Faust» fortzusetzen, und wieder sah, was er in seiner Jugend hingeschrieben hatte, da nannte er dasjenige, was er da zusammengefügt hatte zu verschiedenen Zeiten, einen Tragelapb - halb Tier und halb Mensch; so kam ihm sein «Faust» vor. Und er nannte seinen «Faust», um die Schwierigkeit anzudeuten, jetzt ihn fortzusetzen, «eine barbarische Komposition», so daß uns das Urteil vorliegt von Goethe, der genauer Bescheid wissen mußte über seinen «Faust» als diejenigen, die nicht Goethe sind, daß der «Faust» ein Tragelaph sei, «halb Tier und halb Mensch», daß er eine «barbarische Komposition» sei! Dasjenige, was ich zu Ostern darstellen wollte, und was so leicht mißverstanden werden kann, führt zuletzt auf ein Urteil von Goethe selbst zurück. Ja gewiß, sehr gescheite Leute sehen in dem «Faust» ein vollkommenes Kunstwerk, sehen in dem «Faust» dasjenige, was sich nicht überbieten läßt. Es war nicht Goethes Meinung und darf auch nicht ferner unsere Meinung sein. Wenn wir auch im «Faust» die Erhebung zu einem Höchsten sehen, so müssen wir uns darüber klar sein, daß dieser «Faust» vor allen Dingen selbst in der inneren Komposition daran leidet, daß in seiner Figur des Mephistopheles Luzifer und Ahriman in ganz unorganischer Weise ineinandergemischt sind. Aber trotz all diesem Ineinandermischen fünlte Goethe dunkel: Luzifer und Ahriman, sie hatten ja beide auftreten müssen. Goethe mischt nur alles zusammen und nennt alles «Mephistopheles», so daß in den einzelnen Szenen im «Faust» Luzifer oft Luzifer, in andern Teilen Mephistopheles oder Ahriman ist. Aber dieses war Goethe ganz klar: in dem Menschen geht etwas vor, was unter dem Einflüsse von Luzifer und Ahriman geschieht, von Luzifer und Mephistopheles. Solches geht im Menschen vor. Nun sehen wir uns einmal den Schluß des ersten Teiles von Goethes «Faust» an. Wie endet er? Faust hat die denkbar schwerste Schuld auf sich geladen, hat ein Menschenleben auf seinem Gewissen, hintergangen hat er einen Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen, sich selbst und den andern Menschen gegenüber. Und das letzte Wort des ersten Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:104 Teiles des «Faust» ist: «Her zu mir!», in demselben Momente, wo nur durch eine Stimme wie vom Himmel heruntertönt verhallend: «Heinrich, Heinrich!» Wir wissen also aus diesem Schluß des ersten Teiles, wohin Faust gekommen ist. Er ist gekommen zu Mephistopheles. Mephistopheles hat ihn. Darüber ist gar kein Zweifel möglich. Und nun sehen wir den Beginn des zweiten Teiles. Dieser Beginn des zweiten Teiles bietet uns eine anmutige Gegend dar: «Faust auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig, Schlaf suchend.» Geister treten auf. Und aus dem, was sie sprechen, bekommen wir den Eindruck: wir haben es mit einer Natur zu tun, ja wirklich, mit einer Natur - wir brauchen nur jetzt in dieser Jahreszeit hinauszugehen - und wir haben diese Natur. Pfingstnatur etwa! Pfingststimmung etwa! Diese Pfingststimmung, sie wirkt auf Faust. Und nachher setzt er seinen Lebensweg weiter fort. Ein Gelehrter hat einen Ausspruch getan gegenüber dem, was Goethe da gemacht hat, der, man kann sagen, immerhin etwas für sich hat, trotzdem der Ausspruch philiströs und pedantisch ist. Der Gelehrte hat gesagt: Wenn du eine schwere Schuld auf dich geladen hast, wie Faust dem Gretchen gegenüber, so begib dich in eine anmutige Gegend, auf blumigen Rasen, mache etwa eine Bergpartie, und deine Seele wird nachher gesundet sein, zu weitern Taten fähig. - Man kann sagen, realistisch ahrimanisch aufgefaßt, hat dieser Ausspruch des Gelehrten - Rieger - manches für sich. Denn es müßte eigentlich allen Menschen, die im gewöhnlichen Sinne der heutigen Zeit eine rein materialistische Weltanschauung haben, unerträglich sein, den zweiten Teil des «Faust» auf sich wirken zu lassen, nachdem die große, gewaltige Schuld im ersten Teil charakterisiert ist, die Faust auf sich geladen hat. Aber man nimmt leider die größte Dichtung der Menschheit, soweit das menschlich Persönliche in Betracht kommt - denn das ist der «Faust», trotzdem er eine barbarische Komposition und ein Tragelaph in seinem ersten Teil ist -, man nimmt diese Dichtung leider nicht wörtlich genug. Nähme man sie wörtlich genug, so müßte man eben wissen, daß wahr ist: «Her zu mir!» .. . Mephistopheles hat den Faust. So wie er ihn hat, ist jetzt Faust auf blumigen Rasen gebettet, unruhig Schlaf suchend. Und wir dürfen uns den Faust nicht losgelöst denken am Beginne des zweiten Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:105 Teiles von den höllischen Mächten. Aber Goethe rang nach wirklicher spiritueller Erkenntnis. Wie nahe Goethe spiritueller Erkenntnis war, mag Ihnen aus einer Briefstelle hervorgehen, die Goethe einmal an seinen Freund, den Musiker Zelter, geschrieben hat. Eine bedeutsame Brief stelle! Goethe schreibt da: «Man bedenke, daß mit jedem Atemzug ein ätherischer Lethestrom unser ganzes Wesen durchdringt, so daß wir uns der Freude nur mäßig, der Leiden kaum erinnern.» Mit jedem Atemzug durchdringt unser Inneres in der Tat ein ätherischer Lebensstrom, das heißt aber nichts anderes als: Goethe wußte ganz gut von dem Ätherleib, den der Mensch hat. Er hat das in seiner Zeit natürlich nur im Freundeskreis zur Sprache gebracht. Wie Goethe stand zu der gesamten menschlichen Wesenheit, wie er, hinblickend auf diese menschliche Wesenheit, sich sagte: Diese menschliche Wesenheit kann schuldig werden, denn in ihr wohnt etwas, was unter mephistophelischem Einflüsse steht, was dem Mephistopheles gehört -, wie Goethe hinblickte auf diesen Menschen, der dieser Sphäre angehört, so war ihm zu gleicher Zeit klar, daß etwas in der menschlichen Natur lebt, was diesem Einfluß niemals verfallen kann, was bewahrt werden kann vom ahrimanisch-luziferischen Einfluß. Und dasjenige, was bewahrt werden kann vom ahrimanisch-luziferischen Einfluß, das ist es in Faust, womit wir es im Anfange des zweiten Teiles zu tun haben. Der Faust, der schuldig werden konnte, der Faust, der sich durch Mephistopheles in die trivialsten, banalsten Lebensgenüsse hat ziehen lassen, der Faust, der dann das Gretchen verführt hat, der Faust ist schuldig geworden. Wir in unserer geisteswissenschaftlichen Sprache würden sagen: Dieses im Faust hat zu warten bis zur nächsten Inkarnation. Aber in der Menschennatur ist etwas, was des Menschen höheres Selbst ist, was in Beziehung bleibt zu den geistigen Mächten der Welt. Daher treten die geistigen Mächte der Welt diesem Ewigen in Faust gegenüber. Der Faust, den wir am Beginn des zweiten Teiles erblicken, müssen wir uns nicht im realistischen Sinne vorstellen als so und so viel älter gewordenen Faust, sondern er ist wirklich nur der Repräsentant zunächst des höheren Selbstes in Faust. Er trägt noch dieselbe Gestalt. Aber diese Gestalt ist der Repräsentant von etwas, was im Faust Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:106 nicht hat schuldig werden können. Dieses, was im Faust nicht hat schuldig werden können, tritt nun in Beziehung zu den Dienern des Erdgeistes. Goethes Sehnsucht ging von seiner Jugend an dahin, eine Anschauung darüber zu gewinnen, wie es denn ist mit des Menschen Schuld, mit dem Bösen in der Welt, und wie doch über allem etwas schwebe, was ausgleichend wirken müsse gegenüber Schuld und gegenüber dem Bösen. Und so wagte sich denn Goethe, da er gewissermaßen Fausts eine Natur dem Mephisto überlassen mußte - «Her zu mir!» -, er wagte sich an die andere Natur des Faust. Und wir müssen uns ganz klar sein, jetzt spricht im Beginne des zweiten Teiles zunächst nicht derselbe Faust, den wir kennen aus dem ersten Teil, sondern es spricht eine andere, eine zweite Natur, die nur noch äußerlich Fausts Gestalt trägt, und die sich einleben kann in dasjenige, was als Geistiges die äußere Welt durchzieht. In das aber muß sich hineinfinden, was zunächst keinen Zusammenhang hat mit Fausts äußerem physischem Leib. Denn der physische Leib behält natürlich, solange wir in derselben Inkarnation bleiben, alle Zeichen der Schuld, in die wir verfallen sind. Recht verbinden mit dem, was das höhere Selbst ist, kann sich nur dasjenige in uns, was von dem physischen Leib sich frei macht. Und so muß Faust jene Umwandlung durchmachen, die wir nennen können die Umwandlung der Schuld in eine höhere Erkenntnis. Das, was er als Schuld trägt, wird er mittragen bis in seine nächste Inkarnation. Für diese Erdeninkarnation trägt er die Schuld als die Quelle einer sich ihm öffnenden höheren Erkenntnis, einer genaueren Erkenntnis des Lebens. Und so öffnet sich denn dem Faust, trotzdem er die ungeheuerste Schuld auf seiner Seele trägt, die Möglichkeit, daß sein höheres Selbst in Zusammenhang gebracht wird mit dem, was die Welt als Geistiges durchwallt und durchlebt und durchwebt. Fausts höheres Selbst kommt mit einem Geiste der Erdenaura in Beziehung. Goethe wollte gleichsam darstellen: dasjenige, was das Höchste im Menschen ist, konnte gar nicht ergriffen werden von Mephistopheles, wir würden sagen: Luzif er-Ahriman, - das muß bewahrt worden sein, das muß in andere Sphären eintreten, eingehen können. Und so ist denn von Goethe ganz ernst gemeint, daß dieses höhere Selbst in Faust nun Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite: 107 in Beziehung tritt zu dem, was die elementarische Welt als geistige Wesenheit enthält. Wir werden später sehen, wie das wiederum mit dem zusammenhängt, was hier schon in den Ostervorträgen gesagt worden ist. Aber nun bedenken wir, wie anknüpfen diese geistigen Wesenheiten, die unter der Führung des Luflgeistes stehen, denn ein solcher ist Ariel, wie anknüpfen diese Geister, die wir also im ganzen als Luftgeister bezeichnen können, an die äußeren Naturvorgänge, wie sie sich aber offenbaren als dasjenige, was eine andere geistige Welt ist, gegenüber dem Selbst, das in der überirdischen Natur dem Einfluß von Luzifer und Ahriman nicht ausgesetzt ist: Wenn der Blüten Frühlingsregen Über alle schwebend sinkt, Wenn der Felder grüner Segen Allen Erdgebornen blinkt, - also wenn die Natur sproßt und sprießt in der Frühlings-Pfingstzeit, da kommen die Elementargeister heraus. Für das Äußerlich-Materielle sind sie klein, groß sind sie als Geister, denn sie sind erhaben über dasjenige, was im Menschenherzen dem Guten, dem Bösen verfallen kann. Kleiner Elfen Geistergröße Eilet, wo sie helfen kann; Ob er heilig, ob er böse .. . - das ist der nächsten Inkarnation überlassen, das geht diese Geister nichts an - Ob er heilig, ob er böse, Jammert sie der Unglücksmann . .. Die Geister haben es mit seinem höheren Selbst zu tun, das bewahrt bleibt vor dem, was in Karma oder Inkarnation sich abzuspielen hat. Aber wirken können diese Geister nur in ihrem eigenen Elemente, in dem der Mensch mit seinem Wesen ist, wenn er als Geistig-Seelisches die äußeren Leibeshüllen verlassen hat. Und jetzt setzt Goethe auseinander, was diese Elfen mit ihrer Geistergröße zu bewirken haben: Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:108 Die ihr dies Haupt umschwebt im tuft'gen Kreise, Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise, Besänftiget des Herzens grimmen Strauß; Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile, Sein Innres reinigt von erlebtem Graus. Es kann nicht geschehen gegenüber dem Faust, der Ahriman-Luzifer ausgesetzt ist. Diese Reinigung heißt: Holt heraus Faustens höheres Selbst, stellt es rein dar. - Und nun wird ernst genommen etwas, was wie eine Initiation vorgeht mit dem Faust, der außerhalb seines Leibes ist: Vier sind die Pausen nächtiger Weile, - von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens vollbringen die Elfen ihre Pflicht, indem sie die Seele vom Einschlafen bis zum Aufwachen in Zusammenhang bringen mit dem, was geistig durchwallt und durchwebt das Erdendasein. Nun ohne Säumen füllt sie freundlich aus. - die vier Pausen, welche die Seele durchlebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Erst senkt sein Haupt aufs kühle Polster nieder, Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut; Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder, Wenn er gestärkt dem Tag entgegen ruht; - wenn er aufgenommen, was der die Welt durchsetzende Geist darreicht, wenn dieser Geist hineingegangen ist in dasjenige, was in Fausts Wesenheit als ein höheres Selbst bewahrt ist. Vollbringt der Elfen schönste Pflicht, Gebt ihn zurück dem heiligen Licht. Dasjenige, was äußerlich geschieht zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, sind wirkliche, reale Vorgänge, gleichartig einer Initiation. Und jetzt sehen wir, was je in den drei Stunden von sechs bis neun, von neun bis zwölf, von zwölf bis drei und von drei bis sechs Uhr vor sich geht. Da haben wir zunächst die Pause von sechs bis neun Uhr: Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:109 Wenn sich lau die Lüfte füllen Um den grünumschränkten Plan, Süße Düfte, Nebelhüllen Senkt die Dämmerung heran; Lispelt leise süßen Frieden, Wiegt das Herz in Kindesruh, Und den Augen dieses Müden Schließt des Tages Pforte zu! Weg ist die Seele, vom Leibe getrennt. Der zweite Teil: Nacht ist schon hereingesunken, Schließt sich heilig Stern an Stern; Große Lichter, kleine Funken Glitzern nah und glänzen fern; Glitzern hier im See sich spiegelnd, Glänzen droben klarer Nacht, Tiefsten Ruhens Glück besiegelnd Herrscht des Mondes volle Pracht. Aufgenommen wird Sphärenharmonie, Sphärenweisheit von den großen Lichtern, kleinen Funken. Und auch die Geheimnisse des Mondes, all dasjenige, was wir aufnehmen in der Geisteswissenschaft von den Geheimnissen der Sphären, es wird hineinversenkt in Fausts höheres Selbst. Der dritte Teil des Schlafens: Schon verloschen sind die Stunden, Hingeschwunden Schmerz und Glück; Fühl* es vor! Du wirst gesunden; Traue neuem Tagesblick. Täler grünen, Hügel schwellen, Buschen sich zu Schattenruh; Und in schwanken Silberwellen Wogt die Saat der Ernte zu. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:110 Innerlich anknüpfend an das Naturdasein; wir haben auch davon schon gesprochen. Lesen Sie den letzten Haager Zyklus, wie die Menschenseele, wenn sie sich erhebt aus dem Leibe, eins wird mit dem Wallen und Weben des äußerlichen Daseins. Aber ebenso bedeutet das auch das Werden in der Seele des Faust: Und in schwanken Silberwellen Wogt die Saat - die Seele des Faust - der Ernte zu. Und erinnern Sie sich, wie ich gesagt habe, daß der Mensch während des Schlafens wünscht, in den Leib wieder hineinzutreten. - Das ist der letzte Teil der Nacht: Wunsch um Wünsche zu erlangen, Schaue nach dem Glänze dort! Die Sonne kann dann schon geahnt werden. Leise bist du nur umfangen, Schlaf ist Schale, wirf sie fort! Ein wichtiger Satz! Ein großer Dichter schreibt keine Phrasen! Was heißt das: Schlaf ist Schale, wirf sie fort!? - Für denjenigen, der einen gewöhnlichen Schlaf durchschläft, ist der Schlaf nicht Schale; für den ist der Schlaf Schale, für welchen diese Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen die Aufnahme wird für die Weltengeheimnisse. Säume nicht, dich zu erdreisten, Wenn die Menge zaudernd schweift; Alles kann der Edle leisten, Der versteht und rasch ergreift. Und nun das ungeheure Getöse, welches das Herannahen der Sonne verkündet, uns erinnernd an dasjenige, was Goethe im «Prolog im Himmel» im ersten Teil des «Faust» über dieses Sonnentönen schon gesagt hat: Die Sonne tönt nach alter Weise In Brudersphären Wettgesang, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:111 Und ihre vorgeschriebne Reise Vollendet sie mit Donnergang. Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke, Wenn keiner sie ergründen mag; Die unbegreiflich hohen Werke Sind herrlich, wie am ersten Tag. Wenn die Sonne heraufkommt, das Licht sich ergießt über den physischen Plan, da hört die Seele, wenn sie außerhalb des Leibes ist, dieses Herannahen der Sonne als Sphärenmusik, als besonderes Element in der Sphärenmusik. Geister hören es natürlich. Der Mensch hört es nicht, weil er hören muß durch seinen physischen Leib. Der ist aber einverleibt dem physischen Plan, und wenn die Sonne mit dem physischen Plane zusammen ist, da ist die Zeit, wo der Mensch wach sein kann. Daher müssen Geister sich zurückziehen. Dasjenige, was Ariel, der Geist der Lufl, jetzt zu seinen Dienern spricht, das ist andeutend das Heraufziehen der Sphärenmusik. Die Geister können es hören. Derjenige, der außerhalb seines Leibes ist, kann es hören. Faust also hört es noch, dieses Heraufziehen der Sphärenmusik. Dann tritt er in seinen Leib zurück. Dann hat Ariel die Aufgabe, zu verschwinden. Ariel unterrichtet seine Diener, was sie zu tun haben: sie haben zu verschwinden von dem physischen Plan. Denn wenn die Sonne, die sie nur als tönende Sonne zu finden hat, mit ihrem Lichte sie trifft, so werden sie gerade taub davon. Von dem Lichte werden sie taub, während sie die tönende Sonne, in deren Tönen sie selber leben, durchaus ertragen: Horchet! Horcht dem Sturm der Hören! Tönend wird für Geistesohren Schon der neue Tag geboren. Felsentore knarren rasselnd, Phöbus' Räder rollen prasselnd; Welch Getöse bringt das Licht. Es drommetet, es posaunet, Auge blinzt und Ohr erstaunet, Unerhörtes hört sich nicht. Schlüpfet zu den Blumenkronen, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:112 Tiefer, tiefer, still zu wohnen, In die Felsen, unters Laub; Trifft es euch, so seid ihr taub. Und nun verschwinden die Elfen. Faust tritt in seinen Leib zurück. Aber unbewußt bleibt jetzt der schuldige Faust. Der steht nicht vor uns. Der ist tief hinuntergetreten in Fausts Unterbewußtsein und bewahrt sich da auf bis zur nächsten Inkarnation. Der Faust, der eben durchlebt hat das Zusammensein mit dem ganzen geistigen Kosmos, muß jetzt sich klar werden, wie das sich verhält, was er durchlebt hat in den vier Pausen des Schlaflebens, zu dem, wie er jetzt die Welt vernimmt. Er lebt jetzt als höheres Selbst in seinem Leibe. Ein Mensch, der, nachdem er eine Nacht geschlafen hat und nicht das alles in sich hätte, was Faust in sich hat, ein Mensch, der dann sagen würde, nachdem er des Morgens aufwacht: Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig —, wäre ein Narr, denn kein Mensch erwartet etwas anderes, als daß die Erde auch diese Nacht beständig war. Aber allerdings, wenn man das durchlebt, was Faust als Initiation mit den Geistern der Erde erlebt hat, dann hat man etwas erlebt, durch das man in der Tat glauben konnte, die ganze Erde habe sich verwandelt, dann hat es seine Berechtigung, zu sagen, wenn man sozusagen ein neuer Mensch geworden ist, oder vielmehr, wenn in einem der neue Mensch erweckt worden ist: Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig - trotz dessen, was ich erlebt habe. - Da erscheint die Welt ganz neu, weil sie in der Tat einem neuen Menschen gegeben wird. Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig, Ätherische Dämm'rung milde zu begrüßen; Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen, Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben, Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen, Zum höchsten Dasein immerfort zu streben. - Auch jetzt, wo der Geist sich befreit hat von dem, was in die nächste Inkarnation sich aufbewahren muß! Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:113 In Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen, Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben, Tal aus, Tal ein ist Nebelstreif ergossen; Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen, Und Zweig und Äste, frisch erquickt, entsprossen Dem dufVgen Abgrund, wo versenkt sie schliefen; Auch Färb' an Farbe klärt sich los vom Grunde, Wo Blum' und Blatt von Zitterperle triefen, Ein Paradies wird um mich her die Runde. Das sieht der Mensch, indem er, ich sage nicht, die Initiation durchmacht, sondern in dem die Initiation lebt. Und er hat Veranlassung, neu die Welt zu sehen. Alle die Worte, die er jetzt ausspricht, würde er nicht aussprechen, wenn nur derjenige Mensch in ihm steckte, der schuldig geworden ist und der etwa in dieser Inkarnation unter dem Eindruck dieser Schuld leben würde. Hinauf geschaut! - Der Berge Gipfelriesen Verkünden schon die feierlichste Stunde; Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen, Das später sich zu uns hernieder wendet. Jetzt zu der Alpe grüngesenkten Wiesen Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet, Und stufenweis herab ist es gelungen; - Sie tritt hervor! - die Sonne nämlich - und leider schon geblendet, Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen. Das höhere Selbst ist jetzt nicht imstande, das, was das sinnliche imstande war, die Sonne - zu schauen. Dennoch hat Faust soviel erfahren, daß die Sonne jetzt für ihn etwas wesentlich anderes ist. Und jetzt regt sich etwas in seinem Inneren, was mit der menschlichen Erkenntnis zusammenhängt: So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen, Erfüllungspforten findet flügeloffen. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:114 Was für Erfüllungspforten? Nur diejenigen, die ihm geworden sind während seines Schlafes zunächst. Aber selbst die gewöhnliche Welt erscheint ihm jetzt, wie wenn es aus ewigen Gründen wie ein Flammenübermaß brechen würde: Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen; Des Lebens Fackel wollten wir entzünden, Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer! Ist's Lieb? Ist's Haß? . . . Das kennen wir von früher, aber das, was wir jetzt erleben, ist mehr als Liebe und Haß. Ist's Lieb? Ist's Haß? die glühend uns umwinden, Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer, So daß wir wieder nach der Erde blicken, Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier. Er kann gar nicht in die Sonne schauen jetzt; er schaut nach dem Wasserfall, in dem sich die Sonne spiegelt, und der ihm die Regenbogenfarben an einem Bogen zeigt. Von der Sonne wendet er sich ab. Er wird zum Weltenbetrachter, so wie diese Welt hineinscheint als Abglanz des geistigen Lebens - diese Welt, von der man sagen kann: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis des Ewigen. So bleibe denn die Sonne mir im Rücken! Vorher hat er sie angeschaut. Jetzt wendet er sich zum Wasserfall hin. Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend, Ihn schau' ich an mit wachsendem Entzücken. Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend, Dann abertausend Strömen sich ergießend, Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend. Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend, Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer . . . - der in sieben Farben spiegelt das, was in Einheit in der Sonne ist. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:115 Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend, Umher verbreitend duftig kühle Schauer. Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. Ihm sinne nach, und du begreifst genauer: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben. Am farbigen Abglanz haben wir das Leben! - Soweit ist der Faust nach dieser Nacht gekommen, daß er nicht will, wie der Faust des ersten Teiles, sich in das Leben stürzen, so wie es ihn in die Schuld und in das Böse geworfen hat, sondern er wendet sich nach dessen farbigem Abglanz. Es ist derselbe farbige Abglanz, den wir Geisteswissenschaft nennen, der ihm nur vorkommt als ein farbiger Abglanz, und durch den wir uns allmählich hinaufwinden, die Wirklichkeit zu erleben. Was nun folgt, der zweite Teil, das ist farbiger Abglanz des Lebens zunächst. Unsinn ist es, diesen zweiten Teil bloß realistisch aufzufassen. Wir haben den Faust, der mit seinem höheren Selbst am farbigen Abglanz das Leben betrachtet durch den physischen Leib; diesen trägt er jetzt nur weiter durchs Leben wie etwas, was er aufbewahrt, damit auch noch das in ihm zur Entwickelung kommen kann, was als höheres Selbst ihn bewahrt vor demjenigen, das in späteren Inkarnationen kommt. Goethe ist es recht schwer geworden, seinen «Faust» fortzusetzen, nachdem das Wort des Mephistopheles ertönt ist: «Her zu mir!» Aber wir sehen, wie Goethe strebt, die Geheimnisse, die wir heute als die Geheimnisse der Geisteswissenschaft erkennen, zu durchdringen. Wie er sich ihnen naht. Und verfolgen Sie dann diesen zweiten Teil, wie der Mephistopheles wirklich zunächst den Faust hat, wie der Mephistopheles überall drinnen ist in dem, was am «Kaiserhof» und so weiter geschieht. Und wie durch die Nachwirkung der in ihm lebenden Initiation Faust sich allmählich im Verlaufe der Handlung des zweiten Teiles dem Mephistopheles entwindet. Doch das sind weitere Geheimnisse dieses zweiten Teiles. Goethe selber hat gesagt, daß er vieles hineingeheimnißt hat in diesen zweiten Teil! - Man hat das Wort nicht ernst genug genommen. Man wird jetzt durch die Geisteswissenschaft allmählich lernen, solche Worte immer ernster und ernster zu nehmen. Aber das eine werden Sie aus den heutigen Betrachtungen entnommen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:116 haben, daß Goethe in seinem «Faust» danach strebt, fortzuschreiten darin über den ersten Teil hinaus, etwas in seinem «Faust» zum Ausdruck zu bringen von der Stimmung, die wirklich sinnbildlich im Laufe der Jahreszeiten hier angedeutet wird. Wenn Pfingsten herannaht, und wenn die Geister der elementarischen Welt so sich den Menschen nahen, daß von ihnen gesagt werden kann: Wenn der Blüten Frühlingsregen Über alle schwebend sinkt, Wenn der Felder grüner Segen Allen Erdgebornen blinkt, Kleiner Elfen Geistergröße Eilet, wo sie helfen kann, Ob er heilig, ob er böse, Jammert sie der Unglücksmann. Pfingststimmung! Ausgießung des Geistes in den nächsten Sätzen, die der Chor spricht, in den vier Zeiten des Schlafes vom Einschlafen bis zum Aufwachen! So zeigen wir denn auch durch diesen Faust von einer gewissen Seite her die Notwendigkeit, daß der Menschheit überliefert werde nach und nach dasjenige, was Geisteswissenschaft ihr als eine neue Pfingstbotschaft verkünden will. Ist doch dieser Faust so recht geeignet, uns zu zeigen, wie kompliziert dasjenige ist, was da unten auf dem Grunde der Menschennatur besteht. Es lebt in der Menschennatur da drunten, was fortwährend ausgesetzt ist den ahrimanisch-luzif erischen Mächten der Welt, und es lebt da dasjenige, was der Mensch finden kann, wenn er sich in die Führung des Christus-Impulses begibt. Warum sprechen wir von einer Schwelle? Warum sprechen wir von einem Hüter der Schwelle? Wir sprechen davon, weil wirklich wie durch eine Gnade der weisheitsvollen Weltenlenkung dasjenige der Menschenseele zunächst entzogen war, was da unten auf dem tiefen Untergrunde der Menschenseele kämpft und rumort und Krieg führt in unserem alltäglichen Leben. Es ist wie auf einer Oberfläche, und unten rumort es und kämpft es und kriegt. Und selbst dasjenige, was wir im alltäglichen Leben durchleben, ist ein fortdauernder Sieg. Nur muß er Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 272 Seite:117 immer neu erkämpft werden. Und in der Zukunft wird er nur neu erkämpft werden, wenn die Menschen dasjenige wissen werden, wodurch sie geführt hat bisher unbewußt eine gütige, weisheitsvolle Weltenlenkung. Auf dem Grunde der Seele müssen wir wirklich dasjenige •finden, was im gewöhnlichen Sinnesleben'nicht gewußt wird, was aber das Geistige erleben kann. Es ist in jenen Menschentiefen, wo der Menschen Wesen zusammenhängt mit jenen Kräften der Welt, die über Gutes und Böses hinausgehen mit ihrer Geistergröße. Das möchte ich zum Ausdruck bringen durch einen Pfingstspruch, in dem ich zusammengefügt habe, wi'e der Mensch auf dem Grunde seines Seelenwesens elementarische, einander widerstrebende Mächte hat, und wie dasjenige, was in seinem Bewußtsein lebt, Sieg ist über dasjenige, was Krieg führt da unten in den Tiefen des Seelenlebens. Wie die Dinge dann weiter sich verhalten im Zusammenhange des Menschenlebens - wir werden morgen, vielleicht übermorgen davon sprechen. Heute aber möchte ich schließen mit diesem Pfingstspruch, der im Grunde genommen dasjenige ausdrückt, was immer als innerster Nerv in unserer Geisteswissenschaft lebt, und worauf wir auch heute hingewiesen haben: Wo Sinneswissen endet, Da stehet erst die Pforte, Die Lebens Wirklichkeiten Dem Seelensein eröffnet; Den Schlüssel schafft die Seele, Wenn sie in sich erstarkt Im Kampf, den Weltenmächte Auf ihrem eignen Grunde Mit Menschenkräften führen, Wenn sie durch sich vertreibt Den Schlaf, der Wissenskräfte An ihren Sinnesgrenzen Mit Geistesnacht umhüllt. |


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ablage/offen/rudolf_steiner/kunst/002_ga_272_faust_der_strebende_mensch/005_pfingststimmung.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:17

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