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ERSTE SEMINARBESPRECHUNG

ERSTE SEMINARBESPRECHUNG

Dornach, 31. Juli 1922

Das volkswirtschaftliche Denken ist nicht mehr schöpferisch, sondern nur noch betrachtend. Die wirklichkeitsgemäße Methodedes wirtschaftlichen Denkens ist die charakterisierende Begriffsbildung, nicht die juristische. Weder deduktive, theoretisch ableitende, noch induktive, nur Tatsachen beschreibende Methode. Volkswirtschaftliche Inspirationen und symptomatische Betrachtung. Das Wirklichkeitsgemäße der «Kernpunkte der sozialen Frage». Bedingte Gültigkeit des ehernen Lohngesetzes von Lassalle. Die rekurrierende Methode: Von der Qualität der Wirkungen zu den Ursachen geführt werden. Rentenbildende Wirkung der Inflation für den Staat.

Seite Text
9 Frage: Die «Kernpunkte» erscheinen zwar «logisch in sich geschlossen», aber es ist das Kriterium «wirklichkeitsgemäß oder nicht» in den «Kernpunkten» nicht zu finden.

Rudolf Steiner: Es wäre gerade gut, wenn die Freunde sich über diesen Punkt noch etwas deutlicher aussprechen würden. Sie müssen bedenken, daß die Volkswirtschaftslehre als solche eigentlich ein sehr junges Denken ist, kaum einige Jahrhunderte alt, und daß auf dem Gebiete des volkswirtschaftlichen Lebens sich eigentlich bis zu den großen Utopisten alles mehr oder weniger instinktiv abgespielt hat. Dennoch waren diese instinktiven Impulse, die man hatte, etwas, was in die Wirklichkeit übergegangen ist.
Um ein genaueres Verständnis zu gewinnen, bedenken Sie nur das Folgende. Heute sagen die Leute vielfach: Was wir über das Wirtschaftliche denken können, geht eigentlich aus den wirtschaftlichen Klassengegensätzen hervor, aber auch aus der wirtschaftlichen Arbeitsweise und so weiter. Ich will nicht einmal auf das AUerextremste sehen, wie Marx und seine Anhänger das vertreten. Sondern sogar schon stark ins Bürgerliche spielende Volkswirtschaftslehrer reden davon, daß eigentlich alles aus den ökonomischen Grundlagen wie mit automatischer Notwendigkeit hervorgeht. Dennoch, wenn dann die Leute die einzelnen konkreten Dinge besprechen, so ist es so, daß die konkreten Einrichtungen, die in Aktion getreten sind, um das heutige Wirtschaftsleben hervorzubringen, nichts anderes sind als Ergebnisse des mittelalterlichen Denkens selbst, gewiß im Zusammenhang mit den verschiedenen Realitäten. Aber bedenken Sie nur, was der römische Eigentumsbegriff, also eine rein juristische Kategorie, für eine Gestaltung hervorgerufen hat und was da wieder entstanden ist an Wirtschaftlichem durch diesen Begriff. Man sieht, daß diese Dinge nicht wissenschaftlich behandelt worden sind, daß aber die juristischen, aber auch als juristische schon wirtschaftlich gedachtenKategorien gestaltend gewirkt haben. Nun sind die Merkantilisten und so weiter gekommen, die nun keine schöpferischen Menschen
10 waren, die theoretische Menschen waren. Man kann zum Beispiel sagen, die Ratgeber des Kaisers Justinian, die den Kodex des Corpus Juris geschaffen haben, waren viel schöpferischere Menschen als die späteren Volkswirtschaftslehrer. Diese Leute haben tatsächlich nicht bloß in unserem heutigen Sinn einen Justinianischen Kodex geschaffen, sondern im weiteren Fortgang der mittelalterlichen Entwickelung sehen wir die gegensätzlichen Impulse gerade auf Grundlage dessen sich entwickeln, was in dieser Justinianischen Gesetzgebung festgelegt worden ist.
Und so sind wir in die neue Zeit heraufgekommen zu Menschen, die in ihrem Denken volkswirtschaftlich nicht mehr schöpferisch sind, sondern nur betrachtend. Diese Betrachtung setzt eigentlich so recht ein bei Ricardo. Nehmen Sie zum Beispiel das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag. Das ist so recht ein Gesetz, das eben richtig ist, aber absolut nicht wirklichkeitsgemäß. Denn die Praxis wird fortwährend zeigen, daß zwar, wenn man alle die Faktoren in Betracht zieht, die Ricardo in Betracht gezogen hat, richtig das folgt, was er das Gesetz vom sinkenden Bodenertrag genannt hat, aber in dem Augenblick, wo auf der anderen Seite technisch intensivere Bewirtschaftung auftritt, wird diesem Gesetz ein Strich durch die Rechnung gemacht. Es bewahrheitet sich nicht in der Wirklichkeit.
Nehmen Sie etwas anderes, etwas, was trivialer ist. Nehmen Sie das «eherne Lohngesetz» von Lassalle. Ich muß gestehen, ich empfinde es als einen gewissen wissenschaftlichen Leichtsinn, daß man immer noch verzeichnet findet, dieses Gesetz sei «überwunden», denn die Dinge bewahrheiten sich nicht. Die Sache ist nämlich so: Es kann aus der Denkweise des Lassalle heraus und aus der Anschauung, daß Arbeit bezahlt werden kann, nichts Richtigeres erfolgen als dieses eherne Lohngesetz. Es ist so logisch streng, daß man sagen kann: Absolut richtig ist, wenn man so denkt, wie Lassalle denken mußte, daß niemand ein Interesse hat, dem Arbeiter mehr Lohn zu geben, als daß gerade noch der Lebensunterhalt des Arbeiters möglich ist. Er wird ihm nicht mehr geben, selbstverständlich. Gibt er ihm aber weniger, so wird der Arbeiter verkümmern, und das muß derjenige, der den Lohn bezahlt, büßen. Es ist im Grunde genommen gar nicht
11 auszukommen, ohne theoretisch das eherne Lohngesetz zuzugeben. Schon innerhalb des Proletariats selber sagen die Leute: Das eherne Lohngesetz ist falsch, denn es ist nicht richtig, daß sich in den letzten Jahrzehnten der Lohn eben auf einem gewissen Minimum, das zugleich sein Maximum wäre, erhalten hat. Ja, aber warum ist das eherne Lohngesetz von Lassalle falsch ? Hätten die Verhältnisse fortgedauert, unter denen er es aufgestellt hat - ich will also sagen, die Verhältnisse von 1860 bis 1870 -, hätte man weiter gewirtschaftet unter der rein liberalistischen Anschauung, so wäre das eherne Lohngesetz mit absoluter Richtigkeit in die Wirklichkeit hineingekommen. Man hat es nicht getan, man hat eine Umkehr vollzogen von der liberalistischen Wirtschaft und bessert heute fortwährend das eherne Lohngesetz aus, indem man Staatsgesetze macht, welche eine Korrektur der Wirklichkeit bewirken, die aus dem Gesetz hervorgegangen wäre.
Also Sie sehen, ein Gesetz kann richtig sein und doch nicht wirklichkeitsgemäß. Ich kenne keinen Menschen, der ein größerer Denker war als Lassalle. Er war nur sehr einseitig. Er war schon ein sehr konsequenter Denker.
Wenn man einem Naturgesetz gegenübersteht, dann konstatiert man es. Wenn man einem sozialen Gesetz gegenübersteht, dann kann man es auch konstatieren, aber es ist nur als eine bestimmte Strömung gültig, und man kann es korrigieren. Insofern unsere Wirtschaft rein auf freier Konkurrenz beruht - und vieles ist noch da, das nur auf freier Konkurrenz beruht -, ist das eherne Lohngesetz gültig. Aber weil es unter diesen Voraussetzungen gültig wäre, muß man die Korrekturen mit der Sozialgesetzgebung, mit einer bestimmten Arbeitszeit und so weiter geben. Lassen Sie den Unternehmern vollständig freie Hand, so gilt das eherne Lohngesetz. Daher kann es in der Volkswirtschaft nicht die rein deduktive Methode geben. Die induktive hilft erst recht nichts. Sie hat Lujo Brentano befolgt. Wir können nur die wirtschaftlichen Tatsachen beobachten - sagt sie - und steigen dann allmählich zu dem Gesetze auf. - Ja, da kommen wir überhaupt zu keinem schöpferischen Denken. Das ist die sogenannte neuere Nationalökonomie, die sich die wissenschaftliche nennt. Die
12 will eigentlich bloß induktiv sein. Aber mit ihr kommen Sie nicht vorwärts.
In der Volkswirtschaft brauchen Sie durchaus eine charakterisierende Methode, die die Begriffe dadurch zu gewinnen sucht, daß man von verschiedenen Ausgangspunkten kommt, sie zusammenhält, sie in Begriffen gipfeln läßt. Dadurch bekommt man einen bestimmten Begriff. Der wird wahrscheinlich, da man niemals den vollen Umfang der Tatsachen überschauen kann, sondern nur eine gewisse Summe von Erfahrungen hat, in gewissem Sinne einseitig sein. Jetzt gehen Sie mit dem Begriff noch einmal durch die Erscheinungen durch und versuchen ihn zu verifizieren. Da werden Sie sehen, daß das eigentlich ein Modifizieren ist. So kommen Sie, indem Sie charakterisieren, zu einem Begriff, den Sie verifizierend modifizieren, und Sie bekommen dann eine volkswirtschaftliche Anschauung. Nach Anschauungen müssen Sie hinarbeiten.
Eine solche Anschauung möchte ich jetzt in den Vorträgen des Nationalökonomischen Kurses herausarbeiten, indem ich Ihnen zeige, was alles immer eingreift in die Preisbildung. Die Methode in der Volkswirtschaft ist eben eine höchst unbequeme Methode, weil sie in Wirklichkeit darauf hinausläuft, daß man die Begriffe aus unendlich vielen Faktoren zusammensetzen muß. Sie müssen auf volkswirtschaftliche Imaginationen hinarbeiten! Mit denen erst können Sie vorwärtskommen. Wenn Sie sie haben und sie an etwas herankommen, dann modifizieren sie sich von selber, während es mit dem festen Begriff nicht leicht ist, ihn zu modifizieren.
Sie kennen das sogenannte Greshamsche Gesetz: Gutes Geld wird von schlechtem weggejagt. Wenn irgendwo schlechtes, unterwertiges Geld, unterwertig geprägtes Geld kursiert, so sticht es das Geld mit gutem Feingehalt aus, und das wandert dann in andere Länder. Auch dieses Gesetz ist ein induktives Gesetz, es ist ein reines Erfahrungsgesetz. Dieses Gesetz ist aber wiederum so, daß man auch sagen muß: Es hat nur so lange Gültigkeit, so lange man nicht in der Lage ist, dem Gelde seine Bedeutung zu sichern. In dem Augenblick, wo Sie durch Unternehmungsgeist in die Lage kämen, dem guten Geld sein Recht zu sichern, würde es modifiziert werden. Es würde nicht
13 ganz aussterben. Es gibt kein volkswirtschaftliches Gesetz, das nicht bis zu einem gewissen Punkt gültig ist; aber sie werden alle modifiziert. Darum brauchen wir die charakterisierende Methode. In der Naturwissenschaft haben wir die induktive Methode, die höchstens bis zu Deduktionen kommt. Aber die Deduktionen haben im allgemeinen in der Naturwissenschaft viel weniger Bedeutung, als man denkt. Da hat eigentlich nur die Induktion Bedeutung.
Dann haben Sie die reinen Deduktionen, die etwa in der Jurisprudenz sind. Will man da induktiv vorgehen, so bringt man etwas in die Jurisprudenz hinein, was sie vernichtet. Wenn man die psychologische Methode in die Jurisprudenz hineinbringt, so löst man die Jurisprudenz auf. Da muß man jeden Menschen für unschuldig erklären. Es können vielleicht diese Methoden in die Wirklichkeit eingeführt werden, dann werden sie aber zur Untergrabung der juristischen Auffassung führen, die da ist. Also es mag schon berechtigt sein, aber Jurisprudenz ist es dann nicht mehr.
So können Sie in der Volkswirtschaft mit Deduktion und Induktion nicht zurechtkommen. Sie könnten mit der Deduktion nur zurechtkommen, wenn es möglich wäre, allgemeine Maßregeln zu geben, zu denen die Wirklichkeit selbst die Fälle herausschälen würde. Ich will nur diejenigen erwähnen, die rein deduktiv vorgehen wollen, allerdings mit einer Hauptinduktion, die sie an die Spitze stellen. Oppenheimer stellt zum Beispiel eine Hauptinduktion der Geschichte mit seinen Siedlungsgenossenschaften an die Spitze und deduziert davon eine ganze soziale Ordnung. Nun, vor vielen Jahren war es, da war Oppenheimer auch schon der Siedlungsmann und sagte: Jetzt habe ich das Kapital gekriegt, jetzt werden wir die moderne Kulturkolonie begründen! - Ich erwiderte ihm: Herr Doktor, wir wollen darüber reden, wenn sie zugrunde gegangen ist. - Sie mußte zugrunde gehen, weil es unmöglich ist, innerhalb der allgemeinen Wirtschaft ein kleines Gebiet zu begründen, das seine Vorzüge durch etwas anderes genießen würde, so daß es ein Parasit innerhalb des ganzen volkswirtschaftlichen Körpers wäre. Immer sind solche Unternehmungen Parasiten. Bis sie genug von den anderen gefressen haben, bleiben sie - aber dann gehen sie zugrunde.
14 Also, in der Volkswirtschaft können Sie nur, indem Sie mit dem Denken einrücken in die Erscheinungen, charakterisieren. Das kommt auch aus der Ursache heraus, weil man in der Volkswirtschaft auf Grundlage der Vergangenheit fortwährend in die Zukunft hinein arbeiten muß. Und da kommen einem, indem man in die Zukunft hineinarbeitet, die menschlichen Individualitäten mit ihren Fähigkeiten hinein, so daß man im Grunde genommen in der Volkswirtschaft nichts anderes tun kann, als auf dem Quivive stehen. Soll man ins Praktische eingreifen, so muß man bereit sein, seine Begriffe fortwährend zu modifizieren. Man hat es nicht mit Substanz zu tun, die man plastisch bilden kann, sondern mit lebendigen Menschen. Und das ist das, was die Volkswirtschaftslehre zu einer Wissenschaft besonderer Art macht, weil sie durchdrungen sein muß von der Wirklichkeit.
Theoretisch werden Sie das leicht einsehen können. Sie werden sagen: Es ist dann höchst unbequem, in der Volkswirtschaftswissenschaft zu arbeiten. Aber auch das möchte ich gar nicht so gelten lassen. Sie können unter Umständen, solange Sie noch auf dem Standpunkt stehen, daß Sie zum Beispiel Dissertationen schreiben wollen, sehr viel gewinnen, wenn Sie über irgendein Gebiet die einschlägige Literatur der letzten Zeit verfolgen und wenn Sie die einzelnen Ansichten vergleichen. Gerade in der Volkswirtschaftslehre gibt es die unglaublichsten Definitionen. Also versuchen Sie nur einmal nach den verschiedenen volkswirtschaftlichen Handbüchern oder auch größeren Abhandlungen die Definitionen von Kapital zusammenzustellen! Versuchen Sie sie - acht, zehn - hintereinander zu stellen! Mir fällt gerade jetzt eine ein: «Kapital ist die Summe der produzierten Produktionsmittel.» Ich muß sagen, ich verstehe nicht, was das Adjektiv dabei will. Das Gegenteil: unproduzierte Produktionsmittel - man könnte sich ja auch darunter etwas denken, zum Beispiel die Natur, also den Boden, und das wird der Betreffende auch meinen. Dann aber ist er natürlich außerstande, irgendwie zu rechtfertigen, wie nun doch der Boden sich kapitalisieren kann. Er kapitalisiert sich doch. Also es ist eigentlich nicht herauszukommen, und das beruht darauf, daß man solche Begriffe hat, die muß man aufsuchen und muß eben
15 versuchen, sie dann irgendwie etwas reicher zu machen. Die Sachen sind alle zu eng.
Wenn Sie meinen, das Wirklichkeitsgemäße werde Ihnen schwer bei diesen Betrachtungen, so möchte ich sagen: Das Wirklichkeitsgemäße könnte eigentlich gerade leicht werden! Sie sagen: die «Kernpunkte» sind logisch in sich geschlossen. Das sind sie gar nicht, weder die «Kernpunkte» noch die anderen Sachen! Wobei ich betone, daß ich nicht rein volkswirtschaftlich sein wollte, sondern sozial und volkswirtschaftlich. Dadurch ist natürlich der ganze Stil und die Haltung dieser Schriften bedingt, so daß sie nicht durchaus rein volkswirtschaftlich bewertet werden können. Das können höchstens einzelne Aufsätze in den Dreigliederungsschriften. Aber logisch in sich geschlossen finde ich sie schon gar nicht, weil ich doch, vorsichtig genug, nur Richtlinien angegeben habe und Exempel oder eigentlich nur Illustrationen. Ich wollte ein Bewußtsein dafür hervorrufen, was dadurch erreicht wird, daß jemand ein Produktionsmittel nur so lange verwaltet, als er dabeisein kann; dann muß es übergehen auf den, der es selbst wieder verwalten kann. Ich kann mir gut denken, daß das, was dadurch erreicht werden soll, auf einem anderen Wege erreicht werden könnte. Ich wollte bloß Richtlinien angeben. Ich wollte zeigen, daß man einen Ausweg findet, wenn man diese Dreigliederung sachgemäß durchführt, wenn man tatsächlich das Geistesleben als solches befreit, wenn man das Rechtsleben auf demokratische Basis stellt, und wenn man das Wirtschaftsleben auf das Sachliche und Fachliche stellt, was in den Assoziationen vertreten werden kann. Und ich habe die Überzeugung, daß dann im Wirtschaftlichen schon das Richtige geschieht.
Ich sage, die Menschen werden das Richtige finden, die in der Assoziation darin sind. Ich möchte mit Menschen rechnen, und das ist das Wirklichkeitsgemäße. Eine Abhandlung über den «Begriff der Arbeit» würde so veranlagt werden müssen, daß Sie den Begriff der Arbeit nun wirklich finden im volkswirtschaftlichen Sinn. Dieser Begriff muß von allem befreit werden, was an der Arbeit nicht werteschaffend ist, und zwar nicht volkswirtschaftliche Werte schaffend ist. Das muß man zunächst also ausscheiden. Dadurch kommt man natürlich
16 nur zu einer Charakteristik. Und diese charakterisierende Methode ist es, worauf es ankommt. Man muß das natürlich einmal methodologisch sagen.

Frage: Inwiefern ist Inspiration für volkswirtschaftliche Erkenntnis notwendig?

Rudolf Steiner: Das ist so gemeint, daß diese Inspiration, wenn man die Sache ernsthaft nimmt, eigentlich nicht so außerordentlich schwierig ist. Es handelt sich nicht darum, übersinnliche Tatsachen zu finden, sondern die Inspiration wirksam zu machen auf volkswirtschaftlichem Felde, so daß sie nicht besonders schwierig werden kann.
Die Art, wie man die Arbeit zu begrenzen hat, würde bedingen, daß ich davon ausgehe, zu zeigen: der Mensch kann Arbeit verrichten, ohne daß sie volkswirtschaftlichen Wert hat. Das ist eine Binsenwahrheit. Mit dem Reden kann sich einer furchtbar anstrengen, und es kommt dabei doch kein eigentlicher volkswirtschaftlicher Wert heraus. Dann würde ich zeigen, wodurch die Arbeit, auch wenn sie anfängt, eine volkswirtschaftliche Bedeutung zu haben, ihrem Werte nach modifiziert wird. Nehmen wir an, einer ist Holzhacker und verrichtet eine Arbeit, die tatsächlich werteschaffend ist, und einer ist Baumwollagent, hat also mit dem Holzhacken nichts zu tun, wird aber gerade unter seiner Arbeit nervös, so daß er jeden Sommer vierzehn Tage im Gebirge Holz hackt. Da wird die Sache komplizierter, denn an sich wird dieser Agent das gehackte Holz durchaus auch verwerten können, er wird etwas dafür einnehmen. Aber was er einnimmt, dürfen Sie dennoch nicht so bewerten, wie Sie die Arbeit des Holzhackers bewerten. Sie müssen unter Umständen annehmen, daß der Mann, wenn er nicht im Sommer die vierzehn Tage Holz hackt, im Winter weit weniger arbeiten kann als Agent. Da müssen Sie, von dieser Arbeit ausgehend, auch die Förderung bei ihm in Betracht ziehen. Der volkswirtschaftliche Wert des vom Baumwollagenten gehackten Holzes ist ganz gleich dem Wert des vom Holzhacker gehackten Holzes; aber der volkswirtschaftliche Effekt seiner Arbeit, der zurückfällt auf seine Tätigkeit, ist nun ein wesentlich anderer. Wenn beim Agenten das Holzhacken darin seinen Wert hat, daß es
17 auf seine Agententätigkeit zurückwirkt, dann muß ich untersuchen, ob es auch stimmt, wo einer sich auf ein Tretrad stellt und von einer Stufe zur anderen steigt und sich dadurch dünner macht. Das ist für ihn eine Anstrengung, für die Volkswirtschaft ist aber kein Effekt da. Es stimmt, aber ich muß hier unterscheiden, ob der Betreffende ein Rentier oder ein Unternehmer ist. Letzterer wird tüchtiger als volkswirtschaftliche Werte Schaffender.
Man muß allmählich charakterisierend die Sache herausarbeiten und dann, wenn man da immer weiter und weiter geht, bekommt man eben einen direkten Wert der Arbeit und einen indirekten, einen rückstrahlenden Wert der Arbeit. Auf diese Weise kommen Sie zu einer Charakteristik des Arbeitsbegriffes. Damit können Sie wieder zurückgehen zum gewöhnlichen Holzhacker und vergleichen, was das Holzhacken des Baumwollagenten im wirtschaftlichen Prozeß bedeutet neben dem des Berufsholzhackers. Man kann sich so immer von der einen Stufe zur anderen weitertreiben lassen und muß überall nachschauen, wie die Sache wirkt. Das nenne ich wirklichkeitsgemäß. Sie müssen zeigen, wie sich die Arbeit in den verschiedensten Lebensgebieten auslebt. Wie Goethe beim Begriff der Urpflanze: er hat natürlich ein Schema hingezeichnet, hat aber ein fortwährend sich Veränderndes gemeint. Volkswirtschaftliche Begriffe müssen im Leben fortwährend Metamorphosen unterworfen werden. Das ist es, was ich meine.
Sie werden natürlich nicht viel Glück mit solchen Begriffen haben. Die Dozenten lassen das heute nicht gelten, die wollen eine Definition haben. Aber ich habe nicht gefunden, daß der Arbeitsbegriff in den Volkswirtschaftslehren scharf erfaßt worden wäre. Man soll charakterisieren, nicht fortwährend negativ reden. Ich habe in volkswirtschaftlichen Auseinandersetzungen zum Beispiel gefunden, die Arbeit könne aus dem Grunde nicht maßgebend für den Preis sein, weil sie bei den einzelnen Personen entsprechend ihrer persönlichen Kraft verschieden ist. Negative Instanzen finden Sie schon verzeichnet. Aber das Positive fehlt, daß man dazu vorrückt, die Arbeit doch so zu charakterisieren, daß sie eigentlich ihren ursprünglichen substantiellen Charakter verliert und ihren Wert bekommt aus anderen
18 Positionen, in die sie hineingestellt wird. Wenn man so anfängt zu charakterisieren, dann verliert sich die Substanz; zuletzt bekommt man etwas, was ganz und gar in der volkswirtschaftlichen Struktur darinnen spielt.
Arbeit ist das volkswirtschaftliche Element, welches ursprünglich aus wirklicher menschlicher Anstrengung hervorgeht, das aber in den volkswirtschaftlichen Prozeß überfließt und dadurch nach den verschiedensten Richtungen hin den verschiedensten volkswirtschaftlichen Wert bekommt. Man sollte von den Prozessen sprechen, die zur Bewertung der Arbeit nach den verschiedensten Richtungen hinführen.
Die Inspiration beruht darauf, daß man darauf kommt, wie man von dem einen zum anderen vorrücken muß. Es kommt ein bißchen auf den Spiritus an, daß man gerade die richtigen Beispiele findet.

Frage: Ist nicht doch ein Oberbegriff notwendig? Auch bei der charakterisierenden Methode ist doch Gewicht zu legen auf die Ursachen, durch die es zu den beobachteten Wirkungen gekommen ist?

Rudolf Steiner: Was die Sache mit den Wirkungen betrifft, so bin ich damit einverstanden, daß man zu den Ursachen zurückkommen muß. Aber wie es schon auf gewissen Naturgebieten ist, daß man die Ursachen ja nicht anders findet, als daß man von den Wirkungen ausgeht, so ist es in höherem Grade auf volkswirtschaftlichem Gebiete der Fall, daß einem die Erkenntnis der Ursachen nichts hilft, wenn man sie nicht an den Wirkungen gewonnen hat. Zum Beispiel die ungeheuren Wirkungen der Kriegswirtschaft, die sind da. Würde man sie nicht kennen als Wirkungen, so würde man die Ursache dabei gar nicht bewerten. Es handelt sich also darum, daß man sich einen gewissen Sinn für die Qualität der Wirkungen aneignet, um zu den Ursachen aufsteigen zu können. Gewiß, man wird im Praktischen gerade zu den Ursachen aufsteigen müssen. Darauf beruht aber, was die Volkswirtschaftslehre für das Praktische will. Man lernt die Wirkungen werten, und indem man die Abwege der Wirkungen sieht, kommt man dazu, die Ursachen kennenzulernen und dann die Ursachen zu verbessern. Man hat nicht viel davon, daß man nur die
19 Ursachen kennenlernt. Man muß zu den Ursachen so kommen, daß man sagen kann: Ich kenne sie dadurch, daß ich von den Wirkungen ausgehe. - Eine Erkenntnis von so ungeheurer Tragweite, wie es das Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte ist, ist lediglich aus den Wirkungen her erkannt: Sprache verloren - linke Gehirnhälfte gelähmt. Sie erkennen zuerst die Wirkung. Dann werden Sie dazu geführt, überhaupt erst die Sache zu untersuchen. So ist diese rekurrierende Methode notwendig. …

Frage: Ich kann nicht alles unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ansehen, was mit Kunst und Religion oder auch Sport zu tun hat. Davon kann man Teile unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt betrachten, aber das Ganze doch nicht?

Rudolf Steiner: Ich fahre durch eine Gegend und finde in dieser Gegend außerordentlich kunstvolle Bauten - ich schildere damit natürlich eine Utopie. Das ist nicht nur künstlerische Anschauung. Diese kunstvollen Bauten sind nur auf Grundlage einer ganz bestimmten Wirtschaftslage möglich. Wenn ich durch eine Gegend fahre, wo sehr viele Kunstbauten sind, werde ich sofort ein Bild davon haben, wie da gewirtschaftet wird. Wenn ich dagegen durch eine Gegend fahre, wo selbst sogenannte schöne Bauten geschmacklos sind, so werde ich davon Vorstellungen über die Wirtschaftslage der betreffenden Gegend bekommen. Und wenn ich sogar nur Utilitätsbauten finde, werde ich Vorstellungen über die Wirtschaftslage der betreffenden Gegend bekommen. Wo ich Kunstbauten finde, kann ich darauf schließen, daß da höhere Löhne bezahlt werden als da, wo ich keine Kunstbauten finde. - So kann ich mir nicht vorstellen, daß irgend etwas nicht als wirtschaftlich betrachtet werden kann. Alles bis in die höchsten Gebiete hinauf muß wirtschaftlich betrachtet werden. Wenn ein Engel heute auf die Welt herunterkäme, so müßte er entweder bloß im Traum erscheinen, dann würde er nichts ändern; sobald er aber den Leuten nur im Wachen erscheint, würde er schon in das Wirtschaftsleben eingreifen. Er kann gar nicht anders.

Einwand: Ich gebe zu, daß man es unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt betrachten kann - aber nur kann! Man kann es aber doch auch von anderen Gesichtspunkten aus betrachten.
20 Rudolf Steiner: Sie kommen in einen Zirkel hinein. Das ganze, was man sagen kann, ist dieses: daß man nötig hat, für die Betrachtung zunächst den wirtschaftlichen Gesichtspunkt zugrunde zu legen. Das hat nur einen heuristischen Wert, einen Wert des Forschens, des Untersuchens. Aber wenn Sie erschöpfend eine wirklichkeitsgemäße Volkswirtschaftslehre finden wollen, werden Sie nicht darum herumkommen, die wirtschaftlichen Effekte von allen Seiten her zu charakterisieren. Sie müssen charakterisieren, was es für einen Einfluß auf das Wirtschaftsleben eines Gebietes hat, ob es hundert ausgezeichnete Maler hat oder nur zehn. Es läßt sich sonst kaum denken, daß das Wirtschaftsleben umfaßt werden kann. Ich hätte sonst nicht so stark Insistiert auf diesem Herausheben. Gerade dadurch, daß man eben heraushebt, kommt man immer zu Definitionen, die auf irgendeinem Gebiete doch im Grunde genommen nicht gelten, oder die man ungemein pressen muß. Es ist tatsächlich unmöglich, das Einkommen zu definieren, das ein Mensch haben sollte, indem man etwa darauf aufmerksam macht, daß er Anspruch hat auf dasjenige, «was er selber produziert». Es gibt sogar diese Definition: Jemand hat Anspruch auf das, was er selber produziert. Es scheint ganz nett zu sein, wenn man eine solche Definition macht. Auf einem gewissen Felde ist es richtig. Der Kloakenräumer könnte aber nicht viel damit anfangen. Es handelt sich darum, daß man bei der Volkswirtschaft nicht etwas herausheben sollte aus der Summe der Erscheinungen, sondern durch die ganze Summe durchgehen sollte. Man muß sich bewußt sein: Ich beginne volkswirtschaftlich zu denken, weil ich da denen helfen kann, die es nicht können. Aber man muß sich auch bewußt sein, daß das volkswirtschaftliche Denken gerade den Anspruch erheben muß, ziemlich total zu sein, ein Denken sehr umfassender Art zu sein. Juristisch ist viel leichter zu denken. Die meisten Volkswirtschafter denken stark juristisch.

Frage: Über das «Normale» in der Volkswirtschaft gehen die Meinungen so weit auseinander, daß man überhaupt nicht weiß, was normal ist?

Rudolf Steiner: Ich lege keinen Wert darauf, mit diesen Auffassungen von «normal» und «abnorm» zu konkurrieren. Es gibt das
21 Sprichwort: Es gibt nur eine Gesundheit und unzählige Krankheiten. - Ich erkenne das nicht an. Jeder Mensch ist auf seine eigene Art gesund. Leute kommen und sagen: Da ist ein Herzkranker, der hat diesen und jenen kleinen Fehler, den soll man kurieren. - Ich habe oft gesagt: Lassen Sie dem Menschen seinen kleinen Fehler. - Es brachte mir ein Arzt einen Kranken, der hatte das Nasenbein so unglückselig verletzt, daß er nun einen Nasengang verengt hat und so wenig Luft bekommt. Der Arzt sagte: Das muß operiert werden, das ist eine furchtbar leichte Operation. - Ich sagte: Lassen Sie die Operation! Der hat eine Lunge, die so konstruiert ist, daß er nicht mehr Luft bekommen darf; es ist ein Glück für ihn, daß er einen verengten Nasengang hat. So kann er noch zehn Jahre leben. Wenn er eine normale Nase hätte, dann würde er ganz gewiß in drei Jahren tot sein. - Ich lege also keinen großen Wert auf «normal» und «nicht normal». Nur das Trivialste verstehe ich darunter. Ich sage sehr häufig: ein normaler Bürger, eine normale Bürgerin. Da wird man schon verstehen, was ich meine.

Es wird nach dem Wert der Statistik gefragt.

Rudolf Steiner: Es ist richtig, daß die Statistik sehr viel helfen kann. Aber die statistische Methode wird heute äußerlich angewendet. Es stellt einer eine Statistik auf über die Zunahme des Häuserwertes auf einem gewissen Gebiet und dann über diejenige eines anderen Gebietes, und stellt sie nebeneinander. Das ist aber nicht gut. Sicher wird es erst, wenn man die Vorgänge als solche untersucht. Dann weiß man, wie man eine solche Zahl zu bewerten hat. Denn es kann irgendeinmal eine Zahlenreihe einfach dadurch etwas Besonderes darstellen, daß ein außerordentliches Ereignis in die Reihe sich eingefügt hat. …

Frage: Tritt beim Zusammentragen von Zahlen auch Inspiration ein?

Rudolf Steiner: Inspiration tritt da auch insofern ein, als Sie, wenn Sie eine Reihe haben, eine zweite Reihe, eine dritte, dann herausbekommen - jetzt wiederum durch den Spiritus -, welche Tatsachen, wenn Sie sie qualitativ betrachten, in der ersten Reihe modifiziert
22 werden durch entsprechende Tatsachen, sagen wir in der dritten Reihe. Dadurch heben sich vielleicht gewisse Zahlenwerte auf. In der geschichtlichen Methode nenne ich das die symptomatologische Betrachtung. Man muß die Möglichkeit haben, die Sachen zu werten und eventuell die sich widersprechenden Dinge richtig gegeneinander abzuwägen.
Gerade die Volkswirtschaftslehre wird zuweilen in einer überaus unobjektiven Weise betrieben. Man hat das Gefühl, daß die Statistik so gehandhabt wird, daß zum Beispiel die Bilanzgestaltung bei den Finanzministern der verschiedenen Länder unter parteipolitischen Gesichtspunkten so oder so getroffen wird. Da wo einer eine bestimmte Parteirichtung belegen will, wird tatsächlich das Zahlenmaterial verwendet, das ebensogut eine andere belegen kann. Es nützt nichts anderes, als in der Seele unbefangen zu sein. Da kommt wirklich etwas Elementarisches, Ursprüngliches in Betracht. Bei aller Wissenschaft, die es mit dem Menschlichen zu tun hat - ja schon wenn Sie eine Wissenschaft aufführen wollen, die dazu führt, daß Sie Tiere behandeln lernen, zähmen lernen -, da müssen sich Ihre Begriffe modifikabel erweisen. Und das erst recht in der Volkswirtschaft. Da tritt die Inspiration ein. Die muß man schon haben. Nehmen Sie mir das nicht übel, wenn ich das trocken ausspreche.
Ich bin überzeugt davon, es würden viel mehr der heute Studierenden diese Inspiration haben - denn sie ist nicht so etwas schrecklich in nebulosen mystischen Höhen Schwebendes -, wenn man sie nicht eigentlich in der Schule grundsätzlich ausgetrieben bekäme, schon im Gymnasium und in der Realschule. - Wir haben heute die Aufgabe, wenn wir an der Universität sind, uns zurückzuerinnern an das, was uns im Gymnasium ausgetrieben worden ist, um in einen lebendigen Betrieb der Wissenschaft hineinzukommen. Sie wird heute furchtbar tot betrieben. Mir ist in einem fremden Lande passiert, daß ich mit einer Anzahl volkswirtschaftlicher Dozenten gesprochen habe. Die sagten: Wenn wir unsere Fachkollegen in Deutschland besuchen wollen, so sagen diese: Ja, kommen Sie, aber nur ja nicht in meine Vorlesung, besuchen Sie mich zu Hause! - Man braucht heute wirklich
23 einen unbefangenen Einblick in diese Dinge. … Diese Volkswirtschaftslehre ist besonders in letzter Zeit heruntergekommen. Es hängt wirklich alles damit zusammen, daß die Menschen dieses Schöpferische des Geistigen verloren haben. Heute muß schon der Mensch wirklich mit der Nase darauf gestoßen werden, wenn er eine Tatsache glauben soll.
Man kann jetzt in den Zeitungen Artikel über die geistige Blokkade in Deutschland lesen. Selbstverständlich, die hat sich seit langer Zeit gebildet. Wenn wir heute die Zeitschrift «Das Goetheanum» nach Deutschland liefern wollen, so müssen wir beim Selbstkostenpreis ein Exemplar zu achtzehn Mark liefern! Denken Sie an die technischen, medizinischen Fachzeitschriften! Sie sind unmöglich zu beziehen. Denken Sie an die Kulturfolgen! Das ist auch eine volkswirtschaftliche Frage. Deutschland hat eine geistige Blockade. … Der Entzug dieser Zeitschriften ist direkt dasjenige, was zur Verdummung in Deutschland führen müßte. … In Deutschland hat es wirtschaftlichen Charakter, in Rußland hat das schon Staatscharakter angenommen, da können Sie nichts mehr lesen, was nicht von der Sowjetregierung selber verkauft wird. Die Menschen werden zum reinsten Abklatsch des Sowjetsystems. Höchstens können Sie da oder dort ein Buch einschwindeln.

Frage: Ist es nicht nützlich, bei der Beobachtung der volkswirtschaftlichen Wirkungen nicht in erster Linie von der Statistik auszugehen, sondern von der Beobachtung der Tatsachen, die vorliegen?

Rudolf Steiner: Man braucht diese Betrachtungsweise, auch wenn man die Statistik zu Rate zieht. Durch die Statistik ist man nur in der Lage, die Dinge zahlenmäßig zu belegen. Es ist klar, wenn man jetzt nach Wien kommt, dann braucht man nur durch die Straßen zu gehen und die Erfahrungen zu sammeln. Sie brauchen nur zu betrachten, in welchen Wohnungen Ihre Bekannten vor zehn Jahren gelebt haben und in welchen sie jetzt leben. Und so Stück für Stück. Solche Beobachtungen können Sie von der furchtbarsten Art machen. Sie können sich überzeugen, daß eine ganze Mittelschichte ausgelöscht ist, die im Grunde genommen nur noch lebt - ja, weil sie
24 noch nicht gestorben ist. Sie lebt ökonomisch nicht, denn wenn man sieht, wovon sie lebt, so ist es furchtbar. Davon wird man ausgehen, aber es wird einem noch immer die Zahl zum Beleg außerordentlich wichtig sein können.
Man muß einen gewissen «Riecher» haben; denn wenn man die Sachen zahlenmäßig belegen kann, so führen einen die Zahlen wiederum ein Stückchen weiter. Zum Beispiel die Entwertung der Krone in Österreich: Es ist ja lächerlich, wie wenig die Krone heute bedeutet, aber es kann nicht irgendein Wert heruntergehen, ohne daß von anderem etwas weggenommen wird. Wenn Sie nun gerade die Opfer der Valuta aufsuchen, so sind diese bei denjenigen zu finden, deren Renten und ähnlichen Bezüge herunterbewertet worden sind. Hier kann man mit der Rechnung nachgehen, und das Merkwürdige ist, daß die Rechnung heute schon nicht mehr für Österreich, geschweige denn für Rußland stimmen könnte. Österreich müßte das Recht haben, da alles schon erschöpft ist, die Krone noch weiter abzuwerten, und es erklärt dennoch nicht den Staatsbankerott. Das ist natürlich nur zu erreichen, durch die auf irgendeine Weise hervorgerufene Blockade. In dem Augenblick, wo Sie diese Blockade aufheben, müssen die Leute ganz andere Maßregeln ergreifen. …

Frage: Kann der Staat, solange Vermögen da ist, dieses Vermögen durch die Geldvermehrung an sich reißen?

Rudolf Steiner: Gewiß kann der Staat durch die Geldvermehrung existieren, aber wenn dieser Punkt erreicht ist, daß die Rente aufgebraucht ist, wenn sie nicht künstlich erhalten wird, könnte er eigentlich wirtschaftlich nicht mehr bestehen, auch wenn er weitere Banknoten fabriziert, denn die weitere Banknotenfabrikation müßte dahin führen, daß jede Verdoppelung zu einer Steigerung ins Unendliche führen würde. Der Staat muß sich immer mehr und mehr abschließen.

Frage: Lebt der Staat nicht vom volkswirtschaftlichen Kapital selbst, das in den Unternehmungen drinnensteckt?

Rudolf Steiner: Ja, aber von dem, was darin Rente ist.
25 Frage: Ja, ich meine, er saugt das Kapital heraus. Das Kapital vermindert sich?

Rudolf Steiner: Insofern das Kapital Rentencharakter trägt. Denn wenn der Staat es aufsaugt, dann trägt es diesen Charakter. Der Staat kann gewiß leben, kann aber nicht mehr wirtschaften. Das ist keine Wirtschaft mehr. Er kann bloß leben von dem, was schon erwirtschaftet ist; er zehrt nur noch vom Alten. Man lebt tot die Rente. In Österreich müßte der Punkt längst erreicht sein, wo die Rente tot ist. In Deutschland ist es noch lange nicht so weit. Ganz sicher könnte es in Österreich auch nicht weitergehen, wenn nicht gewisse Zwangsgesetze da wären, zum Beispiel in bezug auf die Miete. Da zahlen sie eigentlich nichts - ich glaube etwa fünfundzwanzig Centimes für eine Dreizimmerwohnung. Nur dadurch lassen sich die Dinge halten, daß man gewisse Dinge umsonst hat. In Deutschland ist es auch so, daß man für seine Wohnung vielleicht nur ein Zehntel zahlt. Durch solche Dinge lassen sich in einer gewissen Gesellschaftsklasse, die überhaupt bis zu dem Punkt bezahlen kann, die Sachen halten. In Österreich ist es mit einer gewissen Gesellschaftsklasse so weit heruntergekommen, daß sie auch nicht mehr die fünfundzwanzig Centimes bezahlen kann. Leute, die ein Einkommen, sagen wir, von dreitausend Kronen hatten, konnten unter Umständen davon leben; heute ist das etwas über einen englischen Schilling. Nicht wahr, da kann man nicht leben!
Heute sind die wirtschaftlichen Erscheinungen tatsächlich so furchtbar, daß die Leute schon aufmerksam darauf werden könnten, daß man nun eigentlich die wirtschaftlichen Gesetze studieren sollte, und zwar so, daß es praktisch etwas hülfe. Dieser Versuch ist 1919 gescheitert; damals ist aber die Valutamisere noch nicht auf der Höhe gewesen wie heute.
Wir könnten die Frage behandeln: Was heißt volkswirtschaftliches Denken? - Dann: Wie kommt man zu einem Begriff der Arbeit im volkswirtschaftlichen Sinn? ~ Und dann wäre es gut, wenn jemand die Begriffe, die ich schon gebraucht habe, ganz frei in seinem Sinn auch weiter behandeln würde. Es würde auch gut sein, wenn jemand versuchte,
26 den Begriff von Unternehmerkapital herauszuarbeiten: was reines Unternehmerkapital ist. Man muß, wenn man Unternehmerkapital seinem Begriff nach charakterisieren will, es genau kontrastieren mit dem bloßen Rentenkapital.




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