Die Pforte der Einweihung (Initiation)

Ein Rosenkreuzermysterium

durch Rudolf Steiner

Personen

a) DES VORSPIELS UND DES ZWISCHENSPIELS:

3 Sophia
Estella
Zwei Kinder



b) DES MYSTERIUMS:

3
Johannes Thomasius
Maria
Benedictus
Theodosius, dessen Urbild im Verlaufe als Geist der Liebe sich offenbart
Romanus, dessen Urbild im Verlaufe als Geist der Tatkraft sich offenbart
Retardus, nur als Geist wirksam
German, dessen Urbild im Verlaufe als Geist des Erdgehirns sich offenbart
Helena, deren Urbild im Verlaufe als Lucifer sich offenbart
Maria
Philia
Astrid
Luna
deren Urbilder im Verlaufe
Geister von Marias Seelenkräften
sich offenbaren
Professor Capesius
Doktor Strader
Felix Balde, der sich als ein Träger des Naturgeistes offenbart
Frau Balde
Die andre Maria, deren Urbild im Verlaufe sich als Seele der Liebe offenbart
Theodora, Seherin
Ahriman, nur als Seele wirksam gedacht
Der Geist der Elemente, nur als Geist wirksam gedacht
Ein Kind, dessen Urbild im Verlaufe als junge Seele sich offenbart


Vorspiel

5 Zimmer der Frau Sophia, in gelbrötlichem Farbenton gehalten. (SOPHIA mit ihren beiden Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, dann ESTELLA.)

SINGEN DER KINDER
(Sophia begleitet auf dem Klavier):
Der Sonne Licht durchflutet
Des Raumes Weiten,
Der Vögel Singen durchhallet
Der Luft Gefilde,
Der Pflanzen Segen entkeimet
Dem Erdenwesen,
Und Menschenseelen erheben
In Dankgefühlen
Sich zu den Geistern der Welt.
SOPHIA: Und nun, Kinder, geht in eure Stube und überdenkt die Worte, die wir eben geübt haben
(Sophia geleitet die Kinder hinaus, Estella tritt ein.)
ESTELLA: Sei mir gegrüsst, meine liebe Sophie. Ich störe dich doch nicht.
Sophia: Nein, meine gute Estella. Sei mir herzlich willkommen.
(Fordert Estella zum Sitzen auf und setzt sich selbst.)
ESTELLA: Hast du gute Nachrichten von deinem Manne?
6
SOPHIA: Recht gute. Er schreibt mir, dass der Kongress der Psychologen ihn interessiere, trotzdem die Art, wie da manche grosse Frage behandelt wird, wenig ansprechend sei. Ihn als Seelenforscher interessiert aber gerade, wie die Menschen sich durch eine bestimmte Weise geistiger Kurzsichtigkeit die freie Aussicht auf die eigentlichen Geheimnisse unmöglich machen.
ESTELLA: Nicht wahr, er hat doch vor, selbst über ein wichtiges Thema zu sprechen?
SOPHIA: Ja, über ein Thema, das ihm und auch mir sehr wichtig scheint. Eine Wirkung verspricht er sich allerdings nicht von seinen Ausführungen, in Anbetracht der wissenschaftlichen Vorstellungsarten der Kongressteilnehmer.
ESTELLA: Es führt mich ein Wunsch zu dir, meine liebe Sophie. Könnten wir diesen Abend nicht gemeinsam verbringen? Es ist heute die Aufführung der «Enterbten des Leibes und der Seele», und du könntest mir keine grössere Freude machen, als wenn du mit mir zusammen die Vorstellung besuchen wolltest.
SOPHIA: Es ist dir entfallen, liebe Estella, dass heute abend gerade für unsere Gesellschaft selbst die Aufführung ist, auf die wir uns seit langer Zeit vorbereitet haben.
7
ESTELLA: Ach ja, das hatte ich vergessen. So gern hätte ich diesen Abend mit der alten Freundin verlebt. Ich freute mich von ganzem Herzen, an deiner Seite in die tiefen Untergründe unseres gegenwärtigen Lebens zu schauen. - Doch deine mir so fremde Ideenwelt wird auch noch den letzten Rest des schönen Bandes zerstören, das unsere Herzen verknüpft, seit wir zusammen auf der Schulbank gesessen.
SOPHIA: Das sagtest du mir schon oft; doch hast du mir immer wieder zugeben müssen, dass unsere Meinungen keine Scheidewand aufzurichten brauchten zwischen den Gefühlen, welche seit der gemeinsam verlebten Jugend in jeder von uns für die andere leben.
ESTELLA: Es ist wahr, das habe ich oft gesagt. Doch erweckt es mir immer wieder Bitternis, wenn ich sehen muss, wie mit jedem Jahre fremder dein Empfinden wird allem, was mir im Leben wertvoll scheint.
SOPHIA: Wir könnten einander eben dadurch viel sein, dass wir uns gegenseitig gelten liessen in dem, wozu unsere verschiedenen Anlagen uns geführt.
ESTELLA: Ach, oft lasse ich mir von meinem Verstande sagen, dass du darinnen recht hast. Und doch ist etwas in mir, was sich auflehnt gegen die Art, wie du das Leben betrachtest.
8
SOPHIA: Gib dir doch ernstlich einmal zu, dass du damit eigentlich von mir die Verleugnung meines innersten Wesenskernes verlangst.
ESTELLA: Ja, ich wollte das auch alles gelten lassen, wenn nur eines nicht wäre. Ich kann mir ganz gut denken, dass Menschen verschiedener Vorstellungsarten sich in völliger Sympathie der Gefühle begegnen. Deine Ideenrichtung legt dir aber förmlich die innere Verpflichtung zu einer gewissen Überhebung auf. Andere Menschen können ganz gut so zueinander stehen, dass sie von ihren Ansichten denken, diese seien durch veaschiedene mögliche Standpunkte bedingt und stehen als gleichberechtigt nebeneinander. Deine Anschauung aber gibt sich allen anderen gegenüber als die tiefere. Sie sieht in den andern nur Ausflüsse eines untergeordneten menschlichen Entwicklungsgrades.
SOPHIA: Aus dem, was wir so oft besprochen, könntest du aber wissen, dass meine Gesinnungsgenossen den Wert des Menschen im letzten Grunde doch nicht nach seiner Meinung und seinem Wissen bemessen. Und wenn wir auch unsere Ideen als diejenigen betrachten, ohne deren lebendige Erfassung alles andere Leben ohne rechten Grund ist, so bemühen wir uns doch so ernstlich als möglich, den Menschen deshalb nicht zu überschätzen, weil er sich zum Werkzeug gerade unseres Lebensinhaltes machen darf.
9
ESTELLA: Das scheint alles schön gesprochen. Es will mir aber einen Argwohn nicht nehmen. Denn ich kann mich davor nicht verschliessen, dass eine Weltansicht, welche sich eine unbedingte Tiefe zuschreibt, nur auf dem Umweg einer vorgetäuschten Tiefe zu einer gewissen Oberflächlichkeit führen muss. Du bist mir eine viel zu liebe Freundin, als dass ich dir kommen möchte mit dem Hinweis auf diejenigen deiner Gesinnungsgenossen, die auf eure Ideen schwören und den geistigen Hochmut in schlimmster Art zur Schau tragen, trotzdem die Leerheit und Banalität ihrer Seele aus jedem ihrer Worte und aus ihrem ganzen Verhalten spricht. Und auch darauf will ich dich nicht weisen, wie stumpf und gefühllos gegen ihre Mitmenschen gerade manche eurer Anhänger sich zeigen. Deine grosse Seele hat sich ja doch niemals dem entziehen können, was das tägliche Leben nun einmal von jedem Menschen verlangt, der im echten Sinne als ein guter bezeichnet werden muss. Doch gerade, dass du mich heute allein lässt, da, wo echtes, künstlerisches Leben spricht, das zeigt mir auch an dir, dass eure Ideen doch gegenüber diesem Leben - verzeihe das Wort - eine gewisse Oberflächlichkeit erzeugen.
SOPHIA: Und wo liegt diese Oberflächlichkeit?
ESTELLA: Du solltest doch wissen, da du mich so lange kennst, wie ich mich losgerungen von einer Lebensart, die von Tag zu Tag nur jagt nach dem,
10
ESTELLA: was Herkommen und banale Meinungen vorschreiben. Ich habe gesucht, kennenzulernen, warum so viele Menschen anscheinend unverdient leiden müssen. Ich bestrebte mich, den Niederungen und den Höhen des Lebens nahezutreten. Ich habe auch die Wissenschaften, soweit sie mir zugänglich sind, befragt, um allerlei Aufschlüsse zu erlangen. - Nun, halten wir uns an Einen Punkt, der gerade durch diesen Augenblick geboten ist. Es ist mir bewusst geworden, was echte Kunst ist. Ich glaube zu verstehen, wie sie das Wesen des Lebens erfasst und die wahre, die höhere Wirklichkeit vor unsere Seele hinstellt. Ich meine den Pulsschlag der Zeit zu Spüren,wenn ich solche Kunst auf mich wirken lasse. Und mir graut, wenn ich nun denken soll: Du, meine liebe Sophie, ziehst diesem Interesse an lebensvoller Kunst etwas vor, was mir doch nichts anderes zu sein scheint als die abgetane lehrhaft-allegorische Art, welche puppenhafte Schemen statt lebendiger Menschen betrachtet und sinnbildliche Vorgänge bewundert, die fernstehen allem, was im Leben täglich an unser Mitleid, an unsere tätige Anteilnahme sich wendet.
SOPHIA: Meine liebe Estella, du willst eben nicht begreifen, dass da erst das reichste Leben sein kann, wo du nur ausgeklügelte Gedanken siehst. Und dass es Menschen geben darf, welche deine lebensvolle Wirklichkeit dann arm nennen müssen, wenn sie nicht gemessen wird an dem, woraus sie eigentlich hervorsprudelt. Es mag dir manches herb klingen an meinen Worten. Allein unsere Freundschaft fordert ungeschminkte Aufrichtigkeit. Du kennst,
11
SOPHIA: wie so viele, von dem, was Geist genannt wird, nur das, was Träger des Wissens ist; du hast nur ein Bewusstsein von der Gedankenseite des Geistes. Auf den lebendigen, den schöpferischen Geist, der Menschen gestaltet mit elementarer Macht, wie Keimeskräfte in der Natur Wesen gestalten, willst du dich nicht einlassen. Du nennst wie so viele zum Beispiel in der Kunst das naiv und ursprünglich, was den Geist in meiner Auffassung verleugnet. Unsere Art der Weltauffassung vereinigt aber volle bewusste Freiheit mit der Kraft des naiven Werdens. Wir nehmen bewusst in uns auf, was naiv ist, und berauben es dadurch nicht der Frische, Fülle und Ursprünglichkeit. Du glaubst, man könne sich nur Gedanken über einen menschlichen Charakter machen: dieser aber müsse sich gleichsam von selbst formen. Du willst nicht einsehen, wie der Gedanke in den schaffenden Geist taucht, an des Daseins Urquell rührt und sich entpuppt als der schöpferische Keim selbst. - So wenig die Samenkräfte die Pflanze erst Lehren, wie sie wachsen soll, sondern sich als lebendig Wesen in ihr erweisen, so lehren unsere Ideen nicht: sie ergiessen sich, Leben entzündend, Leben spendend in unser Wesen. Ich verdanke den Ideen, die mir zugänglich geworden sind, alles, was mir das Leben sinnvoll erscheinen lässt. Ich verdanke ihnen den Mut nicht nur, sondern auch die Einsicht und die Kraft, die mich hoffen lassen, aus meinen Kindern Menschen zu machen, die nicht nur im hergebrachten Sinne arbeitstüchtig und für ein äusseres Leben brauchbar sind, sondern die innere Ruhe und Befriedigung in der Seele tragen werden. Und, um nicht in alles mögliche zu verfallen, will ich dir nur noch
12
SOPHIA: sagen: Ich glaube zu wissen, dass die Träume, welche du mit so vielen teilst, sich nur dann verwirklichen können, wenn es den Menschen gelingt, das, was sie Wirklichkeit und Leben nennen, anzuknüpfen an die tieferen Erfahrungen, die du Phantastereien und Schwärmereien so oft genannt hast. Es mag dir sonderbar erscheinen, wenn ich dir gestehe, dass ich so manches, was dir echte Kunst dünkt, nur als unfruchtbare Lebenskritik empfinde. Denn es wird kein Hunger gestillt, keine Träne getrocknet, kein Quell der Verkommenheit geschaut, wenn man bloss die Aussenseite des Hungers, der tränenvollen Gesichter, der verkommenen Menschen auf den Brettern zeigt. Wie das gewöhnlich gezeigt wird, steht den wahren Tiefen des Lebens und den Zusammenhängen der Wesenheiten unsäglich ferne.
ESTELLA: Wenn du so sprichst, bist du mir nicht etwa unverständlich, sondern du zeigst mir nur, dass du eben doch lieber in Phantasien schwelgen willst, als des Lebens Wahrheit schauen. Auf diesen Wegen gehen wir ja doch auseinander. - Ich muss heute abend auf meine Freundin verzichten. (Aufstehend.) Jetzt muss ich dich verlassen; ich denke, wir bleiben doch die alten Freundinnen.
SOPHIA: Wir müssen es wirklich bleiben.

(Während die letzten Worte gesprochen werden, geleitet Sophia die Freundin zur Türe. Der Vorhang fällt.)



Erstes Bild

13 Zimmer in rosenrotem Grundton, rechts, vom Zuschauer aus gemeint, die Tür zu einem Versammlungssaal; die Personen kommen aus diesem Saal nach und nach heraus; eine jede verweilt noch einige Zeit in diesem Zimmer. Während dieses Verweilens sprechen sich die Personen über mancherlei aus, was in ihnen durch eine Rede angeregt worden ist, die sie in dem Versammlungssaal gehört haben. (MARIA und JOHANNES kommen zuerst, dann treten andere hinzu. Es ist die gehaltene Rede seit einiger Zeit zu Ende, und die folgenden Reden sind Fortsetzungen von Gesprächen, welche die Personen schon im Versammlungssaal geführt haben.)

MARIA: So nahe geht es mir, mein Freund,
Dass ich dich welken seh’ an Geist und Seele.
Und fruchtlos sehen muss ich auch das schöne Band,
Das zehen Jahre uns vereint.
Auch diese inhaltvolle Stunde,
In welcher wir so vieles hören durften,
Was Licht in dunkle Seelentiefen strahlt,
Sie hat nur Scharten dir gebracht.
Ich konnte nach so manchem Worte,
Das unser Redner eben sprach,
Im eignen Herzen mitempfinden,
Wie tief es dich verwundet.

Ich sah in deine Augen einst:
Sie spiegelten Freude nur
An aller Dinge Wesenheit,
Und deine Seele hielt
In schönheitvollen Bildern fest,
Was Sonnenlicht und Luft,
14
MARIA: Die Körper überflutend
Und offenbarend Daseinsrätsel,
In flücht’gen Augenblicken malen.
Noch war gelenk nicht deine Hand,
In derber Farbenpracht
Nicht konnte sie verkörpern,
Was lebensvoll vor deiner Seele schwebte.
In unsrer beider Herzen lebte doch
Der schöne Glaube,
Dass sicher dir die Zukunft bringen müsse
Die Kunst der Hand zur frohen,
In des Geschehens Grund
So innig-tief ergossnen Seele.
Und was vom Daseinswesen offenbart
So wunderbar des Geistes Forscherkraft,
Es werde Seelenwonnen
Aus deiner Kunst Geschöpfen
In Menschenherzen giessen:
So dachten wir in jenen Zeiten.
Der Zukunft Heil im Spiegel höchster Schönheit,
Entspringend deinem Können:
So malte deiner Seele Ziel die meine sich.
Und nun ist wie erloschen
In deinem Innern alle Kraft,
Wie tot ist deine Schaffensfreude,
Gelähmt fast scheint der Arm,
Der jugendfrisch vor Jahren
Den Pinsel kräftig führte.
JOHANNES THOMASIUS: So leider ist es.
Ich fühle wie verschwunden
Der Seele früh’res Feuer.
Und stumpf nur schaut mein Auge
15
JOHANNES THOMASIUS: Den Glanz der Dinge,
Den Sonnenlicht verbreitet über sie.
Fast fühllos bleibt mein Herz,
Wenn wechselnde Luftstimmung
Hingleitet über meinen Umkreis.
Es regt sich nicht die Hand,
Zu zwingen in die bleibende Gegenwart,
Was flüchtig Elementgewalten
Aus Daseinsgründen zaubern vor die Sinne.
Es quillt mir lustvoll
Nicht mehr der Schaffenstrieb.
Und Dumpfheit breitet über all mein Leben sich.
MARIA: Beklagen muss ich tief,
Dass solches dir erwächst aus allem,
Was mir das Höchste,
Was Strom des heiligen Lebens mir ist.
0 Freund, in jenem Wechselspiel,
Das Menschen Dasein nennen,
Verbirgt ein ewig geistig Leben sich.
Und jede Seele webt in diesem Leben.
Ich fühle mich in Geisteskräften,
Die wirken wie in Meerestiefen,
Und seh’ der Menschen Leben
Wie Wellenkräuseln an des Wassers Oberfläche.
Ich fühle eins mit allem Lebenssinne mich,
Nach dem die Menschen rastlos streben,
Und welcher mir nur scheint
Des eignen Wesens Offenbarung.
Ich sah, wie oft er sich verband
Mit eines Menschen Seelenkern,
Zum Höchsten ihn erhebend,
Was nur das Herz erflehen kann.
16
MARIA: Doch wie er lebt in mir,
Erweist als böse Frucht er sich,
Berührt mein Wesen sich
Mit andrer Menschen Wesen.
Es zeigt sich dies mein Schicksal auch in allem,
Was dir ich geben wollte,
Der liebend sich mir nahte.
An meiner Seite wolltest du
Die Wege wacker gehen,
Die dich zu edlem Schaffen führen sollten.
Und was ist nun geworden!
Was stets als reinstes Leben sich mir offenbart,
In seines eignen Wesens Wahrheit,
Es war der Tod für deinen Geist.
JOHANNES: Es ist so.
Was deine Seele trägt
In lichte Himmelshöhen,
Will stürzen mich,
Erleb ich es mit dir,
In finstre Todesgründe.
Als du in unsrer Freundschaft Morgenröte
Mich führtest zu der Offenbarung,
Die Licht verbreitet in den Finsternissen,
Die ohne wissend Leben jede Nacht
Betritt die Menschenseele;
In welche wandert
Des Menschen irrend Wesen,
Wenn Todes Nacht zu spotten scheint
Des Lebens wahrem Sinn;
Und als du wiesest mir
Die Wahrheit von der Wiederkehr des Lebens, -
Da konnte ich mir denken,
17
JOHANNES: Dass ich erwachsen werde
Zum echten Geistesmenschen.
Und sicher schien es mir,
Dass eines Künstlerauges Schärfe
Und alles Künstlerschaffens Sicherheit
Mir erst erblühen werden
Durch deines Feuers edle Kraft.
Ich liess auf mich nun wirken dieses Feuer,
Da raubt’ es mir
Der Seelenkräfte Ineinanderfliessen;
Es presste allen Glauben an die Welt
Erbarmungslos mir aus dem Herzen.
Und nun bin ich so weit gekommen,
Dass Klarheit mir auch darin fehlt,
Ob ich bezweifeln soll, ob glauben
Die Offenbarung aus den Geisteswelten.
Und dazu selbst ermangle ich der Kraft,
Zu lieben, was in dir
Des Geistes Schönheit kündet.
MARIA: Ich muss seit Jahren es erkennen,
Dass meine Art, das Geistesselbst zu leben,
Ins Gegenbild sich wandelt,
Durchdringt es manches andern Menschen Art.
Und sehen muss ich auch
Wie segenspendend sich die Geisteskraft erweist,
Gelangt auf andern Wegen sie in Menschenseelen.
(Es treten Philia, Astrid und Luna ein.)
Sie wird im Worte ausgesprochen,
Doch wird das Wort zur Kraft
Und lenkt in Weltenhöhen
Der Menschen Denkungsart.
Es schafft da frohe Stimmung,
18
MARIA: Wo trüber Sinn erst lebte;
Imstande ist es, umzuwandeln
Die Flüchtigkeit des Geistes
In würdig ernstes Fühlen;
Dem Menschenwesen gibt es sich’re Prägung.
Und ich, ich bin ergriffen ganz
Von dieser Geisteskraft,
Und muss gewahren,
Dass Schmerzen und Verwüstung
Sie mit sich trägt,
Ergiesst aus meinem Herzen sie
In andre Herzen sich.
PHILIA: Es war, als ob ein ganzer Chor
(Es treten Professor Capesius und Doktor Strader ein.)
Aus Meinungen und Gesinnungen
Zusammentönte in dem Kreise,
Der eben uns vereinte.
Der Harmonien gab es viele,
Doch auch so manche herbe Dissonanz.
MARIA: Wenn vieler Menschen Worte
In solcher Art sich vor die Seele stellen,
Dann ist’s, als ob
Geheimnisvoll dazwischenstünde
Des Menschen volles Urbild;
Es zeigt in vielen Seelen sich
Gegliedert, wie das Eine Licht
Im Regenbogen sich
In vielen Farbenarten offenbart.
19
CAPESIUS: So hat man denn
In vielen Jahren ernsten Strebens
Durchwandert mancher Zeiten wechselnd Wesen,
Zu forschen stets nach allem,
Was lebte in den Menschengeistern,
Die künden wollten Daseinsgründe
Und weisen Lebensziele ihrem Wirken.
Man glaubte, in der eignen Seele
Des Denkens hohe Macht belebt zu haben
Und manchen Schicksals Rätsel.
Man konnte meinen, dass man fühle
Im Innern alles Urteils feste Stützen,
Wenn neu Erlebtes fragend
Sich vor die Seele drängt.
Doch wankend wird die Stütze mir bei allem,
Was ich schon früher,
Und auch in dieser Stunde wieder,
Mit Staunen habe hören können
Von dieser hier gepflegten Denkungsart.
Und wankend wird sie vollends,
Wenn ich bedenke, wie gewaltig
Die Wirkung sich erweist im Leben.
So manchen Tag hab’ ich damit verbracht:
Was ich den Zeitenrätseln abgelauscht,
In solchen Worten auszusprechen,
Die Herzen fassen und erschüttern können.
Und froh schon war ich,
Wenn nur die kleinste Ecke
Im Seelenwesen meiner Hörerschar
Ich voll erwärmen konnte.
Und manches schien mir auch erreicht.
Nicht klagen kann ich über Misserfolg.
Doch alles Wirken solcher Art,
20
CAPESIUS: Es konnte mich nur führen
Zur Anerkennung jener Meinung,
Die so geliebt wird und betont
Im Reich der Tatenmenschen:
Dass in des Lebens Wirklichkeit
Gedanken nichts als blasse Schatten sind.
Sie könnten wohl befruchten
Die Schaffensmächte unsres Lebens;
Sie zu gestalten aber
Ist ihnen nicht gegeben.
Und längst hab’ ich mich abgefunden
Mit dem bescheidnen Wort:
Wo nur Gedanken-Blässe wirkt,
Erlahmt das Leben und auch alles,
Was sich dem Leben zugesellt.
Und stärker als die reifsten Worte
Mit ihrer inhaltvollen Kunst
Erweist im Leben sich
Begabung als Naturgeschenk,
Erweist das Schicksal sich.
Die Bergeslast der Überlieferung
Und dumpfer Vorurteile Alp,
Sie werden stets erdrücken
Der besten Worte Kraft.
Was hier jedoch sich zeigt,
Gibt viel zu denken Menschen meiner Art.
Erklärlich schien uns solche Wirkung,
Wo überhitzter Sektengeist,
Die Seelen nur betörend,
Sich über Menschen giesst.
Doch hier ist nichts von solchem Geist zu sehn.
Man will nur durch Vernunft zur Seele sprechen.
Und doch: man schafft
Durch Worte echte Lebenskräfte,
21
CAPESIUS: Und spricht zum tiefsten Herzensgrund.
Und selbst des Wollens Reich
Ergreift das sonderbare Etwas,
Das jenen, die gleich mir
In alten Bahnen wandeln,
Als blasses Denken nur erscheinen will.
Ich bin ganz unvermögend,
Zu leugnen solche Wirkung;
Ich kann nur nicht
Mich selber ihr ergeben.
Es spricht dies alles zu mir so ganz eigenartig:
Nicht so, als ob an mir es wäre,
Zurückzustossen das Erlebte;
Es scheint mir fast,
Als könnte dieses Etwas meine Art
In sich nicht dulden.
STRADER: Ich muss im vollsten Sinne mich bekennen
Zu euren letztgesprochnen Worten;
Und schärfer möchte ich sogar betonen,
Dass alle Wirkung auf die Seele,
Die wir erblühen sehen aus Ideen,
Entscheiden darf in keiner Weise,
Was an Erkenntniswert sie bergen.
Ob Wahrheit oder Irrtum
In unsrem Denken lebt,
Darüber kann allein nur richten
Des echten Wissens Wahrspruch.
Und niemand sollte ernstlich leugnen,
Dass solcher Prüfung wohl in keiner Art
Gewachsen sich erweisen kann,
Was hier nur scheinbar klar sich zeigt
Und Lösung höchster Lebensrätsel bieten will.
22
STRADER: Es spricht berückend zu dem Menschengeist
Und lockt doch nur des Menschen gläubig Herz;
Man meint zu öffnen Türen in die Reiche,
Vor denen ratlos und bescheiden
Die streng bedächt’ge Forschung steht.
Und wer in wahrer Treue
Zu dieser Forschung lebt,
Ihm ziemt es zu bekennen,
Dass niemand wissen kann,
Woraus des Denkens Quellen strömen
Und wo des Daseins Gründe liegen.
Wenn solch Bekenntnis auch recht hart der Seele wird,
Die allzugern ergründen möchte,
Was jenseits allen Wissens liegt:
Der Denkerseele drängt ein jeder Blick,
Ob er nach aussen sich bemüht,
Ob man ins Innre ihn gerichtet hält,
Des Wissens Grenze doch gewaltig auf.
Verleugnen wir Vernunft
Und was Erfahrung uns gewährt,
So sinken wir ins Bodenlose.
Und wer vermöchte nicht zu sehn,
Wie wenig unsrer Denkungsart
Im Ernst sich fügen will,
Was hier als neue Offenbarung gilt.
Es braucht fürwahr nicht viel,
Zu zeigen, wie so ganz ihr fehlt,
Was allem Denken feste Stützen gibt
Und Sinn für Sicherheit verleiht.
Die Herzen wärmen mag die neue Offenbarung;
Der Denker sieht in ihr nur Schwärmerträume.
PHILIA: So sprechen wird wohl stets
23
PHILIA: Das Wissen, das erobert ist
In Nüchternheit und mit Verstand.
Doch andres muss die Seele haben,
Die an sich selber glauben soll.
Sie wird wohl stets auf solche Worte hören,
Die ihr vom Geiste sprechen.
Was dunkel sie schon vorher ahnen konnte,
Erstrebt sie zu begreifen.
Zu reden von dem Unbekannten,
Es kann den Denker locken;
Doch niemals Menschenherzen.
STRADER: Ich kann empfinden,
Wieviel in solchem Einwurf liegt.
Er trifft die blossen Grübler,
Die nur des Denkens Faden spinnen
Und fragen, was aus dem und jenem folgt,
Das sie erst selber sich als Meinung bilden.
Doch kann er mich nicht treffen.
Ich habe nicht Gedanken mich ergeben,
Weil äussrer Anlass mich geführt.
Ich wuchs als Kind heran
Im Kreise frommer Leute
Und sah Gebräuche,
Die meinen Sinn berauschten
Durch Bilder jener Himmekelche,
Die man der Einfalt
So trostesreich zu schildern weiss.
In meiner Knabenseele
Erlebte ich die wahrsten Wonnen,
Wenn ich im Aufblick schwelgte
Zu höchsten Geisteswelten;
Und Beten war Bedürfnis meines Herzens.
24
STRADER: Im Kloster ward ich dann erzogen,
Und Mönche waren meine Lehrer;
Und selber Mönch zu werden,
Ward meines Innern Sehnsucht
Und meiner Eltern heisser Wunsch.
Ich stand schon vor der Priesterweihe.
Es trieb ein Zufall dann mich aus dem Kloster.
Doch dankbar muss ich diesem Zufall sein;
Denn meiner Seele war
Der stille Friede längst geraubt,
Als jener Zufall sie errettet.
Ich war bekannt geworden mit so vielem,
Was nicht in eines Mönches Welt gehört.
Naturerkenntnis kam mir zu aus Schriften,
Die mir verboten waren.
So lernte ich die neue Forschung kennen;
Und schwer nur fand ich mich zurecht.
Ich suchte auf so manchem Wege.
Erklügelt wahrlich hab’ ich nicht,
Was mir als Wahrheit sich gezeigt.
In heissen Kämpfen habe ich
Aus meinem Geist gerissen,
Was Glück und Frieden mir als Kind gebracht.
Ich kann verstehn das Herz,
Das nach den Höhn sich sehnt.
Doch weil als Traum erkannt ich hab,
Was mir die Geisteslehre brachte,
Musst’ sichern Boden ich dann finden,
Wie Wissenschaft und Forschung nur ihn schaffen.
LUNA: Ein jeder mag verstehn in seiner Art,
Wo Sinn und Ziel des Lebens liegen.
Mir fehlt ganz sicher jede Fähigkeit,
25
LUNA: Am Wissen unsrer Zeit zu prüfen,
Was ich als Geisteslehre hier empfange.
Ich fühle aber klar in meinem Herzen,
Dass meine Seele ohne sie ersterben würde,
Wie meine Glieder ohne Blut es müssten.
Sie, lieber Doktor, sprechen viele Worte,
Um gegen uns zu kämpfen.
Und was Sie eben uns gesagt
Von Ihren Lebenskämpfen,
Gewicht verleiht es Ihren Worten
Bei jenen Menschen auch,
Die unvermögend sind, zu folgen Ihrer Rede.
Ich muss nur stets mich fragen,
(Theodora tritt ein.)
Warum gerader Menschensinn
Wie selbstverständlich finden muss
Das Wort vom Geist,
Das stets mit warmem Anteil er ergreifen wird;
Und Kälte nur ihn überläuft,
Wenn er die Seelennahrung suchen will
Aus Worten, wie sie jetzt von Ihnen kommen.
THEODORA: Obwohl auch ich so wohl
Mich fühlen muss in diesem Kreise,
Erscheinen mir doch fremd die Reden,
Die ich hier hören muss.
CAPESIUS: Warum die Fremdheit?
THEODORA: Ich mag es selbst nicht sagen.
Maria, schildre du es.
26
MARIA: Die Freundin hat es oft uns dargestellt,
Wie sonderbar es ihr ergangen.
Sie fühlte eines Tages sich wie umgewandelt.
Und nirgends konnte sie Verständnis finden.
Ihr Wesen wirkte überall Befremden nur,
Bis sie in unsre Kreise trat.
Nicht dass wir selbst begreifen könnten,
Was sie mit keinem Menschen teilt;
Doch wir erwerben uns durch unsre Denkungsart
Die volle Anteilnahme auch für Ungewohntes,
Wir lassen jede Art
Des Menschenwesens gelten.
Für unsre Freundin gab es
Im Leben einen Augenblick,
Da sie verschwinden fühlte alles,
Was ihrem eignen Lebenslaufe angehört.
Vergangnes war wie ausgelöscht in ihrer Seele.
Und seit sich diese Wandlung eingestellt,
Erneuert immer wieder sich die Seelenstimmung.
Sie dauert jedesmal nur kurze Zeit.
Im andern Leben ist sie so wie alle Menschen.
Wenn sie in jenen Zustand fällt,
Ermangelt sie fast ganz
Der Gabe der Erinnerung.
Es ist ihr auch des Auges Kraft genommen,
Sie fühlt dann mehr, was sie umgibt.
Sie sieht es nicht.
Dabei erglimmen ihre Augen
In eigenartigem Licht.
Dafür erscheinen ihr Gebilde,
Die anfangs traumhaft waren,
Die jetzt so klar doch sind,
Dass sie als Vorverkündung spätrer Zukunft
27
MARIA: Nur zu verstehen sind,
Wir haben dieses oft gesehn.
CAPESIUS: Das ist es eben,
Was mir so wenig
Gefallen will in diesem Kreise:
Dass Aberglaube sich vermengt
Mit Logik und Vernunft.
Das war so überall,
Wo man auf diesen Wegen ging
MARIA: Wenn ihr so sprechen könnt,
Ist euch noch unbekannt,
Wie wir zu diesen Dingen stehn.
STRADER: Was mich betrifft,
So muss ich frei gestehn,
Dass mir erwünschter ist,
Von solcher Offenbarung hier zu hören
Als von den zweifelhaften Geisteslehren.
Denn fehlt mir auch
Die Lösung für das Rätsel solcher Träume,
So seh’ ich sie als Tatbestand ja doch.
Es gibt wohl keine Möglichkeit,
Zu sehen eine Probe
Der sonderbaren Geistesart.
MARIA: Vielleicht, sie kommt da eben wieder.
Es schien mir fast,
Als ob das Sonderbare jetzt
Sich zeigen wollte.
28
THEODORA: Es drängt zu sprechen mich:
Vor meinem Geiste steht ein Bild im Lichtesschein,
Und Worte tönen mir aus ihm;
In Zukunftzeiten fühl’ ich mich,
Und Menschen kann ich schauen,
Die jetzt noch nicht im Leben.
Sie schauen auch das Bild,
Sie hören auch die Worte,
Sie klingen so:
Ihr habt gelebt im Glauben,
Ihr ward getröstet in der Hoffnung,
Nun seid getröstet in dem Schauen,
Nun seid erquickt durch mich.
Ich lebte in den Seelen,
Die mich gesucht in sich,
Durch meiner Boten Wort,
Durch ihrer Andacht Kräfte.
Ihr habt geschaut der Sinne Licht
Und musstet glauben an des Geistes Schöpferreich.
Doch jetzt ist euch errungen
Ein Tropfen edler Sehergabe,
0 fühlet ihn in eurer Seele.

Ein Menschenwesen
Entringt sich jenem Lichtesschein.
Es spricht zu mir:
Du sollst verkünden allen,
Die auf dich hören wollen,
Dass du geschaut,
Was Menschen noch erleben werden.
Es lebte Christus einst auf Erden,
Und dieses Lebens Folge war,
Dass er in Seelenform umschwebt
29
THEODORA: Der Menschen Werden.
Er hat sich mit der Erde Geistesteil vereint.
Die Menschen konnten schauen ihn noch nicht,
Wie er in solcher Daseinsform sich zeigt,
Weil Geistesaugen ihrem Wesen fehlten.
Die sich erst künftig zeigen sollen.
Doch nahe ist die Zukunft,
Da mit dem neuen Sehen
Begabt soll sein der Erdenmensch.
Was einst die Sinne schauten
Zu Christi Erdenzeit,
Es wird geschaut von Seelen werden,
Wenn bald die Zeit erfüllt wird sein.
(Sie geht ab.)
MARIA: Es ist zum ersten Male,
Dass sie vor vielen Menschen so sich gibt,
Es drängte sie sonst nur,
Wenn zwei bis drei zugegen waren.
CAPESIUS: Es scheint doch sonderbar,
Dass sie wie auf Befehl und nach Bedarf
Gedrängt sich fand zu dieser Offenbarung.
MARIA: Das mag so scheinen.
Wir aber kennen ihre Art.
Wenn sie in diesem Augenblick
Die Stimme ihres Innern
In eure Seelen senden wollte,
Es war aus keinem andern Grunde,
Als weil an euch
Sich richten wollte dieser Stimme Quell.
30
CAPESIUS: Bekannt ist uns geworden,
Dass von der künft’gen Gabe,
Von der sie sprach wie träumend,
Auch oftmals schon berichtet hat
Der Mann, von dem man uns gesagt,
Dass er die Seele dieses Kreises ist
Ist’s möglich, dass von ihm
Der Inhalt ihrer Rede stammt,
Und nur die Art aus ihrem Wesen kommt?
MARIA: Wenn so die Sache stünde,
Sie wäre uns nicht wichtig.
Es ist jedoch genau der Tatbestand geprüft.
Die Freundin war ganz unbekannt
Mit unsres Führers Reden,
Bevor sie unsren Kreis betrat.
Und auch von uns hat keiner
Vorher gehört von ihr.
CAPESIUS: Dann sehen wir nun eben einen Tatbestand,
Wie sie entgegen dem Naturgesetz
Sich öfter bilden
Und nur als krankhaft gelten können.
Entscheiden über Lebensrätsel kann
Gesundes Denken nur allein,
Und was der wachen Sinnesart entspringt.
STRADER: Doch liegt ein Tatbestand ja vor;
Und wichtig ist gewiss,
Was eben uns gesagt:
31
STRADER: Es könnte zwingen -
Verwürfe man auch alles andre, -
An Übertragung von Ideen
Durch Seelenkraft zu denken,
ASTRID: Ach könntet ihr den Boden doch betreten,
Den euer Denken meiden will!
Es müsste schmelzen wie der Schnee im Sonnenlicht
Der Wahn, der fremd und wunderbar,
Ja krankhaft gar erscheinen lässt,
Was solcher Menschen Art uns offenbart.
Es ist bedeutsam zwar, doch seltsam nicht.
Denn klein will mir dies Wunder scheinen,
Betracht’ die tausend Wunder ich,
Die täglich mich umgeben.
CAPESIUS: Ein andres ist es doch,
Das überall Vorhandne zu erkennen,
Ein andres, was man hier uns zeigt.
STRADER: Von Geist zu sprechen
Wird nötig erst,
Wenn Dinge man uns weist,
Die nicht in jenem Kreise liegen,
Der streng umschlossen ist
Durch unsre Wissenschaft.
ASTRID: Das helle Sonnenlicht,
Erglänzend in dem Tau des Morgens,
(Es tritt Felix Balde ein.)
32
ASTRID: Die Quelle, die aus Felsen rieselt, Der Donner, der aus Wolken dröhnt,
Sie reden eine Geistessprache:
Ich suchte sie zu kennen.
Von dieser Sprache Sinn und Macht
Ist nur ein schwacher Abglanz
In eurer Forschung zu erblicken.
Ich fand mein Seelenglück,
Als jener Sprache Art ins Herz mir drang,
Die Menschenwort und Geisteslehre
Mir nur gewähren konnten.
FELIX BALDE: Das war ein rechtes Wort.
MARIA: Es drängt mich auszusprechen,
Wie sehr mein Herz sich freut
(Frau Balde erscheint.)
Zum erstenmal bei uns zu sehn
Den Mann, von dem so vieles mir bekannt.
Was mir erzeugt den Wunsch,
Recht oft ihn hier zu sehn.
FELIX BALDE: Es ist mir ungewohnt,
Mit vielen Menschen zu verkehren;
Und nicht nur ungewohnt.
FRAU BALDE: Ach ja, es ist so seine Art.
Sie drängt uns ganz in Einsamkeit.
Wir hören Jahr um Jahr
Kaum mehr, als was wir selber sprechen.
33
FRAU BALDE: Und käme dieser liebe Mann
(Auf Capesius zeigend)
Zuweilen nicht in unser Häuschen,
Wir wussten kaum,
Dass ausser uns noch Menschen leben.
Und wenn der Mann,
Der in dem Saale vorhin sprach
Und uns durch seine schönen Worte
So stark ergriffen hat,
Nicht träfe meinen Felix oft,
Wenn dieser sein Geschäft besorgt,
Ihr wüsstet nichts
Von uns verschollnen Leuten.
MARIA: Und der Professor kommt zu euch?
CAPESIUS: Gewiss, und sagen darf ich wohl,
Ich bin der guten Frau
Zu tiefstem Dank verpflichtet.
Sie gibt mir reichlich,
Was keiner sonst mir geben kann.
MARIA: Und welcher Art sind ihre Gaben?
CAPESIUS: Berühren muss ich,
Will davon ich erzählen,
Ein Ding, das wahrlich wunderbarer mir erscheint
Als manches, was ich hier gehört,
Weil mehr zu meiner Seele sprechend.
Ich könnte kaum an andrem Orte
34
CAPESIUS: Die Worte aus dem Munde bringen,
Die hier so leicht mir werden.
Für meine Seele gibt es Zeiten,
Wo sie wie ausgepumpt und leer sich fühlt.
Es ist mir dann, als ob des Wissens Ouelle
In mir erschöpft sich hätte;
Als ob kein Wort ich finden könnte,
Das wert zu halten wäre Gehört zu werden.
Empfind’ ich solche Geistesöde,
Dann flüchte ich in dieser guten Leute
Erquickend stille Einsamkeit.
Und Frau Felicia erzählt
In Bildern wunderbar
Von Wesen, die im Traumeslande wohnen
Und in den Märchenreichen
Ein buntes Leben führen,
Es ist der Ton der Rede
Wie Sagenweise aus den alten Zeiten.
Ich frage nicht, woher sie ihre Worte hat.
Ich denke dann an eines nur mit Klarheit,
Wie meiner Seele neues Leben fliesst
Und wie hinweggebannt
Mir alle Seelenlähmung ist.
MARIA: Dass von der Gattin Kunst
So Grosses zu verkünden,
Es fügt in schönster Art
Zu allem sich harmonisch,
Was Benedictus sprach von seines Freundes
Verborgnen Wissensquellen.
FELIX BALDE: Der vorhin eben sprach,
35
FELIX BALDE: (Benedictus erscheint in der Tür.)
Als wenn in Weltenräumen
Und Ewigkeiten nur sein Geist verweilte,
Hat wahrhaft keinen Grund,
Von meiner Einfalt viel zu reden.
BENEDICTUS: Ihr irrt, mein Freund,
Unsäglich ist mir wert ein jedes eurer Worte.
FELIX BALDE: Es war nur Vorwitz,
Der Trieb zu schwätzen,
Wenn ihr die Ehre mir oft gabt,
So neben euch zu gehn auf unsern Bergeswegen,
Nur weil ihr mir verborgen,
Wieviel ihr selber wisst,
Hab’ ich gewagt zu reden.
Doch unsre Zeit ist um,
Wir haben einen weiten Weg
Nach unsrem stillen Heim.
FRAU BALDE: Es war mir rechte Labsal,
Dass ich einmal bei Menschen war.
Es wird so bald nicht wieder sein. -
Für Felix taugt kein andres Leben
Als das in seinen Bergen.
(Felix und Frau ab.)
BENEDICTUS: Die Frau hat sicher recht,
Er wird so bald nicht wieder kommen.
Es brauchte vieles,
36
BENEDICTUS: Ihn diesmal herzubringen.
Und doch ist nicht bei ihm
Der Grund zu suchen,
Dass niemand von ihm weiss.
CAPESIUS: Mir schien er nur ein Sonderling.
Ich fand ihn redselig
In mancher Stunde,
Die ich bei ihm verbracht.
Doch blieben mir stets dunkel seine sonderbaren Reden,
In denen er zutage brachte,
Was er zu wissen meint.
Er spricht von Sonnenwesen,
Die in den Steinen wohnen,
Von Monddämonen,
Die jener Wesen Werke stören,
Vorn Zahlensinn der Pflanzen redet er.
Und wer ihn hört, der wird nicht lange
In seinen Worten einen Sinn bewahren können
BENEDICTUS: Man kann auch fühlen,
Wie wenn Naturgewalten in den Worten suchten,
Zu offenbaren sich in ihres Wesens Wahrheit.
(Benedictus geht ab.)
STRADER: Ich ahne schon,
Dass schlimme Tage
In meinem Leben kommen werden!
Seit jener Zeit,
Da mir in Klosters Einsamkeit
Die Kunde solchen Wissens ward zuteil,
37
STRADER: Das mich im tiefsten Seelengrunde furchtbar traf,
Ist kein Erlebnls mir so nah’ gegangen,
Wie das mit dieser Seherin.
CAPESIUS: Was hier erschütternd wirken soll,
Vermag ich nicht zu sehn
Ich fürchte, lieber Freund,
Verliert ihr hier die Sicherheit,
Es werde bald euch alles sich
In finstre Zweifel hüllen.
STRADER: Die Furcht vor solchem Zweifel:
Sie quält mich manche Stunde.
Ich weiss sonst nichts
Von Sehergaben durch mich selbst;
Doch oft, wenn Rätselfragen mich gewaltig quälen,
Dann steigt gespenstig mir aus dunkler Geistestiefe
Ein schreckhaft Traumeswesen vor dem Geistesauge auf.
Es legt sich schwer mir auf die Seele,
Und schaurig auch umkrallt es mir das Herz
Und spricht aus mir:
Bezwingst du mich
Mit deinen stumpfen Denkerwaffen nicht,
Bist mehr du nicht
Als flüchtig Truggebild des eignen Wahnes nur.
THEODOSIUS (der schon früher eingetreten): So ist das Schicksal aller Menschen,
Die denkend nur der Welt sich nah’n.
Es lebt im Innern uns des Geistes Stimme.
Wir haben keine Macht, die Hülle zu durchdringen,
38
THEODOSIUS Die vor den Sinnen sich verbreitet.
Es bringt das Denken Wissen jener Dinge nur,
Die schwinden mit dem Zeitenlauf.
Was ewig ist und geistig,
Im Menscheninnern ist es nur zu finden.
STRADER: Soll eines frommen Glaubens Frucht
Der Seele Ruhe bringen,
Sie kann auf solchen Wegen,
Sich selbst genügend, wandeln.
Doch echten Wissens Kraft
Erblüht auf diesem Pfade nicht.
THEODOSIUS: Es gibt jedoch nicht andre Wege,
(Es treten Romanus und German ein.)
Im Menschenherzen wahres Geisteswissen zu erzeugen.
Der Hochmut kann verführen,
(Helena tritt ein.)
Der Seele wahres Fühlen
Zu Truggebilden umzuschaffen,
Und Schauen vorzumalen,
Wo Glaubensschönheit nur sich ziemt!
Von allem, was wir hier
Als Wissen aus den höhern Welten
So geistvoll hören konnten,
Gilt eines nur dem echten Menschensinn:
Nur dass im Geisterland
Die Seele heimisch sich erfühlt.
DIE ANDRE MARIA
(die mit Theodosius eingetreten ist):
Solange nur zu sprechen
Gedrängt sich fühlt der Mensch,
39
DIE ANDRE MARIA Mag ihm genügen solcher Rede Inhalt.
Im vollen Leben mit all’ seinem Streben,
Mit seiner Glückessehnsucht, seinem Jammer,
Bedarf man andrer Nahrung,
Zu reichen sie den Seelen.
Mich hat ein innter Trieb gelenkt,
Den Rest des Lebens,
Der noch mir zugeteilt,
Zu widmen jenen Menschen,
Die des Geschickes Lauf
Gebracht in Elend und in Not.
Und öfter noch war ich genötigt,
Zu lindern Schmerzen in den Seelen
Als Leiden an den Leibern.
Ich fühlte wohl auf vielen Wegen
Die Ohnmacht meines Willens;
Ich muss stets neue Kraft
Mir holen aus dem Reichtum,
Der hier aus Geistesquellen fliesst.
Die warme Zauberkraft der Worte,
Die hier ich höre,
Ergiesst in meine Hände sich
Und fliesst wie Balsam weiter,
Berührt die Hand den Leidbeladnen.
Sie wandelt sich auf meinen Lippen
In rechte Trostesrede
Für schmerzdurchwühlte Herzen.
Ich frage nach der Worte Ursprung nicht.
Ich schaue ihre Wahrheit,
Wenn lebend Leben sie mir spenden.
Und deutlich seh’ ich jeden Tag,
Wie ihnen Macht nicht gibt,
Was eignen Willens schwache Kraft vermag,
Wie täglich sie mich neu mir selber schaffen.
40
CAPESIUS: Es gibt ja Menschen doch genug,
Die ohne diese Offenbarung
Unsäglich Gutes schaffen?
MARIA: Es fehlt an ihnen
Gewiss an vielen Orten nicht.
Doch andres will die Freundin sagen.
Erkennt ihr erst ihr Leben,
Ihr werdet anders sprechen.
Wo Kräfte unverbraucht
In voller Blüte walten,
Wird Liebe reichlich keimen
Bei gutem Herzensgrunde.
Doch unsre Freundin hat erschöpft
Des Lebens beste Kräfte durch die Arbeitsüberfülle.
Und aller Lebensmut war ihr genommen
Durch schweren Schicksalsdruck,
Den sie erfahren.
Die Kräfte hatte sie geopfert
Der Kinder sorglich Leitung,
Der Mut war hingesunken,
Als Ihr ein früher Tod
Den teuren Gatten nahm.
In solcher Lage schien ein müder Lebensrest
Ihr weitres Los zu sein.
Da brachten Schicksalsmächte sie
In unsrer Geisteslehre Bann,
Und ihre Lebenskräfte
Erblühten noch zum zweiten Male.
Mit neuem Daseinsziel
Kam wieder Mut in ihr Gemüt.
So hat in ihr der Geist ganz wahrhaft
41
MARIA: Den neuen Menschen aus erstorbnem Keim geschaffen.
Wenn solcher Schaffenskraft
Der Geist sich fruchtbar zeigt,
Dann scheint die Art erwiesen auch,
In der er kund sich gibt.
Und wenn kein Hochmut in dem Worte liegt,
Und recht im Herzen lebt der Seele höchstes Sittenziel,
Zu glauben auch in keiner Weise,
Dass unser Eigenwerk die Lehre -
Dass nur der Geist
Sich selbst in unserm Innern deutet,
Dann ist es wohl vermessen nicht,
Zu sagen, dass in eurer Denkungsart
Nur blasse Schatten weben
Vom echten Quell des Menschenseins;
Und dass der Geist, der uns beseelt,
Verbindet innig sich mit allem,
Was in den Lebensgründen
Des Menschen Schicksal spinnt.
Die Jahre, seit erlaubt mir ward,
Dem lebensvollen Werke mich zu widmen,
Sind mehr der blutenden Herzen
Getreten mir vor Augen
Und mehr der sehnenden Seelen,
Als mancher Mensch nur ahnt.
Ich schätze eurer hohen Ideen Flug \Und eures Wissens stolze Sicherheit.
Ich liebe, dass zu euren Füssen
Verehrend sitzt der Hörer Schar,
Und dass aus euren Werken
Für viele Seelen strömt
Erhebenden Denkens Klarheit.
Doch scheint mir, dass die Sicherheit
Nur wohnt in diesem Denken,
42
MARIA: Solange in sich selbst es bleibt. -
Die Art, der ich gehöre,
Sie schickt in tiefe Wirklichkeiten
Die Früchte ihrer Worte,
Weil sie in tiefen Wirklichkeiten
Die Wurzeln pflanzen will
Es liegt wohl ferne eurem Denken
Die Schrift am Geisteshimmel,
Die mit gewicht’gen Zeichen
Den neuen Trieb verkündet
Am Baum der Menschheit.
Und scheint auch klar und sicher
Das Denken, das in alter Weise lebt,
Es kann des Baumes Rinde pflegen;
Doch reicht es nicht
An seines Markes Lebensmacht.
ROMANUS: Ich finde nicht die Brücke,
Die von Ideen
Zu Taten wahrhaft führen könnte.
CAPESIUS: Man überschätzt auf jener Seite
Die Kräfte der Ideen;
Doch ihr verkennt in andrer Art
Den Lauf der Wirklichkeit.
Es sind Ideen doch wohl sicherlich
Die Keime aller Menschentaten.
ROMANUS: Wenn diese Frau des Guten vieles leistet,
So liegt dazu der Trieb
In ihrem warmen Herzen.
43
ROMANUS: Es ist gewiss dem Menschen nötig,
Wenn Arbeit er geleistet hat,
Erbanung zu empfangen von Ideen,
Doch wird allein die Zucht des Willens
Im Bunde mit Geschick und Kraft
Bei allem echten Lebenswerk
Der Menschheit vorwärtshelfen.
Wenn Räderschwirren
Mir in die Ohren tönt,
Und wenn zufriedner Menschen Hände
An Kurbeln ziehen,
Dann fühle ich die Lebensmächte.
GERMAN: Ich habe oft so leichthin ausgesprochen,
Dass ich die Schnurren liebe
Und nur sie geistvoll finde,
Dass sie jedoch für mein Gehirn
Stets bleiben werden guter Stoff,
Die Zeiten hinzubringen,
Die zwischen Arbeit und Vergnügen liegen.
Und jetzt ist mir recht abgeschmackt dies Wort.
Die unsichtbare Macht hat mich bezwungen.
Gelernt hab’ ich zu fühlen,
Was stärker ist im Menschenwesen
Als unsers Witzes Kartenhaus.
CAPESIUS: Und nirgends als nur hier habt ihr vermocht,
Zu finden solche Geisteskraft?
GERMAN: Das Leben, das ich führte,
Es bot mir manche Geisteswerte;
44
GERMAN: Es lag mir nicht,
Zu pflücken ihre Früchte
Doch diese Denkungsart,
Sie zog mich hin zu sich,
So wenig ich auch selber tat.
CAPESIUS: Wir haben schöne Stunden hier verlebt
Und müssen dankbar sein des Hauses Leiterin.
(Es gehen alle ab, nur Maria und Johannes bleiben.)
JOHANNES: O bleibe eine Weile noch bei mir.
Es ist mir bange - ach so bange.
MARIA: Was ist dir? sprich!
JOHANNES: Erst unsres Führers Worte,
ann dieser Menschen bunte Reden!
Erschüttert bis ins Mark erschein’ ich mir.
MARIA: Wie konnten diese Reden
Dein Herz so stark ergreifen?
JOHANNES: In diesem Augenblicke
War mir ein jedes Wort
Ein furchtbar Zeichen
Der eignen Nichtigkeit.
45
MARIA: Es war gewiss bedeutsam,
In kurzer Zeit ergiessen sich zu sehn
Soviel von Lebenskämpfen
Und Menschenwesenheit
In dies Zusammenspiel der Reden.
Doch ist es ja die Eigenart
Des Lebens, das wir führen,
Des Menschen Geist zum Sprechen zu erwecken.
Und was sich sonst begibt in langer Zeiten Lauf,
Enthüllt sich hier in wenig Stunden.
JOHANNES: Ein Spiegelbild des vollen Lebens,
Das mich so klar mir selbst gezeigt.
Die hohe Geistesoffenbarung
Hat mich dazu geführt, zu fühlen
Wie Eine Seite nur des Menschen
So mancher in sich birgt,
Der ganz sich glaubt als Wesenheit.
Die vielen Seiten zu vereinen
In meinem eignen Selbst,
Betrat ich kühn den Weg,
Der hier gewiesen ist.
Er hat ein Nichts aus mir gemacht.
Was ihnen fehlt,
Ist mir bewusst.
Bewusst ist mir jedoch nicht minder,
Dass sie im Leben stehen
Und ich im wesenlosen Nichts.
Es zogen ganze Lebensläufe
Bedeutsam sich in kurze Reden hier zusammen.
Doch auch des eignen Lebens Bild
Erstand in meiner Seele.
46
JOHANNES: Es malte sich die Kindheit
Mit ihrer frohen Lebensfülle,
Es malte sich die Jugendzeit
Mit stolzen Hoffnungen,
Die in der Eltem Herzen
Die Gaben ihres Sohnes weckten.
Die Träume einer Künstlerschaft,
Die Leben waren in den frohen Tagen,
Sie tauchten alle mahnend
Aus Geistestiefen auf.
Und jene Träume auch,
In welchen du mich sahst
In Farben und in Formen wandeln,
Was dir im Geiste lebt.

Und Flammen sah ich züngeln,
Die Jugendträume und auch Künstlerhoffnung
In nichts verwandelten!
Ein andres Bild entwand sich dann
Dem furchtbar öden Nichts:
Ein Menschenwesen war’s,
Das sein Geschick an meines hat
In treuer Liebe einst gebunden.
Es wollt’ mich halten,
Als ich vor Jahren wieder
In meine Heimat kam,
Gerufen zu der Mutter Leichenfeier
Ich riss mich los.
Denn mächtig war die Kraft,
Die mich in deine Kreise
Und nach den Zielen zog,
Die hier verkündet werden.
Kein Schuldgefühl verblieb
In mir aus jenen Tagen,
47
JOHANNES: Da ich zerriss ein Band,
Das Leben war der andern Seele.
Und auch die Botschaft, die mir kam,
Dass langsam welkte jenes Leben
Und endlich ganz erlosch,
Liess fühllos mich bis heute.
Bedeutsam sprach in jenem Saale
Vorhin der Führer nun,
Wie wir verderben können,
Wenn wir nicht richtig streben,
Das Schicksal jener Menschen,
Die liebend uns verbunden.
0, grässlich klangen wieder
Die Worte aus dem Bilde;
Und dann ertönte es von allen Seiten -
Es war wie schauervoller Widerhall:
Du hast sie hingemordet.
So ward die inhaltschwere Rede
Den andren Menschen Anlass,
In sich zu schauen;
In mir jedoch erzeugte sie
Bewusstsein schwerster Schuld.
Ich kann durch sie erkennen,
Wie irrend ich gestrebt.
MARIA: In diesem Augenblick, o Freund,
Betrittst du finstre Reiche.
Da kann dir niemand helfen
Als der allein, dem wir vertraun.

(Helena kommt zurück. Maria wird abgerufen.)
HELENA: Zu bleiben drängt es mich
48
HELENA: Noch eine kurze Zeit bei dir,
Des Blick so kummervoll
Seit vielen Wochen ist.
Wie kann das Licht,
Das herrlich strahlt,
Verdüstern deine Seele, \Die mit der stärksten Kraft
Allein nach Wahrheit strebt?
JOHANNES: Und dir hat Freude nur
Dies Licht gebracht?
HELENA: Nicht Freude nur von jener Art,
Die früher mir bekannt.
Doch jene Freude,
Die in den Worten keimt,
Durch die der Geist
Sich selbst verkündet.
JOHANNES: Ich sage dir jedoch,
Dass auch zermalmen kann,
Was schaffend wirkt.
HELENA: Es muss ein Irrtum sich mit List
In deine Seele schleichen,
Wenn dieses möglich ist.
Und wenn dir Sorgen
Statt freier Seligkeit
Und kummervolle Stimmung
Statt Geisteswonnen
49
HELENA: Erfliessen aus der Wahrheit Quellen.
So suche nach den Fehlern,
Die deine Wege stören.
Wie oft wird uns bedeutet,
Gesundheit nur ist unsrer Lehre wahre Frucht,
Und Lebenskraft erblüht aus ihr.
Wie sollte sie das Gegenteil in dir bezeugen!
Ich seh’ die Früchte an so vielen,
Die, mir vertrauend, sich vereinen.
Die alte Lebensführung wird
Der Seele fremd und fremder;
Es öffnen neue Quellen sich dem Herzen,
Das sich dann selbst erneut.
Der Blick in Daseinsgründe,
Er schafft Begierden nicht,
Die Menschen quälen können.

(Sie geht ab.)
JOHANNES: Dass Sinne Wahn nur künden,
Wenn Geist-Erkenntnis als Genossin
Sich ihnen nicht verbündet,
Ich brauchte viele Jahre,
Um dies verstehn zu können.
Dass selbst der höchsten Weisheit Worte
in deinem Wesen Seelenwahn nur sind,
Das zeigt ein einziger Augenblick.

(Vorhang)



Zweites Bild

50 Gegend im Freien, Felsen, Quellen; die ganze Umgebung ist in der Seele des JOHANNES THOMASIUS zu denken; das Folgende als Inhalt seiner Meditation; (später MARIA.)


(Es tönt aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erkenne dich!)
JOHANNES: So hör’ ich sie seit Jahren schon,
Die inhaltschweren Worte.
Sie tönen mir aus Luft und Wasser,
Sie klingen aus dem Erdengrund herauf,
Und wie ins kleine Samenkorn geheimnisvoll
Der Rieseneiche Bau sich drängt,
So schliesst zuletzt sich ein
In dieser Worte Kraft,
Was von der Elemente Wesen,
Von Seelen und von Geistern,
Von Zeitenlauf und Ewigkeit
Begreiflich meinem Denken ist.
Die Welt und meine Eigenheit,
Sie leben in dem Worte:
0 Mensch, erkenne dich!
(Aus Quellen und Felsen tönt es: O Mensch, erkenne dich!)
Und jetzt! - es wird
Im Innern mir lebendig fürchterlich.
Es webt um mich das Dunkel,
Es gähnt in mir die Finsternis;
Es tönt aus Weltendunkel,
Es klingt aus Seelenfinsternis:
0 Mensch, erkenne dich!
(Es tönt aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erkenne dich!)
Es raubt mich jetzt mir selbst.
Ich wechsle mit des Tages Stundenlauf
51
JOHANNES: Und wandle mich in Nacht.
Der Erde folge ich in ihrer Weltenbahn.
Ich rolle in dem Donner,
Ich zucke in den Blitzen.
Ich bin. - 0 schon entschwunden
Dem eignen Wesen fühl’ ich mich.
Ich sehe meine Leibeshülle;
Sie ist ein fremdes Wesen ausser mir,
Sie ist ganz fern von mir.
Da schwebt heran ein andrer Leib.
Ich muss mit seinem Munde sprechen:
„Er hat mir bittre Not gebracht;
Ich habe ihm so ganz vertraut.
Er liess im Kummer mich allein,
Er raubte mir die Lebenswärme
Und stiess in kalte Erde mich.“
Die ich verliess, die Arme,
Ich war sie eben selbst.
Ich muss erleiden ihre OuaL
Erkenntnis hat mir Kraft verliehn,
Mein Selbst in andres Selbst zu tragen.
0 grausam Wort!
Dein Licht verlöscht durch eigne Kraft.
0 Mensch, erkenne dich!
(Es tönt aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erkenne dich!)
Du führst zurück mich wieder
In meines eignen Wesens Kreise.
Doch wie erkenne ich mich wieder!
Mir ist verloren Menschenform.
Ein wilder Wurm erschein’ ich mir,
Aus Lust und Gier geboren.
Und klar empfinde ich,
Wie eines Wahnes Nebelbild
Die eigne Schreckgestalt
52
JOHANNES: Bisher verborgen mir gehalten hat.
Verschlingen muss mich eignen Wesens Wildheit.
Ich fühle als verzehrend Feuer
Durch meine Adern rinnen jene Worte,
Die mir so urgewaltig sonst
Der Sonnen und der Erden Wesen offenbarten.
Sie leben in den Pulsen,
Sie schlagen mir im Herzen;
Und selbst im eignen Denken fühle ich
Die fremden Welten schon als wilde Triebe lodern.
Das sind des Wortes Früchte:
0 Mensch, erkenne dich!
(Es tönt aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erkenne dich!)
Da, aus dem finstern Abgrund, -
Welch Wesen glotzt mich an?
Ich fühle Fesseln,
Die mich an dich gefesselt halten.
So fest war nicht Prometheus
Geschmiedet an des Kaukasus Felsen,
Wie ich an dich geschmiedet bin.
Wer bist du, schauervolles Wesen?
(Es tönt aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erkenne dich!)
0, ich erkenne dich.
Ich bin es selbst.
Erkenntnis schmiedet an dich verderblich Ungeheuer
(Maria tritt ein, wird von Johannes zunächst nicht bemerkt.)
Mich selbst verderblich Ungebeuer.
Entfliehen wollt’ ich dir.
Geblendet haben mich die Welten,
In welche meine Torheit floh,
Um von mir selber frei zu sein.
Geblendet bin ich wieder in der blinden Seele:
0 Mensch, erkenne dich!
(Es tönt aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erkenne dich!)
53
JOHANNES (wie wenn er zu sich käme, erblickt Maria. Die Meditation geht in innere Realität über):
0 Freundin, du bist hier!
MARIA: Ich suchte dich, mein Freund;
Obwohl bekannt mir ist,
Wie lieb dir Einsamkeit,
Nachdem so vieler Menschen Meinungen
Die Seele dir durchflutet.
Und weiss ich auch,
Dass ich durch meine Gegenwart dem Freund
In dieser Zeit nicht helfen kann,
So drängt ein dunkles Streben
In diesem Augenblick mich doch zu dir,
Da Benedictus’ Worte dir statt Licht
So schweres Leid
Aus deines Geistes Tiefen lockten.
JOHANNES: Wie lieb mir Einsamkeit!
Ich habe sie so oft gesucht,
In ihr mich selbst zu finden,
Wenn in Gedankenlabyrinthe mich
Der Menschen Leid und Glück getrieben hatten.
O Freundin, das ist nun vorbei.
Was Benedictus’ Worte erst
Mir aus der Seele holten,
Was durch der Menschen Reden
Ich erleben musste,
Gering nur scheint es mir,
Vergleich dem Sturm ich dies,
Den Einsamkeit mir dann gebracht
54
JOHANNES: In dumpfem Brüten.
0 diese Einsamkeit!
Sie hetzte mich in Weltenweiten.
Entrissen hat sie mich mir selbst.
In jenem Wesen, dem ich Leid gebracht,
Erstand ich als ein andrer.
Und leiden musste ich den Schmerz,
Den ich erst selbst bewirkt.
Die grausam finstre Einsamkeit,
Sie gab mich dann mir selber wieder.
Doch nur, zu Schrecken mich
Durch meines eignen Wesens Abgrund.

Mir ist des Menschen letzte Zuflucht,
Mir ist die Einsamkeit verloren.
MARIA: Ich muss das Wort dir wiederholen:
Nur Benedictus kann dir helfen.
Die Stützen, die uns fehlen,
Wir müssen beide sie von ihm erhalten.
Denn wisse, auch ich kann länger nicht
Ertragen meines Lebens Rätsel,
Wenn nicht durch Seinen Wink
Die Lösung sich mir zeigt.
Die hohe Weisheit, dass stets über alles Leben
Nur Schein und Trug sich breitet,
Wenn unser Denken seine Oberfläche bloss ergreift.
Ich habe sie recht oft mir vorgehalten
Und immer wieder sprach sie:
Du musst erkennen, wie dich Wahn umfängt,
So oft es dir auch Wahrheit dünkt,
Es könnte schlimme Frucht erstehn,
Wenn du erwecken willst in andern Licht,
55
MARIA: Das in dir selber lebt.
In meiner Seele bestem Teil ist mir bewusst,
Dass auch der schwere Druck,
Den dir, mein Freund,
Das Leben hat gebracht an meiner Seite,
Ein Teil des Dornenweges ist,
Der zu dem Licht der Wahrheit führt.
Erleben musst du alle Schrecken,
Die aus dem Wahn erstehen können,
Bevor der Wahrheit Wesen sich dir offenbart. \So spricht dein Stern.
Doch auch erscheint mir durch dies Sternenwort,
Dass wir vereint die Geisteswege wandeln müssen.
Doch such’ ich diese Wege,
So breitet sich vor meinem Blicke finstre Nacht.
Und schwärzer wird die Nacht durch vieles noch.
Was ich erleben muss
Als Früchte meines Wesens.
Wir müssen beide Klarheit in dem Lichte suchen,
Das wohl dem Aug entschwinden,
Doch nie erlöschen kann.
JOHANNES: Maria, ist dir denn bewusst,
Was meine Seele eben durchgerungen?
Ein schweres Los fürwahr
Ist dir geworden, edle Freundin.
Doch ferne liegt ja deinem Wesen jene Macht,
Die mich so ganz zerschmettert hat.
Du kannst in hellste Wahrheitshöhen steigen,
Du kannst die sichern Blicke
In Menschenwirrnis richten,
Du wirst in Licht und Finsternis
Dich selbst bewahren.
56
JOHANNES: Mir aber kann ein jeder Augenblick
Mich selber rauben.
Ich musste in die Menschen untertauchen,
Die sich vorhin in Worten offenbarten.
Ich folgt’ dem einen in die Klostereinsamkeit,
Ich hörte in des andern Seele
Felicias Märchen.
Ich war ein jeder,
Nur selbst erstarb ich mir.
Ich müsste glauben können,
Dass Nichts der Wesen Ursprung sei,
Wenn ich die Hoffnung hegen sollte,
Dass aus dem Nichts in mir
Ein Mensch je werden könne.
Mich führt aus Furcht in Finsternis
Und jagt durch Finsternis in Furcht
Der Weisheit Wesenswort: 0 Mensch, erkenne dich!
(Aus Quellen und Felsen tönt es: 0 Mensch, erkenne dich!)

(Der Vorhang fällt.)



Drittes Bild

57 Ein Meditationszimmer. (BENEDICTUS, JOHANNES, MARIA, KIND.)


MARIA: Ich bringe euch das Kind,
Es braucht ein Wort aus eurem Munde.
BENEDICTUS: Mein Kind, du sollst fortan
An jedem Abend zu mir kommen,
Zu holen dir das Wort,
Das dich erfüllen soll,
Bevor das Seelenreich des Schlafes du betrittst.
Willst du es so?
KIND: Ich will es so gern.
BENEDICTUS: Erfülle dein Gemüt an diesem Abend,
Bis dich der Schlaf umfängt,
Mit dieses Wortes Kraft:
„Es tragen Lichtgewalten
Mich in des Geistes Haus.“
(Das Kind wird von Maria hinausgeführt.)
MARIA: Und nun, da dieses Kindes Schicksal
In Zukunft fliessen soll
Im Schatten eurer Vaterhuld,
Erbitten darf des Führers Rat
Auch ich, die Mutter ihm geworden,
Wenn nicht durch Blutesbande,
58
MARIA: So doch durch Schicksalsmächte.
Ihr wieset mir den Weg,
Den ich es führen sollte
Von jenem Tage an, da ich es fand,
Von seiner unbekannten Mutter \Mir vor die Tür gelegt.
Und wunderwirkend zeigten
Sich an dem Pflegling alle Regeln,
Nach welchen ich ihn führen durfte.
Zutage traten alle Kräfte,
Die in dem Leibe und der Seele keimten.
Es zeigte sich, wie eure Weisung
Entsprossen war dem Reiche,
Das dieses Kindes Seele barg,
Bevor sie baute ihres Leibes Hülle.
Erwachsen sahen wir die Menschenhoffnung,
Die heller strahlte jeden neuen Tag.
Ihr wisst, wie schwer des Kindes Neigung
Ich erst gewinnen konnte.
Es wuchs heran in meiner Pflege,
Und mehr nicht als Gewohnheit
Verband erst seine Seele mit der meinen.
Es stand zu mir, empfindend,
Dass ich ihm reichte, was ihm nötig war
Für Leibeswohl und Seelenwachstum.
Es kam die Zeit, in welcher
Im Kindesherzen sich erzeugte
Die Liebe zu der Pflegerin.
Ein äussrer Anlass brachte solche Wandlung.
Es trat in unsern Kreis die Seherin.
Das Kind war gern um sie, \Und manches schöne Wort
Erlernte es in ihrem Zauberbann,
Da kam ein Augenblick, in dem Begeisterung
59
MARIA: Erfasste unsre wundersame Freundin,
Und schauen konnte unser Kind
Der Augen glimmend Licht.
Erschüttert bis ins Lebensmark
Empfand die junge Seele sich.
Sie kam in ihrem Schreck zu mir.
Von dieser Stunde an
War mir das Kind in Liebe warm ergeben.
Doch seit bewusstes Fühlen
Von mir empfing die Lebensgaben,
Und nicht der Trieb allein,
Seit wärmer dieses junge Herz erbebte,
Sobald sein Blick den meinen liebend traf,
Verloren eure Weisheitsschätze ihre Fruchtbarkeit.
Verdorren musste vieles,
Was schon gereift dem Kinde.
Erscheinen sah ich an dem Wesen wieder,
Was an dem Freunde furchtbar sich erwiesen,
Ich bin mir immer mehr ein dunkles Rätsel.
Du kannst mir wehren nicht die bange Lebensfrage:
Warum verderb’ ich Freund und Kind,
Wenn liebend ich das Werk versuch’
An ihnen zu verüben,
Das mich die Geistesweisung
Als gut erkennen lässt im Herzen?
Du hast mich an die hohe Wahrheit oft gewiesen,
Dass Schein sich breitet an des Lebens Oberfläche,
Doch muss ich Klarheit haben,
Soll ich ertragen dies Geschick,
Das grausam ist und Böses wirkt.
BENEDICTUS: Es formt sich hier in diesem Kreise
Ein Knoten aus den Fäden,
60
BENEDICTUS: Die Karma spinnt im Weltenwerden.
0 Freundin, deine Leiden
Sind Glieder eines Schicksalsknotens,
In dem sich Göttertat verschlingt mit Menschenleben.
Als auf dem Pilgerpfad der Seele
Erreicht ich hatte jene Stufe,
Die mir die Würde gab,
Mit meinem Rat zu dienen in den Geistersphären,
Da trat zu mir ein Gotteswesen,
Das niedersteigen sollte in das Erdenreich,
Um eines Menschen Fleischeshülle zu bewohnen.
Es fordert dies das Menschenkarma
An dieser Zeiten Wende.
Ein grosser Schritt im Weltengang
Ist möglich nur, wenn Götter
Sich binden an das Menschenlos.
Es können sich entfalten Geistesaugen,
Die keimen sollen in den Menschenseelen,
Erst wenn ein Gott das Samenkorn
Gelegt in eines Menschen Wesenheit.
Es wurde mir nun aufgegeben,
Zu finden jenen Menschen,
Der würdig war, des Gottes Samenkraft
In seine Seele aufzunehmen.
So musste ich verbinden Himmels-Tat
Mit einem Menschenschicksal.
Mein geistig Auge forschte.
Es fiel auf dich.
Bereitet hatte dich dein Lebenslauf zum Heilesmittler.
In vielen Leben hattest du erworben dir
Empfänglichkeit für alles Grosse,
Das Menschenherzen leben.
Der Schönheit edles Wesen, der Tugend höchste Forderung,
Du trugst als Geisteserbe sie
61
BENEDICTUS: In deiner zarten Seele.
Und was dein ewig Ich
Ins Dasein durch Geburt gebracht,
Es ward zur reifen Frucht
In deinen jungen Jahren.
Zu früh nicht stiegest du
Auf steile Geisteshöhen.
Und so erstand dir nicht
Der Hang zum Geisterland,
Bevor du voll erfasst
Der Sinne unschuldvolle Freuden.
Erkennen lernte deine Seele Zorn und Liebe,
Als ihrem Denken jeder Trieb
Zum Geist noch ferne war.
Natur in ihrer Schönheit zu geniessen,
Der Künste Früchte pflücken,
Erstrebtest du als deines Lebens Reichtum.
Du durftest heiter lachen,
Wie nur ein Kind kann lachen,
Das von des Daseins Schatten
Noch nichts erfahren hat.
Du lerntest Menschenglück verstehn
Und Leid beklagen in den Zeiten,
Da deinem Ahnen selbst nicht dämmerte,
Zu fragen nach des Glückes und des Leides Wurzeln.
Als reife Frucht von vielen Leben
Betritt das Erdensein die Seele,
Die solche Stimmung zeigt.
Und ihre Kindlichkeit ist Blüte,
Nicht Wurzel ihres Wesens.
Nur diese Seele durfte ich erkiesen
Zum Mittler für den Geist,
Der Wirkenskraft erlangen sollte
Durch unsre Menschenwelt.
62
BENEDICTUS: Und nun begreife, dass dein Wesen
Sich wandeln muss zum Gegenbild,
Ergiesst aus dir es sich in andre Wesen.
Der Geist in dir, er wirkt in allem,
Was für das Reich der Ewigkeit
An Früchten reifen kann im Menschenwesen.
Ertöten muss er darum vieles,
Was nur dem Reich des Zeitenseins gehören soll.
Doch seine Todesopfer
Sind Saaten der Unsterblichkeit.
Dem höhern Leben muss erwachsen,
Was aus dem niedern Sterben blüht.
MARIA: So also steht’s mit mir.—-
Du gibst mir Licht,
Doch Licht, das mir die Kraft des Sehens raubt
Und mich mir selbst entreisst.
Bin ich denn eines Geistes Mittler nur
Und nicht mein eigen Wesen,
Dann dulde ich nicht länger die Form an mir,
Die Maske und nicht Wahrheit ist.
JOHANNES: 0 Freundin, was ist dir!
Es schwindet deines Blickes Licht,
Zur Säule wird dein Leib,
Ich fasse deine Hand,
Sie ist so kalt,
Sie ist wie tot.
BENEDICTUS: Mein Sohn, du hast der Proben viel erfahren
63
BENEDICTUS: Du stehst in dieser Stunde vor der stärksten,
Du schaust der Freundin Leibeshülle,
Vor meinem Blick jedoch
Entschwebt ihr Selbst in Geistersphären.
JOHANNES: 0 sieh! die Lippen regen sich.
Sie spricht —-
MARIA: Du gabst mir Klarheit,
Ja, Klarheit, die in Finsternis
Mich hüllt nach allen Seiten.
Ich fluche deiner Klarheit,
Und dich verfluche ich,
Der mich zum Werkzeug
Der wilden Künste formte,
Durch die er Menschen täuschen will. -
Ich habe keinen Augenblick bisher
An deiner Geisteshöhe zweifeln können,
Doch jetzt genügt der eine Augenblick,
Aus meinem Herzen mir zu reissen jeden Glauben.
Erkennen muss ich, dass sie Höllenwesen sind,
Die Geister, welchen du ergeben bist.
Ich musste andre täuschen,
Weil du erst mich getäuscht!
Ich will dich fliehn in Fernen,
Wohin von dir kein Laut mehr dringt,
Und die doch nah genug,
Dass meine Flüche dich erreichen können!
Des eignen Blutes Feuer,
Du hast es mir geraubt,
Um deinem falschen Gott zu geben,
Was mein sein muss.
64
MARIA: 0 dieses Blutes Feuer,
Es soll dich brennen!
Ich musste glauben
An Trug und Wahn.
Und dass es möglich wurde,
Zum Truggebilde musstest du
Mich selbst erst machen!
Ich musste oft erleben,
Wie meines Wesens Wirkung
Ins Gegenbild sich wandelte.
So wandle jetzt,
Was Liebe war zu dir,
In wilden Hasses Feuer sich.
Ich will in allen Welten
Nach jenem Feuer forschen,
Das dich verzehren kann.
Ich ——- - ach – –
JOHANNES: Wer spricht an diesem Ort?
Ich schau die Freundin nicht!
Ich schau ein grausig Wesen.
BENEDICTUS: Der Freundin Seele schwebt in Höhen,
Sie liess ihr sterblich Scheinbild
An diesem Ort zurück uns nur.
Und wo ein Menschenleib
Vom Geist verlassen wird,
Ist Raum, den sich
Des Guten Widersacher sucht,
Um einzutreten in das Reich der Sichtbarkeit.
Er findet eine Leibeshülle,
Durch die er sprechen kann.
65
BENEDICTUS: Es sprach ein solcher Widersacher,
Der mir zerstören will das Werk,
Das mir obliegt
Für vieler Menschen Zukunft
Und auch für dich, mein Sohn.
Und könnt’ ich halten jene Flüche,
Die unsrer Freundin Hülle eben sprach,
Für andres als Versucherlist,
Du dürftest mir nicht folgen.
Des Guten Widersacher war an meiner Seite;
Und du, mein Sohn,
Hast stürzen sehn in Finsternis,
Was zeitlich ist an jenem Wesen,
Dem deine ganze Liebe strahlt.
Weil Geister dir so oft
Aus ihrem Mund gesprochen,
Ersparte dir das Weltenkarma nicht,
Den Höllenfürsten auch
Durch sie zu hören.
Nun darfst du erst sie suchen
Und ihres Wesens Kern erkennen.
Sie soll dir Vorbild jenes höhern Menschen sein,
Zu dem du dich erheben sollst.
Es schwebet ihre Seele in die Geisteshöhen,
Wo Menschen ihres Wesens Urform finden,
Die in sich selbst sich gründet.
Du sollst zum Geistgebiet ihr folgen,
Und schauen wirst du sie im Sonnentempel.
Es formt sich hier
In diesem Kreise
Ein Knoten aus den Fäden
Die Karma spinnt
Im Weltenwerden.
Mein Sohn, da du bis jetzt gehalten dich,
66
BENEDICTUS: Wirst du auch weiterdringen.
Ich sehe deinen Stern im vollen Glanze.
Es ist nicht Raum im Sinnensein
Für Kämpfe, welche kämpfen Menschen,
Die nach der Weihe streben.
Was Sinnensein an Rätsel hat,
Die mit Verstand zu lösen,
Was solches Sein erzeugt in Menschenherzen,
Es mag durch Liebe oder Hass entstehen
Und sich entladen noch so schauervoll:
Dem Geistessucher muss es werden
Ein Feld, auf das er unbeteiligt
Den Blick von aussen richten kann.
Ihm müssen Kräfte sich entfalten,
Die nicht auf diesem Feld zu finden sind.
Du musstest dich durch Seelenprüfung ringen,
Die dem nur werden kann,
Der sich gerüstet
Für solche Mächte findet,
Die Geistes-Welten angehören.
Und wärest du von diesen Mächten
Nicht reif befunden zum Erkenntnisweg,
Sie hätten dir das Fühlen lähmen müssen,
Bevor du wissen durftest,
Was dir bekannt nun ist geworden.
Die Wesen, die in Welten-Gründe schauen,
Sie führen Menschen,
Die zu den Höhen streben,
Zuerst auf jenen Gipfel,
Wo es sich zeigen kann,
Ob ihnen Kraft gegeben,
Bewusst zu schauen Geistessein.
Die Menschen, welchen solche Kräfte eigen sind,
Sie werden aus der Sinnenwelt entlassen;
67
BENEDICTUS: Die andern müssen warten.
Du hast dein Selbst bewahrt, mein Sohn,
Als Höhenkräfte dich erschütterten,
Und als dich Geistesmächte
In Schauer hüllten.
Und kraftvoll hat dein Selbst sich durchgekämpft,
Auch als in eigner Brust die Zweifel wühlten
Und dich den dunklen Tiefen überliefern wollten.
Du bist mein wahrer Schüler
Erst seit der inhalsvollen Stunde,
Wo du an dir verzweifeln wolltest,
Wo du dich selbst verloren gabst,
Und wo die Kraft in dir dich dennoch hielt.
Ich durfte dir an Weisheitsschätzen geben,
Was Kraft dir brachte,
Dich selbst zu halten,
Auch da du selbst an dich nicht glaubtest.
Es war die Weisheit,
Die du errungen,
Dir treuer als der Glaube,
Der dir geschenkt.
Du bist als reif befunden.
Du darfst entlassen werden.
Die Freundin ist vorangeschritten,
Du wirst im Geist sie finden.
Ich kann dir noch die Richtung weisen:
Entzünde deiner Seele volle Macht
An Worten, die durch meinen Mund
Den Schlüssel geben zu den Höhen.
Sie werden dich geleiten,
Auch wenn dich nichts mehr leitet,
Was Sinnesaugen noch erblicken können.
Mit vollem Herzen wolle sie empfangen:
Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet
68
BENEDICTUS: Durch Raumesweiten,
Zu füllen die Welt mit Sein.
Der Liebe Segen, er erwärmet
Die Zeitenfolgen,
Zu rufen aller Welten Offenbarung.
Und Geistesboten, sie vermählen
Des Lichtes webend Wesen
Mit Seelenoffenbarung;
Und wenn vermählen kann mit beiden
Der Mensch sein eigen Selbst,
Ist er in Geisteshöhen lebend.
0 Geister, die erschauen kann der Mensch,
Belebet unsres Sohnes Seele.
Im Innern lasset ihm erstrahlen,
Was ihm durchleuchten kann
Die Seele mit dem Geisteslicht.
Im Innern lasset ihm ertönen,
Was ihm erwecken kann
Das Selbst zu Geistes Werdelust.
(GEISTESSTIMME
hinter der Bühne):
Es steigen seine Gedanken
In Urweltgründe.
Was als Schatten er gedacht,
Was als Schemen er erlebt,
Entschwebet der Gestaltenwelt,
Von deren Fülle
Die Menschen denkend
In Schatten träumen,
Von deren Fülle
Die Menschen sehend
In Schemen leben.

(Der Vorhang fällt.)



Viertes Bild

69 Eine Landschaft, die durch ihre Eigenart den Charakter der Seelenwelt ausdrücken soll. Es treten auf zuerst LUCIFER und AHRIMAN; JOHANNES ist, in Meditation versunken, an der Seite sichtbar; das Folgende wird von ihm in der Meditation erlebt.
(Der GEIST DER ELEMENTE, CAPESIUS, STRADER; die ANDRE MARIA.)


LUCIFER: 0 Mensch, erkenne dich,
0 Mensch, empfinde mich.
Du hast dich entrungen
Der Geistesführung
Und bist geflohn
In freie Erdenreiche.
Du suchtest eignes Wesen
In Erdenwirrnis;
Dich selbst zu finden,
Es ward dir Lohn,
Es ward dein Los.
Du fandest mich.
Es wollten Geister
Dir Schleier vor die Sinne legen.
Ich riss entzwei die Schleier.
Es wollten Geister
In dir nur ihrem Willen folgen.
Ich gab dir Eigenwollen.
0 Mensch, erkenne dich,
0 Mensch, empfinde mich.
AHRIMAN: 0 Mensch, erkenne mich,
0 Mensch, empfinde dich,
Du bist entflohen
Aus Geistesfinsternis.
70
AHRIMAN: Du hast gefunden
Der Erde Licht.
So sauge Kraft der Wahrheit
Aus meiner Festigkeit.
Ich härte sichern Boden.
Es wollten Geister
Der Sinne Schönheit dir entreissen.
Ich wirke diese Schönheit
In dichtem Licht.
Ich führe dich
In wahre Wesenheit.
0 Mensch, erkenne mich,
0 Mensch, empfinde dich.
LUCIFER: Es gab nicht Zeiten,
Da du mich nicht erlebtest.
Ich folgte dir durch Lebensläufe.
Erfüllen durft’ ich dich
Mit starker Eigenheit,
Mit Selbstseinsglück.
AHRIMAN: Es gab nicht Zeiten,
Da du mich nicht erschautest.
Mich schauten deine Leibesaugen
In allem Erdenwerden.
Erglänzen durft’ ich dir
In stolzer Schönheit,
In Offenbarungsseligkeit.
JOHANNES
(in der Meditation zu sich selbst):
Das ist das Zeichen, von dem Benedictus sprach.
Die beiden Mächte stehen vor der Seelenwelt.
71
JOHANNES Die eine lebt im Innern als Versucher,
Die andre trübt den Blick,
Wenn er nach aussen ist gerichtet.
Die eine nahm des Weibes Form jetzt an, \Das mir den Seelenwahn vors Auge brachte,
Die andre findet sich in allen Dingen.
(Lucifer und Ahriman verschwinden. Es tritt auf der Geist der Elemente mit Capesius und Strader, die er aus Erdentiefen zur Erdenoberfläche gebracht hat. Es ist zu denken, dass sie die Erdenoberfläche als Seelen sehen.)
GEIST DER ELEMENTE: So seid ihr denn am Orte,
Den ihr so heiss ersehnt.
Es machte mir gar schwere Sorge,
Den Wunsch euch zu erfüllen.
In wildem Sturme rasten
Die Elemente und die Geister,
Als ihr Bereich betreten
Ich musst’ mit eurem Wesen;
Es widerstrebte euer Sinn
Dem Walten meiner Kräfte.
CAPESIUS (verjüngt): Geheimnisvolles Wesen.
Wer bist du,
Der mich durch Geistersphären
In dieses schöne Reich gebracht?
GEIST DER ELEMENTE: Mich schaut die Menschenseele,
Erst wenn zu Ende ist
Der Dienst, den ich ihr leiste.
Doch folgt sie meinen Mächten
Durch alle Zeitenläufe.
72
CAPESIUS: Es drängt nur wenig mich,
Zu fragen nach dem Geist,
Der mich hierher geführt.
Ich fühle in dem neuen Feld
Erwarmen meines Lebens Kräfte.
Dies Licht, es weitet mir die Brust.
Ich spüre alle Macht der Welt
In meinen Pulsen Schlagen.
Und Vorgefühl der höchsten Leistung
Entringt sich meinem Herzen.
Ich will in Worte wandeln
Des Reiches Offenbarung,
Das herrlich mich erquickt.
Und Menschenseelen sollen
Zu schönstem Sein erblühn,
Wenn ich Begeistrung aus den Quellen,
Die hier mir fliessen,
Eröffnen kann dem Leben.
(Blitz und Donner aus den Tiefen und Höhen.)
STRADER (gealtert): Warum erhebt die Tiefe,
Warum erdröhnt die Höhe,
Da schönste Hoffnungsträume
Entringen sich der jugendlichen Seele?
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE: Euch Menschenträumern
Erklingt gar stolz solch Hoffnungswort;
Doch ruft in Weltentiefen
Des irren Denkens Wahn
73
GEIST DER ELEMENTE: Solch Echo immerdar.
Ihr hört es nur in Zeiten,
Die euch in meine Nähe führen.
Ihr glaubt der Wahrheit
Erhabne Tempel zu erbauen,
Doch eurer Arbeit Folge
Entfesselt Sturmgewalten
In Urwelttiefen.
Es müssen Geister Welten brechen.
Soll euer Zeitenschaffen
Verwüstung nicht und Tod
Den Ewigkeiten bringen
STRADER: So wäre vor den Ewigkeiten
Ein irrer Wahn,
Was Wahrheit scheint
Dem besten Menschenforschen!
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE: Ein irrer Wahn,
So lang der Sinn nur forscht
Im geisterfremden Reich.
STRADER: Du magst wohl Träumer nennen
Die jugendfrohe Freundesseele,
Die mit so edler Feuerkraft
Das Ziel sich wacker malt.
In meinem alten Herzen
Erstirbt jedoch dein Wort
Trotz Sturm und Donner,
74
STRADER: Die es zu Helfern hat.
Ich rang mich aus dem Klosterfrieden
Zu stolzem Forschersinn.
Ich habe viele Jahre lang
Im Lebenssturm gestanden.
Man glaubt mir, was
Aus tiefstem Wahrheitssinn
Ich Menschen anvertraut.

(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE: Es ziemt dir, zu bekennen,
Dass niemand wissen kann,
Woraus des Denkens Quellen strömen,
Und wo des Daseins Gründe liegen.
STRADER: 0 dieses Wort, es ist das gleiche,
Das in der Jugend Hoffnungstagen
In eigner Seele mir
So grausig oft erklungen,
Wenn festgeglaubte Stützen
Im Menschendenken wankten.

(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE: Bezwingst du mich
Mit deinen stumpfen Denkerwaffen nicht,
Bist mehr du nicht
Als flüchtig Truggebild
Des eignen Wahnes nur.
STRADER: Schon wieder solch ein schaurig Wort.
75
STRADER: Auch dies erklang mir einst
Aus meinem eignen Innern,
Als eine Seherin
Den Kreis des sichern Denkens mir zerstören
Und mich des Zweifels Stachel
Bedrohlich wollte fühlen lassen.
Doch das ist wohl vorbei.
Ich trotze deiner Macht,
Du Alter, der des eignen Wesens Abbild
In des Naturgebieters Maske
So täuschend mir versinnlicht.
Es wird Vernunft dich niederzwingen,
Doch anders, als du meinst.
Hat sie im Menschen erst
Erstiegen ihre stolze Höhe,
Wird sie die Meisterin wohl sein
Und nicht die Dienerin in der Natur.

(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE: Es ist die Welt geordnet so,
Dass Leistung stets verlangt
Die Gegenleistung.
Ich habe euch das Selbst gegeben;
Ihr schuldet mir den Lohn.
CAPESIUS: Ich will aus meiner Seele schaffen
Der Dinge geistig Ebenbild.
Und wenn Natur, zu Idealen
Verklärt, ersteht in Menschenwerken,
Ist sie belohnt genug
Durch ihre echte Spiegelung.
Und wenn du selber
76
CAPESIUS:
GEIST DER ELEMENTE: Ihr konntet sehen,
Wie wenig eure kühnen Worte
In meinem Reiche gelten.
Den Sturm entfesseln sie,
Und Elemente rufen sie
Zu aller Ordnung Gegnern auf.
CAPESIUS: So magst du holen dir
Den Lohn, wo du ihn findest;
Des Menschen Seelentriebe müssen
Auf echten Geisteshöhen
Sich selber Mass und Ordnung geben.
Er kann nicht schaffen,
Wenn seines Schaffens Werk
Die andern nutzen wollen.
Es ist des Vogels Lied,
Das aus der Kehle dringt,
Sich selbst genug.
Und so ist Lohn dem Menschen auch,
Wenn schaffend er
77
CAPESIUS: Im Wirken Seligkeit erlebt.
(Blitz und Donner.)
GEIST DER ELEMENTE: Es geht nicht an,
Dass ihr den Lohn mir weigert;
Und könnt ihr selbst ihn mir nicht leisten
So sagt der Frau,
Die euren Seelen Kraft verleiht,
Dass sie für euch bezahle.
(Der Geist der Elemente verschwindet.)
CAPESIUS: Er ist fort.
Wohin wohl wenden wir uns nun?
Zurecht erst uns zu finden
In diesen neuen Welten,
Wird unsre Sorge sein.
STRADER: Dem besten Wege,
Den wir nun treffen können,
Vertrauend folgen
Und unsre Vorsicht brauchen:
Das wird das Ziel uns gehen.
CAPESIUS: Mich dünkt, man sollte
Vom Ziele lieber schweigen.
Es wird sich finden,
Wenn mutig wir gehorchen
Dem Trieb der innern Wesenheit.
Und mir sagt dieser Trieb:
78
CAPESIUS: Das Wahre sei dir Führer;
Entfalte starke Kräfte
Und forme sie in edler Art
In allem, was du wirkst,
Und deine Schritte müssen
Ans rechte Ziel gelangen.
STRADER: Doch darf vom Anbeginn
Bewusstsein rechter Ziele
Ermangeln nicht den Schritten,
Die Menschen Nutzen bringen
Und Glück erschaffen wollen.
Wer nur sich selber dienen mag,
Er folgt allein dem Herzensdrang;
Wer andern aber helfen will,
Muss sicher wissen,
Was seinem Leben nötig ist.
(Die andre Maria wird - ebenfalls in Seelenform - sichtbar.)

Doch sieh, welch sonderbares Wesen!
Es ist, als ob der Fels
Es selbst geboren hätte.
Aus welchem Weltengrund
Erstehen solche Wesen?
DIE ANDRE MARIA: Ich ringe mich durch Felsengründe
Und will der Felsen eignen Willen
In Menschenworte kleiden;
Ich wittre Erdenwesenheit
Und will der Erde eignes Denken
Im Menschenkopfe denken.
Ich schlürfe reine Lebenslüfte
79
DIE ANDRE MARIA: Und bilde Luftgewalten
In Menschenfühlen um.
STRADER: Dann kannst du uns nicht helfen.
Was in Natur verbleiben muss,
Ist fern dem Menschenstreben.
CAPESIUS: Ich liebe deine Sprache, Frau,
Und möchte gerne übersetzen
In meine Art die deine.
DIE ANDRE MARIA: Mir wird so sonderbar
Bei euren stolzen Reden.
So wie ihr selber sprecht,
Ist unverständlich meinem Ohr.
Doch lasse ich erst eure Worte
Aus meinem Wesen anders tönen,
Verbreiten sie sich über alle Dinge,
Die meinen Umkreis füllen,
Und deuten ihre Rätsel.
CAPESIUS: Ist Wahrheit deine Rede,
So wandle uns
Die Fragen nach den rechten
Lebenswerten in deine Sprache,
So dass Natur uns Antwort gebe.
Denn unvermögend sind wir selbst,
Die grosse Mutter so zu fragen,
Dass sie uns hören kann.
80
DIE ANDERE MARIA: Ihr seht in mir die niedre Schwester nur
Des hohen Geisteswesens,
Das jenes Reich bewohnt,
Aus dem ihr eben kommt.
Sie hat dies Feld mir angewiesen,
Dass hier ich ihren Abglanz
Für Menschensinne zeige.
CAPESIUS: So sind dem Reiche wir entflohn,
Das unsre Sehnsucht stillen könnte?
DIE ANDRE MARIA: Wenn ihr den Weg zurück
Nicht wieder findet,
Gedeiht ihr nimmermehr.
CAPESIUS: Und welcher ist der rechte Weg?
DIE ANDRE MARIA: Es gibt der Wege zwei.
Erwächst mir meine Kraft zu ihrer Höhe,
So können alle Wesen meines Reichs
In hehrster Schönheit strahlen.
Es glänzt dann funkelnd Licht
Von Fels und Wasser;
Der Farben reichste Fülle
Verbreitet sich im Umkreis,
Und Heiterkeit der Wesen
Erfüllt die Luft mit frohen Tönen.
Ergibt sich eure Seele dann
Den reinen Wonnen meines Seins,
81
DIE ANDRE MARIA: So schwebet ihr auf Geistesflügeln
Im Weltenurbeginne.
STRADER: Das ist kein Weg für uns.
Er heisst in unsrer Sprache Schwärmerei.
Wir wollen auf dem Boden bleiben,
Nicht in die Wolkenhöhen fliegen.
DIE ANDRE MARIA: Und wollt ihr wandeln den andern Weg,
Ihr müsst verzichten
Auf euren stolzen Geist. \ Vergessen, was Vernunft gebeut,
Natursinn erst erobern eurem Wesen,
In Mannesbrust die Kindesseele,
Von des Gedankens Schattenbildern unberührt
Natürlich walten lassen.
So kommt ihr zwar nicht wissend,
Doch sicher zu des Lebens Quellen.
(Die andre Maria verschwindet)
CAPESIUS: So sind wir doch
Auf uns nur selbst zurückgewiesen.
Und haben bloss gelernt,
Dass uns geziemt zu wirken
Und in Geduld die Früchte zu erwarten,
Die aus dem Wirken reifen.
JOHANNES: (wie aus der Meditation; er ist hier wie auch im folgenden abseits sitzend und gehört nicht selbst in die Handlung hinein):
82
JOHANNES: So finde ich im Seelenreich
Die Menschen wieder, die bekannt mir sind:
Den Mann, der von Felicias Geschichten sprach -
Nur konnt’ ich hier ihn schauen,
Wie er in jungen Jahren war;
Und jenen, der als junger Mann
Zum Mönche sich bestimmt -
Als alter Mann erschien er mir.
Der Geist der Elemente war bei ihnen.

(Vorhang)



Fünftes Bild

83 Ein unterirdischer Felsentempel, die verborgene Mysterienstätte der Hierophanten. (BENEDICTUS, THEODOSIUS, ROMANUS, RETARDUS; FELIX BALDE, DIE ANDRE MARIA. JOHANNES in Meditation, wie im vorigen Bilde.)


BENEDICTUS (im Osten): Die ihr Gefährten mir geworden
Im Reich des ewig Seienden,
Ich bin in eurer Mitte jetzt,
Die Hilfe mir zu holen,
Der ich von euch bedarf
Zum Schicksalsfaden eines Menschen,
Der Licht von hier empfangen soll.
Er ist geschritten durch die Leidensproben
Und hat in bittrer Seelennot
Den Grund gelegt zur Weihe,
Die ihm Erkenntnis geben soll.
Erfüllt ist nun die Sendung,
Die mir obliegt als Geistesbote,
Der dieses Tempels Schätze
Zu Menschen bringen soll.
An euch, ihr Brüder, ist es jetzt,
Mein Wirken zu vollenden.
Ich habe ihm gezeigt das Licht,
Das ihn geführt
Zum ersten Geistesschauen.
Doch soll aus Bild
Ihm Wahrheit werden,
Muss euer Werk
Zu meinem Werke kommen.
Mein Wort, es ist aus mir allein;
Durch euch ertönen Weltengeister.
84
THEODOSIUS (im Süden): Es spricht die Kraft der Liebe,
Die Welten bindet
Und Wesen mit dem Sein erfüllt.
Es fliesse Wärme in sein Herz.
Er soll begreifen,
Wie er dem Weltengeist
Sich naht durch Opferung
Des Wahnes seiner Eigenheit
Du hast entbunden jetzt
Sein Schauen aus dem Sinnesschlaf;
Die Wärme wird den Geist erwecken
Aus seinem Seelenwesen.
Du hast das Selbst gezogen
Aus seiner Leibeshülle;
Die Liebe wird die Seele festigen,
Dass sie zum Spiegel werden kann,
Aus dem geschaut muss werden,
Was in der Geisteswelt geschieht.
Die Liebe wird die Kraft ihm geben,
Sich selbst als Geist zu fühlen,
Und so das Ohr ihm schaffen,
Das Geisterworte hört.
ROMANUS (im Westen): Auch meine Worte sind
Nicht eignen Wesens Offenbarung;
Es spricht der Weltenwille.
Und da gebracht du hast
Den Menschen, der dir anvertraut,
Zur Kraft, im Geist zu leben,
So soll die Kraft ihn führen
Durch Raumesgrenzen und durch Zeitenenden.
In jene Sphären soll er gehen,
85

Wo Geister schaffend handeln.
Sie sollen ihm sich offenbaren
Und Taten von ihm fordern.
Er wird sie willig tun.
Der Weltenbildner Ziele,
Sie werden ihn beleben;
Und Urbeginne sollen
Durchgeistern ihn.
Die Weltgewalten werden
Durchkraften ihn;
Die Sphärenmächte
Durchleuchten ihn;
Und Weltenherrscher
Befeuern ihn. |

RETARDUS (im Norden):
Ihr musstet seit dem Erdbeginn
In eurer Mitte mich ertragen.
So muss in eurem Rate
Auch heute meinem Wort
Gehör gegeben sein.
Bis ihr vollführen könnt,
Was ihr so schön besprochen,
Ist wohl noch eine Weile Zeit.
Noch hat die Erde selbst
Durch nichts uns angekündigt.
Dass sie Verlangen trägt
Nach neuen Eingeweihten.
So lange nicht betreten haben
Den Raum, in welchem wir beraten,
Die Wesen, die noch ungeweiht
Den Geist entbinden können
Aus Sinnes-Wirklichkeiten,
So lange bleibt mir’s unbenommen,
86
RETARDUS Zu hemmen euren Eifer.
Erst müssen sie uns Botschaft bringen,
Dass neue Offenbarung
Der Erde nötig scheint.
Ich halte euer Geisteslicht
Deshalb zurück in diesem Tempel,
Auf dass nicht Schaden
Statt Heil es bringe,
Wenn es die Seelen unreif trifft.
Ich gebe aus mir selbst
Dem Menschen jenen Teil,
Der ihm die Sinneswahrheit
Als Höchstes lässt erscheinen,
So lang die Geistesweisheit
Sein Auge blenden könnte.
Der Glaube mag auch ferner
Zum Geist ihn führen;
Und seines Wollens Ziele,
Sie können durch Begierden,
Die blind im Finstern tasten,
Gelenkt noch weiter werden.
ROMANUS: Wir mussten seit dem Erdbeginn
In unsrer Mitte dich ertragen.
Doch ist die Zeit nun abgelaufen,
Die deinem Wirken zugemessen.
Es fühlt in mir der Weltenwille,
Dass jene Menschen nahen,
(Felix Balde erscheint in seiner irdischen Gestalt, die
andre Maria in Seelenform aus dem Felsen.)
Die ungeweiht, aus Sinnenschein
Den Geist entbinden können.
Zu hemmen unsre Schritte
87
ROMANUS: Ist dir vergönnt nicht länger.
Aus freiem Willen werden sie
Sich unserm Tempel nahen
Und dir die Botschaft bringen,
Dass sie mit uns vereint
Am Geisteswerke helfen wollen.
Sie fanden sich bis jetzt
Dazu noch nicht bereit,
Sie hingen an dem Glauben,
Dass Seherkräfte von Vernunft
Getrennt sich halten sollen.
Sie haben nun erkannt,
Wozu Vernunft den Menschen führt,
Wenn sie vom Schauen abgesondert
In Weltentiefen sich verirrt.
Sie werden zu dir sprechen
Von Früchten, die aus deiner Kraft
In Menschenseelen reifen müssen.
RETARDUS: Ihr, die ihr unbewusst
Mein Schaffen habt gefördert.
Ihr sollt mir weiterhelfen.
Wenn ihr euch ferne haltet allem,
Was nur in mein Gebiet gehört,
So wird auch eurem Wirken
Der Raum gewahrt stets bleiben,
Wie ihr bisher ihn hattet.
FELIX BALDE: Mir hat befohlen eine Kraft,
Die aus den Erdengründen
Zu meinem Geiste spricht,
Zu gehen an den Weiheort.
88
FELIX BALDE: Sie will durch mich euch künden
Von ihrer Sorge, ihrer Not.
BENEDICTUS: Mein Freund, so sage uns,
Was du in deinen Seelengründen
Vom Kummer in den Erdentiefen
Erkundet hast.
FELIX BALDE: Das Licht, das in den Menschen
Als Frucht des Wissens leuchtet,
Es soll zur Nahrung werden
Den Mächten, die im Erdendunkel
Dem Weltengange dienen.
Sie müssen nun seit lange schon
Der Sättigung fast ganz entbehren
Denn was in diesen Tagen
Erwächst in Menschenhirnen,
Es dient der Erdenoberfläche,
Doch in die Tiefen dringt es nicht.
Es spukt ein neuer Aberglaube
In klugen Menschenköpfen.
Sie richten ihren Blick in Urbeginne
Und wollen in den Geistersphären
Gespenster sehen nur,
Erdacht aus Sinnenwahn.
Der Händler hielte sicher geistverworren
Den Käufer, der ihm sagen wollte.
Es kann im Tal der Nebeldunst
Sich zu dem baren Gelde ballen;
Du aber sollst bezahlt
Mit diesem Gelde sein.
Der Händler will Dukaten nicht
89
FELIX BALDE: Aus Nebeldunst erwarten.
Doch durstet er
Nach Lösung höchster Daseinsrätsel,
So nimmt er ganze Weltenbaue
Aus Urweltnebeln willig hin,
Wenn Wissenschaft als Zahlung
Zum Geistbedarf sie reicht.
Der Lehrer, der erführe:
Es wollt’ ein Laienwicht
Ganz ohne Prüfung selber sich
In Wissenshöhen heben,
Er würde mit Verachtung drohn.
Doch Wissenschaft bezweifelt nicht,
Dass ungeprüft und geistesleer
Das Urwelttier zum Menschen
Aus eigner Kraft sich wandeln könne.
THEODOSIUS: Warum eröffnest du den Menschen
Nicht deines Lichtes Quellen,
Das in so hellem Strahl
Dir aus der Seele leuchtet?
FELIX BALDE: Mich nennen Grübler und Phantast,
Die guten Willen haben.
Den andern aber gelte ich
Als dumpfer Tropf,
Der unbelehrt von ihnen
Der eignen Narrheit folgt.
RETARDUS: Du zeigst, wie unbelehrt du bist
Schon durch die Einfalt dieser Rede.
90
RETARDUS: Du weisst nicht, dass gescheit genug
Ein Mann der Wissenschaft,
Um solchen Einwand sich auch selbst zu machen.
Und macht er ihn sich nicht,
So kennt er auch den Grund.
FELIX BALDE: Ich weiss ganz gut,
Dass er gescheit genug wohl ist,
Den Einwand zu verstehn;
Doch sicher nicht gescheit genug,
An ihn zu glauben.
THEODOSIUS: Was soll geschehn,
Den Erdenmächten jetzt zu geben,
Was sie so nötig haben?
FELIX BALDE: So lang auf Erden
Gehör nur jene Menschen finden,
Die ihres Geistes Ursprung
Sich nicht entsinnen wollen,
So lange werden hungern
In Erdentiefen Erzgewalten.
DIE ANDRE MARIA: Ich hör’ aus deinen Worten, Bruder Felix,
Dass du die Zeit als abgelaufen denkst,
Da wir dem Erdendasein dienen sollten,
Um ohne Weihe durch das Weisheitslicht
Aus eignen Lebensgründen Geist und Liebe
Im Dasein zu beleben.
In dir erhoben sich die Erdengeister,
91
DIE ANDRE MARIA: Um ohne Wissenschaft dir Licht zu schaffen.
In mir hat Liebe walten dürfen,
Die in dem Menschensein sich selbst bewirkt.
Wir wollen ferner im Verein mit jenen Brüdern,
Die in dem Tempel leisten Weihedienste,
In Menschenseelen fruchtbar wirken.
BENEDICTUS: Wenn ihr euch eint mit uns,
So muss das Weihewerk gelingen.
Die Weisheit, die ich meinem Sohn erteilt,
Sie wird in ihm zur Macht erblühn.
THEODOSIUS: Wenn ihr euch eint mit uns,
So muss die Opferlust erstehn.
Die Liebe wird dann warm durchwehn
Des Geistessuchers Seelenleben.
ROMANUS: Wenn ihr euch eint mit uns,
So müssen Geistesfrüchte reifen
Und Taten keimen, die im Geisteswirken
Erwachsen aus der Seelenschülerschaft.
RETARDUS: Wenn sie sich mit euch einen,
Was soll mit mir geschehen!
Es werden meine Taten
Dem Geistesschüler fruchtlos sein.
BENEDICTUS: Du wirst zu andrem Sein dich wandeln,
Da du dein Werk getan.
92
THEODOSIUS: Du wirst in Opfern weiterleben,
Wenn du dich selber opferst.
ROMANUS: Du wirst in Menschentaten fruchten,
Wenn ich die Früchte pflegen kann
JOHANNES
(Wie im vorigen Bilde aus der Meditation ):
Es zeigten sich dem Seelenauge
Die Brüder in dem Tempel.
Sie glichen an Gestalt den Menschen,
Die ich im Sinnenschein schon kenne.
Nur Benedictus auch an Geist.
Der ihm zur Linken stand,
Ist jenem Manne gleich,
Der nur durch Fühlen sich dem Geiste nähern will.
Der dritte glich dem Menschen,
Der nur in Kurbeln und im äussern Werk
Die Lebensmächte gelten lässt.
Der vierte ist mir unbekannt.
Die Frau, die nach des Gatten Tod
Dem Geisteslicht sich zugewandt,
Ich sah sie hier in ihrem tiefsten Wesen.
Und Felix Balde kam,
Wie er im Leben ist.

(Vorhang fällt langsam.)



Sechstes Bild

93 Dieselbe Szenerie wie im vierten Bilde. (Der GEIST DER ELEMENTE steht an derselben Stelle. Vor ihm FRAU BALDE; später GERMAN. JOHANNES in Meditation.)


FRAU BALDE: Du hast mich rufen lassen;
Was willst du von mir hören?
GEIST DER ELEMENTE: Zwei Männer schenkte ich der Erde.
Es ward durch dich befruchtet
Der beiden Männer Geisteskraft.
In deinen Worten fanden sie
Belebung ihrer Seelen,
Wenn trocknes Sinnen sie gelähmt.
Was du gegeben ihnen,
Verschuldet dich auch mir.
Es reicht ihr Geist nicht aus,
Zu lohnen mir den Dienst,
Den ich an ihnen tat.
FRAU BALDE: Es kam durch Jahre
Der eine Mann in unser Häuschen,
Zu holen sich die Kraft,
Die seinen Worten Feuer gab.
Er brachte später auch den andern mit.
Und so verzehrten beide
Die Früchte, deren Wert
Mir damals unbekannt.
Doch wenig Gutes
Erfuhr von ihnen ich als Gegengabe.
94
FRAU BALDE: Sie schenkten unsrem Sohn
Erkenntnis ihrer Art.
Es war recht gut gemeint,
Doch unser Kind
Empfing dadurch den Seelentod.
Erwachsen war es in dem Licht,
Das Vater Felix aus den Quellen,
Den Felsen und den Bergen
Durch Geisterspruch erhalten.
Vereint damit ward alles,
Was mir gewachsen in der Seele
Seit meinen ersten Kinderjahren.
Des Sohnes Geistessinn
Erstarb im finstern Schatten
Der dunklen Wissenschaft.
Und statt des heitern Kindes
Erwuchs ein Mensch
Mit öder Seele
Und leerem Herzen.
Und nun verlangst du gar,
Dass ich bezahle,
Was sie dir schulden.
GEIST DER ELEMENTE: Es muss so sein.
Hast du gedienet erst
Dem Erdenteil in ihnen,
Verlangt der Geist durch mich,
Dass du das Werk vollendest.
FRAU BALDE: Es ist nicht meine Art,
Zu weigern, was ich soll;
Doch sage mir zuerst,
95
FRAU BALDE: Ob Nachteil mir erwächst
Aus meinem Liebesdienst.
GEIST DER ELEMENTE: Was du auf Erden erst für sie getan,
Es raubte deinem Kinde seine Seelenkraft.
Was du nun ihrem Geiste gibst,
Ist dir im eignen Selbst verloren;
Und dein Verlust an Lebenskraft
Wird an dem Leib sich dir \Als Hässlichkeit erweisen.
FRAU BALDE: Sie nahmen meinem Kinde
Die Kräfte seiner Seele,
Und ich soll wandeln
Als Scheusal vor der Menschen Blicken,
Dass ihnen Früchte reifen,
Die wenig Gutes wirken!
GEIST DER ELEMENTE: Doch wirkst du zu der Menschen Heil
Und auch für eignes Glück.
Der Mutter Schönheit und des Kindes Leben,
Sie werden euch in höherer Weise blühn,
Wenn in den Menschenseelen
Die neuen Geisteskräfte keimen.
FRAU BALDE: Was soll ich tun?
GEIST DER ELEMENTE: Du hast so oft die Menschen inspiriert,
So inspiriere jetzt die Felsengeister;
96
GEIST DER ELEMENTE: Du musst in dieser Stunde dir
Entringen eines deiner Märchenbilder
Und anvertrauen es den Wesen,
Die mir in meiner Arbeit dienen.
FRAU BALDE: Es sei - -
Es war einmal ein Wesen,
Das flog von Ost nach West
Dem Lauf der Sonne nach.
Es flog hin über Länder, über Meere;
Es sah von seiner Höhe
Dem Menschentreiben zu.
Es sah, wie sich die Menschen lieben
Und hassend sich verfolgen.
Es konnte nichts das Wesen
In seinem Fluge hemmen,
Denn Hass und Liebe schaffen
Das gleiche stets vieltausendfach
Doch über einem Hause,
Da musst’ das Wesen halten.
Darinnen war ein müder Mann.
Der sann der Menschenliebe nach
Und sann auch über Menschenhass.
Ihm hatte schon sein Sinnen
Ins Antlitz tiefe Furchen eingeschrieben.
Es hatte ihm das Haar gebleicht.
Und über seinem Kummer
Verlor das Wesen seinen Sonnenführer
Und blieb bei jenem Mann.
Es war in seinem Zimmer
Noch, als die Sonne unterging;
Und als die Sonne wiederkam,
Da ward das Wesen wieder
97
FRAU BALDE: Vom Sonnengeiste aufgenommen. -
Und wieder sah es Menschen
In Lieb’ und Hass
Den Erdenlauf verbringen.
Und als es kam zum zweiten Mal,
Der Sonne folgend über jenes Haus,
Da fiel sein Blick
Auf einen toten Mann.

(Hinter einem Felsen spricht German, so dass er unsichtbar bleibt.)
GERMAN: Es war einmal ein Mann,
Der zog von Ost nach West;
Ihn lockt’ der Wissenstrieb
Hin über Land und Meer.
Er sah nach seinen Weisheitsregeln
Dem Menschentreiben zu.
Er sah, wie sich die Menschen lieben
Und hassend sich verfolgen.
Es sah der Mann sich jeden Augenblick
An seiner Weisheit Ende.
Doch wie stets Hass und Liebe
Die Erdenwelt regieren,
Es war in kein Gesetz zu bringen.
Er schrieb viel tausend Einzelfälle,
Doch fehlte alle Überschau.
Es traf der trockne Forscher
Auf seinem Weg ein Lichteswesen;
Dem war das Dasein schwer,
Da es in stetem Kampfe war
Mit einer finstern Schattenform.
Wer seid ihr denn
So fragt der trockne Forscher.
98
GERMAN: Ich bin die Liebe,
So sagt das eine Wesen;
In mir erblick den Hass.
So sprach das andre.
Es hörte dieser Wesen Worte
Der Mann nicht mehr.
Als tauber Forscher zog fortan
Von Ost nach West der Mann.
FRAU BALDE: Wer bist du denn,
Der meine Worte
So unerwünscht
In seiner Art entstellt?
Es klingt wie Spott,
Und spotten ist nicht meine Art.
GERMAN
(hervortretend):
Ich bin der Geist des Erdgehirns;
Im Menschen lebt von mir
Ein zwerghaft Abbild nur.
Es wird so manches drin gedacht,
Das Spott nur auf sich selber ist,
Wenn ich es in der Grösse zeige,
Wie es in meinem Hirn erscheint.
FRAU BALDE: Darum verspottest du auch mich!
GERMAN: Ich muss recht oft
Dies Handwerk üben;
Doch hört man mich meist nicht.
Ergriffen hab ich die Gelegenheit,
99
GERMAN: Einmal auch da zu sein,
Wo man mich hört.
JOHANNES
(aus der Meditation ):
Dies war der Mann,
Der von sich sagte,
Das Geisteslicht sei wie von selber
In sein Gehirn gedrungen.
Und Frau Felicia, sie kam,
Gleich ihrem Mann,
Wie sie im Leben ist.

(Vorhang fällt.)

Siebentes Bild

100 Das Gebiet des Geistes. (MARIA, PHILIA, ASTRID, LUNA, KIND; JOHANNES, erst von ferne, dann näherkommend; THEODORA, zuletzt BENEDICTUS.)


MARIA: Ihr, meine Schwestern, die ihr
So oft mir Helferinnen wart,
Seid mir es auch in dieser Stunde,
Dass ich den Weltenäther
In sich erbeben lasse.
Er soll harmonisch klingen
Und klingend eine Seele
Durchdringen mit Erkenntnis.
Ich kann die Zeichen schauen,
Die uns zur Arbeit lenken.
Es soll sich euer Werk
Mit meinem Werke einen.
Johannes, der Strebende,
Er soll durch unser Schaffen
Zum wahren Sein erhoben werden.
Die Brüder in dem Tempel,
Sie hielten Rat,
Wie sie ihn aus den Tiefen
In lichte Höhen führen sollen.
Von uns erwarten sie,
Dass wir in seiner Seele heben
Die Kraft zum Höhenfluge.
Du, meine Philia, so sauge
Des Lichtes klares Wesen
Aus Raumesweiten,
Erfülle dich mit Klangesreiz
Aus schaffender Seelenmacht,
101
MARIA: Dass du mir reichen kannst
Die Gaben, die du sammelst
Aus Geistesgründen.
Ich kann sie weben dann
In den erregenden Sphärenreigen.
Und du auch, Astrid, meines Geistes
Geliebtes Spiegelbild,
Erzeuge Dunkelkraft
Im fliessenden Licht,
Dass es in Farben scheine.
Und gliedre Klangeswesenheit;
Dass webender Weltenstoff \Ertönend lebe.
So kann ich Geistesfühlen
Vertrauen suchendem Menschensinn.
Und du, o starke Luna,
Die du gefestigt im Innern bist,
Dem Lebensmarke gleich,
Das in des Baumes Mitte wächst,
Vereine mit der Schwestern Gaben
Das Abbild deiner Eigenheit,
Dass Wissens Sicherheit
Dem Seelensucher werde.
PHILIA: Ich will erfüllen mich
Mit klarstem Lichtessein
Aus Weltenweiten,
Ich will eratmen mir
Belebenden Klangesstoff
Aus Ätherfernen,
Dass dir, geliebte Schwester,
Das Werk gelingen kann.
102
ASTRID: Ich will verweben
Erstrahlend Licht
Mit dämpfender Finsternis,
Ich will verdichten
Das Klangesleben. \Es soll erglitzernd klingen, \Es soll erklingend glitzern,
Dass du, geliebte Schwester,
Die Seelenstrahlen lenken kannst.
LUNA: Ich will erwärmen Seelenstoff
Und will erhärten Lebensäther.
Sie sollen sich verdichten,
Sie sollen sich erfühlen,
Und in sich selber seiend
Sich schaffend halten,
Dass du, geliebte Schwester,
Der suchenden Menschenseele
Des Wissens Sicherheit erzeugen kannst.
MARIA: Aus Philias Bereichen
Soll strömen Freudesinn;
Und Nixen-Wechselkräfte,
Sie mögen öffnen
Der Seele Reizbarkeit,
Dass der Erweckte
Erleben kann
Der Welten Lust,
Der Welten Weh. –
Aus Astrids Weben
Soll werden Liebelust;
103
MARIA: Der Sylphen wehend Leben,
Es soll erregen
Der Seele Opfertrieb,
Dass der Geweihte
Erquicken kann
Die Leidbeladenen,
Die Glück Erflehenden. –
Aus Lunas Kraft
Soll strömen Festigkeit.
Der Feuerwesen Macht,
Sie kann erschaffen
Der Seele Sicherheit;
Auf dass der Wissende
Sich finden kann
Im Seelenweben,
Im Weltenleben.
PHILIA: Ich will erbitten von Weltengeistern,
Dass ihres Wesens Licht
Entzücke Seelensinn,
Und ihrer Worte Klang
Beglücke Geistgehör;
Auf dass sich hebe
Der zu Erweckende
Auf Seelenwegen
In Himmelshöhen.
ASTRID: Ich will die Liebesströme,
Die Welt erwarmenden,
Zu Herzen leiten
Dem Geweihten;
Auf dass er bringen kann
104
ASTRID: Des Himmels Güte
Dem Erdenwirken
Und Weihestimmung
Den Menschenkindern.
LUNA: Ich will von Urgewalten
Erflehen Mut und Kraft
Und sie dem Suchenden
In Herzenstiefen legen;
Auf dass Vertrauen
Zum eignen Selbst
Ihn durch das Leben \Geleiten kann.
Er soll sich sicher
In sich dann selber fühlen.
Er soll von Augenblicken
Die reifen Früchte pflücken \Und Saaten ihnen entlocken
Für Ewigkeiten.
MARIA: Mit euch, ihr Schwestern,
Vereint zu edlem Werk,
Wird mir gelingen,
Was ich ersehne.
Es dringt der Ruf
Des schwer Geprüften
In unsre Lichteswelt.

(Johannes erscheint.)
JOHANNES: 0 Maria, du bist es!
Es hat mein Leid
105
JOHANNES: Mir reiche Frucht gebracht.
Es hat dem Wahngebilde mich entrückt,
Das ich aus mir erst selbst gemacht
Und das mich dann gefangen hielt.
Dem Schmerz verdank’ ich es,
Dass ich auf Seelenbahnen
Zu dir gelangen konnte.
MARIA: Wie war der Weg,
Der dich hierhergeführt?
JOHANNES: Ich fühlte mich entronnen
Den Sinnesfesseln.
Befreit ward dann mein Blick
Von jenen Schranken,
Die ihm die Gegenwart umschliessen.
Ich konnte andres schauen
In eines Menschen Leben,
Als was ein Augenblick
In engstem Kreise zeigt.
Capesius, den mir das Sinnensehen
In seinen ältern Jahren hat gewiesen,
Ihn hat der Geist
Als Jüngling vor die Seele mir gerückt.
Wo er von Hoffnungsträumen voll
Dem Leben erst entgegengeht,
Das immer wieder ihm gebracht
Die treue Hörerschar.
Und Strader, der noch jung
Im Erdendasein steht,
Dem Klosterleben kaum entwachsen,
Ich konnt’ ihn sehen so,
106
JOHANNES: Wie er einst werden müsste,
Wenn er das Ziel
In solcher Art verfolgte,
Wie er bisher es dachte.
Und jene Menschen nur,
Die geisterfüllt im Erdenfeld schon sind,
Sie schienen unverwandelt
Im Geistgebiet.
Behalten hatten Vater Felix
Und Mutter Felicia
Die Erdenformen sich,
Als meines Geistes Auge sie erblickte.
Und dann erwiesen meine Führer
Mir ihre Gunst und sprachen
Von Gaben, die mir werden sollen,
Wenn ich erreichen kann
Erhabne Wissenshöhen.
Und vieles hab’ ich noch gesehn
Mit meinen Geistorganen,
Was erst die Sinne mir gezeigt
Auf ihre enge Art.
Und klärend Urteilslicht erstrahlte
In meiner neuen Welt.
Doch ob ein Traum mir dämmerte,
Ob Geisteswirklichkeit mich schon umgab,
Ich konnte es noch nicht entscheiden.
Ob meine Geistesschau berührt
Von andern Dingen ward,
Ob ich das eigne Selbst
Mir nur zu einer Welt erweitert,
Ich wusst’ es nicht.
Und dann erschienst du selbst.
Nicht wie in dieser Zeit du bist,
Nicht wie Vergangenheit dich sah,
107
JOHANNES: Nein, so erblickt’ ich dich,
Wie ewig du im Geiste stehst.
Nicht menschlich war dein Wesen;
Den Geist in deiner Seele,
Ihn konnt’ ich klar erkennen.
Er tat nicht, was ein Mensch
In einem Sinnenleibe tut.
Er handelt’ wie ein Geist,
Der Werken Dasein geben will,
Die in den Ewigkeiten wurzeln.
Und jetzt erst, da vor dir
Im Geist ich stehen darf,
Erstrahlt mir volles Licht.
In dir hat schon mein Sinnensehn
Die Wirklichkeit so fest ergriffen,
Dass mir Gewissheit ist
Auch hier im Geisterland:
Es steht kein Zauberbild vor mir.
Es ist die wahre Wesenheit,
In der ich dir begegnet dort,
In der ich hier dich treffen darf.
THEODORA
(erscheinend):
Es drängt zu sprechen mich.
Aus deiner Stirn, Maria,
Entsteigt ein Lichtesschein.
Der Schein gestaltet sich.
Er wird zur Menschenform.
Er ist ein geisterfüllter Mann.
Und andre Menschen sammeln sich um ihn.
Ich schau in lang entschwundne Zeit.
Und jener fromme Mann,
Der deinem Haupt entstiegen ist,
Er strahlt aus seinen Augen
108
THEODORA Die reinste Seelenruhe,
Und Innigkeit erglimmt
Aus seinen edlen Zügen.
Vor ihm erblickt mein Auge
Ein Weib, das in Ergebenheit
Den Worten lauscht,
Die aus des Mannes Munde kommen.
Ich hör’ die Worte.
Sie klingen so:
Ihr habt zu euren Göttern
In Ehrfurcht aufgeschaut.
Ich liebe diese Götter,
Wie ihr sie selber liebt.
Sie schenkten eurem Denken Kraft,
Sie pflanzten Mut in eure Herzen.
Doch stammen ihre Gaben
Aus einem höhern Geisteswesen.

Ich schau’, wie wilden Sinn erregte,
Was jener Mann den Leuten sagt’.
Ich kann die Rufe hören:
O tötet ihn; er will uns rauben,
Was Götter uns gegeben.
Es spricht der Mann gelassen weiter.
Er redet von dem Menschengotte,
Der zu der Erde niederstieg,
Und der den Tod besiegte:
Von Christus redet er.
Und wie er weiterspricht,
Da sänftigen sich die Seelen,
Es widersteht nur eins der Heidenherzen.
Das schwört dem Manne Rache.
Ich kann erkennen dieses Herz;
In jenem Kinde schlägt es wieder,
109
THEODORA Das sich an deine Seite schmiegt.
Es spricht zu ihm der Christusbote:
Dein Schicksal will es nicht,
Dass du mir nahst in diesem Leben;
Doch warte ich geduldig,
Dein Weg, er führt dich doch zu mir.
Das Weib, das vor dem Manne steht,
Es fällt zu dessen Füssen;
Verwandelt fühlt es sich.
Es betet eine Seele zu dem Menschengotte;
Es liebt ein Herz den Gottesboten.
(Johannes sinkt auf die Knie vor Maria.)
MARIA: Johannes, was dir dämmert,
Zum Vollbewusstsein sollst du es erwecken.
Gedächtnis rang sich eben
In dir von Sinnesfesseln los.
Du hast empfunden mich,
Du hast erfühlet dich,
Wie wir im vor’gen Erdensein vereint.
Das Weib, von dem die Weise sprach,
Du warst es selbst.
So lagst du mir zu Füssen,
Als ich dereinst als Christusbote
Zu deinem Stamme kam.
Was in Hybernias geweihten Stätten
Vertraut mir ward von jenem Gotte,
Der in dem Menschen wohnte
Und Sieger wurde über Todesmächte:
Ich durfte dies zu Völkern bringen,
In welchen noch lebendig war
Die Seele, die dem starken Odin
Die frohen Opfer brachte
110
MARIA: Und an den lichten Balder
Mit Trauer denken musste.
Dich zog vom ersten Tage,
Da mich dein Sinnesauge sah in diesem Leben,
Die Kraft zu mir, die damals dir
Aus jener Botschaft wuchs.
Und weil sie mächtig wirkte
Und unbewusst doch blieb uns beiden,
Verwob sie unserm Dasein
Die Leiden, die wir durchgerungen.
Doch lag im Leiden selbst die Macht,
Zu führen uns in Geistesreiche,
Wo wir uns wahrhaft kennenlernen.
Es stieg dein Schmerz zum Übermass
Durch vieler Menschen Gegenwart.
Du bist verbunden ihnen durch die Schicksalsmacht.
So konnte ihres Wesens Offenbarung
Dein Herz so stark erschüttern.
Es hat sie Karma jetzt um dich versammelt,
Um eine Kraft in dir zu wecken,
Die deinem Leben vorwärtshalf.
Und diese Kraft hat dich durchrüttelt,
Dass du befreit vom Leib
In Geisteswelten steigen konntest.
Am nächsten stehst du meiner Seele,
Der du in Schmerzen Treue hast bewahrt;
Darum ist mir das Los gefallen,
Die Weihe zu vollenden,
Der du das Geisteslicht verdankst.
Es haben dich erweckt zum Schauen
Die Brüder, die im Tempel Dienste tun.
Doch kannst du nur erkennen,
Dass Wahrheit dies Geschaute ist,
Wenn du im Geisterlande wiederfindest
111
MARIA: Ein Wesen, dem du schon in Sinneswelten
Im tiefsten Sein verbunden bist.
Dass dir dies Wesen hier entgegentreten kann,
Entsandten mich die Brüder dir voraus.
Es war die schwerste deiner Proben,
Als ich hierher gerufen ward.
Ich bat den Führer, Benedictus,
Zu lösen mir
Das Rätsel meines Lebens,
Das grausam mir erschien.
Und Seligkeit entströmte seinen Worten,
Als er von seiner Sendung sprach und meiner.
Er sprach mir von dem Geiste, dessen Dienst
Die Kraft in mir gewidmet solle sein.
Es war bei seinen Worten mir, als ob
In einem Augenblicke mir das hellste Geisteslicht
Die Seele ganz durchstrahlte, und Leid
In Seligkeit beglückend sich gewandelt hätte.
Und ein Gedanke nur erfüllte mir die Seele:
Er gab mir Licht -
Ja, Licht, das mir die Kraft des Sehens schenkte.
Es war der Wille, der in dem Gedanken lebte:
Mich hinzugeben ganz dem Geist
Und fähig für das Opfer mich zu machen,
Das mich ihm nahebringen könnte.
Es hatte der Gedanke höchste Kraft.
Er gab der Seele Schwingen und entrückte mich
In dieses Reich, in dem du mich gefunden.
In jenem Augenblick, da ich mich frei
Vom Sinnenleibe fühlte, konnte ich
Das Geistesauge auf dich richten.
Ich hatte nicht Johannes nur vor mir;
Ich sah das Weib, das mir gefolgt
In alten Zeiten war und sein Geschick
112
MARIA: An meines enge hat gebunden.
So ward mir Geisteswahrheit hier durch dich,
Der mir in Sinnesweiten schon
Im tiefsten Sein verbunden ist.
Ich hatte mir erworben Geistessicherheit
Und ward befähigt, sie zu geben dir.
Zu Benedictus sendend einen Strahl
Der höchsten Liebe, ging ich dir voran.
Und Er hat dir die Kraft verliehn,
Zu folgen mir in Geistersphären.
BENEDICTUS
(erscheinend):
Ihr habt euch selbst
Gefunden hier im Geistgebiet.
So darf auch ich
An eurer Seite wieder sein.
Ich durfte euch die Kraft verleihn,
Die euch hierher getrieben,
Doch konnt’ ich euch
Nicht selbst geleiten.
So will es das Gesetz,
Dem ich gehorchen muss.
Ihr musstet, durch euch selbst,
Erwerben erst das Geistesauge,
Das mich auch hier
Euch sichtbar macht.
Es hat der Weg der Geistespilgerschaft
Für euch nun erst begonnen.
Ihr werdet jetzt im Sinnensein
Mit neuen Kräften stehen
Und mit dem Geiste,
Der euch erschlossen ist,
Dem Menschenwerden dienen können.
Es hat das Schicksal euch verbunden,
112
BENEDICTUS Vereint die Kräfte zu entfalten,
Die gutem Schaffen dienen müssen.
Und wandelnd auf dem Seelenpfade,
Wird euch die Weisheit selber lehren,
Dass Höchstes kann geleistet werden,
Wenn Seelen, die sich Geistessicherheit verliehn,
In Treue sich zum Weltenheile binden.
Die Geistesführung einte zur Erkenntnis euch,
Nun eint euch selbst zum Geisteswirken.
Die Mächte dieses Reiches geben euch
Durch meinen Mund das Wort der Kraft:
Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlt
Von Mensch zu Mensch,
Zu füllen alle Welt mit Wahrheit.
Der Liebe Segen, er erwarmet
Die Seele an der Seele,
Zu wirken aller Welten Seligkeit.
Und Geistesboten, sie vermählen
Der Menschen Segenswerke
Mit Weltenzielen;
Und wenn vermählen kann die beiden \Der Mensch, der sich im Menschen findet,
Erstrahlet Geisteslicht durch Seelenwärme.

(Vorhang.)



Zwischenspiel

114 Es ist angenommen, dass das Vorhergehende die Aufführung war, welcher SOPHIA beigewohnt hat, und dass sie am nächsten Tage wieder von ihrer Freundin ESTELLA besucht wird. Das Folgende in demselben Zimmer wie das Vorspiel.


SOPHIA: Meine liebe Estella, verzeih, dass ich dich habe warten lassen; es war notwendig, erst etwas bei den Kindern zu besorgen.
ESTELLA: Ich bin nun schon wieder bei dir. Ich habe dich so lieb, dass ich mich stets nach dir sehne, wenn mich etwas tief bewegt.
SOPHIA: Du wirst in mir stets die Freundin finden, die an deinen Empfindungen den wärmsten Anteil nehmen kann.
ESTELLA: Es gingen mir diese <Enterbten des Leibes und der Seele> so nahe. Es mag dir recht sonderbar scheinen, wenn ich sage, dass es mir einige Augenblicke lang war, als ob alles mir sich vor die Seele stellte, was ich jemals an Menschenleid habe beobachten können. Mit der grössten künstlerischen Kraft ist in diesem Werke nicht nur dargestellt, was an äusserem Missgeschick bei so vielen Menschen anzutreffen ist, sondern es wird mit einem bewundernswerten Scharfblick auf die tiefsten Seelenschmerzen gewiesen.
115
SOPHIA: Man kann sich von einem Kunstwerke gewiss keine rechte Vorstellung bilden, wenn man nur von seinem Inhalt hört; dennoch wäre es mir lieb, wenn du mir etwas mitteilen wolltest von dem, was dich so sehr bewegt.
ESTELLA: Man hatte es mit einem wundervollen Aufbau zu tun. Der Künstler will zeigen, wie ein junger Maler alle Schaffenslust verliert, weil er an der Liebe zu einer Frau zu zweifeln beginnt. Sie hatte ihm die Kraft gegeben, seine hoffnungsvollen Anlagen zu entwickeln. In ihr war aus reinster Begeisterung für seine Kunst die schönste Opferliebe entstanden. Und dieser konnte er es danken, dass er auf seinem Gebiete eine volle Entfaltung seiner Kräfte erlebte. Er erblühte gewissermassen in der Sonne seiner Wohltäterin. Aus seiner Dankbarkeit entwickelte sich nun durch vieles Zusammensein mit dieser Frau eine leidenschaftliche Liebe zu ihr. Dadurch vernachlässigte er immer mehr ein armes Geschöpf, das ihm in Treue ergeben war und das schliesslich aus Gram starb, weil es sich sagen musste, dass ihm des geliebten Mannes Herz verloren sei. Als er von ihrem Tod hörte, ging ihm die Nachricht nicht besonders nahe, denn seine Gefühle gehörten allein seiner Wohltäterin. Doch musste er immer mehr sich überzeugen, dass deren edle Freundschaftsempfindungen sich nie in leidenschaftliche Liebe wandeln könnten. Das trieb ihm alle Schaffensfreude aus der Seele. Er fühlte sich in seinem Innenleben immer öder. In solcher Lebenslage kam ihm auch wieder seine arme Verlassene
116
ESTELLA: in den Sinn. Und aus einem hoffnungsvollen Menschen wurde eine Lebensruine. Ohne Aussicht auf irgendeinen Lichtpunkt siechte er dahin. - Das alles ist mit höchster dramatischer Lebendigkeit durchgeführt.
SOPHIA: Ich kann mir denken, wie gewaltig diese Darstellung gerade auf meine liebe Estella gewirkt hat, die schon in ihrer Jugend so sehr litt, wenn ihr das Schicksal solcher Menschen vor Augen trat, die durch schwere Lebenskonflikte in bittre Seelennot getrieben wurden.
ESTELLA: Meine liebe Sophie, du missverstehst mich nach dieser Richtung. Ich kann wohl unterscheiden zwischen Kunstwerk und Wirklichkeit. Und es hiesse das erstere nicht aus sich selbst beurteilen, wenn man in das Urteil die Gefühle hineintragen wollte, welche man im Leben den dargestellten Ereignissen entgegenbringt. Was mich so tief erschüttert hat, ist diesmal wirklich nur die vollendete künstlerische Ausgestaltung einer tiefen Lebensfrage. Und ich konnte wieder mit voller Klarheit erkennen, wie die Kunst nur dann zu ihrer Höhe emporsteigen kann, wenn sie sich an das volle Leben hält. Sobald sie sich von diesem entfernt, werden ihre Werke unwahr.
SOPHIA: Ich kann dich völlig verstehen, wenn du so sprichst. Ich habe immer diejenigen Künstler bewundert, welche bis zu einer vollendeten Darstellung
117
SOPHIA: dessen gelangen, was du Lebenswahrheit nennst. Und ich glaube, dass gerade in unserer Zeit darinnen es mancher zur Meisterschaft gebracht hat. Nur liessen in meiner Seele gerade die höchsten Leistungen auf diesem Gebiete eine gewisse Unbehaglichkeit zurück. Ich konnte mir das lange nicht erklären. Eines Tages kam mir das Licht, das mir Antwort brachte.
ESTELLA: Du willst mir wohl sagen, dass dich deine Weltanschauung von der Schätzung der sogenannten Wirklichkeitskunst abgebracht hat.
SOPHIA: Liebe Estella, reden wir doch heute nicht von meiner Weltanschauung. Du weisst recht gut, dass die eben geschilderte Empfindung in mir lange vorhanden war, bevor ich auch nur das Geringste von dem wusste, was du meine Weltanschauung nennst. Und ich empfinde so nicht nur der realistisch sein wollenden Kunst gegenüber, sondern auch andere Richtungen erzeugen mir ein ähnliches Gefühl. Das tritt besonders dann in mir auf, wenn ich gewahr werde, was ich in einem höhern Sinne die Unwahrheit gewisser Kunstwerke nennen möchte.
ESTELLA: Darinnen kann ich dir wahrlich nicht folgen.
SOPHIA: Bedenke, meine liebe Estella, dass eine lebensvolle Erfassung der wahren Wirklichkeit dem Herzen das Gefühl einer gewissen Armut des Kunstwerkes
118
SOPHIA: erzeugen muss, da es doch gewiss ist, dass auch der grösste Künstler der vollen Natur gegenüber nur ein Stümper bleiben muss. Mir wenigstens kann auch die vollendete künstlerische Nachbildung das nicht geben, was ich etwa den Offenbarungen einer Landschaft oder eines menschlichen Antlitzes verdanke.
ESTELLA: Das liegt doch aber in der Natur der Sache und ist nicht zu ändern.
SOPHIA: Es wäre zu ändern, wenn nur die Menschen sich über eines zur Klarheit bringen wollten. Sie können sich nämlich sagen, dass es widersinnig ist, durch die menschlichen Seelenkräfte das noch einmal zu bilden, was höhere Mächte als das wahrste Kunstwerk vor uns ausbreiten. Doch haben dieselben Mächte dem Menschen ein Streben in die Seele gelegt, an dem Schöpfungswerke gewissermassen fortzuarbeiten, um das der Welt zu geben, was diese Mächte noch nicht selbst vor die Sinne hinstellen. In allem, was der Mensch schaffen kann, haben die schöpferischen Mächte die Natur unvollendet gelassen. Warum sollte er ihre Vollkommenheit in unvollkommener Gestalt nachbilden, da er doch ihre Unvollkommenheit in Vollkommenheit wandeln kann. Denke dir diese Behauptung in ein elementarisches Gefühl verwandelt, und du wirst dir auch eine Vorstellung davon machen können, warum ich Unbehagen empfinde so vielem gegenüber, was du Kunst nennst. Das Gewahrwerden einer unvollkommenen Wiedergabe
119
SOPHIA: der sinnenfälligen Wirklichkeit muss Unbehagen hervorrufen, während die unvollkommenste Darstellung dessen, was sich hinter der äusseren Beobachtung verbirgt, eine Offenbarung sein kann.
ESTELLA: Du redest eigentlich von etwas, was nirgends vorhanden ist. Denn eine blosse Wiedergabe der Natur erstrebt ja kein wahrer Künstler.
SOPHIA: Darin liegt aber gerade die Unvollkommenheit vieler Kunstwerke, dass die schöpferische Betätigung durch sich selbst über die Natur hinausführt, und dass der Künstler nicht weiss, wie das aussieht, was nicht in die sinnliche Beobachtung fällt.
ESTELLA: Ich sehe keine Möglichkeit für uns, in diesem Punkte zu einem gegenseitigen Verständnis zu kommen. Es ist recht bitter, die liebste Freundin in den wichtigsten Seelenfragen Wege gehen zu sehen, die von den eigenen so abweichen. Ich hoffe dennoch auf bessere Zeiten für unsere Freundschaft.
SOPHIA: Wir sollten in diesem Punkte hinnehmen können, was uns das Leben bringt
ESTELLA: Auf Wiedersehen, liebe Sophie.
SOPHIA: Auf Wiedersehen, meine gute Estella

(Vorhang.)



Achtes Bild

120 Dasselbe Zimmer wie für das erste Bild. (JOHANNES, MARIA, CAPESIUS; STRADER.)


JOHANNES (an einer Staffelei, an der auch Capesius und Maria sitzen):
Dies waren wohl die letzten Striche;
Beendet darf ich meine Arbeit nennen.
Es war mir ganz besonders lieb,
Dass ich gerade eure Wesenheit
Durch meine Kunst erforschen durfte.
CAPESIUS: Dies Bild ist mir ein Wunder wahrlich.
Und ein noch gröss’res
Ist mir sein Schöpfer.
Die Wandlung, die in euch geschehn,
Es kann ihr nichts verglichen werden.
Was Menschen meiner Art
Bisher für möglich hielten.
Man kann sie dann nur glauben,
Wenn Augenschein den Glauben fordert.
Ich sah zuerst euch vor drei Jahren.
Ich durfte damals jenen Kreis betreten,
In welchem ihr zu eurer Höhe euch erhobet.
Ein sorgenvoller Mensch wart ihr zu jener Zeit; \Ein jeder Blick in euer Antlitz zeigte dies. \Ich hatte eine Rede in eurem Kreise angehört
Und musste Worte an sie schliessen,
Die sich nur schwer mir aus der Seele rangen.
Ich sprach in einer solchen Stimmung,
In der man sonst an sich nur denkt.
121
CAPESIUS: Mein Blick war dennoch stets gerichtet
Nach jenem leidbeladnen Maler,
Der in der Ecke sass und schwieg.
Doch schwieg und sann er \In einer ganz absonderlichen Art.
Man konnte von ihm selbst wohl glauben,
Dass er nicht eins der Worte hörte,
Die neben ihm gesprochen wurden.
Es schien der Kummer, dem er hingegeben,
Ein Leben für sich selbst zu haben.
Es war, als ob der Mensch nicht hörte,
Als ob vielmehr der Kummer selbst Gehör besässe.
Vielleicht wär’s unzutreffend nicht,
Zu sagen, dass er ganz besessen von dem Kummer.
Ich traf euch bald nach jenem Tage wieder;
Und da schon wart ihr wie verwandelt.
Es strahlte Seligkeit aus euren Augen,
Es lebt’ in eurem Wesen Kraft; \Und edles Feuer klang aus euren Worten. \Ihr sprachet damals einen Wunsch mir aus,
Der mir recht wunderlich erschien.
Ihr wolltet Schüler von mir werden.
Und wirklich habt ihr auch drei Jahre lang
Mit Eifer euch vertieft in alles, \Was ich zu sagen habe von dem Weltverlauf. -
Da wir uns immer näher traten,
Erlebte ich das Rätsel eures Künstlertums.
Und jedes eurer Bilder war ein neues Wunder.
(Strader ist unterdessen eingetreten.)
Mein Denken hatte früher wenig Neigung,
In sinnentrückte Welten sich zu heben.
Sie zu bezweifeln lag mir fern.
Sich ihnen forschend nahn,
Das galt mir als Vermessenheit.
122
CAPESIUS: Und jetzt muss ich bekennen,
Dass ihr zu andrer Meinung mich gebracht.
Ich höre oft euch wiederholen,
Dass ihr die Künstlerschaft
Allein der Gabe dankt,
Bewusst in andren Welten zu empfinden,
Und dass ihr nichts
In eure Werke legen könnt,
Was ihr nicht erst im Geist erschaut.
Ich seh’ an euren Werken, wie der Geist
Sich wirksam offenbart.
STRADER: Noch nie verstand ich euch so wenig.
Es hat doch so in jedem Künstler
Lebendig sich der Geist erwiesen,
Was unterscheidet denn
Thomasius von andern Meistern?
CAPESIUS: Ich habe nie bezweifelt,
Dass Geist im Menschen wirksam sich erzeigt;
Doch bleibt ihm sonst
Des Geistes Wesen unbewusst.
Er schafft aus einem Geiste,
Doch er versteht ihn nicht.
Thomasius jedoch erschafft im Sinnensein,
Was er bewusst im Geiste schauen kann.
Und er gestand mir immer wieder,
Dass seiner Art kein andres Schaffen möglich ist.
STRADER: Mir ist Thomasius bewundernswert;
Und ich gestehe frei,
123
STRADER: Dass mir in seinem Bilde
Capesius, den ich zu kennen glaubte,
Erst wirklich ganz sich offenbart.
Ich glaubte ihn zu kennen;
Das Kunstwerk zeigt mir klar,
Wie wenig ich gewusst von ihm.
MARIA: Wie könnt ihr, lieber Doktor,
Des Werkes Grösse so bewundern
Und doch der Grösse Quelle leugnen?
STRADER: Was hat Bewundrung,
Die ich dem Künstler zolle,
Mit Glauben an sein Geistesschaun zu tun?
MARIA: Man kann dem Werke Beifall zollen,
Auch wenn der Glaube an die Quelle fehlt.
Doch könnte man in diesem Falle nichts bewundern,
Wenn dieser Künstler nicht den Weg beschritten,
Der ihn zum Geiste hat geführt.
STRADER: Man sollte doch nicht sagen,
Sich hinzugeben an den Geist, es sei
Erkennend ihn durchdringen.
Es schafft im Künstler Geisteskraft,
Wie sie im Baume oder Steine schafft.
Erkennen aber kann sich nicht der Baum,
Es kann dies nur, wer ihn betrachtet.
Der Künstler lebt in seinem Werk
Und nicht in Geisterfahrung.
124
STRADER: Doch wenn zu eurem Bilde jetzt
Mein Blick sich wendet,
Vergess’ ich alles, was den Denker lockt.
Es leuchtet meines Freundes Seelenkraft
Aus diesen Augen, die gemalt doch sind.
Es lebt des Forschers Sinnigkeit
Auf dieser Stirn;
Und seiner Worte edle Wärme,
Sie strahlt aus allen Farbentönen,
Durch welche euer Pinsel
Dies Rätsel löste.
0 diese Farben, sie sind flächenhaft
Und sind es nicht,
Es ist, als ob sie sichtbar seien nur,
Um sich unsichtbar mir zu machen.
Und diese Formen,
Die als der Farbe Werk erscheinen,
Sie sprechen von dem Geistesweben,
Von vielem sprechen sie,
Was sie nicht selber sind.
Wo ist, wovon sie sprechen?
Nicht auf der Leinwand kann es sein;
Denn da sind geistentblösste Farben.
So ist es in Capesius?
Warum kann ich es nicht an ihm erschauen?
Thomasius, ihr habt gemalt,
Dass dies Gemalte sich durch sich
Im Augenblick vernichtet,
Sobald der Blick es fassen will.
Ich kann es nicht begreifen,
Wozu dies Bild mich treibt.
Was will von mir ergriffen sein?
Was soll ich suchen?
Die Leinwand, ich möchte sie durchstossen,
125
STRADER: Zu finden, was ich suchen soll.
Wo fass’ ich, was dies Bild
In meine Seele strahlt?
Ich muss es haben.
0, ich betörter Mann.
Es ist, als ob Gespenster mich berückten! \Ein unsichtbar Gespenst;
Und meine Ohnmacht,
Die kann es nicht erblicken.
Thomasius, ihr malt Gespenster,
Ihr zaubert sie in eure Bilder;
Sie locken, sie zu suchen,
Und lassen sich nicht finden.
——O, wie sind eure Bilder grausam!
CAPESIUS: Mein Freund, in diesem Augenblick
Habt ihr des Denkers Ruhe ganz verloren.
Bedenkt doch nur, wenn ein Gespenst
Aus diesem Bilde spräche,
Gespenstig müsste ich doch sein.
STRADER: Verzeiht, o Freund,
Es war nur Schwäche…
CAPESIUS: O, sprechet Gutes nur
Von diesem Augenblick!
Als ob ihr euch verloren hättet,
So schien es. Doch ihr wart
Emporgehoben über euer Selbst.
Ergangen ist es euch wie mir recht oft.
Man mag in solchen Zeiten noch so stark
126
CAPESIUS: Mit seinem Denken sich gerüstet fühlen,
Man hat sich doch nur selbst bewiesen,
Dass man von einer Macht ergriffen ist,
Die nicht in Sinneswissen und Vernunft
Den Ursprung haben kann.
Wer hat dem Bilde solche Macht gesellt?
Ich möcht’ für mich es Sinnbild nennen,
Was an dem Bilde ich erlebt.
Es lehrte mich erkennen meine Seele,
Wie ich vorher es nicht vermocht.
Und überzeugend war die Selbsterkenntnis.
Johannes Thomasius erforschte mich,
Weil er die Kraft besitzt,
Durch Sinnenschein zum Geistesselbst
Durch sein besondres Schauen
Im Geist hindurchzudringen.
So seh’ ich jenes alte Weisheitwort
<Erkenne dich> in einem neuen Licht.
Man muss, um zu erkennen, was man ist,
In sich die Kraft erst finden,
Die als ein wahrer Geist
Sich vor uns selbst verbergen kann.
MARIA: Man muss, um sich zu finden,
Die Kraft entfalten erst,
Die in das eigne Wesen dringen kann,
In Wahrheit sagt das Weisheitwort:
Entwickle dich, um dich zu schaun.
STRADER: Wenn man Thomasius wollt’ zugestehn,
Er habe durch die Geistentfaltung
Erkenntnis sich erworben von dem Wesen,
127
STRADER: Das unsichtbar in euch besteht,
So sagt man damit doch,
Erkenntnis sei auf jeder Lebensstufe anders.
CAPESIUS: Das eben möchte ich behaupten.
STRADER: Wenn so die Sache stünde,
Dann wäre alles Denken nichtig
Und Wissen nur ein Wahngebilde.
Verlieren müsst’ ich mich in jedem Augenblick.
0 lasset mich allein.
CAPESIUS: Ich werde ihn begleiten. (Ab.)
MARIA: Es ist Capesius dem Geisteswissen \Viel näher, als er selber meint.
Und Strader leidet schwer.
Es kann sein Geist nicht finden,
Was seine Seele heiss ersehnt.
JOHANNES: Es stand vor meinem Geistesauge
Der beiden Männer Wesenheit,
Schon als ich machen durfte
Den ersten Schritt ins Seelenreich.
Ich sah Capesius als jungen Mann
Und Strader in den Jahren,
Die er noch lange nicht erreicht.
Und jener zeigte eine Jugendblüte,
128
JOHANNES: Die viel verbirgt, was dieses Leben
Im Sinnensein nicht reifen lässt. \Es trieb mich hin zu seiner Wesenheit.
Ich konnt’ zuerst bei seinem Seelenwesen
In eines Menschen Wesenskern erschauen,
Wie Eigenschaften dieses Lebens
Sich durch sich selbst als Folgen
Bezeugen eines andern Erdenseins.
Ich sah die Kämpfe, die er durchgekämpft,
Und die aus andren Leben ihm gebildet haben
Sein gegenwärt’ges Sein.
Und konnt’ ich auch sein abgelegtes Sein
Noch nicht vor meine Seele stellen:
So sah ich doch in seiner Eigenart,
Was aus der Gegenwart nicht stammen kann.
So konnte ich im Bilde wiedergeben,
Was ihm im Seelengrunde waltet
Mein Pinsel ward geführt
Von Kräften, die Capesius entfaltet
Aus frühern Erdenleben.
Und hab’ ich so enthüllt ihm seine Eigenheit,
So hat mein Bild den Dienst getan,
Den ich ihm zugedacht.
Als Kunstwerk schätze ich es gar nicht hoch.
MARIA: Es wird in jener Seele weiter wirken,
Der es den Weg ins Geistgebiet gewiesen hat.

(Der Vorhang fällt, während Maria und Johannes noch im Zimmer sind.)



Neuntes Bild

129 Dieselbe Gegend wie im zweiten Bild. (JOHANNES; später MARIA.)

(Es tönt aus Felsen und Quellen: 0 Mensch, erlebe dich!)


JOHANNES: 0 Mensch, erlebe dich!
Ich habe sie drei Jahre lang gesucht,
Die mutbeschwingte Seelenkraft,
Die Wahrheit gibt dem Worte,
Durch das der Merssch, sich selbst befreiend, siegen
Und sich besiegend, Freiheit finden kann:
0 Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: 0 Mensch, erlebe dich!)
Sie kündigt sich im Innern an,
Nur leise fühlbar meinem Geistgehör. \Sie birgt in sich die Hoffnung,
Dass wachsend sie den Menschengeist
Aus engem Sein in Weltenfernen führt,
So wie geheimnisvoll sich weitet
Das kleine Samenkorn
Zum stolzen Leib der Rieseneiche.—
Es kann der Geist in sich beleben,
Was in der Luft und was im Wasser webt
Und was den Erdengrund gefestigt.
Es kann der Mensch ergreifen,
Was in den Elementen,
In Seelen und in Geistern,
In Zeitenlauf und Ewigkeit
Des Daseins sich bemächtigt hat.
Es lebt das ganze Weltenwesen in dem Seelensein,
Wenn solche Kraft im Geiste wurzelt,
Die Wahrheit gibt dem Worte:
0 Mensch, erlebe dich!
130
JOHANNES: (Aus Felsen und Quellen tönt: 0 Mensch, erlebe dich!)
Ich fühle - wie es tönt in meiner Seele,
Sich regend kraftverleihend.
Es lebt in mir das Licht,
Es spricht um mich die Helligkeit,
Es keimt in mir das Seelenlicht,
Es schafft in mir die Weltenhelle:
0 Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: 0 Mensch, erlebe dich!)
Ich finde mich gesichert überall,
Wohin mir folgt des Wortes Kraft.
Sie wird mir leuchten in der Sinnesdunkelheit
Und mich erhalten in den Geisteshöhen.
Sie wird mich mit dem Seelensein erfüllen
Für alle Zeitenfolgen.
Ich fühle Weltensein in mir,
Und finden muss ich mich in allen Welten.
Ich schau’ mein Seelenwesen
Durch Eigenkraft belebt in mir.
Ich ruhe in mir selber.
Ich blicke nach den Felsen und den Quellen;
Sie sprechen meiner Seele eigne Sprache.
Ich finde mich in jenem Wesen wieder,
Das ich in bittre Not gebracht.
Heraus aus ihm ruf’ ich mir selber zu:
„Du musst mich wieder finden
Und mir die Schmerzen lindern.“
Das Geisteslicht, es wird mir Stärke geben,
Das andre Selbst im eignen Selbst zu leben.
0 hoffnungsvolles Wort,
Du strömst mir Kraft aus allen Welten zu:
O Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen tönt: 0 Mensch, erlebe dich!)
Du lässt mich meine Schwachheit fühlen
131
JOHANNES: Und stellst mich neben hohe Gottesziele;
Und selig fühle ich
Des hohen Zieles Schöpfermacht
In meinem schwachen Erdenmenschen.
Und offenbaren soll sich aus mir selbst,
Wozu der Keim in mir geborgen ist.
Ich will der Welt mich geben
Durch Leben meines eignen Wesens.
Empfinden will ich alle Macht des Wortes,
Das mir erst leise klingt;
Es soll mir wie belebend Feuer sein
In meinen Seelenkräften,
Auf meinen Geisteswegen.
Ich fühle, wie mein Denken dringt
In tief verborgne Weltengründe;
Und wie es leuchtend sie durchstrahlt.
So wirkt die Keimkraft dieses Wortes:
0 Mensch, erlebe dich!
(Aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erlebe dich!)
Aus lichten Höhen leuchtet mir ein Wesen,
Ich fühle Schwingen,
Zu ihm mich zu erheben.
Ich will mich selbst befrei’n
Wie alle Wesen, die sich selbst besiegt.
(Aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erlebe dich!)
Ich schaue jenes Wesen,
Ich will ihm gleich in Zukunftzeiten werden.
Der Geist in mir wird sich befrei’n
Durch dich, erhabnes Ziel.
Ich will dir folgen.
(Maria kommt hinzu.)
Das Seelenauge haben mir erweckt
Die Geisteswesen, die mich aufgenommen.
Und sehend in den Geisteswelten
130
JOHANNES: Erfühle ich in meinem Selbst die Kraft:
0 Mensch, erlebe dich!
(Aus Quellen und Felsen: 0 Mensch, erlebe dich!)
O meine Freundin, du bist hier!
MARIA: Mich trieb meine Seele hierher.
Ich konnte deinen Stern erschauen.
Er strahlt in voller Kraft.
JOHANNES: Erleben kann ich diese Kraft in mir.
MARIA: So eng sind wir verbunden,
Dass deiner Seele Leben
Sein Licht in meiner Seele leuchten lässt.
JOHANNES: 0 Maria, so ist dir bewusst,
Was sich mir eben offenbarte?
Mir ist des Menschen erste Zuversicht,
Mir ist die Wesenssicherheit gewonnen.
Ich fühle ja des Wortes Kraft,
Die überall mich leiten kann:
0 Mensch, erlebe dich!
(Aus Felsen und Quellen: 0 Mensch, erlebe dich!)

(Vorhang fällt.)



Zehntes Bild

133 Meditationszimmer. (JOHANNES, THEODOSIUS, BENEDICTUS. LUCIFER und AHRIMAN.)


THEODOSIUS: In dir erleben kannst du alle Welten.
So lebe mich als Weltenliebesmacht.
Ein Wesen, das von mir durchleuchtet ist,
Fühlt eigne Daseinskraft erhöht,
Ergibt es sich beglückend andren Wesen.
So wirke ich in Werdelust den Weltenbau.
Es ist kein Dasein ohne meine Kraft,
Es kann kein Wesen leben ohne mich.
JOHANNES: So trittst du, Weltbeglücker, vor mein Seelenauge!
Es treibt mir Schaffenslust durch meine Geisteskraft,
Erblick’ ich dich als Frucht des Selbsterlebens! -
Du zeigtest dich im Tempel meinem Geistesauge;
Doch konnt’ ich damals noch nicht wissen,
Ob Traum, ob Wahrheit mir erscheint.
Es sind die Binden mir nun abgenommen,
Die mir das Geisteslicht verborgen hielten.
Erkennen kann ich, dass du wirklich bist.
Ich will dein Wesen
In meinen Taten offenbaren, \Sie sollen heilerwirkend sein durch dich.
Und danken muss ich Benedictus.
Er hat durch Weisheit mir die Kraft verliehn
In deine Welt den Geistesblick zu lenken.
THEODOSIUS: Empfinde mich in deinen Seelentiefen
134
THEODOSIUS: Und trage meine Kraft in alle Welten.
Du wirst in Liebesdiensten Seligkeit erleben.
JOHANNES: Ich fühle deiner Nähe wärmend Licht,
Ich fühle, wie die Schaffensmacht in mir ersteht.
(Theodosius verschwindet.)
Er ist fort,
Doch wiederkommen wird er mir
Und Kraft mir geben aus den Liebequellen.
Sein Licht, es kann für Zeiten nur entschwinden;
Es lebt im eignen Sein dann weiter.
Ich darf mir selbst mich überlassen,
Der Liebesgeister Wesen in mir selbst erlebend.
Durch ihn kann ich mich selbst gehoben fühlen,
Er soll durch mich sich offenbaren.
(Er wird unsicher, was sich allmählich in seinen Gebärden ausdrückt.)
Doch wie empfind’ ich mich
Es scheint ein Wesen geistig mir zu nahen.
Seit ich des Geistesauges würdig bin befunden,
Empfind’ ich immer so,
Wenn bose Mächte mich ergreifen wollten.
Doch, was auch kommen mag,
Ich habe Kraft, zu widersetzen mich.
Ich kann mich in mir selbst erleben;
Und dieses Wortes Kraft ist unbesieglich.
Doch jetzt erleb’ ich stärksten Widerstand;
Es muss der schlimmste Feind wohl sein - -
Er komme nur, er findet mich gerüstet.

Des Guten Feind, du musst es selber sein;
Du bist an deiner starken Kraft zu fühlen.
Ich weiss, dass du zerschmettern willst,
135
JOHANNES: Was deiner Herrschaft sich entreisst.
Ich will die Kraft in mir erstarken,
An der du keinen Anteil haben kannst.

(Benedictus erscheint.)

0 - - Benedictus,
Du meines neuen Lebens Quelle.
Es ist nicht möglich, nein! - -
Du kannst es nicht, - du darfst es selbst nicht sein !
Ein Trugbild bist du nur.
0 lebt mir auf, ihr guten Seelenkräfte;
Zerschmettert mir den Wahn,
Der mich betören will.
BENEDICTUS: Befrage deine Seele, ob sie fühlen kann,
Was ihr durch Jahre meine Nähe war;
Durch mich ist dir der Weisheit Frucht erwachsen.
Es kann nur sie dir vorwärtshelfen
Und dir im Geistgebiet den Irrtum bannen.
Erlebe mich in dir.
Doch willst du weiter schreiten,
So musst du jenen Weg betreten,
Der dich zu meinem Tempel führt.
Soll meine Weisheit dir auch ferner leuchten,
Sie muss von jenem Orte fliessen,
Wo ich vereint mit meinen Brüdern wirke.
Ich gab dir Kraft der Wahrheit.
Entzündet ihres Feuers Macht in dir sich selber,
So musst den Weg du finden.
(Er geht ab.)
JOHANNES: 0, er verlässt mich.
136
JOHANNES: Ob ich den Wahn vertrieben - -
Ob mich die Wirklichkeit verlassen - - -
Wie kann ich dies entscheiden?
Doch fühl’ ich mich in mir erstarkt.
Es war kein Trug, er war es selbst,
Du, Benedictus, ich erlebe dich in mir, \Du hast die Kräfte mir verliehen,
Die weiterlebend mir im eignen Selbst
Den Irrtum von der Wahrheit trennen sollen.
Und doch - ich war dem Wahn ergeben.
Ich fühlte schaudernd deine Nähe
Und konnte dich für Täuschung halten,
Als du mir gegenüberstandest
\\ (Theodosius erscheint wieder.)
THEODOSIUS: Du wirst vom Wahne dich befreien,
Wenn du mit meinen Kräften dich erfüllst.
Es konnte Benedictus dich zu mir geleiten,
Doch muss dich jetzt die eigne Weisheit führen.
Erlebst du nur, was er in dich gelegt,
So kannst du nicht dich selbst erleben.
In Freiheit strebe nach den Lichteshöhen;
Empfange meine Kraft zu diesem Streben,
(Verschwindet.)
JOHANNES: Wie herrlich klingen deine Worte;
Ich muss sie in mir selbst erleben.
Sie werden wirksam mich vom Wahn befreien,
Wenn sie mein Wesen ganz erfüllen.

So wirket mir im Seelengrunde weiter,
Erhaben schöne Worte!
137
JOHANNES: Ihr könnt nur von dem Tempel stammen,
Da Benedictus Bruder sie gesprochen.
Ich fühle schon, wie sie entsteigen meinem Innern.

Sie werden aus mir selbst ertönen
Und so mir recht verständlich sein.
Du Geist, der mir im Innern lebt,
Entsteige der Verborgenheit
Und zeige dich in wahrer Wesenheit.
Schon fühle ich dein Nahen.
Erscheinen musst du mir.

(Lucifer und Ahriman erscheinen.)
LUCIFER: 0 Mensch, erkenne mich,
0 Mensch, empfinde dich;
Du hast dich entrungen
Der Geistesführung
Und bist geflohn
In freie Erdenreiche.
Du suchtest eignes Wesen
In Erdenwirrnis.
Dich selbst zu finden,
Es war dir Lohn.
Gebrauch den Lohn.
Bewahr dich selbst
Im Geisteswagnis.
Du findest fremdes Wesen
Im weiten Höhenreich;
Es wird dich bannen
An Menschenlos,
Es wird dich auch bedrücken.
O Mensch, empfinde dich,
O Mensch, erkenne mich
138
AHRIMAN: 0 Mensch, erkenne dich,
0 Mensch, empfinde mich,
Du bist entflohn
Aus Geistesfinsternis.
Du hast gefunden
Der Erde Licht.
So sauge Kraft der Wahrheit
Aus meiner Sicherheit.
Ich härte festen Boden.
Du kannst ihn auch verlieren.
In deinem Schwanken
Zerstreuest du die Kraft des Seins.
Du kannst vergeuden im Höhenlicht
Die Geisterkraft.
Du kannst in dir zerfallen.
0 Mensch, empfinde mich,
0 Mensch, erkenne dich.
(Sie verschwinden.)
JOHANNES: 0 was war dies; aus mir der Lucifer
Und folgend ihm auch Ahriman
Erlebe ich nur neuen Wahn,
Da ich mir Wahrheit heiss erfleht?
Es rief mir Benedictus Bruder jene Mächte,
Die in den Menschenseelen Wahn nur wirken.
DAS FOLGENDE
ALS GEISTERSTIMME
AUS DEN HÖHEN:
Es steigen deine Gedanken
In Urweltgründe;
Was in Seelenwahn dich getrieben,
139
DAS FOLGENDE
ALS GEISTERSTIMME
AUS DEN HÖHEN:
Was in Irrtum dich erhalten,
Erscheinet dir im Geisteslicht,
Durch dessen Fülle
Die Menschen schauend
In Wahrheit denken!
Durch dessen Fülle
Die Menschen strebend
In Liebe leben.

(Vorhang fällt.)



Elftes Bild

140 Der Sonnentempel; oberirdisch, verborgene Mysterienstätte der Hierophanten.


RETARDUS
(vor ihm Capesius und Strader):
Ihr habt mir bittre Not gebracht.
Das Amt, das euch von mir gegeben war,
Ihr habt es schlecht verwaltet.
Ich fordre euch vor meinen Richterstuhl.
Capesius, ich gab dir hohe Geistesart,
So dass Ideen vom Menschenstreben
Anmutvoll deiner Rede Inhalt waren
Und überzeugend hätten wirken sollen.
Ich lenkte deine Wirksamkeit in Kreise,
In denen du Johannes und Maria trafest.
Du hättest ihre Neigung für das Geistesschauen
Verdrängen sollen durch die Kraft,
Die deine Worte hätten wirken sollen.
Statt dessen übergabst du selbst dich nur
Der Wirkung, die von ihnen kommt.
Dir, Strader, öffnet’ ich den Weg
In sich’re Wissensbahnen.
Du solltest durch das strenge Denken
Die Zauberkraft der Geistesschau zerstören.
Doch mangelt dir des Fühlens Sicherheit.
Die Kraft des Denkens, sie entwand sich dir,
Wo dir Gelegenheit zum Sieg sich bot.
Es ist mein Schicksal euren Taten eng verbunden. Durch euch gehn jene beiden Wahrheitsucher Für alle Zukunft meinem Reich verloren.
Ich muss die Seelen an die Brüder überliefern.
CAPESIUS: Ich konnte dir ein guter Bote niemals sein.
141
CAPESIUS: Du gabst mir Kraft, das Menschenleben darzustellen.
Ich konnte schildern, was die Menschen
Zur einen oder andern Zeit begeistert;
Doch war es mir nicht möglich,
Den Worten, welche das Vergangne malten,
Die Kraft zu geben, Seelen ganz zu füllen.
STRADER: Die Schwäche, welche mich befallen musste,
Sie ist das Abbild nur der deinen.
Du konntest mir das Wissen schenken;
Doch nicht die Kraft, zu stillen alle Sehnsucht,
Die in dem Menschenherzen nach der Wahrheit strebt.
Ich musste stets in meinem Innern
Noch andre Kräfte fühlen.
RETARDUS: Ihr seht die Wirkung eurer Schwäche.
Es nahen schon die Brüder mit den Seelen,
In welchen sie mich überwinden werden.
Johannes und Maria folgen ihrer Macht.

(Benedictus mit Lucifer, Ahriman, dahinter Johannes und Maria. Dann Theodosius, Romanus; die Seelenkräfte; Felix und Felicia Balde, die andre Maria; zum Schluss Theodora.)
BENEDICTUS (zu Lucifer): Johannes’ und Marias Seelen,
Sie haben Raum nicht mehr für blinde Kraft;
Sie sind zum Geistessein erhoben.
LUCIFER: Ich muss die Seelen wohl verlassen.
Die Weisheit, welche sie errungen,
Sie gibt die Kräfte, mich zu schauen.
142
LUCIFER: Ich habe über Seelen nur Gewalt,
So lang sie mich nicht schauen können
Doch bleibt die Macht bestehn,
Die mir im Weltenwerden zugeteilt.
Und kann ich ihre Seelen nicht versuchen,
Wird meine Kraft im Geiste ihnen erst
Die schönsten Früchte reifen lassen.
BENEDICTUS
(zu Ahriman):
Johannes’ und Marias Seelen,
Sie haben Irrtums Finsternis in sich vertilgt.
Das Geistesauge haben sie eröffnet.
AHRIMAN: Ich muss auf ihren Geist verzichten.
Sie werden sich zum Lichte wenden;
Doch bleibt mir’s unbenommen,
Die Seelen mit dem Scheine zu beglücken.
Sie werden nicht mehr glauben,
Dass er die Wahrheit sei,
Doch schauen können,
Wie er sie offenbart.
THEODOSIUS
(Zur andren Maria):
Es war dein Schicksal eng verbunden
Mit deiner höhern Schwester Leben.
Ich konnte ihr der Liebe Licht,
Doch nicht der Liebe Wärme geben,
So lange du beharren wolltest,
Dein Edles aus dem dunklen Fühlen nur
In dir erstehn zu lassen,
Und nicht in vollem Weisheitslichte
Es klar zu schauen dir erstrebtest.
In dunkler Triebe Wesen reicht
143
THEODOSIUS Des Tempels Einfluss nicht,
Auch wenn sie Gutes wirken wollen.
DIE ANDRE MARIA: Ich muss erkennen, dass ein Edles nur
Im Lichte heilsam wirken kann,
Und wende mich zum Tempel.
Mein Fühlen soll in Zukunft
Dem Liebeslicht nicht seine Wirkung rauben.
THEODOSIUS: Durch deine Einsicht gibst du mir die Kraft,
Marias Seelenlicht den Weg zur Welt zu bahnen.
Es musste stets die Macht verlieren
An Seelen deiner frühern Art,
Die Licht mit Liebe nicht verbinden wollen.
JOHANNES
(Zur andren Maria):
Ich schau’ in dir die Seelenart,
Die auch im eignen Innern mich beherrscht;
Den Weg zu deiner höhern Schwester,
Ihn konnte ich nicht finden,
So lang in mir der Liebe Wärme
Vom Liebeslicht getrennt sich hielt.
Das Opfer, welches du dem Tempel bringst,
In meiner Seele soll es nachgebildet sein.
In ihr soll Liebeswärme sich
Dem Liebeslichte opfern.
MARIA: Johannes, du erwarbest dir im Geisterreich
Erkenntnis jetzt durch mich;
Du fügst zur Geist-Erkenntnis Seelensein,
Wenn du die eigne Seele findest, \Wie du die meine hast gefunden.
144
PHILIA: Es wird aus allem Weltenwerden
Die Seelenfreude sich dir offenbaren.
ASTRID: Es wird dein ganzes Sein
Die Seelenwärme jetzt durchleuchten können.
LUNA: Du wirst dich selber leben dürfen, \Wenn Licht in deiner Seele leuchten kann.
ROMANUS
(zu Felix Balde):
Du hieltest dich dem Tempel lange fern;
Du wolltest nur Erleuchtung anerkennen,
Wenn eigner Seele Licht sich offenbarte.
Die Menschen deines Wesens rauben mir die Kraft,
Mein Licht zu geben Erdenseelen.
Sie wollen nur aus dunklen Tiefen schöpfen,
Was sie dem Leben bringen sollen.
FELIX BALDE: Es hat der Menschenwahn nun selbst
Aus dunklen Tiefen mir das Licht gewiesen
Und mich den Weg zum Tempel finden lassen.
ROMANUS: Dass du den Weg hieher gefunden,
Kann mir die Kraft verleihn,
Johannes und Maria
Den Willen zu erleuchten,
Dass er nicht blinden Mächten folge, \Dass er aus Weltenzielen \Sich seine Richtung gibt.
145
MARIA: Johannes, du hast dich nun selbst
Im Geist an meinem Selbst geschaut;
Du wirst als Geist dein Sein erleben,
Wenn Weltenlicht in dir sich schauen kann.
JOHANNES
(zu Felix Balde):
Ich schau’ in dir, mein Bruder Felix,
Die Seelenkraft, die mir im eignen Geist
Den Willen hielt gebunden.
Du hast den Weg zum Tempel finden wollen;
Ich will in meinem Geist der Willenskraft \Den Weg zum Seelentempel weisen.
RETARDUS: Johannes’ und Marias Seelen
Entringen meinem Reiche sich.
Wie sollen sie nun finden,
Was meiner Macht entspringt? \So lang im eignen Innern
Des Wissens Gründe ihnen fehlten,
Erfreuten sie sich meiner Gaben;
Gezwungen seh’ ich mich,
Von ihnen abzulassen.
FRAU BÄLDE: Dass ohne dich der Mensch
Zum Denken sich befeuern kann,
Ich habe dir’s gezeigt.
Aus mir entströmt ein Wissen,
Das Früchte tragen darf.
JOHANNES: Es soll dies Wissen sich dem Licht vermählen.
146
JOHANNES: Das aus des Tempels vollem Quell
Den Menschenseelen leuchten kann.
RETARDUS: Capesius, mein Sohn,
Du bist verloren;
Du hast dich mir entzogen,
Bevor des Tempels Licht dir leuchten kann.
BENEDICTUS: Er hat den Weg begonnen.
Er fühlt das Licht
Und wird die Kraft gewinnen,
In eigner Seele zu ergründen, \Was ihm Felicia bis jetzt erzeugen muss.
STRADER: Verloren scheine ich allein.
Ich kann die Zweifel selbst nicht bannen,
Und wiederfinden werde ich doch sicher nicht
Den Weg, der zu dem Tempel führt.
THEODORA
(erscheinend):
Aus deinem Herzen
Entschwebt ein Lichtesschein,
Ein Menschenbild entringt sich ihm.
Und Worte kann ich hören,
Die aus dem Menschenbilde kommen;
Sie klingen so:
'' '' «Ich habe mir errungen
'' '' Die Kraft, zum Licht zu kommen.»
Mein Freund, vertraue dir!
Du wirst die Worte selber sprechen,
Wenn deine Zeit erfüllt wird sein.

(Vorhang fällt.)




Zur Übersicht

ablage/offen/rudolf_steiner/buecher/014_vier_mysteriendramen/001_die_pforte_der_einweihung.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 16:53

Impressum Datenschutzerklärung