Der Seelen Erwachen

Seelische und geistige Vogänge in szenischen Bildern

von Rudolf Steiner

Personen, Gestalten und Vorgänge

399 Die geistigen und seelischen Vorgänge, welche in „Der Seelen Erwachen“ dargestellt sind, sollen so gedacht werden, daß sie etwa ein Jahr nach denjenigen erfolgen,welche in dem früher erschienenen „Hüter der Schwelle“ gezeichnet sind.


In „Der Seelen Erwachen“ kommen die für Vorgänge die folgenden Personen und Wesen in Betracht:



I. DIE TRÄGER DES GEISTIGEN ELEMENTS

399 1. Benedictus, die Persönlichkeit, in welcher eine Anzahl seiner Schüler den Kenner tiefer geistiger Zusammenhänge sieht. (Er ist in den vorhergehenden Seelengemälden „Die Pforte der Einweihung“ und „Die Prüfung der Seele“ als Führer des „Sonnentempels“ dargestellt. Im „Hüter der Schwelle“ bringt sich in ihm die Geistesströmung zum Ausdruck, welche lebendig-gegenwärtiges Geistesleben and die Stelle des bloß traditionellen setzen will, wie es von dem dort vorkommenden „Mystenbund“ behütet wird.) In „Der Seelen Erwachen“ ist Benedictus nicht mehr bloß über seinen Schülern stehend zu denken, sondern mit seinem eigenen Seelenschicksale in die Seelenerlebnisse seiner Schüler verwoben.
2. Hilarius Gottgetreu: Der Kenner traditionellen Geisteslebens, das sich bei ihm mit eigenen Geist-Erlebnissen verbindet. Dieselbe Individualität, welche in dem vorher erschienenen Seelengemälde „Prüfung der Seele“ als Großmeister eines Mystenbundes dargestellt ist.
3. Der Bürochef des Hilarius Gottgetreu
4. Der Sekretär des Hilarius Gottgetreu. (Dieselbe Persönlichkeit, die im „Hüter der Schwelle“ als Friedrich Geist vorkommt.)



II. DIE TRÄGER DES ELEMENTS DER HINGABE

399 1. Magnus Bellicosus. (In der „Pforte der Einweihung“ German genannt. In der „Pfüfung der Seele“ und dem „Hüter der Schwelle“ Präzeptor eines Mystenbundes.)
400 2. Albertus Torquatus. (In der „Pforte der Einweihung“ Theodosius genannt. In der „Prüfung der Seele“ kommt dieselbe Individualität als erster Zeremonienmeister des dort gezeichneten Mystenbundes vor.)
3. Professor Capesius. (In der “Prüfung der Seele“ kommt seine Individualität als erster Präzeptor vor.)
4. Felix Balde. (In der „Pforte der Einweihung“ als Träger einer gewissen Naturmystik, hier im „Erwachen“ Träger der subjektiven Mystik. Die Individualität Felix Baldes kommt als Joseph Kühne in der „Prüfung der Seele“ vor.)



III. DIE TRÄGER DES WILLENSELEMENTES

400 1. Romanus (wird hier wieder mit diesem in der „Pforte der Einweihung“ für ihn gebrauchten Namen eingeführt, weil dieser seiner inneren Wesenheit entspricht, zu der er sich in den Jahren durchgearbeitet hat, welche zwischen der „Pforte der Einweihung“ und dem „Erwachen“ liegen. Im „Hüter der Schwelle“ wird für ihn der Name gebraucht, welcher als sein Name in der äußerlichen Welt gedacht ist [Friedrich Trautman]. Er wird da mit diesem Namen eingeführt, weil er innerhalb der vorkommenden Vorgänge mit seinem Innenleben nur eine geringe Bedeutung hat. Seine Individualität kommt in der „Prüfung der Seele“ als der zweite Zeremonienmeister des mittelalterlichen Mystenbundes vor.)
2. Doktor Strader. (Seine Individualität kommt in der „Prüfung der Seele“ als Jude Simon vor.)
3. Die Pflegerin des Doktor Strader. (Sie ist dieselbe Persönlichkeit, welche im „Hüter der Schwelle“ Maria Treufels genannt wird. In der „Pforte der Einweihung“ heißt sie die andere Maria, weil die imaginative Erkenntnis des Johannes Thomasius die Imagination gewisser Naturgewalten in ihrem Bilde gestaltet. Ihre Individualität kommt in der „Prüfung der Seele“ als Berta, die Tochter Kühnes vor.)
4. Frau Bälde. (Ihre Individualität kommt in der „Prüfung der Seele“ als Frau Kühne vor.)



IV. DIE TRÄGER DES SEELISCHEN ELEMENTES

401 1. Maria. (Ihre Individualität kommt in der „Prüfung der Seele“ als Mönch vor.)
2. Johannes Thomasius. (Seine Individualität kommt in der „Prüfung der Seele“ als Thomas vor.)
3. Die Frau des Hilarius Gottgetreu.



V. WESEN AUS DER GEISTESWELT

401 1. Lucifer
2. Ahriman
3. Gnomen
4. Sylphen



VI. WESEN DES MENSCHLICHEN GEISTESELEMENTES

401
1. Philia } die geistigen Wesenheiten, welche die
2. Astrid } Verbindung der menschlichen Seelenkräfte
3. Luna } mit dem Kosmos vermitteln.
4. Die ‚andere“ Philia, die Trägerin des Elementes der Liebe in der Welt, welcher die geistige Persönlichkeit angehört.
5. Die Seele der Theodora: (Ihre Individualität kommt in der „Prüfung der Seele“ als Cäcilia, Kühnes Pflegetochter und Schwester des Thomas vor, der die Individualität des Johannes Thomasius darstellt.)
6. Der Hüter der Schwelle
7. Der Doppelgänger des Johannes Thomasius
8. Der Geist von Johannes Thomasius’ Jugend
9. Die Seele des Ferdinand Reinecke bei Ahriman. (12. Bild), (kommt als Ferdinand Reinecke nur im „Hüter der Schwelle“ vor.)



VII.

401 Die Persönlichkeiten des Benedictus und der Maria werden auch als Gedankenerlebnisse eingeführt, und zwar im zweiten und vierten Bilde als solche des Johannes Thomasius, im dritten Bilde als solche Straders. Im zehnten Bilde ist Maria als Gedankenerlebnis des Johannes Thomasius eingeführt.



VIII.

401 Die Individualitäten von Benedictus, Hilarius Gottgetreu, Magnus Bellicosus, Albert Torquatus, Strader, Capesius, Felix
402 Bälde, Frau Bälde, Romanus, Maria, Johannes Thomasius und Theodora erscheinen im Geistgebiet (des fünften und sechsten Bildes des „Erwachens“) als Seelen, und im Tempel (des siebten und achten Bildes des „Erwachens“) als Persönlichkeiten einer weit zurückliegenden Vergangenheit.


Auch gegenüber „Der Seelen Erwachen“ sei eine Bemerkung gemacht, welche ähnlich schon für die vorangegangenen Seelengemälde vorgebracht worden ist. Es sind weder die geistigen noch die seelischen Wesenheiten bloß symbolisch oder allegorisch gemeint. Wer sie so auffassen wollte, dem bliebe die reale Wesenheit der geistigen Welten ferne. Auch in dem Erscheinen der Gedankenerlebnisse (des zweiten, dritten und zehnten Bildes) ist nichts bloß Symbolisches dargestellt, sondern reale Seelenerlebnisse, welche für denjenigen, der an der geistigen Welt Anteil hat, so wirklich sind wie Personen oder Vorgänge der Sinnenwelt. Für einen solchen stellt dies „Erwachen“ durchaus ein realistisches Seelengemälde dar. Käme es auf Symbolik oder Allegorie an, so unterließe ich ganz gewiß diese Darstellung. Auf mancherlei Fragen hin habe ich auch diesmal wieder den Versuch begonnen, für „nachträgliche Bemerkungen“ einiges Erklärende zu diesem „Seelengemälde“ hinzuzufügen. Wie früher, so unterdrücke ich auch diesmal wieder den Versuch. Es widerstrebt mir, dem Gemälde, das durch sich selbst sprechen soll, derartiges hinzuzufügen. Bei der Konzeption und der Ausarbeitung des Gemäldes können dergleichen Abstraktionen gar keine Rolle spielen. Sie würden da nur störend wirken. Die geistige Wirklichkeit, die nachgebildet ist, stellt sich mit derselben Notwendigkeit vor die Seele hin, wie die Dinge der physischen Wahrnehmung. Naturgemäß ist dabei, daß die Bilder der Geist-Wahrnehmung von der gesunden Geistesschau anders auf ihre Wesenheiten und Vorgänge bezogen werden, als die Wahrnehmungen der physischen Welt auf die entsprechenden Wesenheiten und Vorgänge. Andrerseits muß gesagt werden, daß die Art, wie die geistigen Vorgänge sich vor die wahrnehmende Seele hinstellen, zugleich die Disposition und Konposition eines solchen Gemäldes mitenthalten.
Besonders erwähnt soll werden, daß die musikalischen Beigaben für die Aufführung des Dramas von Adolf Arenson herrühren.

München, August 1913. '' '' R. St.



Erstes Bild

403 Das Comptoir Gottgetreus. In nicht allzu neuem Stil eingerichtet. Man kann sich denken, daß Gottgetreu Besitzer eines Werkes ist, in dem Holzsägearbeit gemacht wird. (BÜROCHEF und SEKRETÄR im Gespräch; dann HILARIUS und später STRADER.)


SEKRETÄR: Und auch die Freunde im Georgenheim
erklären, daß sie unzufrieden sind.
BÜROCHEF: Auch diese schon; es ist doch jammervoll.
und stets die gleichen Gründe; man ersieht,
wie schmerzlich diese Freunde es empfinden,
daß sie von Gottgetreu sich lösen müssen.
SEKRETÄR: Daß wir an Pünktlichkeit es fehlen lassen,
daß unsere Arbeit nicht die Wage hält
der Leistung andrer Werke dieser Art,
so schreibt man uns; ein gleiches muß ich jetzt
auf meinen Reisen immer wieder hören.
Der gute Ruf des Hauses schwindet hin,
der noch von Gottgetreus Altvordern sich
auf uns vererbt, und den wir mehren durften.
Die Meinung bildet sich, das Gottgetreu
betört von Träumern und Phantasten ist,
und daß die Schwärmerei, die ihn ergriffen,
der Sorgfalt ihn beraube, die vorher
so deutlich jeder Leistung seines Hauses
die weltberühmte Eigenart verlieh.
So reich an Zahl die Lober einstens waren,
sind jetzt gewiß die Tadler unsrer Arbeit.
404
BÜROCHEF: Man hat es längst bemerkt, wie Gottgetreu
von Leuten sich in Irrtum jagen läßt,
die nach besondern Geistesgaben streben.
Er neigte stets zu solchen Seelentrieben;
doch wußte er vorher sie fern zu halten
von jeder Arbet, die dem Tage dient.

(Hilarius Gottgetreu betritt den Raum.)
BÜROCHEF
(zum Sekretär):
Es scheint mir nötig, eine kurze Weile
allein mit unserm Arbeitsherrn zu sprechen.

(Der Sekretär geht aus dem Zimmer.)
BÜROCHEF: Die Sorge ist’s, die mich Gelegenheit
zu ernster Unterhaltung suchen läßt.
HILARIUS: Was ist’s, das meinem Rater Sorge macht?
BÜROCHEF: Es zeigt mir mancher Vorfall jetzt ganz deutlich,
daß unsre Arbeit mehr und mehr verfällt,
und daß wir nicht mehr leisten, was wir sollen.
Es mehren sich die Stimmen, die beklagen,
wie unsre Leistung sich an Wert vermindert,
und andre Häuser uns den Rang bestreiten.
Auch unsre altbekannte Pünktlichkeit,
sie wird von vielen schon mit Recht vermißt.
Es werden sich recht bald die besten Freunde
durch Gottgetreu nicht mehr befriedigt finden.
HILARIUS: Gar wohl bewußt seit lange ist mir dies;
405
HILARIUS: Doch läßt es mich, fürwahr, ganz unbesorgt.
Jedoch mit euch die Lage zu beraten
ist mir Bedürfnis, denn ihr halfet mir
als Diener meines Hauses nicht allein;
ihr standet mir als treuer Freund stets nahe.
Deshalb sollt ihr jetzt deutlich von mir hören,
worauf ich euch schon öfter hingewiesen.
Wer Neues schaffen will, der muß gelassen
des Alten Untergang erleben können.
Ich will in Zukunft so das Werk nicht führen,
wie es bisher den Weg genommen hat.
Erwerb, der nur im engsten Kreise lebt,
und bloß gedankenlos die Arbeitsleistung
dem Markt des Erdenlebens überliefert,
ganz ohne Sorge, was aus ihr dann wird,
erscheint mit würdelos, seit mit bekannt,
welch edle Form die Arbeit finden kann,
wenn Geistesmenschen ihr die Prägung geben.
Es soll fortan Thomasius als Künstler
die Arbeitsstätte leiten, die ich ihm
in unsrer Nachbarschaft erbauen will.
So wird, was wir mechanisch leisten können,
von seinem Geiste künstlerisch gestaltet,
und zu der Menschen Taggebrauch dann liefern,
was nützlich ist und edle Schönheit trägt.
Gewerbe soll mit Kunst zur Einheit werden,
alltäglich Leben mit Geschmack durchdringen.
Ich füge so zum toten Sinnesleib,
als welche unsre Arbeit mir erscheint,
die Seele, die ihr erst den Sinn verleiht.
BÜROCHEF (nach einer längeren Besinnung):
Der Plan zu solcher Wunderschöpfung ist
dem Geiste unsrer Zeit nicht angemessen.
406
BÜROCHEF Es muß doch heute jede Leistung streng
im engsten Kreise nach Vollendung streben.
Die Mächte, die im Leben unpersönlich
den Teil ins Ganze wirksam strömen lassen,
sie geben jedem Glied gedankenlos
den Wert, den Weisheit ihm nicht schenken kann.
Und stünde euch auch dieses nicht im Wege,
so wäre dennoch eure Absicht eitel.
Daß ihr den Menschen finden könnt, der euch
den Plan verwirklicht, den ihr schön erdacht,
daran zu glauben – das vermag ich nicht.
HILARIUS: Mein Freund, ihr wißt, daß ich nicht Träumen folge.
Wie sollt’ ich mir so hohe Ziele setzen,
hätt’ nicht ein gut Geschick mir zugeführt
den Mann, der leisten wird, was ich erstrebe,
und wundern muß ich mich, daß euer Blick
in Strader diesen Mann nicht schauen kann.
Wer dieses Geistes wahres Wesen kennt
und Sinn füf höchste Menschenpflichten hat,
den sollte man selbst dann nicht Träumer nennen,
wenn er als solche Pflicht empfinden muß
ein Feld der Arbeit diesem Mann zu schaffen.
BÜROCHEF (nachdem er einiges Erstaunen gezeigt hat):
In Strader soll ich diesen Geist erblicken!
Hat sich an ihm denn nicht so klar gezeigt,
wie Menschengeist zu blenden sich vermag,
wenn ihm der Sinn für Wirklichkeiten fehlt.
Dem Geisteslichte dankt sein Mechanismus
den Ursprung -: das kann nicht bezweifelt werden.
Und wenn er einst verwirklicht werden kann,
wird alles Heil aus ihm gewiß erfließen,
407
BÜROCHEF das Straders schon so nahe glauben konnte.
Doch wird er lange noch Modell verbleiben,
weil jetzt die Kräfte noch verborgen sind,
die ihm die Wirklichkeit erst schaffen können.
Es macht mich traurig, daß ihr denken könnt,
es wirke Gutes, wenn ihr euer Werk
dem Manne anvertraut, der Schiffbrich litt
mit seiner eignen kühn erdachten Schöpfung.
Sie führte seinen Geist auf Höhen zwar,
die stets die Menschenseele locken werden,
die sie jedoch erst dann erklimmen soll,
wenn ihr die rechten Kräfte eigen sind.
HILARIUS: Wie ihr den Geist des Mannes preisen müßt,
da ihr nach Gründen sucht, ihn zu verwerfen,
bezeugt doch ganz besonders seinen Wert.
Es lag, nach euren Worten, nicht an ihm,
daß seinem Schaffen nicht Erfolg beschieden.
So ist er sicher doch in unserm Kreise
am rechten Ort, es wird sich seinem Geiste
nichts Äußres jetzt entgegenwenden können.
BÜROCHEF: Und wenn ich auch für alles schon Gesprochne
mit innerm Widerstreben jetzt versuchte,
in eure Denkungsart mich zu vesetzen:
es zwingt noch andres mich zum Widerspruch.
Wer soll in Zukunft eure Leistung schätzen
und wer Verständnis euch so weit bezeugen,
daß er Gebrauch von eurer Arbeit macht?
Was ihr besitzt, es wird verschlungen sein,
wenn euer Werk den Anfang erst genommen.
Es wird sich dann nicht weiter führen lassen.
408
HILARIUS: Es leuchtet mir wohl ein, daß meine Pläne
als unvollkommen sich erweisen müßten,
wenn nicht Verständnis erst geschaffen würde
für diese neue Art und Arbeitsweise.
Was Strader, was Thomasius vollbringen,
es muß vollendet werden in der Stätte,
die ich dem Geisteswissen will begründen.
Was Benedictus, was Capesius,
und was Maria dort verkünden werden,
es soll dem Menschengeist die Wege weisen,
daß ihm Bedürfnis werde, Sinnensein
mit Geistesoffenbarung zu durchdringen.
BÜROCHEF: So werdet ihr den kleinen Kreis beglücken,
der fern von Weltensein für sich nur lebt.
Ihr schließt euch ab vom wahren
Menschenleben.
In diesem wollt ihr zwar den Selbstsinn tilgen,
doch werdet ihr an eurem Ort ihn pflegen.
HILARIUS: Ihr scheint von mit zu denken, daß ich träumend
Erfahrungen, die das Leben mir gewährt,
gedankenlos verleugne. So verhielt’
ich mich, wenn ich für einen Augenblick
Erfolg in eurem Sinne sollt’ verstehen.
Es mag mißlingen, was mir wertvoll scheint;
doch selbst, wenn alle Welt es nur verachtet,
und es deshalb in sich zerfallen muß,
so war es doch einmal vor Menschenseelen
als Vorbild auf die Erde hingestellt.
Es wird im Leben geistig weiter wirken,
selbst wenn es sich im Sinnessein nicht hält.
Es wird ein Teil der Kraft in ihm geschaffen,
409
HILARIUS: die endlich zur Vermählung führen muß
von Geisteszielen und von Sinnestaten.
So kündet es die Geisteswissenschaft.
BÜROCHEF: Als Diener eures Werkes, pflichtgemäß,
wollt’ ich besprechen, was mir nötig schien.
Doch gibt mir eure Haltung auch das Recht,
als Freund dem Freunde mich zu offenbaren.
An eurer Seite wirkend, fühlt’ ich mich
seit Jahren schon gedrängt, Erkenntnis
zu suchen jener Dinge, welchen ihr
ergeben seid und viele Kräfte opfert.
Ich konnt’ in Schrifften nur Belehrung finden,
die Geisteswissen offenbaren wollen. –
Obgleich die Welten mir verschlossen sind,
auf die ich da verwiesen mich gesehn,
vermag ich ahnend doch mir vorzustellen,
wie Menschen sich gestimmt wohl fühlen müssen,
die solcher Geistesart sich gläubig widmen.
Berechtigt fand ich durch mein eignes Grübeln,
was mancher Kenner dieser Forschungsrichtung
als Eigenart der Seelen deutlich schildert,
die sich im Geistgebiete heimisch finden.
Bedeutsam scheint vor allem mir zu sein,
daß solche Seelen Wahn und Wirklichkeit
trotz aller Vorsicht nicht zu trennen wissen,
wenn sie aus Geisteshöhn ins Erdensein
Naturgemäß sich finden sollen. – –
Der Geisteswelt, in der sie sich erleben,
entsteigen dann Gebilde, die der Seele
den rechten Blick ins Sinnensein verwehren,
und ihr mit Trug die Urteilskraft verwirren,
die Menschen für das Erdenleben brauchen.
410
HILARIUS: Was ihr als Einwand mir erwidern wollt,
bestärkt mich nur, bezeugt es mir doch klar,
daß ich in euch mir einen Menschen mehr
für meine Forschung künftig nahe weiß.
Wie sollte ich bisher auch nur vermuten,
daß euch die Art der Seelen wohlbekannt,
die sich mit mir zum Werke einen wollen.
Ihr kennt Gefahren, welche sie bedrohen:
so werden ihre Taten euch auch zeigen,
daß sie die Wege wissen, die sie schützen.
Die Lage wird euch bald vertraut wohl sein;
und finden werde ich in euch auch künftig
den Rater, den ich nicht entbehren kann.
BÜROCHEF: Ich kann nicht meine Kraft an Taten wenden,
die ich in ihrer Wirkensart nicht kenne.
Es scheinen mir die Menschen, welchen ihr
euch anvertraut, fürwahr dem Wahn verfallen,
von dem ich sprach. Und solcher Wahn verführt
die andern auch, die auf sie hören wollen.
Er übertönt das zielbewußte Denken.
Ihr könnt für alle Zeiten euch beratend
an eurer Seit’ mich finden, wenn der Sinn
euch steht nach solchem Wirken, das sich baut
auf Gründen, die im Erdenleben stützen.
Doch eure neue Art ist nichts für mich.
HILARIUS: Durch eure Weigerung gefährdet ihr
das Werk, das Geisteszielen dienen soll.
Denn ohne euren Rat bin ich gelähmt.
Bedenket doch, daß ernste Pflicht erwächst,
411
HILARIUS: wenn uns das Schicksal solche Winke gibt,
wie sie durch dieser Menschen Gegenwart
ganz deutlich sich für mich erkennen lassen.
BÜROCHEF: Je weiter ihr in dieser Art mir sprecht,
bezeugt sich mir nur klarer, wie ihr schon
dem Irrtum unbewußt verfallen seid.
Ihr denkt, der Menschheit Dienste zu erweisen;
in Wahrheit dient ihr nur dem Kreise jetzt,
der seinem Geistestraum, durch euch gestützt,
für kurze Zeit sich weiter widmen kann.
Ein Treiben wird sich hier recht bald entfalten,
das diesen Seelen wohl der Geist gebietet,
sich uns jedoch als Luftgebilde zeigen
und unsre Arbeitsfrucht verzehren muß.
HILARIUS: Wenn ihr mit jetzt die Hand nicht bieten wollt,
steht trübe mir die Zukunft vor der Seele.
(Von der rechten Seite tritt Dr. Strader ein.)
Ich hab’ euch schon erwartet, lieber Strader;
Ergeben hat sich eben, daß es gut,
wenn wir Bedeutungsvolles jetzt beraten
und erst zu spätrer Zeit den Ausgang machen. –
Mein alter Freund hat eben mir vertraut,
daß ihm nicht heilsam dünkt, was wir beginnen.
Es sei dem Manne jetzt das Wort gegeben,
der unsrer Arbeit seinen Geist verspricht.
Es hängt nun viel daran, wie Menschen sich
in diesem Augenblicke seelisch finden,
die wie verschiedne Welten sich begegnen,
und die doch, einig, Großes schaffen sollen.
412
STRADER: So will der treue Helfer Gottgetreus
sich nicht dem hoffnunsvollen Werke widmen,
das uns des Freundes Weisheit möglich macht?
Es kann der Plan uns doch nur dann gelingen,
wenn altbewährte Lebenskunst den Bund
mit Zukunftzielen weise schließen mag.
BÜROCHEF: Nicht mich nur fernzuhalten ist mein Wille;
auch meinem lieben Freunde möchte ich
die Aussichtslosigkeit der Tat beweisen.
STRADER: Es überrascht mich nicht, daß euch verfehlt
ein Plan erscheint, mit dem sich Strader trägt.
Ein größres Werk mußt ich verfallen sehen,
weil unsrer Zeit die Kräfte noch verborgen,
die gut Erdachtes stofflich wirksam machen.
Man weiß, daß ich der Geist-Erleuchtung danke,
was sich bewährte zwar, doch nicht belebte.
Es zeugt dies gegen meine Urteilskraft
und tötet auch den Glauben, daß der Geist
die Quellen wahrer Erdenschöpfung birgt.

Und schwer nur wird es sich erweisen lassen,
daß solch Erlebnis mir die Kräfte gibt,
im zweiten Fall dem Irrtum zu entfliehen.
Dort mußt’ ich irren, daß der Wahrheit Klippen
diesmal mit Sicherheit vermieden seien . . .

Doch ist begreiflich, daß man dies bezweifelt.
Besonders eure Geistesart muß finden,
daß unsre Weise wenig nur verheißt.
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STRADER: Man rühmt an euch besonders, wie feinsinnig
an allem Geistesleben ihr beteiligt,
und ihm auch fördernd Zeit und Kräfte widmet.
Doch sagt man auch, daß ihr die Lebensarbeit
im strengsten Sinn geschieden wissen wollt
vom Geistesstreben, das aus eignen Kräften
im Seelenleben schaffend wirken will.
Ihr möchtet dies als Inhalt nur beachten
der Zeiten, die von Arbeit unerfüllt.
Zu binden, was der Geist dem Geiste wirkt,
an Werke, die im Sinnensein erstehn,
ist jener Geistesströmung Ziel, die mir
des Lebens Werdegang recht klar gewiesen.
BÜROCHEF: Solang der Geist allein dem Geiste opfert,
was er im freien Schaffen leisten kann,
erhebt er Seelen zu der Menschenwürde,
die ihnen Sinn um Erdendasein gibt.
Doch wenn er auch das Sein in sich erleben
und gar noch andres Sein beherrschen will,
so nähert er Gebieten sich, wo Wahn
der Wahrheit oft gefährlich werden kann.
Daß solche Kenntnis mir, durch mein Bemühn
in Geistesdingen sich eröffnet hat,
bestimmt zu meiner Haltung heute mich;
und nicht, was ihr als meine Herzensneigung,
durch meinen Ruf geleitet, angesehn.
STRADER: So stellt in euch ein Geisteswissens-Irrtum
sich gegen meine Ansicht feindlich hin.
Dann werden sich die Schwierigkeiten mehren.
414
STRADER: Es wird wohl leicht dem Geistesforscher glücken,
mit Menschen sich zur Arbeit zu verbinden,
die aus Natur und Leben sich vorher
vom Sinn des Daseins unterweisen ließen.
Doch wenn Gedanken, die aus Geistesquellen
geschöpft sein wollen, sich mit Widerstreben
mit andern gleichen Ursprungs einen sollen,
ist Harmonie nur selten zu erhoffen.


(Nach einigem stillen Sinnen.)
Doch wird geschehen, was geschehen muß.
Es wird erneute Prüfung meiner Pläne - - -
vielleicht die Ansicht wandeln, die ihr euch
beim ersten Überdenken bilden mußtet.

(Es fällt der Vorhang, während alle drei Personen im Nachdenken verharren.)



Zweites Bild

415 Gebirgslandschaft; im Hintergrund das Haus Hilarius’, das in der Nähe des Werkes gedacht ist. Doch wird das Werk nicht gesehen. Ein Wasserfall auf der rechten Seite. (JOHANNES auf einem Felsensitz; für ihn nicht sichtbar CAPESIUS; BENEDICTUS, MARIA; LUCIFER; GEISTWESEN, SEELENKRÄFTE; die SEELE DER THEODORA; der GEIST VON THOMASIUS’ JUGEND.)


Johannes: Der hingetürmten Formen schweigsam Sein,
Es füllt den Raum, gestaltend weite Rätsel;
Es tötet nicht mit Fragepein die Seele,
Die nicht erkennen, die nur lebend selig
Des Daseins Offenbarung schauen will.
Um diese Felsen dieses Lichtesweben,
Der kahlen Flächen stummes Dasein dort,
Die Wälder, grün in Blau verdämmernd hier;
Dies ist die Welt, in der Johannes' Seele,
Sich Zukunftsbilder webend, weilen will.

Johannes' Seele soll in sich erfühlen
Die Tiefen und die Weiten dieser Welt.
Und Schöpfermächte sollen dieser Seele
Die Kraft entbinden, die den Weltenzauber
Als kunstverklärten Schein den Herzen kündet.

Doch nie vermocht' Johannes dies, wenn nicht
Maria seiner Seele Kräfte liebend
Durch ihre milde Seelenwärme weckte.
Des Schicksals weise Führung muß ich preisen,
Das diesem Menschen mich so nah gebracht.
Wie kurz ist doch die Zeit erst, seit ich sie
An meiner Seite weiß, wie innig banden
Die wenig Wochen meine Seele
416
Johannes: Mit ihrer Seele schon zur Lebenseinheit.
Sie lebt als Geist in mir, auch wenn sie fern;
Sie denkt in meinem Denken, wenn ich mir
Des Wollens Ziele vor die Seele rufe.
(Maria erscheint wie ein Gedanke des Johannes.)
JOHANNES (fortfahrend):
Maria hier vor mir? doch wie ist sie -?
Sie darf nicht so vor mir sich offenbaren;
Dies geistig strenge Antlitz - diese Würde,
Die irdisch Fühlen frösteln macht - es will -
Es kann - Johannes so Maria nicht
In seiner Nähe schauen - dies kann nicht
Maria sein, die weise Mächte mir
In milder Schicksalsfügung zugeführt.
(Maria verschwindet aus Johannes' Schauen.)
Wo ist Maria, die Johannes liebte,
Als sie noch nicht die Seele ihm verwandelt
Und sie in kalte Geisteshöhn geführt?

Doch auch Johannes, der Maria liebte,
Wo ist er jetzt -? er war noch eben hier -
Ich schau' nicht mehr Johannes, der mich mir
So selig wiedergab - es kann, es soll
Mir nicht Vergangenheit ihn grausam rauben!
(Maria wird für Johannes' Schauen wieder sichtbar.)
MARIA: Maria, so wie du sie schauen willst,
Ist sie in Welten nicht, wo Wahrheit leuchtet.
In Truges Reichen webt Johannes' Geist,
Vom Seelenwahn verführt; - befreie dich
Von Wunschesmächten, welche dich verlocken.
Ich fühle deinen Seelensturm in mir;
417
MARIA: Er raubt die Ruhe mir, der ich bedarf.
Es ist Johannes nicht, der solchen Sturm
In meine Seele lenkt; ein Wesen ist's,
Das er in sich vor Zeiten schon besiegt.
Als Wahn durcheilt es jetzt die Geistesweiten -;
Erkenn' es und es wird als Nichts verstieben.
JOHANNES: Das ist Maria, wie sie wahrhaft ist,
Und von Johannes redet sie, wie er
In dieser Zeit auch wirklich sich erscheint.
Der hat sich längst zu andrem Sein erhoben,
Als mir des Traumes Gaukelspiel jetzt malt,
Weil ich in träger Ruhe meine Seele
In sich behaglich dämmern lassen will.
Doch noch besitzt dies Sein mein Wesen nicht.
Ich kann ihm noch entfliehn - und will es jetzt -
Es ruft mich oft zu sich; es will mich dann
Mit seinen Kräften ganz für sich gewinnen —;
Doch treibt es mich, von ihm mich zu befreien.
Es hat seit Jahren schon mit Geistessein
In meiner Seele Tiefen mich erfüllt;
Und doch - ich will in mir es jetzt nicht wissen.

Du fremdes Wesen in Johannes' Seele
Verlaß mich, - gib mich mir, wie ich einst war,
Als du noch nicht in mir dich wirksam wiesest.
Ich will Johannes schauen ohne dich. —

(Benedictus erscheint an Marias Seite; ebenfalls als Gedanke des Johannes.)
BENEDICTUS: Johannes, höre deiner Seele Mahnung;
Der Mensch, der geistig dich erfüllend, dir
418
BENEDICTUS: Als deines Wesens Urgewalt erstanden,
Er muß an deiner Seite treulich walten
Und von dir fordern, seines Wesens Kräfte
In deinem Wollen menschlich zu erschaffen.
Er muß verborgen in dir selber wirken,
Daß du einst werden magst, was du als Ziel
Des eignen Wesens fern in Zukunft weißt.
Du sollst die eignen Sorgen fest verschlossen
Im Seeleninnern mit durchs Leben tragen.
Du selbst gewinnst dich nur, wenn du von ihm
Dich mutig willst stets mehr besitzen lassen.
MARIA (als Gedanke von Johannes geschaut):
Mein heilig ernst Gelöbnis strahlet Kraft,
Die dir erhalten soll, was du errungen.
Du findest mich in kalten Eisgefilden,
Wo Geister sich das Licht erschaffen müssen,
Wenn Finsternisse Lebenskräfte lähmen.
In Weltengründen suche mich, wo Seelen
Das Götterfühlen sich erkämpfen müssen
Durch Siege, die vom Nichts das Sein ertrotzen.
Doch nimmer suche mich im Schattenreich,
Wo abgelebtes Seelenleben sich
Aus Wahneswesen flüchtig Sein erlistet,
Und Traumesgaukelspiel den Geist umspinnt,
Weil er genießend sich vergessen will,
Und Ernst ihm unbehaglich scheinen kann.

{Benedictus und Maria verschwinden.)
JOHANNES: Sie spricht von Wahn
Doch schön ist dieser Wahn.
Er lebt; Johannes fühlt in ihm sich selbst,
Er fühlt Marias Nähe auch in ihm.
419
JOHANNES: Johannes will nicht wissen, wie der Geist
In dunklen Seelentiefen Rätsel löst.
Doch schaffen will er, will als Künstler wirken.
So bleibe ihm verborgen, was in ihm
Bewußt nur Weltenhöhen schauen möchte.

(Er versinkt in weiteres Sinnen,)

(Capesius erhebt sich von seinem Sitze; rüttelt sich wie aus tiefem Sinnen auf.)
CAPESIUS: Erlebt' ich nicht in eigner Seele klar,
Was in Johannes, der so träumend sinnt,
Als Bilder seiner Sehnsucht sich erschafft?
Gedanken flammten mir im Innern auf,
Die nicht aus mir; — die er nur wirken konnte.
Es lebte seiner Seele Sein in meiner.
Verjüngt erblickt' ich ihn, wie er sich selbst
Durch Geisteswahn erschaut und frevelhaft
Die reifen Früchte seines Geistes schalt. —

Doch wie! - warum erlebe ich dies jetzt?
Nur selten darf der Geistesforscher doch
Der andern Seelen Sein in sich erschauen! -

Ich konnte oft von Benedictus hören,
Daß dies nur der vermag - für kurze Zeit -,
Der gnädig ausersehn vom Schicksal ist,
Um eine Stufe auf dem Geistespfad
Erhöht zu werden. — Darf ich so mir deuten,
Was mich in diesem Augenblicke trifft?
Was selten - wahrlich nur geschehen darf;
Denn furchtbar wär's, könnt' jederzeit der Seher
Belauschen andrer Seelen Innensein.
420
CAPESIUS: Ob ich die Wahrheit schaute — ob ein Wahn
Von andrem Seelensein mich träumen ließ?
Ich muß es von Johannes selbst erfahren.

(Capesius nähert sich Johannes und wird erst jetzt von diesem bemerkt.)
JOHANNES: Capesius - ich dacht' euch fern von hier!
CAPESIUS: Doch meine Seele fühlte sich euch nahe.
JOHANNES: Mir nah - in diesem Augenblick - doch nicht!
CAPESIUS: Warum doch schaudert euch bei diesem Wort?
JOHANNES: O nein, mir schaudert nicht

(In diesem Augenblicke tritt Maria hinzu; dies macht möglich, daß sowohl Johannes seine nächsten Worte wie auch Capesius die seinigen für sich sprechen können.)
JOHANNES (für sich): Sein Blick, er trifft
In meiner Seele Tiefen wahrhaft mich.
CAPESIUS (für sich): Sein Schaudern zeigt mir, daß ich wahr geschaut.
(Capesius wendet sich nun an Maria.)
Maria, ihr erscheint zur rechten Zeit.
421
CAPESIUS (für sich): Es bringt vielleicht mir euer Wort die Lösung
Des ernsten Rätsels, das mich schwer bedrückt!
MARIA: Nicht euch - ich dacht' Johannes hier zu finden.
Die Ahnung ließ des Rätsels Last bei ihm
Mich suchen, - euch jedoch wähnt' ich, befriedigt,
Dem schönen Wirkensziele hingegeben,
Das uns Hilarius erschließen will.
CAPESIUS: Dies Ziel - was soll es mir - es stört mich jetzt. -
MARIA: Es stört euch? - Zeigtet ihr euch nicht beglückt,
Seit eurem Hoffen solcher Inhalt war?
CAPESIUS: Was ich erlebt in dieser Schicksalsstunde,
Es ändert meiner Seele Richtung ganz,
Es müßte jede Erdenwirksamkeit
Erwachter Seherkräfte mich berauben.
MARIA: Wer Geistespfade hat beschreiten dürfen,
Erlebt so mancher Schicksalszeichen Winke. -
Er wird auf Seelenweg en ihnen folgen,
Doch könnten sie nicht recht gedeutet sein,
Wenn sie die wahren Erdenpflichten stören.

(Capesius setzt sich: verfällt in kurzes Sinnen, währenddessen Maria die Erscheinung Lucifers hat.)
LUCIFER: Dein Mühen wird dir wenig Früchte bringen.
In seinem Herzen regen Kräfte sich,
422
LUCIFER: Die mir die Tore seiner Seele öffnen.
Maria, - richte deine Seherkraft
In seiner Seele Tiefen; - schaue dort,
Wie er mit Geistesschwingen sich erlöst
Von eurem liebewarmen Erdenwerke.
(Lucifer bleibt in der Landschaft.)

(Maria wendet sich etwas deutlicher zu Capesius, ihn aus seinem Sinnen zu erwecken, aus dem er aber zugleich auch wie von selbst sich rüttelt.)
MARIA: Wenn sich Johannes auf dem Geistespfade
Gestört durch seiner Pflichten Art erfühlte,
Berechtigt war' es nicht, - doch schien's begreiflich:
Er wird im äußern Dienste schaffen müssen.
Doch ihr sollt Geisteswissen andern künden,
Und tretet so aus eurem Seelenkreise nicht.
CAPESIUS: Weit mehr, als wenn sie äußre Werke schafft,
Verliert die Geisteskraft im Worte sich.
Es zwingt das Wort Geschautes zu begreifen;
Doch sind Begriffe Seherkräften feindlich.
Ein solches Geisterlebnis dürft' ich schauen,
Das meinem Blicke sich nur zeigen konnte,
Weil jene Seele, die sich mir erschloß,
Zwar meinem Erdenmenschen nahesteht,
Doch nie von diesem ganz begriffen ward. -
Ist mein Erlebnis wahr, so wird mich nichts
An dieses Erdenwerk jetzt binden können.
Denn fühlen muß ich dann, wie hohe Mächte
Jetzt andre Ziele meiner Seele weisen,
Als sie Hilarius ihr vorgezeichnet. -
(Er stellt sich vor Johannes hin.)
423
CAPESIUS: Johannes, sagt mir frei, erfühltet ihr
Vorhin nicht abgelebte Seelenwünsche
Wie euer gegenwärtig Selbst in euch,
Als ihr im Sinnen ganz verloren wart?
JOHANNES: So kann sich meines Geistes Wirrnis wirksam
In fremder Seele als Erlebnis schaffen?
Und Schauen macht den Irrtum stark, daß er
Den Weg ins Weltenwerden finden kann?
(Johannes verfällt wieder in ein Sinnen.)

(Maria wendet den Blick zu Lucifer und hört ihn sprechen.)
LUCIFER: Auch hier find ich die Seelentore offen.
Nicht säumen will ich und die Lage nutzen,
Wenn auch in dieser Seele - Geisteswunsch
Sich schafft, so muß das Liebeswerk verfallen,
Das mir durch Gottgetreu gefährlich winkt.
Ich kann in ihm Marias Macht zerstören;
Dann fällt, was sie vermag, an meine Kraft.

(Lucifer verschwindet. Capesius richtet sich in diesem Augenblicke selbstbewußt auf und gewinnt innerhalb der folgenden Worte eine immer sicherere Stimmung.)
CAPESIUS: Der Zweifel flieht - ich habe wahr geschaut -;
Johannes lebte, was ich sehen durfte.
So ist auch klar, daß seine Welt sich mir
Nur öffnen konnte, weil die meine sich
Begreifend nie der seinen nahen wollte.
Der Geistesweg verlangt nach Einsamkeit; —
424
CAPESIUS: Zusammenwirken können Menschen nur,
Die sich begreifend gegenüberstehen.
Von Menschenwesen fern erreicht die Seele
Der Lichteswelten weite Daseinskreise.

Als Vorbild zeigt sich Vater Felix mir,
Er sucht auf Wegen, die den andern fremd,
In stolzer Einsamkeit das Geisteslicht.
Und seinem Suchen ward Erfolg, - weil er
Begreiflich Wesen sich stets ferne hielt.
Ihm streb' ich ferner nach: und euer Werk,
Das Seherkraft mit Erdensein belastet,
Es wird Capesius nicht mehr verführen.

(Er geht fort.)
MARIA: So ist's mit Menschen, wenn das beßre Selbst
In Geistesschlaf versinkt, und Wunschesmächte
Sein Wesen nähren, bis Erwachen wieder
Mit Licht erhellt die wahre Geistnatur.
So ist der Schlaf, den alle Menschen schlafen,
Bevor die Seherkräfte sie geweckt.
Sie wissen nichts von diesem wachend Schlafen;
Sie scheinen wachend - weil sie immer schlafen.
Der Seher schläft, wenn er zu diesem Wachen
Aus seinem wahren Sein heraus sich drängt.
Capesius wird uns sich jetzt entziehn.
Es zieht nicht flüchtig Wollen nur, es zieht
Sein Zustand ihn von unsern Zielen ab.
Nicht er bewirkt, daß er von uns sich wendet.
Man sieht der Schicksalsmächte strenge Zeichen.
So müssen wohl wir andren unsre Kräfte
In höhrem Maße unsrem Werke widmen.
425
JOHANNES: Maria, fordre von Johannes nicht,
Daß er in dieser Zeit zu neuen Zielen
Die Seele rüste, welche gleich der andern
Des Geistesschlafs bedarf, daß sie die Kräfte,
Die keimenden, zur Reife pflegen kann.
Ich weiß, ich werde einst für Geisteswelten
Zu wirken mich erkühnen, - doch nicht jetzt
Verlange, daß ich tätig sei - nicht jetzt -.
Bedenk', daß ich Capesius vertrieb .
War' ich zum Werke reif - er war' es auch.
MARIA: Capesius vertrieben? - Du - du träumst.
JOHANNES: Ich träumte wissend … ja, ich wachte träumend.
Was Schein vor Weltenmächten, - hat vor mir
Als Sinnbild meiner Reife sich bezeugt.
Ich weiß recht gut, mein Wünschen war ich selbst;
Und nur das Denken war ein andres Selbst.
So stand Johannes vor der Seele mir,
Wie er einst war, bevor der Geist ihn faßte
Und ihn erfüllte mit dem zweiten Selbst.
Er ist nicht tot; Johannes' Wunschesleben,
Es schafft ihn zum Genossen meiner Seele.
Ich hab' ihn wohl betäubt, doch nicht besiegt.
Des eignen Daseins Rechte fordert er,
Wenn jenes Selbst in Schlaf versinken muß.
Und immer wachen das vermag es nicht.
So schlief es auch zu jener Zeit, in der
Capesius in sich erleben konnte,
Wie mich der andre aus mir selbst gerissen.
Es ward mein Träumen ihm zum Schicksalswink
426
JOHANNES: So wirkt in mir und nicht in ihm die Kraft,
Die ihn vertrieben hat, - die uns verbietet,
Den Geist zum Erdenwirken hin zu lenken.
MARIA: Die Geisteskräfte kommen - rufe sie. -
In Geistesweltengründe lenk' den Blick
Und warte, bis die Kräfte in den Tiefen
Empfinden, was in deinem eignen Selbst
Mit ihrem Wesen wahlverwandt sich regt.
Sie zaubern dir vor deine Seheraugen,
Was sie und dich zur Einheit werden läßt.
Verbanne eignen Sinnes störend Sprechen,
So spricht der Geist in dir mit Geisteswesen;
Und diesem Geistersprechen höre zu.
Es trägt dich zu den Lichtessphären hin
Und bindet dich an Geisteswesenheit.
Was dir aus abgelebten Zeiten dämmert,
Erscheint dir dann im Weltenlichte deutlich;
Und zwingt dich nicht, weil du es lenken kannst.
Vergleich es mit der Elemente Wesen,
Mit Schatten und mit Schemen aller Art,
Auch stell es neben mancherlei Dämonen,
Und so erfahre, was es wirklich gilt.
Doch dich ergründe in der Geister Reich,
Die Urbeginn verbinden andrem Urbeginn,
Die Weltenkeimeskräften nah sich wissen
Und Sphärenzielgedanken Richtung weisen.
Es wird dich solche Weltenschau erkraften,
Daß du im Geistgewoge dir das Sein
Im Seelenkerne wesenhaft vereinst.
427
MARIA: So heißt der Geist mich selber dir zu künden,
Nur höre jetzt, was dir bewußt, doch nicht
Vermählt bisher in Seelentiefen ist.
JOHANNES (deutlich zeigend, daß er zu starkem Entschluß sich aufrafft):
Ich will es hören, - will mir selber trotzen.

(Von beiden Seiten kommen Elementargeister. Von links gnomenartige Wesen. Sie haben stahlgraue, den Menschen gegenüber kleine Gestalten; sie sind fast ganz Kopf; doch ist dieser vornübergebeugt. Sie haben lange, bewegliche, zu Gebärden geeignete, zum Gehen ungeschickte Gliedmaßen. Von rechts kommen sylphenartige, schlanke, fast kopflose Gestalten, ihre Füße und Hände sind ein Mittelding zwischen Flosse und Flügel; ein Teil von ihnen ist blaugrün, der andere Teil gelbrötlich. Bei den gelbrötlichen ist die Gestalt mit schärferen Konturen begabt; bei den blaugrünen unbestimmter. Die Worte, welche diese Gestalten sprechen, werden mit ausdrucksvollen, bis zum Tanze sich gestaltenden Gebärden vorgebracht.)
GNOMENGEISTERCHOR: Wir härten, wir kraften
Das Stoffesstaubgeflimmer,
Wir lockern, wir pulvern
Erstarrtes Krustengeschiebe,
Wir stäuben flink das Feste
Und festen langsam Lockres
Mit unsren Leibesgeistern,
Gewoben aus Verstandesstoff,
Der klug schon vollends war,
Als Menschenseelen schlafend
In Erdenurbeginnen träumten.
428
SYLPHENGEISTERCHOR: Wir weben, wir fasern
Das Wasserluftgewobe,
Wir trennen, wir sprengen
Belebte Sonnensamenkräfte;
Wir dichten sorglich Lichtesmächte,
Wir nichten weise Früchtekräfte
Mit unsren Seelenleibern,
Erfließend aus Empfindungsstrahlen,
Die ewig lebend glimmern,
Daß Menschenwesen lebend
Des Erdenwerdens Sinn genießen.
GNOMENGEISTERCHOR: Wir lachen, wir kichern,
Wir spotten, wir grinsen,
Wenn Menschensinne holpernd
Und Menschengeister stolpernd
Von uns Erzeugtes schauen
Und weise zu verstehen glauben,
Was Geister unsrer Weitenzeiten
Vor ihre dummen Augen zaubern.
SYLPHENGEISTERCHOR: Wir sorgen, wir pflegen,
Wir fruchten, wir geistern,
Wenn Menschenkinder lebendämmernd
Und Menschengreise irrtumwebend
An unsrem Werke zehren
Und kindlich oder greisenhaft
Im Zeitenstrome dumpf genießen,
Was wir in Ewigkeiten Sinnen.

(Diese Geisteswesen bewegen sich, wie in zwei Knäueln sich zusammenfindend, gegen den Hintergrund und bleiben dort sichtbar. Von links erscheinen die drei Seelenkräfte: Philia, Astrid, Luna mit der «andren Philia».)
429
PHILIA: Sie strahlen die Helle
Als liebende Lichte
In seliges Reifen,
Sie wärmen gelinde
Und hitzen gewaltig,
Wie Werdendes will
Zu wirkendem Sein;
Daß wirkendes Sein
Entzücke die Seelen,
Die liebend sich geben
Dem strahlenden Licht.
ASTRID: Sie weben das Leben
Als schaffende Helfer
In quellende Wesen.
Sie sprengen die Erden
Und dichten die Lüfte,
Daß Wandel sich zeige
Im strebenden Schaffen.
Daß strebendes Schaffen
Beglücke die Geister,
Die webend sich fühlen
Im schaffenden Leben.
LUNA: Sie drücken bedächtig
Als tätige Schöpfer
Die bildsamen Stoffe;
Sie schärfen die Kanten
430
LUNA: Und glätten die Flächen,
Daß sinnvoll sich bauen
Die ragenden Formen;
Daß ragende Formen
Begeistern den Willen
Zu sinnvollem Bauen
Als tätiger Schöpfer.
DIE ANDRE PHILIA: Sie pflücken die Blüten
Als sorglose Nutzer
In zauberndem Wirken;
Sie träumen das Wahre,
Sie wahren den Wahn;
Daß schlafendes Keimen
Sich wecke zum Leben;
Und wachendes Träumen
Enthüllet den Seelen
Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.

(Diese vier Seelenkräfte und die Geistwesen verschwinden nach der rechten Seite; Johannes, der während der vorhergehenden Vorgänge in tiefem Sinnen war, erhebt sich daraus.)
JOHANNES: «Und wachendes Träumen
Enthüllet den Seelen
Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.»
Das sind die Worte, die noch deutlich klingen
In meiner Seele -, was ich vorher schaute,
In Wirrnis zog es aus der Seele fort. —
431

Doch welche Kraft erregt sich mir, wenn ich bedenke:
Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens
(Er verfällt wieder in Sinnen; es erscheint vor ihm als seine Gedankenform eine Gruppe, bestehend aus: dem Geist von Johannes' Jugend, Lucifer links von diesem, Theodoras Seele rechts.) |

DER GEIST VON JOHANNES' JUGEND: Es nähret deiner Wünsche Sein mein Leben,
Mein Atem schlürfet deiner Jugend Träume;
Ich bin im Sein, wenn du nicht dringen willst
In Welten, welche ich nicht finden kann.
Verlierst du mich in dir, muß ich in Schmerzen
Den grausen Schatten schlimme Dienste leisten -;
Du Pfleger meines Seins, verlaß mich nicht. -
LUCIFER: Er wird dich nicht verlassen, - ich erschaue
In seines Wesens Tiefen Lichtbegierden,
Die nicht Marias Spuren folgen können. —
Wenn diese mit dem Glanz, den sie erzeugen,
Johannes' Schöpferseele voll erleuchten:
Wird er die Früchte, die sie zeugen müssen,
In jenem Reiche nicht vergeuden können,
Wo Liebe ohne Schönheit herrschen will.
Ihm wird das Selbst dann nicht mehr wertvoll scheinen,
Das seine besten Kräfte zu den Schatten
Durch Wissensüberschätzung werfen will.
Wenn Weisheit leuchten wird in seinen Wünschen,
Wird ihm ihr Wert sich herrlich offenbaren;
Er kann gering so lange nur sie schätzen,
Als sie im Seelendunkel noch sich halten.
Bis sie das Weisheitslicht erreichen können,
432
LUCIFER: Will ich dich treulich pflegen - durch das Licht,
Das ich in Menschenseelengründen finde.

Noch fehlt Erbarmen ihm für deine Leiden,
Er läßt dich stets ins Schemenreich versinken,
Wenn er in seine Lichteshöhen strebt.
Vergessen kann er dann, daß du, sein Kind, -
Ein schmerzlich Zauberdasein führen mußt.
Doch künftig wirst du mich zur Seite haben,
Wenn du als Schatten frierst durch seine Schuld.
Ich will mit jenem Recht, das Lucifer
(Bei dem Worte «Lucifer» zuckt der Geist von Johannes' Jugend zusammen.)
Aus alter Welten Satzung sich bewahrt,
In seiner Seele Tiefen mir erbeuten,
Was er im Geistesfluge unbehütet läßt.
Ich bring dir dann den Schatz, der dir erleichtert
Des Schattenreiches finstre Einsamkeit.
Doch wirst du völlig erst entzaubert sein,
Wenn er mit dir sich wieder einen kann.
Verschieben kann er dies, — verhindern nicht.
Denn Lucifer will seine Rechte wahren.
THEODORA: Du Geisteskind, du lebst Johannes' Jugend
In finstern Schattenreichen. - Liebend neigt
Sich dir die Seele, die Johannes schützt,
Aus lichterfüllten, liebewarmen Reichen.
Erlösen will sie dich aus Zauberkreisen,
Wenn du von ihrem Fühlen nehmen willst,
Was dir ein Sein in Seligkeit erwirbt.
Ich will den Elementen dich verbünden,
Die unbewußt in Weltenweiten wirken
Und stets dem Seelenwachen sich entziehen
433
THEODORA: Du kannst mit Erdengeistern Formen bilden
Und mit den Feuerseelen Kräfte strahlen,
Wenn du dein wissend Sein dem Willen opferst,
Der ohne Menschenweisheit lichtvoll kraftet.
Du wirst das Wissen, das nur halb dein eigen,
Vor Lucifer bewahren und Johannes
Die Dienste leisten, die ihm wertvoll sind.
Ich will aus seinem Seelensein dir holen,
Was ihn nach deinem Sein bedürftig macht
Und ihm den Geistesschlaf erfrischend reicht.
LUCIFER: Sie wird dir Schönheit niemals schenken können,
Weil ich sie ihr zu nehmen mich erkühne.
THEODORA: Ich will aus edlem Fühlen Schönheit keimen -
Und an dem Opferdienste reifen lassen.
LUCIFER: Sie wird dem freien Wollen dich entreißen
Und Geistern schenken, die im Finstern walten.
THEODORA: Ich werde geisterfülltes Schauen wecken,
Das frei auch noch von Lucifer sich weiß.

(Es verschwinden Lucifer, Theodora und der Geist von Johannes' Jugend. Johannes, aus seinem Sinnen erwachend, sieht die «andre Philia» an sich herankommen.)
DIE ANDRE PHILIA: Und wachendes Träumen
Enthüllet den Seelen
Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.
434
JOHANNES: Du rätselvoller Geist, - durch deine Worte
Betrat ich diese Welt! — Von ihren Wundern
Ist nur das Eine meiner Seele wichtig:
Ob lebend wesenhaft in Geistesreichen
Der Schatten weilt, der mir mit Theodora
Und Lucifer sich offenbaren wollte?
DIE ANDRE PHILIA: Er lebt, - er ist zum Sein durch dich erweckt.
Wie alles sich im Spiegel bildhaft zeigt,
Was Licht auf seine Flächen strahlen läßt,
So muß, was du in Geistesreichen schaust,
Bevor die volle Reife dir das Recht
Zu solchem Schauen gibt, - sich lebend spiegeln
Im Reich der halberwachten Schattengeister.
JOHANNES: Es ist nur Bild, was so durch mich sich spiegelt?
DIE ANDRE PHILIA: Doch Bild, das lebt und sich im Leben hält,
Solang du noch ein abgelebtes Sein
In dir bewahrst, das du betäuben zwar,
Doch jetzt fürwahr noch nicht besiegen kannst. -
Johannes, dein Erwachen bleibt ein Wahn,
Bis du den Schatten selbst erlösen wirst,
Dem deine Schuld verzaubert Leben schafft.
JOHANNES: Wie dank ich diesem Geist, der wahren Rat
In meine Seele bringt — ich muß ihm folgen,

(Der Vorhang fällt langsam, während die «andre Philia» und Johannes in ruhiger Gebärde stehenbleiben.)



Drittes Bild:

435 Die Landschaftsszenerie wie im zweiten Bilde.
(MAGNUS BELLICOSUS, ROMANUS, TORQUATUS und HILARIUS so kommend von der rechten Seite, daß das Folgende, das sie im Stehen sprechen, sich denken läßt wie die Fortsetzung eines Gespräches, das sich schon vorher auf ihrem Spaziergang geführt haben. Es nimmt für die Teilnehmer einen so wichtigen Inhalt an, daß sie stehen bleiben. Später: CAPESIUS, STRADER, FELIX und FELICIA BALDE; BENEDICTUS, AHRIMAN; MARIA)


M. Bellicosus: Und wenn der starre Kopf unbeugsam ist,
Wie soll das Werk gedeihn, das Gottgetreu
Dem Menschendienste liebend widmen will!
ROMANUS: Was unsres Freundes treuer Werkgenosse
An Gründen für den Einwand vorgebracht:
Es hat Gewicht für Menschen nicht allein,
Die, äußrer Lebensfordrung eingedenk,
Sich ihre Meinung bilden. Ist es nicht
Im Einklang auch mit wahrer Mystenmeinung?
BELLICOSUS: Es liegt jedoch im Geisteskreise nicht,
Der unsre Ziele fest umschlossen hält.
Es folgten uns in unsrem Mystenwerke
Des Benedictus' Schüler; - ihnen will
Hilarius die Wirkensstätte schaffen,
Die ihre Geistesfrüchte reifen läßt.
Die weisen Schicksalsmächte haben sie
Im Tempel uns vereint; und unser Freund
Entspricht der Weisung nur, die uns im Tempel
Als Geistespflichtgebot sich offenbarte
436
ROMANUS: Ist's euch gewiß, daß ihr dies Geistgebot
Auch recht versteht? Denn näher liegt die Meinung,
Daß Benedictus selbst und auch die Schüler,
Die er in seiner Art zum Geist geführt,
Im Tempel-Innern noch sich halten sollen
Und nicht den rauhen Pfad schon jetzt betreten,
Zu dem Hilarius sie führen will. -
Es wandelt sich auch ihm nur allzu leicht
Die Geistesschau in Seelentraumesschlaf.
BELLICOSUS: Dies Wort von euch zu hören, hofft' ich nicht.
Es mag dem Werkgenossen Gottgetreus
Erlaubt wohl sein, der sich aus Büchern nur
Ein Wissen holen kann, gering an Wert.
Doch euch obliegt die Zeichen zu erkennen,
Die auf dem Mystenwege sich erzeugen.
Es spricht die Art, wie Benedictus' Schüler
Uns zugeführt, zu unsern Seelen deutlich.
Sie sind mit uns vereint, daß wir befolgen,
Was ihrer Seherschaft sich offenbart.
TORQUATUS: Es offenbart jedoch ein andres Zeichen,
Daß nicht der Geistesmächte Segensfülle
Dem Werke zugeflossen, das im Tempel
Sich unsren Seelen dargeboten hat.
Es hat Capesius von Benedictus
Und seinem Schülerkreise sich getrennt.
Daß er die volle Seelenwachsamkeit
In sich noch nicht erfühlt, die Benedictus
In ihm schon sucht, es wirft doch trübe Schatten
Auch auf des Lehrers eigne Sicherheit.
437
BELLICOSUS: Des Sehers Gaben liegen mir noch fern:
Doch fühl' ich oft, wie manch Geschehnis mir
Ein ahnend Wissen in der Seele löst.
Als ich Capesius am Weiheort
Zum erstenmal in unsrem Kreise sah,
Bedrängte der Gedanke mich, es stelle
Das Schicksal ihn uns nah und fern zugleich.
ROMANUS: In dieser Ahnung kann ich euch verstehn.
Doch ahnte ich in jenem Augenblicke
Mir keinen unsrer neuen Mystenfreunde
Durch Schicksalsmacht so eng vereint wie Strader.
Für mich ist solche Ahnung nur ein Zeichen,
Das meine Seele in die Richtung weist,
In der ich dann verständig suchen kann.
Und wend' ich mich zur Tat, so tilg' ich erst
Die Ahnung, die mein Denken mir durchkraftet. -
Dies weisen mir der Mystik strenge Regeln.
Ich fühle mich im Geistgebiet gewiß
Mit Benedictus' Schülern eng verbunden,
Soll ich jedoch aus innrem Mystenkreise
Den Weg zurück zum Erdenleben suchen,
So wag' ich dies allein an Straders Seite.

(Es erscheint Ahriman rechts im Hintergrund der Landschaft
und verschwindet, ohne wahrgenommen zu werden, nach links.)
TORQUATOS: Der treue Werkgenosse Gottgetreus
Erkennt in Strader nicht den sichern Geist,
Der äußres Leben wirksam fördern kann.
Und lass' ich selbst die innre Stimme sprechen,
438
TORQUATOS: So offenbart sich mir, daß ihm zur Mystik
Die rechte Seelenstimmung gänzlich fehlt.
Was äußre Zeichen ihm bezeugen können,
Was sein Verstand vom Geistessein begreift,
Erregt in ihm den starken Forschertrieb;
Dem innern Geist-Erleben steht er fern.
Was soll des Mannes Geistesschaffen andres
Als mystisch dunkles Traumgespinste sein?
ROMANUS: Er ist auf seiner Freunde Geistesweg
Bis jetzt nicht weit genug noch vorgeschritten,
Um sich mit Seelenfeinden zu verbinden,
Die sehr gefährlich sind für manchen Mysten,
Wenn sie ihm folgen in das Sinnensein.
BELLICOSUS: Wenn ihr ihn frei von diesen Feinden glaubt,
So hindert euch doch nichts, für ihn zu wirken,
So daß das große Werk gelingen kann,
Das Gottgetreu durch ihn verrichten will.
Wenn dieses Freundes Werkgenosse hört,
Wie ihr den Mann verehrt, den er gering
Zu achten sich vermißt, es wird gewiß
An seinem Urteil rütteln. Ihr allein
Vermögt es, ihn der Sache zu gewinnen.
Bekannt ist ihm, daß euch im äußren Leben
Erfolge stets aus allem sich erzeugten,
Was ihr nach klugem Vorbedacht getan.
ROMANUS: Mein lieber Gottgetreu, wenn ihr euch Strader
An eure Seite stellt und ohne Wahn
Des Benedictus' andre Geistesschüler
439
ROMANUS: Von eurem Werke ferne halten wollt',
So bleibt ihr nicht allein; - dann biet' ich euch
Nicht nur, was Bellicosus jetzt verlangt,
Als meine Hilfe an, ich will dann auch
Mit allem, was an äußrem Gut mein Eigen,
Dem schönen Plane Straders wirksam dienen.
HILARIUS: Wie könnt ihr denken, daß sich Strader jetzt
Von Benedictus' Schülern trennen werde -
Und ohne sie nur eignen Geisteszielen folgen.
Ihm stehn die andern nab\ wie er sich selbst.
ROMANUS: Daß sie ihm menschlich nahe stehn, mag gelten.
Sich ihnen geistig auch vereinigt wähnen,
Kann jener Teil in seiner Seele nur,
Der tief im Geistes-Scblafe noch sich hält.
Doch dünkt mich, daß recht bald sich zeigen muß,
Wie der zu wachem Leben reifen kann.
(Die vier gehen nach der linken Seite ab.)

(Es kommen von der rechten Seite Capesius, Strader, Felix
Bälde und Frau Bälde, wie im Gespräch stehenbleibend, weil
der folgende Inhalt für sie wichtig ist.)
CAPESIUS: Dem Geist auf innern Seelenpfaden folgen:
Dies Eine kann ich nur in dieser Zeit.
Wollt' ich mit äußrem Wirken mich belasten,
Um Geist im Sinnenreich zum Sein zu bringen, -
Vermessen müßt' ich mich, den Grund des Seins
In Welten zu erfassen, deren Wesen
In mir bis jetzt noch nicht verwirklicht ist.
Ich kann vom Weltensein soviel nur schauen,
440
CAPESIUS: Als sich von ihm in mir gebildet hat.
Wie soll ich schaffen, was den andern frommt,
Wenn ich im Schaffen nur mich selbst genieße?
STRADER: Versteh' ich euch, so meint ihr, allem Schaffen
Des eignen Wesens Prägung nur zu geben;
Und so im Werke nur das Eigensein
Dem äußren Weltenwesen mitzuteilen?
CAPESIUS: Bis ich mit meiner eignen Innenwelt
An fremdes Wesen stoße, ist es so.
Wie weit ich in das andre jetzt schon dringe,
Ich mußt' es schmerzlich mir gestehn, als ich
Für kurze Zeit in Klarheit wachend war.
FELIX BÄLDE: Ihr sprecht, was ich von euch noch nie gehört. -
Doch niemals könnt' ich euch — so gut verstehn
Wie jetzt, da nichts als ihr nur selber sprecht.
In eurer Rede tönt der Mystik Stimmung,
Die ich durch viele Jahre streng gesucht,
Und die allein das Licht vernehmen kann,
In dem der Menschengeist im Weltengeiste
Durch helles Schauen wissend sich erlebt.
CAPESIUS: Weil ich geahnt, wie nah ich euch gekommen,
Bin ich zu euch entflohn aus einem Treiben,
Das meine Innenwelt ertöten wollte.
STRADER: Begreiflich fand ich oft, - was ihr jetzt sprecht -;
441
STRADER: Ich hielt es dann für Weisheit, — doch kein Wort
In euren Reden ist mir jetzt verständlich.
Capesius und Vater Felix, beide …
Verbergen dunklen Sinn in klaren Worten …

Erleb' ich nicht, wie eure Worte nur
Das Kleid von Kräften sind, - - von Seelenkräften,
Die mich von euch verbannen in die Welten,
Die eurer Geistesart recht ferne liegen?
Die ich nicht suchen will, - weil ich die eure
In meiner tiefsten Seele lieben muß.
Ertragen kann ich leicht den Widerstand,
Der meinem Werke jetzt von außen droht.
Ja selbst, wenn all mein Wollen jetzt zerschellte
An diesem Widerstand -: ich könnt' mich halten.
Doch eure Welten kann ich nicht entbehren.
FELIX BÄLDE: Es kann der Mensch die Geisteswelt nicht finden,
Wenn er sie suchend sich erschließen will.
Ich ward durch euch beglückt, als ihr vor mir
Dereinst von eurem Mechanismus spracht; -
Als euch Erleuchtung schenkte, was ihr nicht
Verständig suchend euch erringen wolltet.
Da wart ihr nah der wahren Mystenstimmung.

Erstreben nichts,, — nur friedsam ruhig sein,
Der Seele Innenwesen ganz Erwartung —:
Das ist die Mystenstimmung. - Wer sie weckt,
Der führt sein Innres hin zum Lichtesreich.
Das äußre Werk verträgt nicht solche Stimmung.
Wenn ihr durch Mystik dieses suchen wollt,
Ertötet ihr mit Mystenwahn das Leben.
442
STRADER: Ich hab' euch nötig; — doch ich find euch nicht -.
Das Sein, das uns vereint, — ihr schätzt es nicht.
Wie finden Menschen sich zum Weltenwerk,
Wenn Mysten nie das Eigensein verlassen?
FELIX BÄLDE: Die Welt, in die ihr tätig euch begebt,
In die könnt ihr des Schauens zartes Sein
Nicht tragen, ohne daß es euch zerschmilzt,
Wenn sie an ihrer Grenze euch empfängt.
In Frömmigkeit, verehrend geistig Walten,
Die Geistesschau im Herzen ruhen lassend: —
So nahen Mysten sich der Welt der Tat.
CAPESIUS: Und wenn sie anders sie betreten wollen,
So zeigt sie ihnen wohl des Irrtums Wirken,
Doch nicht der Weisheit lichte Wesenheit.
In eines Menschen Seele könnt' ich schauen. -
Ich wußte, daß mein Schauen mich nicht trog.
Doch sah ich jener Seele Irrtum nur.
Es ward mir dies, weil ich die Geistesschau
Durch Wunsch nach äußrer Tat verdorben hatte.
STRADER: So spricht Capesius, der mir
Auf Seelenwegen weit vorangeschritten; —
Und mir ersteht die Geistesschau doch nur,
Wenn sich die Seele Tatgedanken widmen
Und lebend sich im Hoffen finden darf,
Daß sie dem Geiste Stätten bauen kann,
In welchen er das Licht entzünden will,
Das wärmend durch die Geisteswelten strahlt
Und durch der Menschen Sinnenwirksamkeit
443
STRADER: Im Erdensein die neue Heimat sucht. -

Bin ich des Irrtums Sohn — nicht euer Sohn
Ihr weisheitvollen weiten Geisteswelten —!

(Es wendet sich Strader wie nur für einen Augenblick von
seinen Unterrednern ab; er hat nun die folgende Geistesschau -
Benedictus, Maria, Ahriman erscheinen - als seine
Gedankenformen zwar, doch im wirklichen Geistverkehr;
zuerst Benedictus mit Ahriman, dann Maria.)
BENEDICTUS: In weisheitvollen weiten Geisteswelten
Erahnst du Hilfe jener Fragepein,
Die deines Seelenlebens Urgeheimnis
Auf deinem Erdendenken lasten läßt.
Die Antwort sollst du hören, wie sie dir
Die Geistesweiten aus den Seelentiefen
Durch meine Stimme offenbaren wollen.
Doch lern' verstehen, was du wissend wähnst,
Was du zu sprechen dich recht oft erkühnst
Und doch im eignen Seelensein nur träumst.
Gib deinem Traume Leben, das ich dir
(Ahriman erscheint.)
Zu reichen aus dem Geist verbunden bin;
Zum Traumessein doch wandle, was du dir
Durch Denken aus den Sinnen ziehen kannst.
Capesius und Vater Felix bannen
Dich aus dem Geisteslicht, das sie erschauen;
Sie legen zwischen sich und dich den Abgrund.
Beklage nicht, daß Sie ihn dir bereitet,
Doch blick in deinen Abgrund.
AHRIMAN: Tu es nur!
444
AHRIMAN: Du wirst erschauen, was dir würdig scheint
Des Menschengeists im weiten Weltenlauf.
Es war' wohl gut für dich, wenn andre Geister
Es dir im dumpfen Seelenschlafe wiesen;
Doch weist es Benedictus dir im Wachen,
So tötest du die Antwort dir im Schauen:
Ja, tu es nur.
STRADER: Ich will es tun. Doch wie? -
Gestalten wirr? Sie wandeln sich, - sie zerren, -
Die eine an der andern zerrt, - ein Kampf, —
Es stürzen wild die Schemen aufeinander -,
Zerstörung waltet, Finsternis erzeugend; -
Aus Finsternis jetzt andre Schattenwesen.
Um sie die Ätherhelle, - rötlich webend;
Ganz deutlich löst sich eine der Gestalten;
Sie kommt zu mir, - der Abgrund schickt sie mir.

(Maria tritt aus dem Abgrund hervor.)
MARIA: Du schaust Dämonen; - bilde deine Kraft,
So sind sie's nicht, - vor dir erscheinen sie,
Was sie nicht sind. Wenn du sie halten kannst,
Bis sie vor deinem Seelensein zum Leuchten
Ihr Schemenwesen bringen, sind sie dir,
Was sie im Welten werden gelten können.
Doch dir erlischt das Schauen, ehe sie
Die Kraft zu scheinen erst entfaltet haben.
Bestrahle sie mit deinem eignen Licht.
Wo ist dein Licht? - Du strahlest Finsternis. -
Erkenne deine Finsternis - um dich -,
Du schaffst ins Licht die wirre Finsternis.
Du fühlest sie, wenn du sie schaffst durch dich
445
MARIA: Doch fühlest du dein Schaffen niemals dann.
Vergessen willst du deine Schaffensgier.
Unwissend waltet sie in deinem Wesen,
Weil du zu feige bist, dein Licht zu strahlen.
Genießen willst du dieses Eigenlicht.
Du willst dich selber nur in ihm genießen.
Du suchest dich - und suchest im Vergessen.
Du läßt dich träumend selbst in dir versinken.
AHRIMAN: Ja, höre sie, - sie kann dir Rätsel lösen,
Doch wirst du ihre Lösung - nicht dir lösen.
Die Weisheit gibt sie dir, - daß du mit ihr
Zur Torheit deine Schritte lenken kannst.
Sie war' wohl gut für dich - zu andren Zeiten,
Wenn dir der helle Geistestag erschienen;
Doch spricht Maria so in deinem Träumen,
So tötet sie die Lösung dir im Raten.
Ja, höre sie.
STRADER: Was wollen diese Worte,
Maria, sind sie aus dem Licht geboren?
Aus meinem Licht? - Ist's meine Finsternis,
Aus der sie tönen? Benedictus, sprich,
Wer stieg mir aus dem Abgrund ratend auf?
BENEDICTUS: An deinem Abgrund hat sie dich gesucht.
So suchen Geister Menschen, sie zu schützen
Vor Wesen, die den Seelen Schemen bilden
Und ihnen so des Weltengeistes Walten
Mit Finsternis verwirren, daß sie nur
Im Netz des eignen Seins sich wirklich wissen.
In deinen Abgrund blicke weiter noch.
446
STRADER: Was lebt mir jetzt in meines Abgrunds Tiefen?
BENEDICTUS: Die Schatten schaue, rechts die bläulichroten,
Sie locken Felix, - und die andern sieh' -
Zur linken, - rot in gelb sich hellend milde,
Sie drängen zu Capesius sich hin.
Die beiden fühlen dieser Schatten Macht —;
Sie schaffen sich in Einsamkeit das Licht,
Das Schatten lähmt, die Menschenseelen trügen.
AHRIMAN: Er täte besser, wenn er deine Schatten
Dir zeigen wollte, - doch vermag er's kaum; -
An gutem Willen fehlt's ihm wahrlich nicht.
Nur merkt er nicht, wo er sie suchen soll.
Sie stehen hinter dir, bedenklich nah, -
Doch deckst du sie zunächst ihm selber zu.
STRADER: So hör' ich jetzt am Abgrund hier das Wort,
Das ich für eines Toren Spruch gehalten,
Als Gottgetreus Berater mir es sagte!
MARIA: Es härtet Vater Felix sich die Waffen,
Die ihm Gefahren tilgen; - andre braucht,
Wer deiner Seele Wege wandeln muß.
Und was Capesius als Schwert sich formt,
Den Kampf mit Seelenfeinden mutig führend,
Für Strader wandelt' sich's zum Schattenschwert,
Wollt' er mit ihm den Geisteskrieg beginnen,
Den Schicksalsmacht den Seelen vorbestimmt,
447
MARIA: Die tatenreifes Geisteswesen kraftvoll
In Erdenwirken umzuschaffen haben.
Du kannst für dich nicht ihre Waffen nutzen;
Doch kennen mußt du sie, daß du die deinen
Dir sinnvoll aus dem Seelenstoffe schmiedest.
(Die Gestalten des Benedictus, Ahriman und der Maria verschwinden;
das heißt äußerlich gesehen, Strader kommt von seiner Geistesschau zurück;
er sieht sich nach Capesius, Felix Bälde und Frau Bälde um;
diese treten wieder zu ihm; er hat sich auf einem Felsensitz niedergelassen.)
FELIX BÄLDE: Mein lieber Strader, trieb euch nicht der Geist
Soeben weit von uns? - Es schien mir so.
(Er macht eine Pause, erwartend, daß Strader etwas sagen sollte,
doch da dieser schweigt, fährt er fort.)
Nicht lieblos wollt' ich euch aus unsrem Kreise
Auf andre Lebensbahnen jetzt verweisen.
Verhindern will ich nur, daß ihr dem Wahn
Noch weiter euch ergebt, der euch verwirrt.
Was Geist im Geiste schaut, soll auch nur geistig
Empfangen und erlebt von Seelen werden.
Wie töricht war' es, wenn Felicia
Die Märchenwesen, die Sie seelisch lebt
Und die auch seelisch nur erlebt sein wollen,
Auf Puppenbühnen möchte tanzen lassen.
Es wäre aller Zauber dann hinweg.
FRAU BÄLDE: Ich habe wahrlich lang genug geschwiegen.
Doch rede ich, wenn ihr mit Mystenstimmung
Noch gar die Märchengeister wollt' beglücken.
Die dankten schön, wenn ihnen ihre Kraft
Erst ausgesogen und sie dann mit Mystik
448
FRAU BÄLDE: Aufs neue aufgepäppelt werden sollten.
Der Mystik alle Ehre; doch sie bleibe
Von meinen Märchenreichen mir nur fern.
CAPESIUS: Felicia: sind's eure Märchen nicht,
Die mir den Geistesweg zuerst gewiesen?
Was ihr an Luft- und Wassergeistern mir
So oft vor meine durst'ge Seele riefet,
Es waren mir die Boten jener Welt,
In die ich mystisch jetzt den Eingang suche.
FRAU BÄLDE: Doch seit ihr mit der neuen Mystenart
In unser Haus gekommen, fragt ihr wenig,
Was meine schönen Zauberwesen wollen.
Ihr laßt mir öfter noch die einen gelten,
Die würdevoll und ernst das Antlitz zeigen;
Die aber voller Freude lustig tanzen,
Die findet ihr recht mystisch unbehaglich.
CAPESIUS: Ich zweifle nicht, Felicia, daß mir
Der tiefe Sinn auch jener Wunderwesen
Sich später noch erschließen wird, die Ernst
In heitrer Maske offenbaren wollen.
Doch jetzt ist meine Kraft so weit noch nicht.
FELIX BÄLDE: Felicia, du weißt, wie ich sie liebe,
Die Märchenwesen, die sich dir enthüllen;
Doch sie mechanisch puppenhaft verkörpert
Mir vorzustellen, - ist mir widerlich.
449
FRAU BÄLDE: Ich hab' sie dir noch nicht so vorgeführt;
Dazu stehst du - zu hoch; doch freut' ich mich,
Als ich von Straders Plan vernahm und hörte,
Daß auch Thomasius den Geist, versinnlicht,
Im Stoffe darzustellen sich bestrebt.
Ich sah im Geiste meine Märchenprinzen
Und meine Feuerseelen lustig tanzen
In tausend Puppenspielen, kunstvoll schön;
So ließ ich sie schon, hochbeglückt im Denken,
Den Weg in Kinderstuben eifrig suchen.

(Vorhang.)



Viertes Bild:

450 Die Landschaft des zweiten und dritten Bildes.
(Der BÜROSCHEF mit ROMANUS sprechen, im Spaziergange stehenbleibend. Später: JOHANNES, sein DOPPELGÄNGER; der GEIST VON JOHANNES JUGEND; der HÜTER, AHRIMAN; BENEDICTUS, MARIA; STRADER, die SEELE DER THEODORA.)


Bürochef: Ihr kennt die Mystenfreunde Gottgetreus,
Und ich erkenn' in euch den klugen Mann,
Der stets die Kraft zu sichrem Urteil hütet,
Ob Lebenswerk, ob Mystenkunst es fordert.
Drum schätze ich die Meinung, die ihr hegt.
Doch wie soll ich verstehn, was ihr gesagt? —
Daß Straders Freunde noch im Geistgebiet
Sich halten und die Seherkräfte nicht
Schon jetzt zum Sinnenschaffen wenden sollen,
Erscheint euch richtig. Sollte sich für Strader
Der gleiche Weg nicht gleich gefährlich zeigen?
Mir scheint durch seine Geistesart bewiesen,
Daß ihn Naturdämonen stets verblenden,
Wenn er mit starkem Wunsch - zu seinen Taten
Den Weg im äußren Lebenswerke sucht.
Der kluge Myste weiß, daß er im Innern
Sich erst die Kräfte tüchtig machen muß,
Um diesen Feinden Widerstand zu bieten;
Doch Strader scheint der Blick für solche Feinde
Auf seinem Geistesweg noch nicht gereift.
ROMANUS: Doch haben ihn die guten Geisteswesen
Noch nicht verlassen, welche Menschen führen,
Die noch ganz außerhalb des Geistes stehen.
451
ROMANUS: Von Mysten streben diese Geister fort,
Wenn diese ihren Bund mit Wesen schließen,
Die ihrer Geistesstimmung dienstbar sind.
Ich kann in Straders Art ganz deutlich fühlen,
Wie seinem Selbst Naturdämonen noch
Die Früchte ihrer guten Kräfte schenken.
BÜROCHEF: Und nichts als nur Gefühle drängen euch,
In Strader gute Geister zu vermuten?
Ihr bietet wenig und verlangt recht viel.
Ich soll in Zukunft diese Geister fragen,
Wenn ich an diesem Orte wirken will,
An dem ich lange Zeit dem Arbeitssinn
Und jenem wahren Geiste dienen durfte,
Mit dem der Vater Gottgetreus verbunden; -
Und den ich noch aus seinem Grabe höre, —
Wenn auch der Sohn für ihn das Ohr nicht hat!
Was sagt wohl dieser Geist des wackren Mannes,
Wenn er die wirren Geister jetzt erschaut,
Die ihm der Sohn ins Haus zu schaffen strebt?
Ich kenn' ihn, diesen Geist, der neunzig Jahre
Im Leibe sich gehalten. Er hat mir
Der Arbeit echt' Geheimnis beigebracht
In Zeiten noch, da er im Werke stand,
Wenn sich der Sohn in Mystentempel schlich.
ROMANUS: Mein Freund, ist euch an mir denn unbekannt,
Wie hoch ich diesen Geist zu schätzen weiß?
Ihm diente sicher jener alte Mann,
Den ihr zum Vorbild euch mit Recht erwählt.
Und ihm zu dienen, war auch ich bestrebt
452
ROMANUS: Von meiner Kindheit bis zu diesem Tag.
Doch schlich auch ich in Mystentempel mich.
Ich pflanzte, was sie mir gewähren wollten,
In meine Seelentiefen treulich ein.
Doch legte mein Verstand die Tempelstimmung
Am Tore ab, wenn er ins Leben trat.
Ich wußte, daß ich dieser Stimmung Kraft
Am besten so ins Erdenleben trug.
Ich brachte doch die Seele aus dem Tempel
In dieses Wirken mit. - Für sie ist gut,
Wenn sie der Erdverstand nicht stören will.
BÜROCHEF: Und findet ihr, daß Straders Geistesart
Auch nur von fern der euren ähnlich sieht?
An eurer Seite wüßt' ich mich stets frei
Von Geisteswesen, die mir Strader bringt.
Ich fühl' es wohl, wenn er auch irrend spricht,
Wie Elementengeister lebend regsam
Bei ihm durch Wort und Wesen sich ergießen
Und sinnlich Unfaßbares offenbaren.
Doch stößt mich eben dies von ihm zurück.
ROMANUS: Dies Wort, mein Freund, es trifft mich tief im Herzen.
Ich mußte, seit ich Strader näher trat,
Gedanken, welche ich von ihm erfahre,
Begabt mit ganz besondrer Kraft empfinden.
Wie meine eignen drangen sie in mich.
Und eines Tages sagt' ich mir: wenn du
Nicht dir, wenn deine Seele ihm verdankte
Die Kraft, die dich zum Manne reifen ließ!
Und dies Gefühl ward bald gefolgt vom zweiten:
Wenn ich für alles, was mich brauchbar macht
453
ROMANUS: In Lebenswerken und im Menschheitsdienst:
Vom frühern Erdensein verschuldet wäre?
BÜROCHEF: Das ist's, was ich bei ihm erfühlen muß. -
Wenn man ihm näher tritt, so zieht der Geist,
Der durch ihn wirkt, die Seele mächtig hin.
Könnt' eure starke Seele ihm verfallen,
Wie soll ich denn die meine mir beschützen,
Wenn ich mit ihm zur Arbeit mich vereine?
ROMANUS: An euch nur wird es liegen, ob ihr findet,
Wie ihr zu ihm euch richtig halten sollt.
Ich glaube, mir wird Straders Macht nicht schaden,
Seit ich Gedanken mir gebildet habe,
Wie er die Macht errungen haben mag.
BÜROCHEF: Errungen, - er selbst, — Macht, - und über euch -
Der Träumer - über euch, den Lebenskünstler!
ROMANUS: Wenn man es wagen dürfte, vorzustellen,
In Strader lebte jetzt ein Geist sich aus,
Der sich in einem frühern Erdenleben
Zu seltner Seelenhöhe bringen konnte;
Der vieles wußte, was die andern Menschen
In seiner Zeit noch nicht erahnen konnten; —
Dann war' es möglich, daß von seinem Geiste
Gedanken ihren Ursprung einst genommen
Und dann den Weg ins allgemeine Leben
Der Erdenmenschen haben finden können,
Durch welche jetzt die Menschen meiner Art
454
ROMANUS: Die Tüchtigkeit sich anerzogen haben. -
Was ich in meiner Jugend an Gedanken
Aus meinem Umkreis mir zu eigen machte,
Es könnte doch von diesem Geiste stammen.
BÜROCHEF: Und scheint es euch denn auch erlaubt, Gedanken,
Die wohl als Lebenslehre wertvoll sind,
Auf Strader im besondren hinzulenken?
ROMANUS: Ich war' ein Träumer, tat' ich, was ihr meint.
Ich spinne nicht den Traum der Lebenslehre
Mit festverschloßnen Augen. In Gedanken,
Die sich enthüllen, nur so hinzudämmern,
Ist meine Lebensart doch nie gewesen. -
Ich seh' mit offnen Augen Strader an;
Wie dieser Mann sich wesenhaft bezeugt
Mit allem, was an ihm, und wie er ist;
Was fruchtlos selbst in ihm; - und mir ist klar,
Daß ich mein Urteil über seine Gaben
Zu bilden hatte, wie ich's eben gab.
Wie wenn vor vielen hundert Jahren schon
Vor meinen Augen dieser Mann gestanden,
So fühle ich ihn jetzt vor mir im Geiste.
Und daß ich wachend bin, - ich weiß es wohl. -
Ich werde Gottgetreu zur Seite stehn;
Es wird geschehen, was geschehen muß.
Bedenkt doch weiter seine Lebenspläne.
BÜROCHEF: Für mich ist jetzt von größrem Wert fürwahr,
Bedenken, was ihr selbst mir anvertraut.

(Bürochef und Romanus gehen in der Landschaft weiter.
Es kommt Johannes aus einer andern Richtung,
in Gedanken versunken, setzt sich auf einen Felsen. Johannes zunächst allein,
dann der Doppelgänger, der Geist von Johannes' Jugend, zuletzt der Hüter der Schwelle.)
455
JOHANNES (allein): Erstaunt war ich, als mir Capesius
Verriet, wie meiner Seele Innensein
In seiner Geistesschau sich offenbarte.
So konnte sich verfinstern, was mir lichtvoll
Vor vielen Jahren sich doch schon gezeigt. —
Daß alles, was in Menschenseelen lebt,
In Geistes-Außenreichen weiterwirkt:
Ich weiß es lange schon, - ich könnt's vergessen. -
Als Benedictus mir die Wege wies
Zur ersten Seherschaft, - da schaute ich
Capesius und Strader durch den Geist
In andrem Lebensalter bildhaft deutlich.
Ich sah, wie ihres Denkens Kraftgebilde
Im Weltensein die Wellenkreise wirkten.
Dies alles weiß ich gut, - und wüßt' es nicht,
Als ich es schaute durch Capesius.
Es schlief das Sein in mir, das wissend ist.
Wie ich im langvergangnen Erdenleben
Capesius eng verbunden war:
Auch dieses wußte ich vor langer Zeit —,
In jenem Augenblicke wüßt' ich's nicht.
Wie kann ich nur mein Wissen mir behüten?
(Eine Stimme aus der Ferne, diejenige von Johannes' Doppelgänger.)
Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.
JOHANNES: Und wachendes Träumen
456
JOHANNES: Enthüllet den Seelen
Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.

(Während Johannes diese Sätze spricht, kommt sein Doppelgänger an ihn heran.
Johannes erkennt ihn nicht, sondern glaubt, die «andre Philia» komme zu ihm.)
JOHANNES: Du bist es wieder, rätselvoller Geist,
Du brachtest wahren Rat in meine Seele.
DER DOPPELGÄNGER: Johannes, dein Erwachen bleibt ein Wahn,
Bis du den Schatten selbst erlösen wirst,
Dem deine Schuld verzaubert Leben schafft.
JOHANNES: Zum zweiten Male sprichst du dieses Wort.
Ich will ihm folgen. - Weise mir den Weg.
DER DOPPELGÄNGER: Johannes, laß im Schattenreiche leben,
Was dir in deinem Selbst verloren ist.
Doch gib ihm Licht von deinem Geisteslicht,
So wird es Schmerzen nicht erleiden müssen.
JOHANNES: Ich hab' das Schattenwesen wohl betäubt,
Doch nicht besiegt; so wird es unter Schatten
Verzaubert Schattenwesen bleiben müssen,
Bis ich mit ihm mich wieder einen kann.
DER DOPPELGÄNGER: So gib jetzt mir, was du dem Wesen schuldest;
457
DER DOPPELGÄNGER: Die Kraft der Liebe, die zu ihm dich treibt,
Des Herzens Hoffnung, die von ihm erzeugt,
Das frische Leben, das in ihm verborgen,
Die Früchte langvergangner Erdenleben,
Die dir mit seinem Sein verloren sind;
O gib sie mir; ich bring' sie treulich ihm.
JOHANNES: Du kennst den Weg zu ihm? - o zeig ihn mir.
DER DOPPELGÄNGER: Ich könnt' im Schattenreiche zu ihm dringen,
Wenn du in Geistessphären dich erhobest;
Doch seit die Wunschesmächte dich verlockt,
Und du den Sinn zu diesem Wesen wandtest,
Erlischt mir stets die Kraft, wenn ich es suche.
Doch, wenn du meinem Rate folgen willst,
So wird die Kraft sich wieder schaffen dürfen.
JOHANNES: Gelobet hab' ich's dir, zu folgen dir. -
Ich will es dir, o Rätselgeist, aufs neue
Mit meiner vollen Seelenkraft geloben.
Doch, wenn du so den Weg zu ihm kannst finden,
So zeig„ ihn mir in dieser Schicksalsstunde.
DER DOPPELGÄNGER: Ich find' ihn jetzt, doch kann ich dich nicht führen,
Ich kann nur deinem Seelenauge zeigen
Das Wesen, welches deine Sehnsucht sucht.
(Es erscheint der Geist von Johannes' Jugend.)
DER GEIST VON JOHANNES' JUGEND: Ich will dem Geiste stets verbunden sein,
458
DER GEIST VON JOHANNES' JUGEND: Der dir das Seelenauge öffnen durfte,
Daß du mich schauend wirst in Zukunft finden,
Wenn ich mich dir nach Geistgeboten zeige.
Doch mußt du diesen Geist in Wahrheit kennen,
An dessen Seite du mich jetzt erschaust.

(Der Geist von Johannes Jugend verschwindet;
für Johannes wird erst jetzt der Doppelgänger erkennbar.)
JOHANNES: Nicht jener Rätselgeist; - mein andres Selbst?
DER DOPPELGÄNGER: Jetzt folge mir; - du hast es mir gelobt -;
Zu meinem Herrscher muß ich dich jetzt führen.

(Der Hüter der Schwelle erscheint und stellt sich neben den Doppelgänger.)
DER HÜTER: Johannes, wenn du diesen Geistesschatten
Entreißen willst den Seelenzauberwelten,
So töte Wünsche, welche dich verführen.
Die Spur, auf der du suchst, entschwindet dir,
So lang du ihr mit Wünschen folgen willst.
Sie führt an meiner Schwelle dich vorbei.
Doch hier verwirre ich die Seelenschau,
Gehorchend hoher Wesen Willensmacht,
Wenn Wünsche leben in den Geistesblicken,
Die mich hier treffen müssen, ehe sie
Ins reine Licht der Wahrheit dringen dürfen.
(Ahriman tritt auf)
Ich halt' in deinem Blick dich selber fest,
So lange du dich mir mit Wünschen nahst.
Auch mich erblickst du nur als Wahngebilde,
Wenn Wunscheswahn dem Schauen sich verbündet
459
DER HÜTER: Und Geistesfriedsamkeit als Seelenleib
Sich deines Wesens nicht bemächtigt hat.
Erstarke Kraftesworte, die du kennst,
Daß ihre Geistesmacht den Wahn besiegt.
Erkenne dann mich ohne deinen Wunsch;
So siehst du meines Wesens Wahrgestalt.
Und frei ins Geistgebiet den Blick zu wenden,
Ich werde dir es nicht mehr wehren müssen.
JOHANNES: Auch du enthüllst dich meinem Wahne nur ..
Auch du …, den ich vor andern Wesenheiten
Im Geistesland doch wahrhaft schauen muß.
Wie soll ich Wahrheit wissen, find ich doch
Im Weiterschreiten Eine Wahrheit nur:
Daß ich den Wahn stets dichter mir gestalte.
AHRIMAN: So laß von ihm dich nicht noch ganz verwirren.
Er hütet treulich ja die Schwelle doch,
Wenn er sich auch der Kleider jetzt bedient,
Die du erst selbst aus alten Schauerstücken
In deinem Geist zusammen dir geflickt.
Als Künstler solltest du ihn allerdings
Im schlechten Dramenstile nicht gestalten.
Das wirst du aber später besser machen.
Doch dient der Seele selbst das Zerrbild noch.
Es braucht auch nicht zu viel an Kräftedruck,
Um dir zu weisen, was es jetzt noch ist.
Du solltest merken, wie der Hüter spricht:
Elegisch ist sein Ton, zuviel an Pathos. -
Erlaub ihm dieses nicht, dann zeigt er dir,
Von wem er heute noch zuviel entlehnt.
460
JOHANNES: Auch seiner Worte Inhalt könnte trügen?
DER DOPPELGÄNGER: Dies frag' nicht Ahriman, der sich nur stets
An allen Widersprüchen freuen muß.
JOHANNES: Wen soll ich fragen?
DER DOPPELGÄNGER: Frag dich selber nur.
Ich will mit meiner Kraft dich tüchtig rüsten,
Daß du in dir die Stelle wachend findest,
Die schauen darf, wonach kein Wunsch dich brennt.
Erkrafte dich.
JOHANNES: Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.
Verzaubert Weben meines eignen Wesens,
Verkünde mir, wonach kein Wunsch mich brennt.

(Der Hüter verschwindet; an seiner Stelle
erscheinen Benedictus und Maria. Ahriman verschwindet.)
MARIA: Auch mich erblickst du nur als Wahngebilde,
Weil Wunscheswahn dem Schauen sich verbündet.
BENEDICTUS: Und Geistesfriedsamkeit als Seelenleib
Sich deines Wesens nicht bemächtigt hat.

(Doppelgänger, Benedictus und Maria verschwinden.)
461
JOHANNES (allein): Benedictus, Maria, sie - der Hüter!
Wie können sie als Hüter mir erscheinen?
Ich bin zwar viele Jahre lang bei euch, —
Doch euch zu suchen, streng gebietet's mir
Verzaubert Weben meines eignen Wesens. -
(Er geht nach der Unken Seite der Landschaft ab.)

(Es kommen Strader, Benedictus und Maria
von der rechten Seite der Landschaft.)
STRADER: Ihr gabt, in Geistgemeinsamkeit mit euch,
An meines eignen Wesens tiefem Abgrund
Die weisen Winke meiner Seelenschau,
Die unverständlich mir zu dieser Zeit,
Doch weiter wirkend mir im Seelensein
Die Lebensrätsel sicher lösen werden,
Die mich in meinem Streben hindern wollen.
Ich fühl' in mir die Kraft, die euer Wirken
Dem Schüler auf dem Geistespfade gibt.
So werd' ich euch die Dienste, die ihr braucht,
Zu leisten wohl vermögen an dem Werk,
Das Gottgetreu der Menschheit widmen will.
Capesius zwar werden wir entbehren. -
Es wird der andern Rüstigkeit wohl nie
Sein Teil an Wirksamkeit ersetzen können;
Doch wird geschehen, was geschehen soll.
BENEDICTUS: Es wird geschehen, was geschehen soll.
Dies Wort entspricht der Stufe eurer Reife.
Doch findet sich von ihm kein Widerklang
Im Seelensein der andern Geistesfreunde.
462
BENEDICTUS: Es ist Thomasius noch nicht gerüstet,
Die Geisteskraft ins Sinnensein zu tragen.
So will auch er dem Werke sich entziehn.
Es zeigt an ihm sich uns ein Schicksalszeichen;
Wir alle müssen andres jetzt noch suchen.
STRADER: Und ist Maria, seid denn ihr nicht da?
BENEDICTUS: Maria muß Johannes mit sich nehmen,
Wenn sie vom Geistessein ins Sinnenreich
Zurück den Weg in Wahrheit finden soll.
So will es jener ernste Hüter jetzt,
Der beider Reiche Grenze streng bewacht.
Sie kann euch jetzt noch nicht zur Seite stehn.
Für euch soll dies als sichres Zeichen gelten,
Daß ihr noch nicht den Weg ins Stoffgebiet
In dieser Zeit schon wirklich finden könnt.
STRADER: So bleib' ich denn allein mit meinen Zielen!
O Einsamkeit, warst du es, die mich suchte,
Als ich an Felix Baldes Seite stand?
BENEDICTUS: Was jetzt in unsrem Kreise sich gezeigt,
Es lehrte mich an eures Schicksals Lauf
Zu lesen jetzt ein Wort im Geisteslicht,
Das sich vorher mir stets entzogen hat.
Verbunden sah ich euch mit Wesensarten,
Die Böses wirken müßten, griffen sie
Schon jetzt ins Menschenwalten schaffend ein;
Doch leben sie ein keimhaft Sein in Seelen
463
BENEDICTUS: Um künftig für die Erde reif zu sein.
In eurer Seele sah ich solche Keime.
Daß ihr sie nicht erkennt, ist euch zum Heil.
Sie werden sich durch euch erst selbst erkennen.
Doch jetzt ist ihnen noch der Weg verschlossen,
Der sie ins Stoffgebiet hinüberführt.
STRADER: Was eure Worte sonst auch sagen mögen:
Mir zeigen sie, daß Einsamkeit mich sucht.
Das Schwert wird sie mir wahrlich schmieden müssen. -
Maria sagt' es mir an meinem Abgrund,

(Benedictus und Maria ziehen sich etwas zurück;
Strader bleibt allein, es erscheint die Seele der Theodora.)
THEODORAS SEELE: Und Theodora wird in Lichteswelten
Dir Wärme schaffen, daß dein Geistesschwert
Die Seelenfeinde kräftig treffen kann.
(Sie verschwindet. Strader geht hinweg.
Benedictus und Maria kommen allein in den Vordergrund.)
MARIA: Mein weiser Lehrer, nie noch hört' ich euch
Zu Schülern, die auf Straders Stufe stehn,
In solcher Art die Schicksalsworte sprechen.
Wird seiner Seele Lauf so schnell geschehn,
Daß dieser Worte Kraft ihm heilsam ist?
BENEDICTUS: Das Schicksal wies es mir; so ist's geschehn.
MARIA: Und wenn die Kraft nicht heilsam sich erweist,
Wird nicht auch euch die böse Wirkung treffen?
464
BENEDICTUS: Sie wird nicht böse sein; doch weiß ich nicht,
Wie sie in ihm sich offenbaren wird.
Es dringt mein Schauen jetzt zu Reichen wohl,
Wo solcher Rat in meine Seele leuchtet;
Doch seiner Wirkung Bild erblick' ich nicht.
Versuch' ich dies, erstirbt der Blick im Schauen.
MARIA: Erstirbt der Blick im Schauen? - Euch, mein Führer?
Wer tötet euch den sichern Seher blick?
BENEDICTUS: Johannes flieht mit ihm in Weltenfernen;
Wir müssen folgen; - rufen hör' ich ihn.
MARIA: Er ruft, aus Geistesweiten tönt sein Ruf;
Es strahlt in diesem Tönen ferne Furcht.
BENEDICTUS: So tönt aus ewig leeren Eisgefilden
Des Mystenfreundes Ruf in Weltenfernen.
MARIA: Des Eises Kälte brennt in meinem Selbst.
E s zündet Flammen mir in Seelentiefen;
Die Flammen zehren mir das Denken auf.
BENEDICTUS: In deinen Seelentiefen flammt das Feuer,
Das sich im Weltenfrost Johannes zündet.
464
MARIA: Die Flammen fliehn, — sie fliehn mit meinem Denken;
______________________________
Und dort am fernen Welten-Seelen-Ufer
Ein wilder Kampf, - es kämpft mein eignes Denken -
Am Strom des Nichts - mit kaltem Geisteslicht. -
Es wankt mein Denken; - kaltes Licht, - es schlägt
Aus meinem Denken heiße Finsternis. —
Was taucht jetzt aus der finstren Hitze auf? —
In roten Flammen stürmt mein Selbst - ins Licht; -
Ins kalte Licht — der Welten-Eis-Gefilde. —

(Vorhang.)



Fünftes Bild:

466 Das Geistgebiet. In sinnvollen Farbenfluten erscheinendes Bild; nach oben rötlich in feurig rot verlaufend, nach unten blau in dunkelblau und violett übergehend. Unten eine symbolisch wirkende Erdensphäre. Die auftretenden Gestalten wie mit dem Farbenbild ein Ganzes bildend. (Rechts die GNOMENGRUPPE des zweiten Bildes, vor ihr HILARIUS, ganz vorne die SEELENKRÄFTE. Hinter Hilarius etwas erhöht AHRIMAN. Links erhöht LUCIFER, im Vordergrund FELIX BALDES SEELE; STRADER’S und CAPESIUS’ SEELE, BENEDICTUS, MARIA, FELICIA BALDE, der HÜTER der Schwelle.)


FELIX BALDES SEELE (ganz links stehend, die Gestalt eines Büßers,
Gewand jedoch hellviolett mit Goldgürtel):
Hab' Dank, du Geist, der Welten weise lenkt,
Erlöser mir aus finstern Einsamkeiten;
Zur Arbeit und zum Leben weckt dein Wort.
Ich will mir nutzen, was du Welten schenkst,
Von denen ich dann sinnen darf, wenn du
Die meine in die Dumpfheit sinken läßt.
Zu ihnen trägst du dann auf deinen Strahlen,
Was mir im Bilden Kräfte schaffen kann.
LUCIFER (bläulich-grün strahlendes Untergewand;
hellstrahlendes rötliches mantelförmiges Obergewand,
das in flügelartige Gebilde ausläuft; nach oben nicht Aura,
sondern Mitra-artige, dunkelrötliche mit Flügeln besetzte Kopfbedeckung;
blaues schwertartiges Gebilde am rechten Flügel;
gelbes planeten-kugelartiges Gebilde, wie vom linken Flügel getragen.
Er steht etwas nach hinten und links erhöht über Felix Baldes Seele):
Mein Diener, Wirken deiner Art bedarf
Der Sonnenzeit, in die wir eingetreten.
Der Erdenstern empfängt jetzt dumpfes Licht;
467
LUCIFER Es ist die Zeit, wo Seelen deiner Art
Am besten an sich selber schaffen können.
Ich lasse dir aus meinem Lichtesquell
Des Selbstsinns Keimestriebe hell erstrahlen.
Versammle sie zur starken Kraft des Ich.
Sie werden dir im Erdensein erblühn.
Dort wird die Blüten deine Seele suchen;
Sie wird am eignen Wesen sich ergötzen,
Wenn sie Ersehntes lustvoll sinnen kann.
FELIX BALDES SEELE (mit dem Blick nach der Gnomengruppe):
In Fernen dort entschwindet leuchtend Sein;
In Nebelbildern schwebt es nach den Tiefen;
Es wünscht im Schweben sich Gewicht zu geben.
HILARIUS' SEELE (ins Menschenähnliche umgesetzte Gestalt der stahlblaugrauen Elementargeister;
Kopf weniger geneigt, Gliedmaßen menschenähnlicher):
Der Wünsche-Nebel ist des Erdensterns
Ins Geistgebiet geworfner Widerschein;
Des Sterns, für den du dir in dieser Welt
Ein denkend Sein aus Seelenstoffen wirkst.
Für dich ist's nur ein flüchtig Nebelweben;
Für sich sind's Wesen, seelendicht sich fühlend.
Auf Erden schaffen sie mit Weltverstand
Im alten formendurst'gen Feuergrunde.
FELIX BALDES SEELE: Ich will, daß ihr Gewicht mich nicht belaste.
Es schafft dem Schwebetrieb den Widerstand.
AHRIMAN: Dein Wort ist gut. Ich will es schnell erfassen,
468
AHRIMAN: Daß ich es unverdorben mir erhalte;
Du selber kannst es dir nicht weiter pflegen.
Auf Erden aber würdest du es hassen.
STRADERS SEELE (Gestalt, von welcher nur der Kopf sichtbar ist,
gelbgrüne Aura mit roten und orangenen Sternen,
rechts, entfernt von Felix Baldes Seele):
Ein Wort im Hall und Widerhall vernehmlich.
Es gibt sich sinnvoll, doch der Hall entschwindet;
Den Widerhall ergreift die Daseinslust.
Wohin wird er die Richtung nehmen wollen?
DIE ANDRE PHILIA (wie eine Kopie des Lucifer; doch fehlt das Strahlende des Unter- und Obergewandes.
Statt des Schwertes eine Art Dolch und statt des Planeten eine rote Kugel, wie eine Frucht):
Er ziehet sich, Gewicht begehrend, fort
Zum Orte hin, wo leuchtend Sein entschwindet
Und nebelbilderhaft in Tiefen dringt.
Bewahrst du seinen Sinn in deinem Reich,
So trag' ich dir die Kraft zum Nebel hin;
Du wirst sie dann auf Erden wiederfinden.
PHILIA (engelartige Gestalt, gelb ins Weißliche übergehend,
mit hellvioletten Flügeln, hellere Nuance, als sie später Maria hat -
alle drei Seelengestalten in der Nähe von Straders Seele):
Die Nebelwesen pflege ich für dich,
Daß sie den Willen dir nicht wissend lenken;
Vertrauen will ich ihn dem Weltenlicht,
In dem sie deinem Wesen Wärme schaffen.
ASTRID (engelartige Gestalt, hellviolette Gewandung mit blauen Flügeln):
469
ASTRID Ich strahle wonnig helles Sternenleben
Den Wesen hin, daß sie's zu Formen dichten;
Sie werden deinen Erdenleib erkraften,
Dem Wissen fern, doch nah' dem Herzenstriebe.
LUNA (schlanke, engelartige Gestalt, blaurote Gewandung mit orangenen Flügeln):
Gewichtig' Wesen, das sie lastend schaffen,
Verberg' ich dir im Sinnenleibe künftig;
Daß du es denkend nicht zum Bösen bildest
Und so im Erdensein den Sturm erwühlest.
STRADERS SEELE: Die drei, sie sprachen Worte sonnenhaft; -
Die wirken mir in meinem Blickekreis.
Gestalten viel an Zahl erschaffen sie;
Es keimt in mir der Trieb, zur Einheit sie
Mir seelenkräftig sinnvoll umzubilden.
Erwache mir, du Sonnenkönigskraft,
Daß ich dich dämpfen kann am Widerstand;
Ihn trägt mein Wunsch vom Mondeskreise her. -
Schon regt sich Goldesleuchten, fühlend warm,
Und Silberglanz, gedanken-sprühend, kalt;
Erglimme noch, Merkurs Begierdetrieb,
Vermähle mir getrenntes Weltensein.
So fühl' ich wohl, daß wieder mir ein Teil
Des Bildes sich erschaffen, das ich hier
Aus Welten-Geistes-Kräften wirken muß.

(Ahriman ab.)
CAPESIUS' SEELE (ist bei den ersten Sätzen Straders erschienen, nur der Kopf zu sehen,
der eine blaue mit roten und gelben Sternen besetzte Aura hat):
470
CAPESIUS' SEELE Es taucht am fernen Seelenufer mir
Ein Bild empor, das nie mein Sein berührt,
Seit ich dem Erdenleben mich entrungen.
Es strahlet Gnade, wirket gütig mild
Der warme Glanz der Weisheit strömt von ihm;
Und klärend Licht gewährt es meinem Sein. —
Könnt' ich dies Bild mit mir zur Einheit weben,
Erwürb' ich mir, wonach ich dursten muß.
Doch kenn' ich nicht die Kraft, die mir das Bild
In meiner Sphäre wirksam machen könnte.
LUNA: Was dir zwei Erdenleben gaben, fühle -.
Im ernsten Wandel floß in alter Zeit
Das eine dir dahin; von Ehrsucht trübe
Durchlebtest du ein spätres; nähre dieses
Mit Gnadenkraft aus jenem andern kräftig,
So werden Jovis Feuerseelen dir
In deinem Blickekreis sich offenbaren;
Du wirst dich weisheitvoll erkraftet wissen.
Dann wird das Bild, das du noch fern
Am Ufer deiner Seelensphäre schaust,
In deine Nähe sich bewegen können.
CAPESIUS' SEELE: Ich bin der Seele wohl verschuldet, die sich
Zum Sein bereitet, daß sie sich im Bilde
In meinem Seelenkreise mahnend spiegelt?
ASTRID: Du bist es wohl; doch ruft sie dich noch nicht
Fürs nächste Erdensein zum Ausgleich auf. -
Gedankenkräfte will das Bild dir geben,
Daß du als Mensch den Menschen finden kannst,
Der seiner Erdenzukunft Bild dir zeigt.
471
DIE ANDRE PHILIA: Es darf das Bild dir näher wohl noch kommen,
Doch kann es nicht ins eigne Sein dir dringen. -
Drum hemme seinen Wunsch nach deinem Sein,
Daß du die Erde wieder finden kannst,
Bevor es dir ins eigne Wesen fließt.
CAPESIUS' SEELE: Ich fühle vor, was ich ihm danken werde,
Wenn ich es mir wohl näher bringen will,
Doch frei von ihm mich selbst behaupten kann.
Aus Philias Bereich erschaue ich
Gedankenbilderhaft die Kräfte jetzt,
Die ich aus seiner Nähe ziehen soll.
PHILIA: Wenn bald Saturn der vielen Farben Licht
Dir strahlen wird, so nutz die Zeitengunst.
Es wird in deine Seelenhülle dann
Des Geistverwandten Bild durch seine Kraft
Des Denkens Wurzeln pflanzen, welche dir
Des Erdenlaufes Sinn enthüllen sollen,
Wenn dieser Stern dich wieder tragen wird.
CAPESIUS' SEELE: Es soll die Weisung, welche du mir gibst,
Mich führen, wenn Saturn mir leuchten wird.
LUCIFER: Ich will in diesen Seelen noch erwecken
Den Blick in Welten, deren Licht sie schmerzt,
Bevor sie diese Sonnenzeit mit Kräften
Für spätres Erdensein verlassen können.
Es muß das Leid mit Zweifel sie befruchten.
Ich will berufen jene Seelensphären,
472
LUCIFER: Die sie, zu schauen, nicht erkraftet sind.
(Es erscheinen Benedictus' und Marias Seelen in der Mitte des Gebietes.
Benedictus als Gestalt, die wie im Kleinen nachbildet die Konfiguration der ganzen Szenerie.
Nach unten geht das Gewand - sich weitend - über in das Blaugrüne;
um das Haupt ist eine rot-gelb-blaue Aura zu sehen;
das Blau verschwimmt in das Blaugrüne des ganzen Gewandes.
Maria als engelartige Gestalt; gelb in Gold übergehend,
fußlos mit hellvioletten Flügeln.)
BENEDICTUS' SEELE: Ihr drückt gewaltig meinen Weltenkreis
Mit euren dichten erdbeladnen Sphären.
Wenn ihr den Selbstsinn weiter kraften laßt,
So findet ihr in diesem Geistessein
Mein Sonnenwesen nicht in euch erstrahlen.
MARIAS SEELE: Er war euch fremd, als ihr zum letzten Male
Das Kleid aus Erdenstoffen tragen mußtet;
Doch fruchtet noch in eurer Seelenhülle
Des Sonnen-Wortes Kraft, mit dem er euch
In alten Erdenzeiten gütig pflegte.
Erfühlet eures Wesens tiefsten Trieb,
So werdet ihr sein Nahen kräftig fühlen.
FELIX BALDES SEELE: Es tönen Worte aus mir fremden Kreisen,
Doch leuchtend Sein erzeugt ihr Tönen nicht;
So sind sie mir nicht völlig wesenhaft.
STRADERS SEELE: Ein leuchtend Wesen wirkt am Geistesstrand;
Doch schweigt es mir, so viel ich mich auch mühe,
Den Sinn der Leuchte-Kräfte zu erlauschen.
FRAU BALDES SEELE (Gestalt einer Büßerin, Gewand gelborange, Gürtel silbern, sie erscheint ganz nah der Maria):
Ihr Seelen, die jetzt Lucifer berief,
Es hört der Büßer eurer Worte Ton,
Doch leuchtet ihm allein das Sonnenwort;
Sein Überglänz ertötet eure Stimmen.
Es schaut der andre euer Sternenlicht,
Doch ist die Sternenschrift ihm unbekannt.
CAPESIUS' SEELE: Die Sternenschriftl - dies Wort, - es weckt Gedanken;
Es trägt sie mir auf Seelenwogen zu.
Gedanken, die im fernen Erdensein
Sich herrlich meinem Wesen offenbarten.

Sie leuchten, doch - sie schwinden schon im Werden;
Vergessen breitet düstre Schatten aus.
DER HÜTER (in symbolischer Kleidung, engelartig, an Benedictus' und Marias Seele herantretend):
Ihr Seelen, die auf Lucifers Gebot
Dem Kreis der andern Seelen euch genaht,
Ihr seid in meiner Macht an diesem Orte.
Die Seelen, die ihr sucht, - sie suchen euch. -
Sie sollen euch in dieser Weltenzeit
In ihren Sphären nicht gedankenhaft
Mit ihrem Sein berühren; - hütet euch,
In ihre Kreise euch hineinzudrängen.
Doch wagtet ihr's, es schadet' euch und ihnen. -
Ich müßt' des Sternenlichtes euch entkräften
Und euch von ihnen weltenzeitenlang
In andre Sphärenreiche hin verbannen.

(Vorhang fällt langsam.)



Sechstes Bild:

474 Geistgebiet in der gleichen Art wie im vorigen Bilde. Die Beleuchtung warm und nuanciert, doch nicht zu hell. (Links stehen die SYLPHEN. Vorne PHILIA, ASTRID, LUNA. STRADERS, CAPESIUS’, ROMANUS’ SEELE; die ANDRE PHILIA mit THEODORAS und FRAU BALDES SEELE; später: BENEDICTUS’ und MARIAS SEELE; der HÜTER; LUCIFER mit JOHANNES’ SEELE; zuletzt der GEIST VON JOHANNES’ JUGEND.)


Capesius’ Seele: (steht rechts gegen die Mitte zu):
Das Bild, das sich zur Sonnenzeit mir zeigte,
Das Gnade strahlte, Güte milde wirkte, -
Es waltet mir im Wesen auch noch jetzt,
Da andres Weisheitslicht dies Geistgebiet
Mit vieler Farben Strahlung übergießt.
Doch kraftet aus dem Bilde jetzt noch mehr;
Es will, daß ich für künft'ge Erdenzeiten
Aus ihm mir ziehe, was im Sinnensein
Die Seele einst mir gab, die sich im Bilde
Bedeutsam meiner Sphäre offenbart.
Doch führt mich wirksam kein Gefühlestrom
Zu dieser Seele hin.
ROMANUS' SEELE (in einer Gestalt, so daß der ganze Oberkörper bis zu den Hüften zu sehen ist, mächtige rote Flügel,
die sich so fortsetzen, daß sie um den Kopf zu einer roten,
in das Blaue nach außen verlaufenden Aura sich umbilden;
steht in der Nähe von Capesius' Seele; Bellicosus' und Torquatus' Seelen sind in der Nähe):
In dir errege
Des Juden Bild, der Haß und Spott nur stets
Von allen Seiten hörte; der jedoch
475
ROMANUS' SEELE Dem Mystenbunde treue Dienste tat,
Zu dem du einst auf Erden dich gefunden.
CAPESIUS' SEELE: Es dämmern jetzt Gedankenbilder auf,
Die mich mit starker Kraft erfassen wollen.
Es taucht mir Simons Bild aus Seelenfluten. —
Doch tritt zu ihm noch andres - Seeiensein.
Ein Büßer, - könnt' ich den mir ferne halten.

(Felix Baldes Seele erscheint.)
ROMANUS' SEELE: Er kann hier nur zur Weltensonnenzeit
Sein Werk verrichten; einsam wandelt er,
Von Finsternis umzogen, wenn Saturn
Erleuchter dieses Geistesreiches ist.
CAPESIUS' SEELE: O, wie mich dieser Büßer jetzt beirrt. -
Es bohren seine Seelenstrahlen brennend
In meine eigne Seelenhülle sich. —
So wirken Seelen, welche andren Seelen
In tiefste Wesensgründe schauen können.
FELIX BALDES SEELE (mit dumpfer, wie umflorter Stimme):
«Mein lieber Kühne, ihr erwieset euch
Stets treu …»
CAPESIUS' SEELE: Ich selbst, - mein eignes Wort, - von ihm, —
Als Widerhall - im Geistgebiet - ertönend!!
Ich werde diese Seele suchen müssen.
Sie kennt mich gut, - durch sie muß ich mich finden.
(Capesius' Seele verschwindet; von links erscheinen die «andre
Philia» mit Theodoras Seele, hinter ihr Frau Baldes Seele.)
476
ROMANUS' SEELE: Zwei Seelen nähern sich dem Büßer dort,
Der Geist, den sich die Seelen durch die Liebe
Zum Führer stets erwerben, schreitet vor.
Der Sanftmut Licht entströmt der Einen Seele;
Es fließt zur andern hin, die selbst sich uns
Als Büßerin erbildet. Das Bild erstrahlet
Der Schönheit Glanz, der hier als Weisheit lebt.
TORQUATUS' SEELE (Gestalt bis zur Brust zu sehen, blaue Aura, grüne Flügel):
Du schaust der Sehnsucht Widerschein, die ich
Aus meinen Seelenhüllen - deiner Sphäre
Im treuen Geistesbunde strahlen lasse.
Des Schicksals Urgewalten haben mich
Zum Wirker deiner Milde dir gegeben.
So dienen geistig Seelen andern Seelen.
Allein erwürbest du zum harten Sinn
Des Mitgefühles Lebensgabe nie.
BELLICOSUS' SEELE (Gestalt wie Torquatos' Seele, doch blauviolette Aura, blaugrüne Flügel):
Erkraftet euch zum Geistgehör; - es spricht
Die Seele, die im Licht der Sanftmut strahlt.
Am Glanz Saturns entlockt sich hier den Seelen
Dies Scheinen holder Geistesseligkeit.
THEODORAS SEELE (engelartige Gestalt, weiß mit gelben Flügeln und blaugelber Aura):
Du meine treue Geistgefährtin, ströme
Die Liebe deiner Seelenhülle ihm
In sanftem Glänze zu; sie mildert ihm
Der Einsamkeit verzehrend Feuerkraft —.
Und lenke ihm Gedankenstrahlen her
477
THEODORAS SEELE Von jenen Schattenseelen dort, die jetzt
In Geisteswelten sich die Kräfte sammeln,
Daß ihre Seelenleiber lebend glimmern
Und so aus ihrem Glimmerglanzesschaffen
Den Menschenseelen Wachstums-Werdesinn
Im Erdenleben sich erkraften möge.
FRAU BALDES SEELE: Du Geist im Schein des Büßers, fühle mich;
Empfange Sternenkraft, du Sonnenseele. -
Bis deine Geisteshülle sich entringt
Dem Banne Lucifers, - geleit' ich dich
Durch deine Einsamkeit und trage dir
Die Kräfte zu, die ich von Stern zu Stern
Im Weltall wandelnd für dich sammeln will.
THEODORA: Vergangnes Erdendenken regt sich glimmend
Am Seelenufer dort … Ein menschlich Bild …
So sah ich's erdenhaft; es folgt hieher;
Es widerhallet einst Gehörtes hier:
«Aus Gottessein erstand die Menschenseele;
Sie kann in Wesensgründe sterbend tauchen;
Sie wird dem Tod dereinst den Geist entbinden.»

(Während der letzten Sätze erscheinen Lucifer und Thomasius' Seele.)
DIE ANDRE PHILIA: Dies tönend Wesensbild, es trägt hieher
Aus edler Bruderliebe Wirkenskraft,
Die du auf Erden treu entfaltet hast.
Ich will es dir in Seelenkraft verwandeln.
Der Schattenwesen Glimmerlicht empfängt
Das Wort, das ich in deine Seele lenke.
478
DIE ANDRE PHILIA: Sie werden dir im Erdensein erregen,
Was sie in Ewigkeiten sinnen dürfen. -
Und du, des Geisterlandes Büßerin:
Die Seelenschritte lenk zu Sternen hin;
Dämonen sehnen sich nach deinem Werk,
Aus dem sie Phantasie in Seelen strahlen
Und so dem Erdenleben Flügel schaffen.
FRAU BALDES SEELE: Ich folge dir, du meine Seelenschwester,
Du meine Philia, die Liebe schafft,
Von Stern zu Stern, von einem Geist zum andern.
Ich folge dir zu Sternenwelten hin,
Ich trag' dein Wort zu manchen Weltensphären,
Im Geisteswirken mich auch selber bildend
Für meine künft'ge Erdenwanderschaft.

(Felix Baldes Seele, geführt von Frau Baldes Seele, verschwindet langsam;
Theodora bleibt starr eine Weile stehen, sieht Johannes' Seele an,
dann verschwindet auch sie, ebenso Thomasius' Seele mit Lucifer.)
ROMANUS' SEELE: Daß wir an diesem Geistesorte jetzt
Das Wort der Liebe mit dem Wort des Schaffens
Zum Bund sich einen sahen, dies erkraftet
In unserm Wesen Keime, deren wir
Im spätem Erdensein bedürftig werden.

(Romanus', Torquatus', Bellicosus' Seelen verschwinden -
es erscheinen Benedictus' Seele und Marias Seele an der Seite des Hüters der Schwelle.)
DER HÜTER: Erkennet eure Weltenmitternacht!
Ich halte euch im Bann gereiften Lichts,
479
DER HÜTER: Das jetzt Saturn euch strahlt, bis eure Hüllen
In stärkrem Wachen, durch des Lichtes Macht
Euch selbst erleuchtend, ihre Farben leben.
MARIAS SEELE: Die Weltenmitternacht im Seelenwachen? —
Es war zur Mondeszeit, da sprach die Sonne
Das ernste Schicksalswort: Die Menschenseelen,
Die Weltenmitternacht im Wachen leben,
Sie schauen Blitze, die im schnellsten Zucken
Notwendigkeiten blendend überleuchten,
Daß Geistesblicke im Erkennen sterben —
Und sterbend sich zu Schicksalszeichen formen,
Die ewig wirksam sich in Seelen prägen.
Es hören solche Seelen Donnerworte,
Die in den Weltengründen dumpf verrollen
Und rollend jeden Seelenwahn bedrohen.

(Lucifer und Thomasius' Seele erscheinen wieder.)
BENEDICTUS' SEELE: Es dringt aus ewig leeren Eisgefilden
Des Mystenfreundes Schicksalsruf zu uns. —
Wenn wir die Weltenmitternacht erkennen,
Erreichen wir der Seele Geisteskreis.
MARIAS SEELE: Die Flammen nahn, - sie nahn mit meinem Denken -
Von meinem Welten-Seelen-Ufer dort;
Es naht ein heißer Kampf; - mein eignes Denken, -
Es kämpft mit Lucifers Gedanken;
In andrer Seele kämpft mein eignes Denken, —
Es zieht das heiße Licht - aus finstrer Kälte, -
Wie Blitze flammt - das heiße Seelenlicht, —
Das Seelenlicht - im Welten-Eis-Gefilde -.
480
LUCIFER: Erkenn das Licht, - mein heißes Weltenlicht, -
Und schau die Blitze, die dir eignes Denken -
Aus Lucifers Gewaltenkreisen schlägt.
Die Seele, der du langverbunden warst,
Ich bring' sie dir in deinen Blickekreis,
Da du die Weltenmitternacht erlebst.
Du mußt des Suchens Richtung künftig ändern,
Wenn du dich dieser Seele nahen willst.
Du Seele, die du mir hieher gefolgt,
Gebrauch die Lichteskräfte, die Saturn
In ihre Weltenmitternacht erstrahlt. —
JOHANNES' SEELE (engelartige Gestalt, rosarot, fußlos mit blauroten Flügeln):
Ich fühle Seelen, doch noch brauch' ich Kraft,
Ihr Licht in mir zur Wesenheit zu stärken.
Sind sie mir auch ganz nah, so zeugen sie
Doch Denken, das mir nur im Fernen leuchtet.
Wie heb' ich Sie zu meiner Geistesschau?
PHILIA: Du wirst sie schauen, wenn du schnell ergreifst,
Was sie im Weltenlichte selbst erleuchten;
Doch wenn du schaust, so nütz den Augenblick;
Es schwindet dieses Leuchten bald dahin.
JOHANNES' SEELE: Was jenes Führers Seele spricht zum Schüler,
Zur mir so nahen, lieben Schülerseele,
Soll mir beleuchten meinen Seelenkreis.
BENEDICTUS' SEELE: In dieser Geistesmitternacht erzeug'
481
BENEDICTUS' SEELE: Den Willen, den du wieder fühlen willst,
Wenn deiner Form die Erdenkraft ersteht.
Dein Wort, es wird der Freundesseele leuchten.
MARIAS SEELE: So sei im Weltenlicht das Wort erkraftet,
Das ich zur Weltenmitternacht vertrau'
Der Seele, die mir Lucifer gebracht.
Was mir in Seelentiefen teuer ist,
Ich will es schauen, will es schauend sprechen,
Daß dieser Seele sich's zum Tone bilde,
Den sie im Erdensein in ihrem Wesen
Erfühlen und ihn liebend leben mag.
Was schaue ich in Seelentiefen jetzt?
Es leuchtet mir erhab'ne Flammenschrift.
Die Liebe zu der Führerseele flammt,
Die mich im Erdensein, die mich im Geist
Durch langer Zeiten Folge hat geleitet;
Die mich stets fand, wenn meines Betens Inbrunst
In Erdgefahr sie sucht', auch wenn sie selbst
In Geisteshöhen weilte; leuchtend hell
Erscheint mir diese Liebe, töne mir
Du Wort der Liebe hin zur andern Seele. —

Doch welche Flammen weckt das Wort der Liebe?
Sie leuchten milde; und die Milde strahlet
Erhab'nen Ernst; es zucken gnadevoll
Der Weisheit Blitze durch den Weltenäther, —
Und Seligkeit ergießt sich freudewebend
Durch alle Weiten meines Seelenkreises.
O Zeitendauer, ich erflehe mir:
Ergieße dich in diese Seligkeit,
Und laß den Führer, laß die andre Seele
Mit mir in dir jetzt friedevoll verweilen.
482
DER HÜTER: So mögen Blitze jetzt in nichts zerrinnen,
Die grell Notwendigkeiten überleuchten,
Wenn Seelen wach erleben Welten-Norden.
Es soll der Donner seinen Schall verlieren,
Der mahnend rollt zur Weltenmitternacht. -
Dir, Astrid, sei ein ernst Gebot erteilt:
Bewahre dieses Seelen-Ungewitter,
Bis ihre nächste Weltenmitternacht
Im Strom der Zeit die Seele wachend findet.
Sie soll dann anders vor sich selber stehn, —
In ältrer Zeiten Bild ihr Selbst erschauen,
Erkennen, wie zum Geisteshöhenflug
Die Schwingen auch im Seelensturz erstarken.
Es darf die Seele niemals stürzen wollen
Doch muß sie Weisheit aus dem Sturze holen.
ASTRID: Ich will die Blitz- und Donnerkraft bewahren,
Daß sie im Weltensein erhalten bleiben,
Bis sich Saturn der Seele wieder neigt.
MARIAS SEELE: Verweilend fühl' ich Sternenseligkeit,
Betreten darf ich sie im Strom der Zeit.
Ich will im Gnadewalten schaffend leben
Mit diesem langverbundnen Seelenwesen.
LUNA: Ich hüte dir dein Schaffen hier im Geiste,
Daß dir im Erdensein die Früchte reifen.
JOHANNES' SEELE: In meinem Seelenkreise - dieser Stern
483
JOHANNES' SEELE: Er leuchtet Seligkeiten, - strahlet Gnade -,
Ein Seelenstern - im Weltenäther - schwebend; -
Doch dort, - im matten Licht, - ein andrer Stern,
Er tönt mir leise; doch ich will ihn hören.

(Bei den letzten Worten erscheint der Geist von Johannes' Jugend. Engelartig, silberlicht.)
DER GEIST VON JOHANNES* JUGEND: Ich nähre deiner Wünsche Sein mit Leben;
Mein Atem wird in deinen Jugendzielen
Erleuchtend kraften, wenn dich Welten locken,
In welche ich dich freudig führen kann.
Verlierst du mich in dir, muß ich den Schatten
Mit wesenlosem Sein mich lebend opfern.
Du Blüte meines Seins, - verlaß mich nicht!
LUCIFER: Er wird dich nicht verlassen, - ich erschaue
In seines Wesens Tiefen Lichtbegierden,
Die nicht der andern Seele Spuren folgen. -
Wenn diese mit dem Glanz, den sie erzeugen,
Im Seelengrunde sich zum Sein erkraften,
Wird er die Früchte, die sie zeugen müssen,
In jenem Reiche nicht vergeuden wollen,
Wo Liebe ohne Schönheit herrschen will.

(Langsam Vorhang.)



Siebentes Bild:

484 Ein Tempel nach ägyptischer Art. Die Stätte einer weit zurückliegenden Initiation.
Drittes Kulturzeitalter der Erde. (Zunächst nur ein Gespräch zwischen dem OPFERWEISEN, dem SCHWELLENHÜTER und dem MYSTEN.)


Der Opferweise: Ist alles würderichtig vorbereitet,
Mein Schwellenhüter, daß die Weihetat
Den Göttern und den Menschen heilsam werde?
DER SCHWELLENHÜTER: Soweit der Mensch es vorzusehn vermag,
Ist alles wohl bereitet; - Weiheluft
Erfüllt den Raum seit vielen Tagen schon.
DER OPFERWEISE: Mein Myste: zu des Königs Rater ist
Der Priester ausersehn, der heut empfängt
Geheimer Weisheit Weiheoffenbarung.
Habt ihr die Prüfung denn auch so gestaltet,
Daß jener Myste nicht allein der Weisheit
Ergeben ist, die irdisch sorgenlos
Nur aufmerksam auf Geisteslehren ist?
Uns müßt' ein solcher Rater schädlich sein.
DER MYSTE: Die Prüfung ward Gebot-gemäß vollzogen,
Die Meister fanden sie gerecht; - mich dünkt,
Daß unser Myste nur geringen Sinn
Für irdisch Sorgen hat; er hat die Seele
Dem Geistesstreben nur, der Selbstentfaltung
Ergeben; geistentrückt kann man ihn sehn.
485
DER MYSTE: Zuviel ist's nicht, zu sagen, daß er schwelgt,
Wenn seine Seele geistgeeint sich fühlt.
DER OPFERWEISE: Ihr habt ihn so wohl öfter schon gesehn?
DER MYSTE: Er zeigt sich wahrhaft oft in solcher Art.
Er würde wohl zum innern Tempeldienst
Sich besser als zu eurem Rater eignen.
DER OPFERWEISE: Es ist genug. Ihr geht an euer Amt
Und sorgt, daß unsre Weihetat geling'. -
{Der Myste geht ab.)
Doch du, mein Hüter, höre weiter mich.
Du weißt, ich schätze deinen Mystensinn;
Du stehst als Weisheitträger mir viel höher,
Als deinem Tempelgrad entspricht; und oft
Hab' ich an deinem Seherblick die Probe
Gesucht für meine eigne Geistesschau.
Ich frage dich, wie groß ist dein Vertrauen
In dieses neuen Mysten Geistesreife?
DER SCHWELLENHÜTER: Wer fragt nach meiner Meinung; meine Stimme
Wird nicht gezählt. -
DER OPFERWEISE: Ich zähl' sie stets für mich.
Auch heute sollst du mir zur Seite stehn;
Wir müssen diese Weihetat verfolgen
Mit strengem Seelenblick; und wenn der Myste
Auch nur gering dem Geist-Erleben nach
486
DER OPFERWEISE: Dem hohen Sinn der Handlung nicht entspricht,
So hindre ich, daß er zum Rater werde.
DER SCHWELLENHÜTER: Was könnte sich bei diesem Weihefeste
An diesem neuen Mysten offenbaren?
DER OPFERWEISE: Ich weiß, daß er nicht würdig ist der Ehre,
Die ihm die Tempeldiener zugedacht.
Sein menschlich Wesen ist mir wohlbekannt.
Ihm ist die Mystik nicht der Herzenstrieb,
Der sich im Menschen regt, wenn geistig Licht
Von oben Seelen gnädig zu sich zieht.
Die Leidenschaft durchwühlt sein Innres stark;
Die Sinnestriebe schweigen ihm noch nicht.
Ich will fürwahr nicht Götterwille tadeln,
Der auch in Trieb und Leidenschaft sein Licht
Noch weisheitvoll im Werdestrom erstrahlt.
Doch wenn der Trieb sich vor sich selbst verbirgt
Und in der Andacht Maske mystisch schwelgt,
Belügt er nur das Denken, fälscht das Wollen.
Es dringt in solche Seelen nicht das Licht,
Das in den Geisteswelten Wesen webt;
Es dampft die Leidenschaft als Mystennebel.
DER SCHWELLENHÜTER: Mein Opferweiser, strenge ist das Urteil,
Das ihr dem Manne zuerteilt, der jung
Und unerfahren sich nicht selbst erkennen,
Der nur sich so verhalten kann, wie ihm
Die Opferlenker und die Mystenführer
Das Ziel des rechten Seelenpfades schildern.
487
DER OPFERWEISE: Ich will mit meinem Urteil nicht den Mann,
Ich will die Tat nur treffen, welche hier
An heilig ernster Stätte sich vollzieht.
Was wir als mystisch Weihewerk vollbringen,
Bedeutung hat es doch nicht hier allein.
Es geht des Weltgeschehens Schicksalsstrom
Durch Wort und Tat des ernsten Opferdienstes.
Was hier im Bilde sich vollzieht, es schafft
In Geisteswelten ewig wirksam Sein.
Doch jetzt, mein Hüter, geht an euer Werk;
Ihr werdet selber finden, wie ihr mir
Am besten bei der Handlung helfen könnt.

(Es geht der Schwellenhüter links ab.)
DER OPFERWEISE (allein): An diesem jungen Mysten liegt es nicht,
Der heute sich der Weisheit opfern will,
Wenn in den nächsten Stunden unrecht Fühlen,
Das seinem Herzen leicht entströmen kann,
In unsre Opfertat erstrahlt und mystisch
Im Tatensinnbild Geistessphären naht,
Aus welchen später unheilvoll die Wirkung
Zurück ins Menschenleben fließen muß.
Die Führer und die Lenker werden schuldig.
Erkennen die denn noch die Mystenkraft,
Die jedes Wort und jedes Zeichen hier
Geheimnisvoll durchgeistigt, - die auch wirkt,
Wenn Seeleninhalt sich in sie ergießt,
Der unheilvoll dem Weltenwerden ist?
Statt daß der junge Myste sich dem Geiste
Bewußt hier opfert, schleppen seine Lehrer
Als Opfer ihn zur Weihestatt, und unbewußt
Ergibt er hier sein Seelensein dem Geiste,
488
DER OPFERWEISE (allein): Das er in andre Wege wahrlich lenkte,
Wenn er bewußt es in sich leben könnte.
Im Kreise unsrer Mystenschaft erkennt allein der
Höchste Opferkenner wirklich,
Was mystisch in den Opferformen lebt.
Doch der ist schweigsam wie die Einsamkeit;
Denn so ist seiner Würde streng Gebot.
Die andern blicken völlig unverständig,
Wenn ich vom Ernst des Opfers ihnen spreche.

So bin ich ganz allein mit meiner Sorge,
Die mich im Innern oft erdrücken will,
Wenn ich den Sinn des Opferortes fühle.
Ich lerne sie fürwahr hier tief erkennen:
Die Einsamkeit am ernsten Geistesort.
Warum bin ich an diesem Ort allein?
Die Seele muß es fragen; - doch der Geist
Wann wird er dieser Seele Antwort geben?

(Vorhang fällt langsam.)



Achtes Bild:

489 Dieselbe Tempelszenerie wie im siebten Bild; sie ist anfangs durch einen Zwischenvorhang gedeckt, vor dem eine ÄGYPTERIN das Folgende spricht. Die Ägypterin ist als eine der vorhergehenden Inkarnationen des Thomasius zu denken.


Die Ägypterin:

Vielleicht läßt Traumes Offenbarung mich
Im Ahnen geistig jetzt bei ihm verweilen.

Der Zwischenvorhang geht auf.
Man erblickt alles vorbereitet zur Initiation des Neophyten, der als eine frühere Inkarnation der Maria gedacht ist;
an der einen Seite des Opferaltars steht der höchste Opferweise, der als eine frühere Inkarnation des Benedictus gedacht ist;
an der andern Seite des Altars der Wortebewahrer, eine frühere Inkarnation des Hilarius Gottgetreu;
etwas vor dem Altar der Siegelbewahrer, eine frühere Inkarnation der Theodora;
dann auf der einen Altarseite nach vorn: der Vertreter des Erdelementes, |

490
Die Ägypterin: eine frühere Inkarnation des Romanus; der Vertreter des Luftelementes,
eine frühere Inkarnation des Magnus Bellicosus; ganz nahe dem höchsten Opferweisen der Opferweise,
eine frühere Inkarnation des Capesius; auf der anderen Seite der Vertreter des Feuerelementes,
eine frühere Inkarnation des Doktor Strader;
der Vertreter des Wasserelementes, eine frühere Inkarnation des Torquatus.
Vorne Philia, Astrid, Luna und die «andre Philia».
Ganz vorn in Sphinxgestalt Lucifer und Ahriman, Lucifer so, daß der Cherub mehr betont ist,
Ahriman so, daß der Stier mehr betont ist. Vier andre Priester stehen vorne. Nachdem der Tempelraum mit den Mysten sichtbar geworden ist,
eine Weile lautlose Stille; dann führen der Schwellenhüter,
eine frühere Inkarnation des Felix Bälde, und der Myste, eine frühere Inkarnation der Frau Bälde, den Neophyten durch die Pforte links ein.
Sie stellen ihn in den inneren Kreis in die Nähe des Altars.
Die beiden Einführer bleiben in seiner Nähe stehen.
DER SCHWELLENHÜTER: Aus jenem Scheingewebe, das du Welt
In deines Irrtums Finsternis genannt,
Hat dich der Myste uns hieher gebracht. -
Es war die Welt aus Sein und Nichts gewoben,
Die dir im Weben sich zum Schein gebildet.
Der Schein ist gut, wenn er vom Sein erschaut;
Doch du erträumtest ihn im Scheinesleben;
Und Schein vom Schein erkannt, entsinkt dem All. -
Du, Schein des Scheines, lerne dich erkennen.
DER MYSTE: So spricht, der dieses Tempels Schwelle hütet,
Erleb in dir des Wortes Schwergewicht.
DER VERTRETER DES ERDELEMENTES: Im Schwergewicht des Erdeseins ergreif
491
DER VERTRETER DES ERDELEMENTES: Den Schein des eignen Wesens schreckenlos,
Daß du versinken kannst in Weltentiefen —.
In Weltentiefen such' das Sein im Finstern;
Verbinde, was du findest, deinem Schein;
Im Lasten wird es dir das Sein gewähren.
DER WORTEBEWAHRER: Verstehn, wohin wir dich im Sinken führen,
Du wirst es erst, wenn du sein Wort befolgst.
Wir schmieden deines eignen Wesens Form;
Erkenne unser Werk, du müßtest dich
Im Weltennichts als Schein sonst völlig lösen.
DER MYSTE: So spricht, der dieses Tempels Worte hütet,
Erleb' in dir der Worte Schwergewicht.
DER VERTRETER DES LUFTELEMENTES: Dem Schwergewicht des Erdeseins entflieh';
Es tötet deines Selbstes Sein im Sinken.
Enteile ihm mit Lüfteleichtigkeit. -
In Weltenweiten such' das Sein im Leuchten;
Verbinde, was du findest, deinem Schein;
Im Fluge wird es dir das Sein gewähren.
DER WORTEBEWAHRER: Verstehn, wohin wir dich im Fluge führen,
Du wirst es erst, wenn du sein Wort befolgst.
Wir leuchten dir in deines Wesens Leben;
Erkenne unser Werk; du müßtest dich
Im Weltgewicht als Schein sonst völlig lösen.
DER MYSTE: So spricht, der dieses Tempels Worte hütet,
Erleb' in dir der Worte Schwingekraft.
492
DER HÖCHSTE OPFERWEISE: Mein Sohn, du wirst auf edlem Weisheitspfade
Der Mysten Worte sinngerecht befolgen. -
In dir kannst du die Antwort nicht erschau'n.
Denn finstrer Irrtum lastet noch in dir;
Und Torheit strebt in dir nach Weltenfernen.
Drum schau - in diese Flamme, die dir näher
(Es entzündet sich die helleuchtende, züngelnde Opferflamme,
die sich auf dem Altar, der in der Mitte steht, befindet.)
Als deines eignen Wesens Leben ist.
Und lies die Antwort aus dem Feuer dir.
DER MYSTE: So spricht, der dieses Tempels Opfer leitet,
Erleb' in dir des Opfers Weihekraft.
DER VERTRETER DES FEUERELEMENTES: Den Irrtum deines Selbstsinns laß' verbrennen
Im Feuer, das im Opfer dir entzündet.
Verbrenne selbst mit deines Irrtums Stoff. -
Im Weltenfeuer such' dein Sein als Flamme;
Verbinde, was du findest, deinem Schein.
Im Brennen wird es dir das Sein gewähren.
DER SIEGELBEWAHRER: Verstehn, warum wir dich zur Flamme bilden,
Du wirst es erst, wenn du sein Wort befolgst.
Wir läutern deines eignen Wesens Form. -
Erkenne unser Werk, du müßtest dich
Im Weltenwasser formlos sonst verlieren.
DER MYSTE: So spricht, der dieses Tempels Siegel hütet,
Erleb' in dir der Weisheit Lichteskraft.
493
DER VETRETER DES WASSERELEMENTES: Der Flammenmacht der Feuerwelt verwehre,
Des Eigenseins Gewalt dir aufzuzehren.
Der Schein ersteht zum Sein dir anders nicht,
Als wenn des Weltenwassers Wellenschlag
Dich mit dem Sphärenton durchdringen kann.
Im Weltenwasser such' das Sein als Welle;
Verbinde, was du findest, deinem Schein.
Im Wogen wird es dir das Sein gewähren.
DER SIEGELBEWAHRER: Verstehn, warum wir dich als Welle bilden,
Du wirst es erst, wenn du sein Wort befolgst.
Wir bilden deines eignen Wesens Form;
Erkenne unser Werk, du müßtest dich
Im Weltenfeuer formlos sonst verlieren.
DER HÖCHSTE OPFERWEISE: Mein Sohn, du wirst mit starker Willenskraft
Auch dieser Mysten Worte recht befolgen.
In dir kannst du die Antwort nicht erschauen.
In feiger Furcht erfriert noch deine Macht;
Die Schwäche kannst du nicht zur Welle bilden,
Die dich im Sphärenreich erklingen läßt.
Drum höre deine Seelenkräfte sprechen;
Erkenn' in ihrem Wort die eigne Stimme.
PHILIA: Im Feuer läut're dich; — als Weltenwelle
Verliere dich im Ton der Geistessphären.
ASTRID: Erbilde dich im Ton der Geistessphären; -
In Weltenfernen fliege lüfteleicht.
494
LUNA: In Weltentiefen sinke erdeschwer;
Erkühne dich als Selbst im Schwergewicht.
DIE ANDRE PHILIA: Entferne dich aus deinem Eigensein;
Vereine dich der Elemente Macht.
DER MYSTE: So spricht im Tempel deine eigne Seele,
Erleb' in ihm der Kräfte Lenkemacht.
DER HÖCHSTE OPFERWEISE: Gefährte Opferweiser, diese Seele,
Die wir zum Weisheitspfade führen sollen,
Ergründ' in ihren Tiefen, - künde uns,
Was du erschaust als ihre Gegenwart.
DER OPFERWEISE: Es ist geschehn, was unsrem Opfer frommt.
Die Seele hat vergessen, was sie war.
Der Elemente Widersprüche haben
Des Irrtums Scheingewebe ihr getilgt;
Der lebt im Streit der Elemente fort.
Gerettet hat die Seele nur ihr Wesen.
Und was im Wesen lebt, sie soll es lesen
Im Weltenwort, das aus der Flamme spricht.
DER HÖCHSTE OPFERWEISE: So lies, du Menschenseele, was die Flamme
Als Weltenwort im Innren dir verkündet.

(Es tritt eine längere Pause ein, während welcher es ganz dunkel wird, -
nur die Flamme und die unbestimmten Umrisse der Personen sind zu sehen;
der höchste Opferweise fährt nach der Pause fort:)
495
DER HÖCHSTE OPFERWEISE: Und nun erwache aus der Weltenschau!
Verkünde, was im Wort zu lesen ist.
(Der Neophyt schweigt.
Der höchste Opferweise fährt bestürzt fort.)
Er schweigt! - Entschwindet dir Geschautes? - Sprich!
DER NEOPHYT: Gehorchend eurem strengen Opferworte,
Versenkt' ich mich in dieses Flammenwesen,
Erwartend hoher Weltenworte Tönen.
(Die anwesenden Mysten, mit Ausnahme des Opferweisen,
zeigen bei der Rede des Neophyten einen immer größern Schrecken.)
Ich fühlte, wie ich mich vom Erdgewicht
Mit Lüfteleichtigkeit befreien konnte. —
Vom Weltenfeuer liebend hingenommen,
Erfühlt' ich mich in Geisteswellenströmen.
Ich sah, wie meine Erdenlebensform
Sich außer mir als andres Wesen hielt. -
Von Seligkeit umhüllt, im Geisteslicht
Mich fühlend, könnt' ich doch die Erdenhülle
Mit Anteil nur betrachten, wunscherfüllt. —
Ihr strahlten Geister hoher Welten Licht ;
Es nahten ihr wie Falter, glitzernd hell,
Die Wesen, die ihr Leben regsam pflegten.
Von dieser Wesen Lichtgeflimmer strahlte
Erfunkelnd Farbenspiel der Leib zurück,
Das glänzend nah, erglimmend fern sich zeigt';
Zuletzt im Raum zerstiebend sich verlor.
Es keimte mir im Geistesseelensein
Der Wunsch, das Erdgewicht versenke mich
496
DER NEOPHYT: In meine Hülle, daß ich Freudesinn
In Lebenswärme fühlend pflegen könne. —
In meine Hülle fröhlich untertauchend,
Empfand ich euren strengen Weckeruf.
DER HÖCHSTE OPFERWEISE (selbst bestürzt zu den bestürzten Mysten):
Das ist nicht Geist-Erschautes; - irdisch Fühlen -
Entwand dem Mysten sich und stieg als Opfer
In lichte Geisteshöhn, - o Frevel, Frevel —!
DER WORTEBEWAHRER (im Zorne zu dem Opferweisen)
Es war' nicht möglich, hättet ihr das Amt,
Das euch als Opferweiser anvertraut,
Im Sinne uralt heil'ger Pflicht verwaltet.
DER OPFERWEISE: Ich tat, was mir als Pflicht aus höhern Reichen
In dieser Feierstunde auferlegt.
Enthalten hab' ich mich, das Wort zu denken,
Das nach der Sitte mir geboten ist
Und das, von meinem Denken aus, hinüber
Zum Neophyten geistig wirken sollte.
So hat der junge Mann nicht fremdes Denken,
Er hat sein eignes Wesen hier verkündet.
Die Wahrheit hat gesiegt. - Ihr mögt mich strafen;
Ich mußte tun, was ihr in Furcht erlebt.
Ich fühle schon die Zeiten nahe kommen,
Die aus dem Gruppengeist das Ich befreien
Und ihm das eigne Denken lösen werden.
Es mag der Jüngling eurem Mystenweg
Sich jetzt entringen -. Spätres Erdesein
Wird ihm die Mystenweise sicher zeigen,
Die ihm von Schicksalsmächten vorgedacht.
497
DIE MYSTEN: O Frevel, - der nach Sühne ruft, - nach Strafe -.

(Die Sphinxe beginnen nacheinander zu sprechen als Ahriman und Lucifer,
sie waren bisher reglos wie Bildsäulen; ihr Sprechen wird nur von dem Opferweisen,
dem höchsten Opferweisen und dem Neophyten gehört; -
die andern bleiben in Aufregung durch das Vorhergehende.)
AHRIMAN ALS SPHINX: Ich muß für meine Stätte mir erbeuten,
Was hier nur ungerecht zum Lichte will.
Ich muß es weiter dann im Finstern pflegen;
Es soll sich so die Eignung geistig schaffen,
In Zukunft sich mit rechtem Werdesinn
Dem Menschenleben günstig einzuweben.
Doch bis es diese Eignung sich erwirkt,
Wird meinem Werke dienen, was sich hier
Dem Weihedienst als Erdenlast erwiesen.
LUCIFER ALS SPHINX: Ich will für meine Stätte mir entführen,
Was hier als Geisteswunsch am Schein sich freut.
Er soll als Schein im Lichte fröhlich glänzen
Und so im Geiste sich der Schönheit weihn,
Die ihm das Erdgewicht in dieser Zeit
Durch seine Last noch ferne halten will.
Im Schönen wandelt Schein zum Sein sich um;
Er wird dann künftig Licht der Erde sein;
Als Licht sich senkend, welches hier entflieht.
DER HÖCHSTE OPFERWEISE: Die Sphinxe sprechen, - sie, die Bild nur waren,
Seit Weise hier den Dienst verrichtet haben.
Der Geist, er hat die tote Form ergriffen ;
498
DER HÖCHSTE OPFERWEISE: O Schicksal, du ertönst als Weltenwort —!

(Die andern Mysten, außer dem Opferweisen und dem Neophyten,
sind erstaunt über die Worte des höchsten Opferweisen.)
DER OPFERWEISE (zum höchsten Opferweisen):
Was wir als mystisch Weihewerk vollbringen,
Bedeutung hat es doch nicht hier allein.
Es geht des Weltgeschehens Schicksalsstrom
Durch Wort und Tat des ernsten Opferdienstes.

(Über die durch das Vorhergehende bewirkte Stimmung fällt der Vorhang.)



Neuntes Bild:

499 Ein kleines, ernst stimmungsvolles Zimmer, - wie ein Studierzimmer – im Hause des Hilarius. – Zunächst MARIA allein in Meditation; dann ASTRID, LUNA; der HÜTER und BENEDICTUS.


Maria: Ein Seelenstern, am Geistesufer dort, -
Er nahet, - nahet mir in Geisteshelle,
Mit meinem Selbste nahet er, - im Nahen -
Gewinnt sein Licht an Kraft, - an Ruhe auch.
Du Stern in meinem Geisteskreise, was -
Erstrahlt dein Nahen meiner Seelenschau?

(Es erscheint Astrid.)
ASTRID: Erkenne, was ich dir verleihen darf;
Dem Weltenkampf des Lichts mit Finsternissen
Entwand ich deines Denkens Kraft; ich bring'
Sie dir aus Weltenmitternachterwachen
In deine Erdenform getreu zurück.
MARIA: Du, meine Astrid, warst bisher mir stets
Als leuchtend' Seelenschatten nur erschienen;
Was schafft dich mir zum hellen Geistesstern?
ASTRID: Die Blitz- und Donnerkraft erhielt ich dir,
Daß sie im Seelensein bewahrt dir blieb -
Und du sie wissend jetzt erschauen kannst, -
Erinnernd dir die Weltenmitternacht.
500
MARIA: Die Weltenmitternacht! - bevor die Hülle
Zu diesem Erdeleben mir das Selbst
Umschloß; - im Farbenlicht Saturns durchwacht!
Das Erdendenken hüllte mir bisher
Dies Geisterlebnis in die Seelentrübnis;
Es steigt empor zur Seelenhelle jetzt. —
ASTRID: Du sprachst im Weltenlichte selbst das Wort:
«O Zeitendauer, ich erflehe mir:
Ergieße dich in diese Seligkeit
Und laß den Führer, laß die andre Seele
Mit mir in dir jetzt friede voll verweilen.»
MARIA: Verweile du auch mir, o Augenblick,
Der mir dies Geistgeschehn als Kraft des Selbst
Erschaffen durfte. Rüste meine Seele,
Daß du mir nicht, dem Traume gleich, entschwindest.
Im Licht, das Weltenmitternacht erleuchtet,
Das Astrid mir aus Seelentrübnis schafft,
Vereint mein Ich sich jenem Selbst, das mich
Im Weltenwesen sich zum Dienst erschuf.
Doch wie erhalt' ich dich, du Augenblick,
Daß ich dich nicht verliere, wenn die Sinne
Um mich die Erdenhelle wieder fühlen?
Denn groß ist ihre Kraft; ertöten sie
Das Geistgeschaute, - ist es oft auch tot,
Wenn sich das Selbst im Geiste wiederfindet.

(Auf die letzten Worte hin erscheint, wie durch diese gerufen, Luna.)
LUNA: Bewahre dir, bevor das Sinnensein
501
LUNA: Dich wieder träumend macht, die Willenskraft,
Die dieser Augenblick dir schaffen durfte.
Gedenk' der Worte, die ich selber sprach,
Als du zur Weltenmitternacht mich sahst.
MARIA: Du, meine Luna, hast die Willenskraft
Mir aus der Weltenmitternacht hieher
Als Stütze in das Erdesein gebracht.
LUNA: Es folgte meinem Wort des Hüters Mahnung:
«Du wirst jetzt anders vor dir selber stehn;
In altrer Zeiten Bild dein Selbst erschauen.
Erkennen, wie zum Geisteshöhenflug
Die Schwingen auch im Seelensturz erstarken;
Es darf die Seele niemals stürzen wollen;
Doch muß sie Weisheit aus dem Sturze holen.»
MARIA: Wohin entführt mich deines Wortes Kraft?
Ein Geistesstern am Seelenufer dort! -
Er leuchtet, - nahet sich - als Geistgestalt;
Mit meinem Selbste - nahet er, - im Nahen
Gewinnt das Licht an Dichte. - Formen, die
Im Licht sich dunklen, wesenhaft sich gebend -!
Ein junger Myste, eine Opferflamme,
Des höchsten Opferweisen streng' Gebot,
Der Flamme Inhalt sinngemäß zu künden!

Der Mystenkreis, von Schrecken ganz verwirrt,
Ob jenes jungen Mysten Selbstbekenntnis!

(Der Hüter der Schwelle erscheint während der letzten Sätze.)
502
DER HÜTER: Im Geistgehör ergründe dir auch noch
Des höchsten Opferweisen streng' Gebot.
MARIA: «So lies, du Menschenseele, was die Flamme
Im Weltenwort als Innres dir verkündet.»
Wer sprach das Wort, das mir mein eignes Denken
Erinnernd aus den Seelenfluten trägt?

(Benedictus erscheint nach den ersten Sätzen.)
BENEDICTUS: Mit meinem Worte riefst du mich zu dir. -
Als ich dies Wort vor Zeiten dir gebot:
Es fand dich nicht zum Folger mir bereit.
Es ruhte dann im Schoß des Weltgeschehens;
Der Zeiten Länge hat ihm Kraft verliehn,
Die ihr aus deiner Seele Leben floß;
So wirkte dir's in spätem Erdeleben
In deinen Seelentiefen unbewußt.
Es ließ dich mich als Führer wiederfinden.
Es schafft sich jetzt bewußt gedankenhaft
In dir zum starken Lebensinhalt um.
« Was wir als mystisch Weihewerk vollbringen,
Bedeutung hat es doch nicht hier allein;
Es geht des Weltgeschehens Schicksalsstrom
Durch Wort und Tat des ernsten Opferdienstes.»
MARIA: Nicht du sprachst dieses Wort an jenem Orte;
Der Opferweise sprach's, der dir Gefährte
In jenem alten Mystenbunde war.
Daß dieses Bundes Ende Schicksalsmacht
In jener Zeit schon vorgesehn, war ihm
503
MARIA: Bekannt. - Des schönen Scheines Morgenröte
Erschaut' der Opferweise unbewußt,
Die über Hellas eine neue Sonne
Dem Geistesstrom der Erde vorverkündet'.
So unterdrückte er Gedankenmacht,
Die er in meine Seele lenken sollte.
Er diente als des Weltengeistes Werkzeug
Bei jenem Weihewerk, durch welches er
Des Weltgeschehens Strömung raunen hörte.
Er sprach ein Wort aus tiefstem Seelengrunde:
«Ich lerne sie fürwahr hier tief erkennen:
Die Einsamkeit am ernsten Geistesort.
Warum bin ich an diesem Ort allein?»
BENEDICTUS: In seiner Seele keimte so der Trieb
Nach Einsamkeit; es reifte dieser Keim
Im Zeitenschoß zur Seelenfrucht sich aus.
Capesius erlebt die Frucht als Myste;
Sie trieb ihn, Felix' Vorbild nachzufolgen.
MARIA: Doch jene Frau, die in des Tempels Näh'
Sich hielt; ich schaue sie in alter Zeit,
Doch dringt mein Blick in ihre Gegenwart
Noch nicht; wie find' ich sie, wenn Sinnensein
Mich wieder träumend macht?
DER HÜTER: Du wirst sie finden,
Wenn du im Seelenreich das Wesen schaust,
Das sie als Schatten unter Schatten ahnt.
Sie strebt nach ihm mit starker Seelenkraft.
Sie wird es aus dem Schattenreich erst lösen,
504
DER HÜTER: Wenn sie durch dich in ihrer Gegenwart
Ihr langvergangnes Erdensein erschaut.

(Der Hüter der Schwelle und Benedictus verschwinden.)
MARIA: Es schwebt als Seelenstern der ernste Hüter
Nach meinem Seelenufer leuchtend hin -;
Sein Leuchten breitet Ruhe weit im Weiten —;
Erhabenheit entstrahlet ihm; - sein Ernst
Durchkraftet mich im tiefsten Wesensgrunde;
Ich will in diese Ruhe untertauchen —;
Ich fühl' es vor, ich werde mich durch sie
Zum vollen Geisteswachen führen können.
Ich werde euch, ihr meine Seelenboten
Als Leuchtesterne mir im Sein erhalten —.
Dich, Astrid, will ich rufen, wenn Gedanken
Der Seelenhelle sich entwinden wollen. -
Und dich, o Luna, mög' mein Wort mir finden,
Wenn Willensmacht in Seelentiefen schläft. -

(Der Vorhang fällt, während Maria, Astrid und Luna noch im Zimmer sind.)



Zehntes Bild:

505 Dasselbe Zimmer wie im neunten Bilde. Zuerst JOHANNES allein, meditierend, zu ihm die ANDRE PHILIA; dann MARIA und der GEIST VON JOHANNES’ JUGEND; zuletzt LUCIFER, BENEDICTUS


Johannes: «Dies ist die Zeit, in welcher er sein Sein
Dem uralt heiligen Weisheitsdienste weiht -;
Vielleicht läßt Traumes Offenbarung mich
Im Ahnen geistig jetzt bei ihm verweilen.»
So sprach in alter Zeit in Tempelnähe
Die Frau, die ich im Geistesbilde schaue,
Und ihrer denkend, fühl' ich mich erkraftet.
Was wirkt mir dieses Bild? Was hält an ihm
Im Schauen mich wie festgebannt? Fürwahr,
Nicht Anteil ist's, der aus dem Bilde selbst
Sich mir erzwingt; denn trat' es mir als Bild
Im Sinnensein vors Auge, schien' es mir
Nicht inhaltvoll. Was spricht aus ihm zu mir?

(Wie von ferne die Stimme der «andren Philia».)
DIE ANDRE PHILIA: Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.
JOHANNES: Und wachendes Träumen
Enthüllet den Seelen
Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.
(Während Johannes diese Zeilen spricht,
kommt die «andre Philia» an ihn heran.)
506
JOHANNES: Wer bist du, rätselvoller Zaubergeist?
Du brachtest wahren Rat in meine Seele -
Und täuschtest' mich zugleich doch über dich.
DIE ANDRE PHILIA: Johannes, deines Wesens Zwiegestalt,
Du schufest sie aus dir. Als Schatten dich
Umwandeln, muß auch ich so lange noch,
Bis du den Schatten selbst erlösen wirst,
Dem deine Schuld verzaubert' Leben schafft.
JOHANNES: Zum dritten Male - sprichst du dieses Wort;
Ich will ihm folgen. - Weise mir den Weg.
DIE ANDRE PHILIA: Johannes, such' im Geisteslichte lebend,
Was dir in deinem Selbst erhalten ist.
Es wird dir Licht von seinem Lichte geben.
Du wirst in dir dann selbst erschauen können,
Wie du die Schuld im fernem Leben tilgst.
JOHANNES: Wie such' ich denn im Geisteslichte lebend,
Was mir in meinem Selbst erhalten ist?
DIE ANDRE PHILIA: Gib mir, was du dir denkend selber bist;
Verliere dich nur kurze Zeit in mir;
Doch so, daß du dir nicht ein andrer wirst.
JOHANNES: Wie soll ich dir mich geben, ohne dich
In deinem wahren Wesen erst zu schauen?
507
DIE ANDRE PHILIA: Ich bin in dir, bin deiner Seele Glied;
Die Kraft der Liebe bin ich selbst in dir;
Des Herzens Hoffnung, die in dir sich regt,
Die Früchte langvergangner Erdenleben,
Die dir in deinem Sein erhalten sind;
O schaue sie durch mich, - erfühle mich
Und schau' dich selbst durch meine Kraft in dir.
Ergründe dir des Bildes Wesen, das
Dein Schauen ohne Anteil dir erschuf.
(Die «andre Philia» verschwindet.)
JOHANNES: O rätselvoller Geist, erfühlen kann
Ich dich in mir; doch schau' ich dich nicht mehr.
Wo lebst du mir?

(Wie von ferne der Ruf der «andren Philia».)
DIE ANDRE PHILIA: Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.
JOHANNES: Verzaubertes Weben
Des eigenen Wesens.
Verzaubert Weben meines eignen Wesens,
Ergründe mir des Bildes Wesen, das
Mein Schauen ohne Anteil mir erschuf.

Wohin entführt mich dieses Wortes Kraft?
Ein Geistesstern am Seelenufer dort -
Er leuchtet, nähert sich - als Geistgestalt,
Wird nahend heller; - Formen bilden sich; -
Sie sind wie Wesenheiten lebend wirksam; -
Ein junger Myste, - eine Opferflamme,
508
JOHANNES: Des höchsten Opferweisen streng Gebot,
Der Flamme Inhalt sinngemäß zu künden. -

Den jungen Mysten sucht die Frau, die sich
Mein Schauen bildhaft ohne Anteil schuf.

(Maria erscheint als Gedankengestalt des Johannes.)
MARIA: Wer dachte deiner vor der Opferflamme?
Wer fühlte dich in Weiheortes Nähe?

Johannes, wenn du deinen Geistesschatten
Entreißen willst den Seelenzauberwelten,
So lebe Ziele, die aus ihm dir leuchten;
Die Spur, auf der du suchst, sie leitet dich;
Doch mußt du sie erst richtig wiederfinden.
Es weist sie dir die Frau in Tempelnähe,
Wenn sie in dir gedankenkräftig lebt.
Sie strebt, verzaubert unter Schattengeistern,
Dem andern Schatten zu, der jetzt durch dich
Den grausen Schatten schlimme Dienste leistet.
(Es erscheint der Geist von Johannes' Jugend.)
DER GEIST VON JOHANNES' JUGEND: Ich will dir künftig stets verbunden sein,
Wenn du die Kräfte liebend pflegen willst,
Die mir im Zeitenschoße treu bewahrt
Der junge Myste jener alten Zeit,
Den deine Seele einst am Tempel suchte.
Doch mußt du auch den Geist in Wahrheit schauen,
An dessen Seite ich dir jetzt erschienen.
MARIA: Maria, so wie du sie schauen wolltest,
509
MARIA: Ist sie in Welten nicht, wo Wahrheit leuchtet.
Mein heilig ernst Gelöbnis strahlet Kraft,
Die dir erhalten soll, was du errungen.
Du findest mich in hellen Lichtgefilden,
Wo Schönheit strahlend Lebenskräfte schafft;
In Weltengründen suche mich, wo Seelen
Das Gotterfühlen sich erkämpfen wollen
Durch Liebe, die im All das Selbst erschaut.

(Während Maria das letzte spricht, erscheint Lucifer.)
LUCIFER: So wirket Zwangsgewalten,
Erfühlet Elementengeister
Die Kräfte eures Meisters,
Und ebnet den Weg,
Daß aus dem Erdgebiet
Sich wenden kann
In Lucifers Bereich,
Was mein Wunsch ersehnt,
Was meinem Willen folgt.

(Benedictus erscheint.)
BENEDICTUS: Marias heilig ernst Gelöbnis wirket
In seiner Seele jetzt die Heil-Erstrahlung.
Er wird dich schätzen, doch dir nicht verfallen.
LUCIFER: Ich werde kämpfen.
BENEDICTUS: Und kämpfend Göttern dienen.

(Vorhang fällt.)



Elftes Bild:

510 Dasselbe Zimmer wie in den beiden vorigen Bildern. BENEDICTUS und STRADER treten in das Zimmer.


Strader: Ihr sprächet ernste und Maria auch
Sehr harte Worte, als ihr beide mir
Am Abgrund meines Lebens euch gezeigt.
BENEDICTUS: Ihr wißt, die Bilder sind nicht wesenhaft;
Der Inhalt ist's, der zu der Seele dringen
Und sich im Bilde offenbaren will.
STRADER: Doch hart war, was aus diesen Bildern sprach:
«Wo ist dein Licht? Du strahlest Finsternis.
Du schaffst ins Licht die wirre Finsternis.»
So sprach, als Bild Marias, doch der Geist.
BENEDICTUS: Da ihr euch auf der Bahn des Geistes
Um eine Stufe höher hobt, deshalb bezeugte \Der Geist, der euch zu sich empor geführt,
Was ihr vorher erreicht, als Finsternis.
Marias Bild hat dieser Geist gewählt,
Weil eure Seele ihn euch so gestaltet.
Mein lieber Strader, mächtig waltet jetzt
Der Geist in euch, er führt in raschem Fluge
Zu hohen Seelenstufen euch hinan.
STRADER: Und doch, es klingt ganz furchtbar meiner Seele:
511
STRADER: «Weil du zu feige bist, dein Licht zu strahlen.»
Auch dieses sprach der Geist in jenem Bilde.
BENEDICTUS: Es mußte euch der Geist doch feige nennen,
Weil eurer Seele wahrlich feige ist,
Was für gering're Seelen Tapferkeit.
Im Fortschritt wird, was früher mutig war,
Zur Feigheit, die zu überwinden ist.
STRADER: O, wie berühren diese Worte mich!
Romanus sprach mir jüngst von seinem Plane.
Ich sollte nicht mit euch vereint das Werk
Vollführen, sondern ohne eure Hilfe.
Er wäre dann bereit, Hilarius
Mit allem, was er habe, beizustehn. -
Auf meinen Einwand hin, daß ich das Werk
Von eurem Kreise niemals trennen werde,
Erklärte er, daß dann das weitre Mühen
Vergeblich sei. Romanus unterstützt
Den Widerstand, den Gottgetreus Gefährte
Dem Plane bietet, ohne den mein Leben
Mir wahrhaft völlig wertlos scheinen muß.
Ich sehe, da die beiden Männer mir
Das Tatenfeld entreißen, nichts vor mir
Als Leben, dem die Luft zum Leben fehlt.
Daß jetzt mein Geist nicht flügellahm sich zeige,
Bedarf ich jener Tapferkeit, von der
Ihr eben spracht. - Ob ich jedoch dazu
Mich stark genug auch zeigen werde, dies
Vermag ich nicht zu sagen, denn ich fühle,
Wie sich die Kraft, die ich entfesseln will,
Zugleich auch gegen mich verderblich wendet.
512
BENEDICTUS: Maria und Johannes sind im Schauen
Seit kurzem fortgeschritten; was sie noch
Vorher gehindert, von dem Mystenleben
Den Schritt ins Sinnensein zu tun, es ist
Nicht mehr vorhanden; Ziele werden sich
Im weitern Zeitverlauf für euch und sie
Gemeinsam finden. - Nicht als Führer, doch
Als Kräfteschöpfer gilt das Wort des Mysten:
Es wird geschehen, was geschehen muß.
Deshalb erwarten wir in Wachsamkeit,
In welcher Art der Geist die Zeichen weist.
STRADER: Zum Bilde schuf sich mir vor kurzer Zeit,
Was mir als Schicksalswink erscheinen muß.
Ich war in einem Schiff; am Steuer ihr;
Besorgen mußte ich das Ruderwerk; \Maria und Johannes fuhren wir
An ihre Wirkensstätte; da erschien
Ganz nah' an uns ein andres Schiff; in ihm
Romanus mit dem Freunde Gottgetreus.
Sie stellten sich uns feindlich gegenüber.
Ich kämpfe gegen sie; - im Kampfe trat
Dann Ahriman an ihrer Seite auf.
Noch schaut' ich mich im harten Kampf mit ihm,
Zur Seite trat mir helfend Theodora.
Dann schwand das Bild aus meinem Geisteskreis. -
Ich wagte vor Capesius und Felix
Einmal das Wort: Ertragen würd' ich leicht
Den Widerstand, der meinem Werke jetzt
Von außen droht; wenn auch an ihm mein Wollen
Zerschellte, - ich vermöchte mich zu halten. -
Ob jenes Bild mir jetzt bedeuten will,
513
STRADER: Daß äußrer Widerstand der Ausdruck ist
Für innren Kampf - für Kampf mit Ahriman?
Bin ich für diesen Kampf denn auch gerüstet?
BENEDICTUS: Mein Freund, ich kann in eurer Seele schauen,
Daß dieses Bild noch nicht euch voll gereift.
Ich fühle, ihr vermögt die Kraft zu stärken,
Die euch dies Bild vor Geistesaugen stellte. -
Empfinden kann ich jetzt, daß ihr für euch
Und auch für eure Freunde Kräfte schafft,
Wenn ihr die Stärkung recht erstreben wollt.
Erfühlen kann ich dies; doch wie es sich
Vollziehen wird, verbirgt sich meinem Schauen.

(Vorhang fällt.)



Zwölftes Bild:

514 Das Innere der Erde. Mächtige Kristallgebilde, durchbrochen von lavaartigen Durchflüssen; das Ganze matt leuchtend, zum Teil durchsichtig, zum Teil durchscheinend. Nach oben rote Flammen, die wie von der Decke nach unten zusammengepreßt werden. (AHRIMAN; später die SEELE DES FERDINAND REINECKE; zuletzt THEODORAS SEELE.)


Ahriman:
(zuerst allein):
Es fällt jetzt Wesenszeug von oben her,
Das ich mir nutzen muß. Dämonenstoff
Verrinnt im Formbezirk. - Ein Mensch erstrebt
Die Geistsubstanz, die er von mir erhalten,
Aus seinem Wesen gänzlich auszutilgen.
Ich könnt' bisher ihn leidlich inspirieren;
Doch jetzt ist er dem Mystenschwarm zu nah',
Der durch das Weisheitslicht des Benedictus
Das Wachen in der Weltenmitternacht
Ertrotzen konnte. Den hat Lucifer
Verwirkt; so daß Maria und Johannes
Aus seinem Lichtbezirk entrinnen konnten.
Ich muß mich jetzt an Strader kräftig halten.
Hab' ich erst ihn, so hol' ich auch die andern.
Johannes hat an meinem Schatten schon
Sich greulich abgestumpft; - der kennt mich gut.
Ich kann an ihn nicht ohne Strader kommen.
Und mit Maria ist es ebenso.
Doch Strader wird das Geistgewirr, das als
Natur den Menschen gilt, vielleicht noch nicht
Als meinen Geistestroß durchschauen können;
Und blindes Kraft- und Stoffgespinst vermuten,
Wo ich mit Geistverleugnung geistig schaffe.
Zwar haben ihm die andern viel geschwatzt
Von meiner Wesenheit und meinem Reich;
515
Ahriman: Doch halt' ich ihn noch nicht für ganz verloren.
Er wird vergessen, daß ihn Benedictus
Halbwissend her zu mir geschickt um ihm
Den Glauben auszutreiben, daß ich nur
Ein Hirngespinst in Menschenköpfen sei.
Nur brauch' ich Erdenhilfe, soll ich ihn
In mein Gebiet zur rechten Zeit entfuhren.
Ich will mir eine Seele jetzt berufen,
Die so gescheit sich dünkt, daß ich für sie
Nichts weiter bin als dummer Narrentrug.
Die dient mir zeitenweis', wenn ich sie nutz'. -

(Ahriman geht ab, kommt mit Ferdinand Reineckes Seele zurück;
diese ist der Gestalt nach eine Art Kopie von ihm;
beim Eintritt nimmt er der Person, welche die Seele darstellt,
eine Binde von den Augen.)
AHRIMAN: Den Erdverstand muß er am Tore lassen.
Er darf ja nicht verstehn, was er bei mir
Erfahren soll; denn redlich ist er noch;
Und nichts erstrebt' er mir, wenn er verstund',
Wozu ich jetzt ihn inspirieren will.
Er muß es später auch vergessen können.

Kennst du den Doktor Strader, der mir dient?
FERDINAND REINECKES SEELE: Der treibt sich auf dem Erdenstern herum;
Er will gelehrten Schnack ins Leben bau'n;
Den bläst doch jeder Lebenswind stets um.
Den Mystenprotzen hört er gierig zu;
In ihrem Dunst ist er schon halb erstickt.
Und jetzt will er den Gottgetreu umnebeln;
Der wird von seinem Freund im Zaum gehalten,
516
FERDINAND REINECKES SEELE: Weil ihm die Flunkertruppe sonst das Haus
Mit ihrem Geistgemunkel ganz verdirbt.
AHRIMAN: Mit solchem Schwätzen ist mir nicht gedient.
Ich brauch' den Strader jetzt. - Solang der Mann
An sich den vollen Glauben haben kann,
Wird's Benedictus viel zu leicht gelingen,
Den Menschen seine Weisheit beizubringen.
Der Freund des Gottgetreu könnt' Lucifer
Wohl dienen; ich jedoch muß anders streben. -
In Strader muß ich Benedictus schaden.
Hat der den Strader nicht, so wird er weiter
Mit seinen andern Schülern nichts vollbringen.
Zwar haben meine Gegner noch die Macht;
Nach Straders Tode werden sie ihn haben.
Kann ich jedoch die Seele jetzt auf Erden
An sich noch irre machen, so bewirkt
Mir dies, daß Benedictus ferner nicht
Den Mann als Vorspann für sich nutzen kann.
Nun hab' ich schon im Schicksalsbuch gelesen,
Daß Straders Lebenslauf bald abgelaufen.
Dies kann ja Benedictus nicht erschau'n.
Mein treuer Knecht, du bist fast überschlau,
Du glaubst, daß ich ein dummes Narrenbild.
Du räsonierst so gut, daß man dich hört.
So geh' zu Strader schon in nächster Zeit,
Erklär' ihm, daß sein Mechanismus schlecht;
Daß er nicht nur aus Zeit-Ungunst nicht hält,
Was er versprochen; daß er schlecht erdacht.
FERDINAND REINECKES SEELE: Ich bin dazu wohl präpariert. Gar lang'
Ist all mein Sinnen nur darauf gerichtet,
517
FERDINAND REINECKES SEELE: Wie ich dem Strader recht beweisen kann,
Daß er auf Irrtumswegen sich ergeht.
Wenn man solch' Zeug zunächst gedankenhaft
In vielen Nächten klug ersonnen hat,
Dann glaubt man leicht, der Mißerfolg lag' nicht
Am Denken selbst; er kam' von außen nur.
Mit Strader steht's doch jammervoll fürwahr;
Hätt' der sich ohne Mystennebel halten
Und klug Verstand und Sinn gebrauchen können,
Der Menschheit war' aus seinen hohen Gaben
Der größte Nutzen sicherlich erwachsen.
AHRIMAN: Du sollst dich jetzt mit Klugheit wohl bewaffnen.
Dein Werk soll sein, daß Strader an sich selbst
Nicht mehr den rechten Glauben finden mögt
Dann wird er auch an Benedictus künftig
Nicht mehr sich halten wollen; der ist dann
Auf sich und seine Gründe angewiesen.
Die aber sind den Menschen nicht genehm.
Sie werden auf der Erde um so mehr
Gehaßt, je wahrer sie sich zeigen können.
FERDINAND REINECKES SEELE: Mir geht der Sinn schon auf, wie ich dem Strader
Die Fehler seines Denkens demonstrier'.
Es hat sein Mechanismus einen Fehler,
Den kann er selber nicht bewußt sich machen.
Die Mystenfinsternis verhindert's ihm.
Ich werde ihm mit meiner Nüchternheit
Viel bess're Dienste wahrlich leisten können.
Ich wollte dies seit langen Zeiten schon;
Doch wüßt' ich nicht, wie ich es machen soll.
Ich fühle mich erst jetzt dazu erleuchtet.
518
FERDINAND REINECKES SEELE: Ich muß jetzt alles recht ins Auge fassen,
Was Strader von der Wahrheit überzeugt.

(Ahriman fuhrt Reineckes Seele hinaus und legt der Person,
welche die Seele darstellt, bevor sie sein Gebiet verläßt,
wieder die Binde um die Augen.)
AHRIMAN (allein): Der wird mir gute Dienste leisten können.
Das Mystenlicht auf Erden brennt mich sehr;
Ich muß dort weiterwirken, ohne daß
Die Mysten meine Werke offenbaren.

(Theodoras Seele erscheint.)
THEODORAS SEELE: Du magst an Strader dringen, doch bin ich
An seiner Seite; da er mich gefunden
Auf lichtem Seelenpfade, ist er mir
Vereint, ob er im Geistgebiet, ob er
Im Erdbereich das Leben fuhren muß.
AHRIMAN: Wenn sie ihn wirklich nicht verläßt, so lang
Er noch auf Erden weilt, wird mir der Kampf
Verloren sein; doch kann ich wohl noch hoffen,
Daß er zuletzt sie doch vergessen könnte.

(Vorhang fällt.)



Dreizehntes Bild:

519 Größeres Empfangszimmer im Hause des Hilarius. Beim Aufgehen des Vorhangs HILARIUS und ROMANUS miteinander im Gespräch; später CAPESIUS, FELIX BALDE, der SEKRETÄR; PHILIA.


Hilarius: Ich muß euch schmerzvoll sagen, lieber Freund,
Daß mich der Schicksalsknoten, der sich hier
In unserm Kreise formt, beinah' zerdrückt.
Worauf noch soll man bau'n, wenn alles wankt?
Des Benedictus Freunde sind durch euch
Von unsrem Ziele ferngehalten; Strader
Beschwert sich nun mit bittren Zweifelqualen. -
Ein Mann, der oft mit Klugheit und mit - Haß
Dem Mystenstreben sich entgegenstellte,
Hat ihm beweisen können, daß er sich
Mit seinem Mechanismus stark verirrt;
Daß dieser an sich selbst nicht möglich ist,
Nicht nur durch äußern Widerstand gehemmt. -
Mir hat das Leben keine Frucht gebracht;
Nach Taten sehnt' ich mich. - Gedanken, die
Sie reifen konnten, fehlten mir doch immer.
Die Seelenöde quälte mich recht herbe.
Nur meine Geistesschau erhielt mich stets.
Und doch, - sie konnte mich bei Strader täuschen.
ROMANUS: Oft fühlte ich, als ob sich mir ein Alp
Recht schmerzlich auf die Seele legen wollte,
Wenn eure Worte durch den Lauf der Dinge
Sich als ein schwerer Irrtum zeigen konnten,
Und so die Geistesschau als Trug erschien.
Der Alp ward mir zum innern Mystenmeister;
520
ROMANUS: Er hat in mir ein Fühlen losgelöst,
Das mir das Urteil jetzt erleuchten kann. —
Ihr habt der Geistesschau zu blind vertraut;
So kann sie euch als Irrtum da erscheinen,
Wo sie euch doch gewiß zum Wahren führte.
Bei Strader habt ihr recht geschaut, trotz allem,
Was jener überkluge Mann erwiesen.
HILARIUS: So wankt jetzt euer Glaube nicht; ihr hält
Die Meinung fest, die ihr von Strader hattet?
ROMANUS: Ich hab' sie mir aus Gründen doch gebildet,
Die nichts zu tun mit Straders Freunden haben,
Und sie bestehn, ob sich sein Mechanismus
Als richtig oder fehlerhaft erweist.
Hat er mit ihm sich auch getäuscht, nun wohl,
Es muß der Mensch durch Irrtum Wahrheit finden.
HILARIUS: Der Mißerfolg beirrt euch nicht, - euch, dem
Erfolge nur das Leben stets gebracht?
ROMANUS: Erfolge hat, wer Mißerfolg nicht fürchtet.
Man soll die Mystik doch nur sinngemäß
Für unsern Fall verstehn; und sie bezeugt
Recht klar, was man von Strader denken muß.
Der wird als Sieger sich bewähren können
Im Kampfe, der die Geistespforten öffnet;
Er wird am Wächter kühn vorüber schreiten,
Der vor des Geisterlandes Schwelle steht.
Ich hab' in meiner Seele wohl durchfühlt
Das Wort vom strengen Hüter an der Schwelle. -
521
ROMANUS: Ich ahne ihn an Straders Seite jetzt.
Ob er ihn schaut, ob er ihm unbewußt
Sich naht, ich kann es wahrlich nicht ergründen;
Doch Strader glaub' ich gut genug zu kennen.
Der wird sich mutvoll zu der Einsicht wenden,
Daß Selbsterkenntnis Schmerzen zeugen muß.
Es wird der Wille ihm Genosse werden,
Der mutig sich der Zukunft übergibt;
Und durch der Hoffnung Kräftequell gestärkt,
Erkenntnisschmerzen sich entgegenstellt.
HILARIUS: Habt Dank, mein Freund, für diese Mystenworte.
Ich habe sie schon oft gehört; jetzt erst
Erfühle ich, was sie geheim enthalten.
Der Welten Wege sind nur schwer ergründlich.
Und mir, mein lieber Freund, geziemt zu warten,
Bis mir der Geist die Richtung zeigen will,
Die meinem Schauen angemessen ist.

(Hilarius und Romanus gehen nach der rechten Seite ab.
Es treten von links ein Capesius und Felix Bälde;
der Sekretär führt sie in das Zimmer.)
SEKRETÄR: Ich meinte, Benedictus werde heute
Von seiner Reise wiederkommen, doch
Jetzt ist er noch nicht hier; ihr werdet ihn
Wohl treffen, wenn ihr morgen euch bemüht.
FELIX BÄLDE: So können wir Freund Gottgetreu wohl sprechen?
SEKRETÄR: Ich will ihm sagen, daß er kommen möge.
(Sekretär geht ab.)
522
FELIX BÄLDE: Was ihr erlebt, ist wahrlich tief bedeutsam.
Könnt ihr mir nicht Erzähltes wiederholen?
Man wertet diese Dinge doch nur richtig,
Wenn man sie ganz genau im Geist erfaßt.
CAPESIUS: Es war an diesem Morgen, als ich mich
Der Mystenstimmung nahe glauben konnte;
Die Sinne schwiegen; auch Erinn'rung schwieg.
Erwartend lebt ich nur dem Geistgeschehn.
Es kam zuerst, was mir schon gut bekannt.
Dann aber stand ganz deutlich Straders Seele
In meiner Geistesschau. Erst sprach er nicht;
Ich hatte Zeit, mein Wachen zu besinnen.
Doch bald vernahm ich auch sein Wort ganz klar.
«Entfernt euch nicht von wahrer Mystenstimmung»,
So klang es wie aus seinen Seelentiefen,
Dann sagte er, die Worte scharf betonend:
«Erstreben nichts; - nur friedsam ruhig sein;
Der Seele Innenwesen ganz Erwartung —:
Das ist die Mystenstimmung. - Sie erweckt
Sich selbst - ganz ungesucht im Lebensstrom,
Wenn sich die Menschenseele recht erkraftet, -
Wenn sie gedankenkräftig geistig sucht.
Die Stimmung kommt in stillen Stunden oft,
Doch auch im Tatensturm; sie will dann nur,
Daß nicht gedankenlos die Seele sich
Dem zarten Schau'n des Geistgeschehns entzieht.»
FELIX BÄLDE: Wie meiner eignen Worte Widerhall
Erklingt dies fast, - doch nicht im vollen Sinne
523
CAPESIUS: Wenn man es recht bedenkt, so könnte man
Den Gegensinn auch eurer Worte finden. -
Und vollends ist man dieser Deutung nah',
Wenn man erwägt, was er noch weiter sprach.
«Wer Mystenstimmung aber künstlich weckt,
Der führt sein Innres nur in sich hinein;
Er webt sich vor das Lichtesreich fürwahr
Des eignen Seelenwirkens Finsternis.
Wer durch die Mystik dieses suchen will,
Ertötet sich mit Mystenwahn das Schauen.»
FELIX BÄLDE: Nichts andres kann dies sein, als meine Worte,
Durch Straders Geistesart verkehrt, in euch
Als schlimmer Mystenirrtum widerklingend.
CAPESIUS: Auch waren Straders letzte Worte diese:
«Es kann der Mensch die Geisteswelt nicht finden,
Wenn er sie suchend sich erschließen will.
In jener Seele tönt die Wahrheit nicht,
Die nur durch viele Jahre Stimmung sucht.»

(Philia erscheint, nur für Capesius wahrnehmbar;
Felix Bälde zeigt durch seine Haltung, daß er das Folgende nicht erfaßt.)
PHILIA: Capesius, wenn bald du achten wirst,
Was ungesucht im Suchen sich dir weist,
Wird dich der vielen Farben Licht erkraften;
Es wird dich bilderwesenhaft durchdringen,
Weil dir's die Seelenkräfte offenbaren.
Was deines Selbstes Sonnenwesen strahlt,
524
PHILIA: Wird dir Saturns gereifte Weisheit dämpfen.
Es wird sich deinem Schauen dann enthüllen,
Was du als Erdenmensch begreifen kannst.
Ich werde dich dann selbst zum Hüter führen,
Der an des Geistes Schwelle Wache hält. -
ELIX BÄLDE: Es tönen Worte aus mir fremden Kreisen.
Ein leuchtend Sein erzeugt ihr Tönen nicht,
So sind sie mir nicht völlig wesenhaft.
CAPESIUS: Die Weisung, welche Philia mir gibt,
Sie soll mich führen, daß in Zukunft mir
Im Geiste auch sich offenbaren mag,
Was ich begreiflich schon als Erdenmensch
In meinem Lebenskreise finden kann.

(Vorhang fällt.)



Vierzehntes Bild:

525 Dasselbe Zimmer wie im vorigen Bilde. Im Beginne der Szene die FRAU DES HILARIUS im Gespräch mit dem BÜROCHEF.


Frau Hilarius: Als ob das Schicksal selbst die Tat nicht wünschte,
Die meinem Gatten doch notwendig dünkt,
So scheint es fast, - bedenkt man, wie verworren
Die Fäden sind, die diese Macht zum Knoten
Des Lebens spann, der uns hier fest umschließt.
BÜROCHEF: Zum Schicksalsknoten, der dem Menschensinn
Zunächst unlösbar wahrlich scheinen kann. —

So wird er wohl zerschnitten werden müssen. -

Ich sehe keine andre Möglichkeit,
Als daß der Schnitt sich zwischen ihres Gatten
Und meinem Lebenskreise jetzt ergibt. —
FRAU HILARIUS: Von euch sich trennen, - niemals wird's mein Gatte,
Dem Geist des Hauses widerspräche dies,
Der noch vom teuren Vater sich bewahrt,
Und dem der Sohn die Treue halten will.
BÜROCHEF: Ist diese Treue denn nicht schon gebrochen?
Die Ziele, die Hilarius sich setzt,
Sie liegen in der Richtung sicher nicht,
Die jener Geist für sich stets nehmen wollte.
526
FRAU HILARIUS: Es hängt jetzt meines Gatten Lebensglück
Von dieses Ziels Gelingen völlig ab.
Ich sah, wie seine Seele sich verwandelt',
Nachdem gedankenblitzeshaft es sich
In ihm erzeugt. - Das Leben brachte ihm
Nur trübe Seelenöde, die er sorgsam
Dem nächsten Freundeskreise selbst verbarg,
Die um so stärker ihm am Innern zehrte.
Er fand vorher sich nichtig, weil Gedanken
In seiner Seele nicht erkeimen wollten,
Die ihm des Lebens wert erscheinen konnten.
Als dann der Plan der Mystentätigkeit
Vor dieser Seele stand, ward er verjüngt;
Ein andrer Mensch, stets froh; - er fühlte sich
Mit diesem Ziele erst des Lebens würdig. —
Daß ihr euch ihm entgegenstellen könntet:
Es lag ihm fern, zu denken, bis er's sah.
Dann traf es ihn, wie kaum vorher ein Schlag
In seinem Leben ihn getroffen hat.
O wüßtet ihr, was er durch euch erleidet,
Ihr würdet sicher eure Härte mildern.
BÜROCHEF: Mich meiner Überzeugung widersetzen,
Mir schien's, als ob die Menschenwürde mir
Verloren ginge. - Strader an die Seite
Gestellt mich sehn, wird mir bedrückend sein;
Doch ich entschloß mich, diese Last zu tragen,
Weil sie Romanus stützt, den ich versteh',
Seit er von Strader mir gesprochen hat.
Was er mir sagen konnte, ist für mich
Der Anfang meiner eignen Geistesschulung.
Aus seinen Worten flammte eine Kraft;
527
BÜROCHEF: Die ging in meine Seele wirksam über;
Ich hatte sie vorher noch nie gefühlt.
Gewichtig muß sein Rat mir sein, auch wenn
Ich ihm noch nicht verstehend folgen kann.
Romanus tritt allein für Strader ein;
Der andern Mysten Anteil an dem Werk
Erscheint ihm nicht nur diesem hinderlich;
Er hält ihn für die Mysten selbst gefährlich.
So viel ist mir Romanus' Meinung wert,
Daß ich jetzt glauben muß, wenn Strader nicht
Zur Tat sich findet ohne seine Freunde,
Dies ihm ein Schicksalszeichen werden müsse.
Es zeigt, daß er an dieser Freunde Seite
Verbleiben und aus seinem Mystenstreben
Erst später Triebe für die äußre Tat
Sich schaffen solle. Daß er diesen Freunden
In letzter Zeit viel näher steht als je,
Nachdem sie kurze Zeit ihm fremder waren,
Erzeugt in mir den Glauben, daß er sich
In seine Lage finden werde, selbst
Wenn er sein Ziel für jetzt verloren sähe.
FRAU HILARIUS: Ihr seht den Mann mit jenem Blicke nur,
Den euch Romanus hat erschließen können.
Ihr solltet unbefangen ihn betrachten.
Er kann dem Geistesleben sich ergeben,
Daß er der Erde ganz entrückt erscheint.
Dann ist der Geist ihm volle Gegenwart.
Ihm ist dann Theodora noch im Leben.
Man spricht mit ihm, als hätte man auch sie
Sich gegenüber. Viele Mysten können
Die Geistesbotschaft wohl in Worte prägen,
Die nachbedacht die Überzeugung schaffen;
528
FRAU HILARIUS: Was Strader spricht, es wirkt im Sprechen selbst.
Man sieht, daß er bloß innres Geist-Erleben,
Das sich im Fühlen schon befriedigt weiß,
Gering nur schätzt, daß er dem Forschertrieb
Als Myste stets die Führung übergibt.
Deshalb verwirrt er auch durch Mystik nicht
Den Sinn für Wissenschaft, die praktisch sich
Dem Leben dienstbar zeigt. - Versucht doch dies
An ihm zu sehn und lernt durch ihn dann auch,
Daß man sein Urteil über seine Freunde
Wird höher als das andre schätzen müssen,
Das sich Romanus hat erwerben können.
BÜROCHEF: Mir ist in dieser Lage, die ganz fern
Dem Kreise mir gewohnten Denkens liegt,
Romanus' Urteil wie der feste Boden,
Auf dem ich stehen kann. - Begeb' ich mich
In ein Bereich, das mich der Mystik nähert,
So brauch' ich wahrlich solcher Führung, die
Doch nur ein Mensch mir bieten kann, der mir
Vertrauen abgewinnt durch das, was ich
Von seinem Wesen voll verstehen kann.

{Der Sekretär tritt ein.)
BÜROCHEF: Ihr kommt verstört, mein Freund, was ist geschehn?
SEKRETÄR (zögernd): Es starb vor wenig Stunden Doktor Strader.
BÜROCHEF: Gestorben Strader?
529
FRAU HILARIUS: Strader tot! — Wo ist Hilarius?
SEKRETÄR: Er ist auf seinem Zimmer …
Wie wenn die Botschaft ihn gelähmt, die man
Ihm eben aus der Wohnung Straders brachte.

(Die Frau des Hilarius geht ab, der Sekretär folgt ihr.)
BÜRO CHEF (allein): Gestorben Strader! - Ist dies Wirklichkeit?

Berührt der Geistesschlaf mich schon, von dem
Ich viel gehört? - Ein ernstes Antlitz zeigt
Die Schicksalsmacht, die hier die Fäden lenkt.
O, meine kleine Seele, welche Kraft
Ergriff wohl deinen Schicksalsfaden jetzt,
Daß er an diesem Knoten Anteil hat?

Es wird geschehen, was geschehen muß!

Warum verließen diese Worte mich
Seit jener Stunde nicht, in der sie Strader
Vor Gottgetreu und mir gesprochen hat?
Wie wenn sie ihm aus andrer Welt gekommen,
So klangen sie; - wie geistentrückt gesprochen! -
Was sollte denn geschehn? - Ich fühle wohl,
Die Geisteswelt hat damals mich ergriffen.
In jenem Worte - klingt mir ihre Sprache -;
Sie klingt mir ernst; - wie lern' ich sie verstehn?

(Der Vorhang fällt.)



Fünfzehntes Bild:

530 Dasselbe Zimmer wie im vorigen Bild. Es sitzt da wartend die PFLEGERIN DES DOKTOR STRADER. Nachdem der Vorhang aufgegangen ist, tritt der SEKRETÄR in das Zimmer; später BENEDICTUS; AHRIMAN.


Sekretär: Es wird wohl Benedictus bald erscheinen,
Um eure Botschaft selbst euch abzunehmen. -
Er war verreist, soeben kam er an.
Er war ein großer Mann, der Doktor Strader.
Ich hatte anfangs keinen rechten Glauben
An Gottgetreus gewaltigen Arbeitsplan;
Doch da ich oft zugegen war, wenn Strader
Ihm zeigte, was dem Werke nötig ist,
Verlor mir jeder Einwand schnell an Kraft.
Stets geistvoll und mit stärkstem Sinn für alles,
Was möglich und auch zielessicher ist.
Dabei bestrebt, das letzte Ziel doch stets
Sich aus der Sache sinngemäß zu holen;
Nichts schon gedankenhaft vorauszusetzen.
Der Mann verhielt sich ganz nach Mystenart.
Wie Menschen, welche eines Fernblicks Schönheit
Von eines Berges Gipfel schauen wollen,
Die warten, bis sie oben angelangt,
Und sich nicht vorher schon ein Bild ersinnen.
PFLEGERIN: Ihr habt im Strom des Lebens einen Mann
Von großen Gaben und von starkem Geiste
Erkannt; ich habe in der kurzen Zeit,
In der ich ihm die letzten Erdendienste
531
PFLEGERIN: Erweisen durfte, seine hohe Seele
Bewundern können. Diese liebe Seele,
Die außer sieben Jahren seltnen Glücks
Stets einsam durch das Erdenleben ging.
Die Mysten boten ihm die Weisheit. Er
Bedurft' der Liebe -; seine Lust nach Taten,
Sie war doch Liebe, - die sich viele Formen
Im Leben schafft, um sich zu offenbaren.
Was diese Seele mystisch suchte, war
Dem edlen Feuer ihres Wesens nötig,
Wie Schlafesruh' dem Leib nach Schaffenszeiten,
SEKRETÄR: Ihm war die Mystenweisheit auch der Quell
Des Schaffens; - alles war bei ihm von ihr
Im schönsten Sinne doch stets ganz erfüllt.
PFLEGERIN: Weil er naturgemäß stets lieben mußte
Und mit der Seele allem sich vereinen,
Was ihm zum Lebensinhalt werden wollte.
Sein letztes Denken galt dem Werke noch,
Dem er in Liebe sich gewidmet hatte.
Wie Menschen sich von Wesen trennen, die
Sie lieben, so verließ die Seele Straders
Das Erdenwerk, dem ihre Liebe galt.
SEKRETÄR: Er lebte doch im Geiste wesenhaft,
Und Theodora stand wie lebend stets
Vor ihm -; so fühlen wahre Mystenseelen.
PFLEGERIN: Weil sie die Einsamkeit mit ihm verband.
532
PFLEGERIN: Sie stand im Tode noch vor ihm. - Von ihr
Zu seines Werks Vollendung abberufen
Nach Geisteswelten, so erschien er sich.
Für Benedictus schrieb er wenig Stunden,
Bevor er starb, die Worte, die ich jetzt
Dem Mystenführer überbringen will.

So muß das Leben unsrer Erdenzeit
Sich weiterführen, rätselvoll; - erhellt
Jedoch durch Sonnenmenschen seiner Art,
Von welchen andre nach Planetenweise
Das Licht empfangen, welches Leben weckt.

(Benedictus betritt das Zimmer; der Sekretär geht aus demselben.)
PFLEGERIN: Es schrieb die wenig Zeilen Strader noch,
Bevor die Kräfte ihm gering geworden.
Ich überbringe sie dem Mystenfreunde.
BENEDICTUS: Und als er diese Worte hingeschrieben,
Wo weilte seine Seele noch zuletzt?
PFLEGERIN: Erst lebte noch der letzte Lebensplan
In seinem Denken; dann war Theodora
Im Geist mit ihm vereint; erfühlend dies,
Entrang sich seine Seele sanft der Hülle.
BENEDICTUS: Hab' Dank, du treues Wesen, für den Dienst,
Den du ihm hast auf Erden noch geleistet.

(Die Pflegerin geht ab. Benedictus liest die letzten Worte Straders.)
533
BENEDICTUS: «Mein Freund, da ich zerschmettert fast mich sah,
Erkennend, daß der Widerstand nicht nur
Von außen meinem Schaffen sich erzeugt',
Daß innre Mängel sich im Grundgedanken
Der Arbeit hemmend in den Weg gestellt,
Da schaut' ich wieder jenes Bild, von dem
Ich euch vor kurzem sprach. Doch anders war
Des Bildes Ende dann. Nicht Ahriman
Erstand als Kämpfer mir; ein Geistesbote
Erschien an seiner Stelle, dess' Gestalt
Sich als mein eignes irrtumvolles Denken
Mir deutlich fühlbar gab. Da mußt' ich mich
Erinnern jener Worte, die ihr spracht
Von Stärkung meiner Seelenkräftemacht.
Doch dann verschwand sogleich der Geistesbote. -»
Noch wenig Worte folgen, - sie zu lesen
Vermag ich nicht - ein Chaos deckt sie mir,
Gedankenschleier wirksam webend, zu.
(Ahriman erscheint; Benedictus erblickt ihn.)
Wer bist du, der du dich aus meinem Chaos
Im Seelenkreise schattenhaft belebst?
AHRIMAN (für sich): Er schaut mich wohl, doch kennt er mich jetzt nicht.
So bringt er mir noch nicht den Schreckensschmerz,
Wenn ich an seiner Seite wirken will
(Zu Benedictus.)
Ich kann dir weiter künden, was dir Strader
Vertrauen will zu deinem eignen Heil
Und auch für deiner Schüler Mystenweg.
BENEDICTUS: Verbunden wird sich stets mein Mystenkreis
534
BENEDICTUS: Der Seele Straders wissen, wenn auch ferner
Das Sinnensem die Brücke nicht mehr bildet.
Doch will ein Geistesbote sich uns nahn,
Der sich aus seinen Welten offenbart,
So muß er erst Vertrauen sich erwerben. —
Er kann es nur, wenn er sich voll erkennbar
In unsrer Geistesschau bezeugen will.
AHRIMAN: Ihr strebt doch nur die Selbsterkenntnis an;
Dann müßte fremdes Geistessem, das euch
Sich dienstbar will erweisen, eurem Selbst
Als Teil sich erst ergeben, sollt' es nur
Erkennbar euch zur Seite stehen dürfen.
BENEDICTUS: Wer du auch sei'st, dem Guten dienst du nur,
Werin du in dir nicht selber streben willst,
Wenn du im Menschendenken dich verlierst
Und so im Weltenwerden neu erstehst.
AHRIMAN: Es ist jetzt Zeit, daß ich aus seinem Kreise
Mich schnellstens wende; denn sobald sein Schauen
Mich auch in meiner Wahrheit denken kann,
Erschafft sich mir in seinem Denken bald
Ein Teil der Kraft, die langsam mich vernichtet.
(Ahriman verschwindet,)
BENEDICTUS: Jetzt erst erkenn' ich Ahriman, der selbst
Von hier entflieht, doch seines Wesens Kunde
Gedankenhaft in meinem Selbst erschafft.
Er strebt das Menschendenken zu verwirren,
535
BENEDICTUS: Weil er in ihm die Quellen seiner Leiden
Durch einen altvererbten Irrtum sucht.
Er weiß noch nicht, daß ihm Erlösung nur
In Zukunft werden kann, wenn er sein Wesen
Im Spiegel dieses Denkens wiederfindet.
So zeigt er sich den Menschen wohl; doch nicht
Wie er in Wahrheit wesenhaft sich fühlt.
Sich offenbarend, doch sich auch verbergend,
Versuchte er des Augenblickes Gunst
Bei Strader jetzt in seiner Art zu nutzen.
Er wollt' in ihm auch dessen Freunde treffen;
Doch wird er Schülern meines Mystenwerkes
Sein Wesen künftig nicht verhüllen können. -
Sie sollen ihn in Wachsamkeit auch denken,
Wenn er in ihrem Schauen walten wird. —
Sie sollen seine vielen Formen deuten,
Die ihn verbergen wollen, wenn er sich
Den Menschenseelen offenbaren muß.
Du aber, Straders sonnenreife Seele,
Die du durch Stärkung deiner Geisteskräfte
Den Irrtumsboten zum Verschwinden zwangst,
Du wirst als Geistesstern den Freunden leuchten,
Du wirst Marias und Johannes' Sein
Mit deinem Licht in Zukunft stets durchdringen;
So werden sie durch dich noch stärker sich
Zu ihrem Geisteswerke rüsten können
Und sich als Seelenlichtes Offenbarer
Gedankenkräftig auch noch dann bezeugen,
Wenn über vollerwachtes Geistesschauen
Der finstre Ahriman, die Weisheit dämpfend,
Des Chaos Dunkelheit verbreiten will.

(Vorhang fällt.)




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