Ansprache bei der Kremation von Caroline Wilhelm
Basel, 27. Oktober 1920
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| 249 | Meine liebe Trauergemeinde! Nachdem das priesterliche Wort diese liebe Seele hinaufgeleitet hat in die geistigen Welten, in denen sie schon heimisch war während ihres irdischen Daseins, sei es mir gestattet, einiges anzufügen heraus aus dem Herzen derjenigen, mit denen sich unsere liebe Freundin, Frau Wilhelm, verbunden hat zu gemeinschaftlichem geistigen Streben, gemeinschaftlichem Arbeiten. Es entspricht dieses dem Herzenstriebe derjenigen, die mit der teueren Dahingegangenen das gemeinschaftliche Streben hatten, daß hier, wo sich ihre Seele von uns trennt, aber wir mit ihr vereinigt bleiben in des Geistes ewigen Reichen, daß hier sprach der Priester, der innerhalb unserer Geistesgemeinschaft steht, und daß auch von mir als dem Vertreter dieser Geistesgemeinschaft die Gedanken mit hinaufgeleitet werden, die entsprießen aus den Herzen und Seelen derjenigen, die mit unserer Freundin vereinigt waren. In den letzten Tagen, als diese Seele sich getrennt hatte von dem irdischen Leib, da stand das Bild der Teueren vor meiner Seele, und dasjenige, was aus diesem Bilde mir sprach, es sei gesprochen der enteilenden Seele:
Aus des Lebens Pflichtenkreis |
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Deinem Herzenstrieb erschien
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| 251 | Aber, meine liebe Trauergemeinde, an den einen Menschen tritt intensiver oftmals als an den andern heran die große Schicksalsfrage: Wie findet die Seele sich zurecht in diesem Dasein? - in diesem Dasein, das uns zunächst umgibt als die irdisch-physische Welt, in das hereinleuchtet für das Seelenauge dasjenige, was diese irdisch-physische Welt geistig durchdringen kann. Stark im Leben ist dasjenige, was an Freude, an Erhebendem, dieses Leben bieten kann. Der Mensch bleibt leicht innerhalb dieses physischen Lebens stecken. Dann treten die Schicksalsfragen aus den Vergnügungen, aus den Freuden, aus den Erhebungen des Lebens nicht mit aller Intensität entgegen! Die großen Schicksalsfragen, die großen Weltenrätsel, sie treten an den Menschen heran, wenn Schmerzen es sind, wenn Leid es ist, die den Menschen befallen. Derjenige, meine lieben Freunde, der sich angeeignet hat etwas wie Welterkenntnis, der wird aus seinen tiefsten Erfahrungen, aus seinen tiefsten Erlebnissen heraus niemals sprechen: Aus meinen Freuden, aus meinen Lebensvergnügungen heraus ist mir Erkenntnis geworden. - Der wird davon sprechen, daß gerade die Leiden und Schmerzen es sind, die aufsprießen als das Erkenntnislicht der Seele. Und die Leiden und Schmerzen, die hereindringen in das Leben, sie sind es, die stärker nach dem Ewigen hin zeigen als die Freuden. Und wenn unsere Freundin schon war - das zeigte ihr Suchen nach dem Geisteslichte - eine von jenen tieferen Seelen, die das eigene Licht vereinigen wollten mit dem Gotteslichte der Welt, so ist sie vertieft worden noch im Leben durch schweres Leid, durch Schmerzen. Liebe Trauergemeinde, insbesondere die nächsten Angehörigen, sie können versichert sein, daß diejenigen sie pflegenden Ärzte unserer Gesellschaft, die sie in ihrer Krankheit pflegen durften, gern, sehr gern dieses Leben noch länger hier auf der Erde erhalten hätten. Des Schicksals Stimme hat stark gesprochen, des Lebens Uhr war abgelaufen, und heute können wir uns nur denjenigen Trost geben, der aus geistigen Höhen von geistigem Lichte kommt, der uns aber sagt: Wenn abgelegt ist dieses irdische Kleid, wenn übergeht dieser physische Leib, dann ist derjenige, den wir lieb gewonnen haben, der uns teuer geworden ist, nicht von uns gegangen. Die Gedanken, die |
| 252 | ihn lieb gehabt haben, die Gedanken, die sich im gemeinschaftlichen Streben mit ihm vereinigt haben, die Gedanken finden ihn wieder. Und diejenigen, die unsere liebe Freundin, Frau Wilhelm, lieb gehabt haben, sie werden beflügelt von dieser Liebe ihre Gedanken in ewigen Gefilden zu ihr immer wiederum und wiederum hinaufsenden. Und dasjenige, was der irdische Tod von einander getrennt hat, das wird das Leben in den ewigen Geistesgefilden, in lichten Geisteshöhen vereinigen, denn so fest war das Band, das hier gebunden worden ist zwischen unserer Heben Freundin und denjenigen Freunden, die in unserer Gemeinschaft Vereinigung gefunden haben, daß dieses Band gewiß nicht zerrissen werden kann. Auch diejenigen, die ihr fern gestanden haben, sie werden ihre Gedanken mit dem Streben, das unserer lieben Freundin in der Zukunft als Geist und Seele eigen sein wird, vereinigen. Wer sich bewußt geworden ist des Zusammenhanges in der Ewigkeit, für den gibt es in Wirklichkeit keine Trennung. Sehet hin, meine Lieben, auf die starke Zuversicht, welche lebte in dieser Freundin, Frau Wilhelm, aus dem geistigen Bewußtsein ihrer Seele heraus, das sie gesucht hat durch die Vereinigung mit unserem Geistesstreben. Wir wissen es, wie lieb es ihr war, immer wiederum und wiederum herauszukommen nach Dornach, wie lieb ihr die Stätte geworden ist, wie lieb ihr alles einzelne gewesen ist, was sie da vernommen hat. Wir wissen aber auch, wie dasjenige, was sie da vernommen und erlebt hat, sie zusammengebracht hat mit dem Gotteslichte, das sie gesucht hat. Ich selber gedenke, wie rührend es war, wie sie auf ihrem Krankenlager die durch ihr Fenster hereinscheinende Sonne angesprochen hat in ihrem scheinenden Lichte als den äußeren Ausdruck des die Welt durchdringenden Göttlichen. So hat sie in allem Physischen das Göttliche gesucht. Sie glaubte den Geist, mit dem sie sich vereinigen wollte, nur finden zu können, wenn sie in ihrer Seele aufleben lassen konnte die echte, starke Christus-Kraft. Und deshalb ist sie hinausgegangen zu uns, um durch das Erleben draußen, durch dasjenige, was da draußen vorging, diese Seele innerlich erstarken zu lassen, damit sie fühlen konnte das paulinische Wort: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Und sie |
| 253 | fühlte, wie diese Christus-Kraft in ihrer Seele einzog. Sie fühlte dasjenige, dessen sich der Mensch bewußt sein kann, als seines Ursprunges, sie fühlte das Göttliche dieses menschlichen Ursprunges durchdrungen von der Christus-Kraft. Sie wußte, daß so wahr es ist, daß der Mensch herausgeboren ist aus Geistestiefen durch die Kraft des göttlichen Vaters, daß der Mensch getragen werden muß durch Leben und Tod durch die Kraft des Christus. Ihr leuchtete entgegen in den schwersten Leidensstunden das Bild, das sie bekommen hat von dem Leiden des Christus auf Golgatha, der das Siegende ist über allem Tod. So besiegte sie in ihrem eigenen Inneren unter den schwersten Leiden und Qualen den Tod. Sie empfand das Christus-Licht in ihrem Inneren. Das war es, was sie aufrecht erhielt unter dem schweren Druck des Leidens, durch das sie geprüft worden ist. Denn das war es, was ihr immer wieder und wiederum sagte dieses ChristusLicht: Möge der Mensch durch noch so viele Tode gehen, mögen eindringen in dieses Leben noch so viele Leiden, noch so viele Finsternisse, es gibt ein Wiederaufleben im Geiste aus allen Toden, aus allen Finsternissen, aus allen Leiden. Und aus allen Leiden werden Prüfungen der Seele und aus allen Prüfungen der Seele wird dann erst jenes große Licht, das den Menschen erwartet und ihm zustrebt. So, meine lieben Leidtragenden, haben wir sie gekannt, unsere Freundin. Nicht wollen wir sprechen von dem allzusehr, was sie draußen finden konnte. Denn daß sie finden konnte, was ihre Seele suchte, dafür ward ihr Leben selber das lebendige Zeugnis. Aber davon wollen wir noch sprechen, daß, wenn sie hinausgekommen war, ihr eigenes Auftreten das lebendige Zeugnis war für etwas, was aus ihr sprach, ohne daß sie sich dessen bewußt war, was aber jeden Menschen berührte, der die teure Freundin kennen lernte: Sie ist eine gute Frau. - Sie ist eine Frau, die man lieben konnte bis in die Tiefe ihrer Seele hinein. Das konnte sich derjenige sagen, der sie draußen sah, wenn sie noch suchte dieses Geisteslicht. Bis in die letzten Zeiten hinein, in denen sie noch den Weg hinaus machen konnte. Sie hat es ja gesucht. Und aus der Art und Weise, wie sie es aufgenommen hat, aus der Art, wie sie aus ihren Augen empor geblickt hat, um das innere Licht mit dem äußeren zu vereinigen, |
| 254 | sprach aus ihr: Eine gute liebe Frau. - Und sie wird weiter geliebt werden von denjenigen, die sie kennen gelernt haben, und aus der Wärme dieser Liebe wird ersprießen jenes Licht, das leuchten wird, wenn wir unsere Gedanken zu ihr hinaufsenden in der Gewißheit, mit ihr vereinigt zu sein, auch wenn die Seele getrennt ist von diesem physischen Dasein. So sei Dir, liebe Freundin, noch einmal das Bild nachgesprochen, das zu mir in diesen Tagen gesprochen hat, mich erinnernd desjenigen, was Du uns warst, was Du warst all denjenigen, die Dich kennen gelernt haben, was Du warst der Welt des Geistes, der Du treulich und in Liebe und in starkem Mute zugestrebt hast:
Aus des Lebens Pflichtenkreis |
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Sich der neuen Daseinsform
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