Zur Symptomatologie der neueren Zeit
ZWEITER VORTRAG, Dornach, 19. Oktober 1918
England und Frankreich. In letzterem auf nationaler Grundlage Erstarkung des Staatsgedankens. Höchster Glanz und zugleich Beginn des Abstiegs: Ludwig XIV. Französische Revolution: Emanzipation
der Persönlichkeit. Mißverstandene Parole «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» bewirkt Verwirrung. Französische Revolution: Seele ohne Leib; Napoleon: Leib ohne Seele. Freimaurertum holt Impulse
des ägyptisch-chaldäischen Zeitraums in die Bewußtseinsseele. Zwei Strömungen der neueren Geschichte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf der einen Seite; das Bestreben einzelner Individualitäten, die Entwicklung für ihre Zwecke zu benutzen auf der anderen. Der Sozialismus: drei charakteristische Elemente: Theorie des Klassenkampfs, volkswirtschaftliche Anschauung des Mehrwerts, materialistische Geschichtsauffassung. Der Sozialismus tendiert zum Internationalen. Neuzeitliches geschichtliches Symptom: Es werden Tatsachen geschaffen, die unlösbare Probleme stellen.
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geben und habe zuletzt wie hineingestellt in diesen Komplex von
Symptomen - den wir zunächst nicht schon so verfolgten, daß wir
überall auf dasjenige etwa geschaut hätten, was er offenbart, das werden wir auch noch tun, sondern den wir mehr im allgemeinen charakterisiert haben - die merkwürdige Erscheinung Jakob I. von England.
Er steht da zu Beginn des 17. Jahrhunderts als sogenannter Herrscher
in England eigentlich wie eine Art Rätselgestalt, ungefähr um die Mitte
desjenigen Zeitraumes, der verflossen ist vom Beginne des fünften
nachatlantischen Zeitraumes bis in das wichtige, Entscheidung bringende 19. Jahrhundert. Es wird hier noch nicht - das kann später geschehen - meine Aufgabe sein, über manches Geheimnis, das mit der
Persönlichkeit Jakob L verbunden ist, zu sprechen. Heute kann das
noch nicht meine Aufgabe sein, aber ich muß schon heute darauf hinweisen, wie merkwürdig, wiederum symptomatisch merkwürdig dieser
Jakob I. im Verlauf der neueren Geschichte drinnensteht. Man möchte
sagen: Ein Mensch, der wirklich nach allen Seiten so widerspruchsvoll
charakterisiert werden könnte, wie ich es gestern von zwei Seiten aus
versucht habe. Man kann das Beste und man kann das Übelste, je nachdem man es färbt, über ihn sagen.
Man kann vor allen Dingen aber von diesem Jakob I. sagen,
daß er auf dem Boden, auf dem er steht, und der sich herausentwickelt hat aus all den Verhältnissen, die ich Ihnen geschildert habe und auf dem sich besonders entwickelt ein Staatsgedanke,
der aus dem Nationalimpuls herausgewachsen ist, auf dem sich das entwickelt, was wir charakterisiert haben als liberalisierenden, wenigstens
dem Liberalisieren zuneigenden, zustrebenden Parlamentarismus, daß
auf diesem Boden Jakob I. erscheint wie eine entwurzelte Pflanze, wie
ein Wesen, das nicht so recht zusammenhängt mit diesem Boden.
Schauen wir aber etwas tiefer auf dasjenige, was diesen ganzen fünften
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nachatlantischen Zeitraum nach einer Seite hin charakterisiert, nach der
Seite der Geburt der Bewußtseinsseele, dann wird es schon in einer
gewissen Beziehung heller um diesen Jakob I. Dann sieht man, daß
er die Persönlichkeit ist, welche jenen radikalen Widerspruch darlebt,
der so leicht verbunden ist mit Persönlichkeiten aus der Zeit des Bewußtseinszeitalters. Nicht wahr, in dieser Zeit des Bewußtseinszeitalters, da verliert die Persönlichkeit denjenigen Wert, den sie früher
kraft der Instinkte gerade dadurch gehabt hat, daß sie eigentlich als
selbstbewußte Persönlichkeit nicht ausgebildet war. Die Persönlichkeit
lebte sich dar in früheren Zeitaltern, man möchte sagen, mit elementarer Kraft, mit einer vermenschlichten, verseelten - man wird mich
nicht mißverstehen, wenn ich das sage — tierischen Kraft. Instinktiv
lebte sich die Persönlichkeit dar, noch nicht herausgeboren aus dem
Gruppenseelentum, noch nicht ganz herausgeboren. Und jetzt sollte sie
sich emanzipieren, sollte sich auf sich selbst stellen. Dadurch ergibt sich
gerade für die Persönlichkeit ein ganz merkwürdiger Widerspruch. Auf
der einen Seite wird alles das, was früher da war für das individuellpersönliche Ausleben, abgestreift, die Instinkte werden hinabgelähmt,
und im Innern der Seele soll sich das Zentrum des Persönlichen allmählich gestalten. Die Seele soll vollinhaltliche Kraft gewinnen.
Daß ein Widerspruch vorhanden ist, Sie sehen es vor allen Dingen
an dem, was ich schon gestern sagte. Während man früher, in den
Zeitaltern, in denen die Persönlichkeit noch nicht geboren war als
selbstbewußte Persönlichkeit, der Kulturentwickelung ganz produktive Kräfte einverleibt hat, hört das jetzt auf. Die Seele wird
steril. Und dennoch stellt sie sich in den Mittelpunkt des Menschen,
denn darinnen besteht das Persönliche, daß die Seele sich auf sich selbst,
in den Mittelpunkt der Persönlichkeit der Menschenwesenheit stellt.
So daß solche überragenden Persönlichkeiten, wie sie dem Altertum
eigen waren, Augustus, Julius Cäsar, Perikles - wir könnten alle möglichen nennen — nicht mehr möglich werden. Gerade das Elementare
der Persönlichkeit verliert an Wert, und es taucht auf das, was sich
später demokratische Gesinnung nennt, die die Persönlichkeit nivelliert, die alles gleichmacht. Aber gerade in diesem Gleichmachen will
die Persönlichkeit erscheinen. Ein radikaler Widerspruch!
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Jeder steht durch sein Karma auf irgendeinem Posten. Nun, Jakob I.
stand gerade auf dem Posten des Herrschers. Gewiß, in der Zeit der
Perserkönige, in der Zeit der Mongolenkhane, selbst noch in dem Zeitalter, in dem der Papst dem magyarischen Istwan, Stephan L, die heilige Stephanskrone aufsetzte, bedeutete die Persönlichkeit etwas in
einer bestimmten Stellung drinnen, konnte sich auffassen als hineingehörig in diese Stellung. Jakob I. war in seiner Stellung, auch in seiner
Herrscherstellung drinnen wie ein Mensch, der in einem Gewände
drinnensteckt, von dem ihm aber auch gar nichts paßt. Man kann
sagen, Jakob I. war in jeder Beziehung in all dem, worinnen er drinnensteckte, eben wie ein Mensch in einem Gewände, das ganz und gar
nicht paßte. Er war als Kind calvinisch erzogen worden, war dann
später zur anglikanischen Kirche übergegangen, allein im Grunde genommen war ihm der Calvinismus ebenso gleichgültig wie die anglikanische Kirche. Im Innern seiner Seele war das alles Gewand, das ihm
nicht paßte. Er war berufen, im herannahenden Zeitalter des parlamentarischen Liberalismus, der sogar schon eine Zeitlang geherrscht hatte,
als Herrscher zu regieren. Er war sehr klug, sehr gescheit, wenn er mit
den Leuten sprach, aber niemand verstand eigentlich, was er wollte,
denn alle anderen wollten etwas anderes. Er war aus einer urkatholischen Familie heraus, der Familie der Stuarts. Aber als er auf den
Thron kam in England, da sahen die Katholiken am allermeisten, wie
sie eigentlich nichts von ihm zu erwarten hatten. Daraus entsprang ja
jener sonderbare Plan, der so merkwürdig in der Welt dasteht, 1605,
nicht wahr, wo sich eine ganze Anzahl von Leuten, die aus dem Katholizismus herausgewachsen waren, zusammentaten, möglichst viel Pulver unter dem Londoner Parlament ansammelten, und in einem geeigneten Augenblicke sollten sämtliche Parlamentsmitglieder in die
Luft gesprengt werden. Es war die bekannte Pulververschwörung. Die
Sache ist nur dadurch verhindert worden, daß ein Katholik, der davon
wußte, die Sache verraten hatte, sonst würde sich über diesem Jakob I.
das Schicksal abgespielt haben, daß er mit seinem ganzen Parlamente
eines Tages in die Luft geflogen wäre. In nichts paßte er hinein, denn
er war eine Persönlichkeit, und die Persönlichkeit hat etwas Singuläres,
etwas, was in der Isolierung gedacht, was auf sich selbst gestellt ist.
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Vei waltung Buch: 185 Seite: 37
Aber im Zeitalter der Persönlichkeit will jeder eine Persönlichkeit
sein. Das ist der radikale Widerspruch, der sich ergibt im Zeitalter
der Persönlichkeit, das müssen wir nicht vergessen. Im Zeitalter der
Persönlichkeit ist es nicht so, daß man zum Beispiel die Königs-Idee
oder die Papst-Idee ablehnt. Es ist ja nicht darum zu tun, daß kein
Papst oder kein König da sei. Nur möchte, wenn schon ein Papst
oder ein König da ist, jeder ein Papst und jeder König sein, dann
wären gleichzeitig Papsttum, Königtum und Demokratie erfüllt. Alle
diese Dinge fallen einem bei, wenn man diese merkwürdige Persönlichkeit Jakob I. eben symptomatisch ins Auge faßt, denn er war durch
und durch ein Mensch des neuen Zeitalters, aber damit auch mit allen
Widersprüchen der Persönlichkeit in das neue Zeitalter hineingestellt.
Und Unrecht hatten diejenigen, die ihn von der einen Seite charakterisierten, wie ich gestern mitteilte, und Unrecht hatten diejenigen, die
ihn von der anderen Seite charakterisierten, und Unrecht hatten seine
eigenen Bücher, die ihn charakterisierten, denn auch was er selber
schrieb, führt uns durchaus nicht in irgendeiner direkten Weise in
seine Seele hinein. So steht er, wenn man ihn nicht esoterisch betrachtet, wie ein großes Rätsel im Beginne des 17. Jahrhunderts gerade auf
einem Posten, der von einer gewissen Seite her am allerradikalsten das
Heraufkommen des neuzeitlichen Impulses zeigte.
Erinnern wir uns noch einmal an das gestern Gesagte: wie die Dinge
eigentlich im Westen Europas zustande gekommen sind. Ich habe gesprochen von der Differenzierung des englischen, des französischen
Wesens. Wir sehen diese Differenzierung seit dem 15. Jahrhundert.Der
Wendepunkt kommt mit dem Auftreten der Jungfrau von Orleans,
1429. Wir sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Wir sehen, wie in England die Emanzipation der Persönlichkeit Platz greift mit der Aspiration, die Persönlichkeit in die Welt hinauszutragen, wie in Frankreich die Emanzipation der Persönlichkeit Platz greift - auf beiden
Böden aus der nationalen Idee heraus entspringend - mit der Aspiration, möglichst das Innere des Menschen zu ergreifen und es auf
sich selbst zu stellen. Da drinnen steht zunächst, also im Beginne des
17. Jahrhunderts, eine Persönlichkeit, die wie der Repräsentant aller
Widersprüche des Persönlichen dasteht, Jakob I. Wenn man Symptome
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charakterisiert, muß man niemals pedantisch fertig werden wollen,
sondern immer einen unaufge,lösten Rest lassen, sonst kommt man
nicht weiter. So charakterisiere ich Ihnen Jakob L keineswegs so, daß
Sie ein schönes geschlossenes Bildchen haben, sondern so, daß Sie etwas
daran zu denken, vielleicht auch zu rätseln haben.
Es ist immer mehr und mehr hervortretend ein radikaler Unterschied
, zwischen dem englischen Wesen und dem französischen Wesen. Gerade
im französischen Wesen entwickelt sich aus den Wirren des Dreißigjährigen Krieges heraus auf nationalem Grunde dasjenige, was man
nennen kann die Erstarkung des Staatsgedankens. Man kann, wenn
man die Erstarkung des Staatsgedankens studieren will, dieses nur an
dem Beispiele - aber das Beispiel ist ziemlich singulär - der Entstehung, des Hinaufkommens zu hohem Glänze und des Herabsteigens
wiederum des französischen Nationalstaates tun, an Ludwig XIV. und
so weiter. Wir sehen, wie dann im Schöße dieses Nationalstaates die
Keime sich entwickeln zu jener weitergehenden Emanzipation der Persönlichkeit, die mit der Französischen Revolution gegeben ist.
Diese Französische Revolution, sie bringt herauf drei, man kann
sagen, allerberechtigtste Impulse des menschlichen Lebens: das Brüderliche, das Freiheitliche, das Gleiche. Aber ich habe es schon einmal bei
einer anderen Gelegenheit charakterisiert, wie widersprechend der
eigentlichen Menschheitsentwickelung innerhalb der Französischen Revolution diese Dreiheit auftrat: Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit.
Man kann, wenn man mit der menschlichen Entwickelung rechnet, von
diesen dreien, von Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, nicht sprechen, ohne daß man in irgendeiner Beziehung von den drei Gliedern
der Menschennatur spricht. In bezug auf das leibliche Zusammenleben
der Menschen muß die Menschheit allmählich gerade im Zeitalter der
Bewußtseinsseele aufsteigen zu einem brüderlichen Element. Es würde
einfach ein unsagbares Unglück und eine Zurückwerfung sein in der
Entwickelung, wenn am Ende des fünften nachatlantischen Zeitraumes,
des Zeitalters der Bewußtseinsseele, nicht wenigstens bis zu einem
hohen Grade unter den Menschen die Brüderlichkeit ausgebildet wäre.
Aber die Brüderlichkeit kann man nur richtig verstehen, wenn man sie
angewendet denkt auf das Zusammenleben von Menschenleib zu MenCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 18 5 Seite: 3 9
schenleib im physischen Sein. Steigt man aber herauf zum Seelischen,
dann kann die Rede sein von der Freiheit. Man wird immer im Irrtum
drinnen leben, wenn man glaubt, daß sich Freiheit irgendwie realisieren
läßt im äußeren leiblichen Zusammenleben; aber von Seele zu Seele
läßt sich Freiheit realisieren. Man darf nicht chaotisch den Menschen
als eine Mischmasch-Einheit auffassen und dann von Brüderlichkeit,
Freiheit und Gleichheit sprechen, sondern man muß wissen, daß der
Mensch gegliedert ist in Leib, Seele und Geist, und muß wissen: Zur
Freiheit kommen die Menschen nur, wenn sie in der Seele frei werden
wollen. Und gleich sein können die Menschen nur in bezug auf den
Geist. Der Geist, der uns spirituell ergreift, der ist für jeden derselbe.
Er wird angestrebt dadurch, daß der fünfte Zeitraum, die Bewußtseinsseele, nach dem Geistselbst strebt. Und mit Bezug auf diesen Geist,
nach dem da gestrebt wird, sind die Menschen gleich, geradeso wie,
eigentlich zusammenhängend mit dieser Gleichheit des Geistes, das
Volkssprichwort sagt: Im Tode sind alle Menschen gleich. - Aber wenn
man nicht verteilt auf diese drei differenzierten Seelenglieder Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, sondern sie mischmaschartig durcheinanderwirft und einfach sagt: Der Mensch soll brüderlich leben auf
der Erde, frei sein und gleich sein-, dann führt das nur zur Verwirrung.
Wie tritt uns daher, symptomatisch betrachtet, die Französische Revolution entgegen? Gerade symptomatisch betrachtet ist die Französische Revolution außerordentlich interessant. Sie stellt dar, gewissermaßen in Schlagworten zusammengedrängt und mischmaschartig auf
den ganzen Menschen undifferenziert angewendet, dasjenige, was mit
allen Mitteln geistiger Menschheitsentwickelung im Laufe des Zeitalters der Bewußtseinsseele, von 1413, also 2160 Jahre mehr, bis zum
Jahre 3573, allmählich entwickelt werden muß. Das ist die Aufgabe
dieses Zeitraumes, daß für die Leiber die Brüderlichkeit, für die Seelen
die Freiheit, für die Geister die Gleichheit erworben werden während
dieses Zeitraumes. Aber ohne diese Einsicht, tumultuarisch alles durcheinanderwerfend, tritt dieses innerste Seelische des fünften nachatlantischen Zeitraumes schlagwortartig in der Französischen Revolution
auf. Es steht unverstanden da die Seele des fünften nachatlantischen
Zeitraumes in diesen drei Worten und kann daher zunächst keinen
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äußeren sozialen Leib gewinnen, führt im Grunde genommen zu Verwirrung über Verwirrung. Es kann keinen äußeren sozialen Leib gewinnen, steht aber da wie die fordernde Seele, außerordentlich bedeutsam. Man möchte sagen: Alles Innere, was dieser fünfte nachatlantische
Zeitraum haben soll, steht unverstanden da und hat kein Äußeres.
Aber gerade da tritt etwas symptomatisch ungeheuer Bedeutsames auf.
Sehen Sie, so etwas, wo das, was über den ganzen nächsten Zeitraum ausgedehnt werden soll, am Anfange fast tumultuarisch zutage
tritt, so etwas entfernt sich sehr weit von der Gleichgewichtslage, in
welcher sich die Menschheit entwickeln soll, von den Kräften, die den
Menschen eingeboren sind dadurch, daß sie mit ihren ureigenen Hierarchien zusammenhängen. Der Waagebalken schlägt sehr stark einseitig aus. Luziferisch-ahrimanisch schlug durch die Französische Revolution der Waagebalken sehr stark nach der einen Seite aus, namentlich
nach der luziferischen Seite. Das erzeugt einen Gegenschlag. Man
spricht so, ich möchte sagen, schon mehr als bildlich, man spricht imaginativ, aber Sie müssen dabei die Worte nicht allzusehr pressen und
müssen vor allen Dingen nicht die Sache wortwörtlich nehmen: In dem,
was in der Französischen Revolution auftrat, ist gewissermaßen die
Seele des fünften nachatlantischen Zeitraums ohne den sozialen Körper,
ohne die Leiblichkeit. Es ist abstrakt, bloß seelenhaft, strebt nach Leiblichkeit; aber das soll erst geschehen im Verlauf von Jahrtausenden
selbst, vielen Jahrhunderten wenigstens. Doch weil die Waagschale der
Entwickelung so ausschlägt, ruft es einen Gegensatz hervor. Und was
erscheint? Ein Extrem nach der anderen Seite. In der Französischen
Revolution geht alles tumultuarisch zu, alles widerspricht dem Rhythmus der menschlichen Entwickelung. Indem es nach der anderen Seite
ausschlägt, tritt etwas ein, wo alles nun wiederum ganz - und zwar
jetzt nicht in der mittleren Gleichgewichtslage, sondern streng ahrimanisch-luziferisch - dem menschlichen Rhythmus entspricht, dem unpersönlichen Fordern der Persönlichkeit. In Napoleon stellt sich hinterher der Leib entgegen, der ganz nach dem Rhythmus der menschlichen
Persönlichkeit, aber jetzt mit dem Ausschlag nach der anderen Seite,
gebaut ist: sieben Jahre Vorbereitung - ich habe es schon einmal aufgezählt - für sein eigentliches Herrschertum, vierzehn Jahre Glanz,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 18 5 Seite: 41
Beunruhigung von Europa, Aufstieg, sieben Jahre Abstieg, wovon er
nur das erste Jahr dazu verwendet, Europa noch einmal zu beunruhigen, aber streng ablaufend im Rhythmus: einmal sieben plus zweimal
sieben plus einmal sieben, streng im Rhythmus von sieben zu sieben
Jahren ablaufend, viermal sieben Jahre im Rhythmus ablaufend.
Ich habe mir wirklich viel Mühe gegeben - manche wissen, wie ich
da oder dort darüber eine Andeutung gegeben habe -, die Seele Napoleons zu finden. Sie wissen, solche Seelenstudien können in der mannigfaltigsten Weise mit den Mitteln der Geistesforschung gemacht werden.
Sie erinnern sich, wie Novalis' Seele in früheren Verkörperungen gesucht worden ist. Ich habe mir redlich Mühe gegeben, Napoleons Seele,
zum Beispiel bei ihrer Weiterwanderung nach Napoleons Tod, irgendwie zu suchen - ich kann sie nicht finden, und ich glaube auch nicht,
daß ich sie je finden werde, denn sie ist wohl nicht da. Und das wird
wohl das Rätsel dieses Napoleon-Lebens sein, das abläuft wie eine
Uhr, sogar nach dem siebenjährigen Rhythmus, das auch am besten
verstanden werden kann, wenn man es als das volle Gegenteil eines
solchen Lebens wie Jakobs I. betrachtet, oder auch als das Gegenteil
der Abstraktion der Französischen Revolution: die Revolution ganz
Seele ohne Leib, Napoleon ganz Leib ohne Seele, aber ein Leib, der wie
zusammengebraut ist aus allen Widersprüchen des Zeitalters. Es verbirgt sich eines der größten Rätsel der neuzeitlichen Entwickelungssymptome, sagen wir, in dieser merkwürdigen Zusammenstellung Revolution und Napoleon. Es ist, als ob eine Seele sich verkörpern wollte
auf der Welt und körperlos erschien, und unter den Revolutionären
des 18. Jahrhunderts herumrumorte, aber keinen Körper finden konnte,
und nur äußerlich ihr ein Körper sich genähert hätte, der wiederum
keine Seele finden konnte: Napoleon. In solchen Dingen liegen mehr
als etwa bloß geistreich sein sollende Anspielungen oder Charakterisierungen, in solchen Dingen liegen bedeutsame Impulse des historischen
Werdens. Allerdings müssen die Dinge symptomatisch betrachtet werden. Hier unter Ihnen rede ich in den Formen der geisteswissenschaftlichen Forschung. Aber selbstverständlich, das, was ich jetzt zu Ihnen
gesprochen habe, kann man, indem man die Worte ein bißchen anders
wählt, überall sonst sagen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 185 Seite: 42
Und dann, wenn wir versuchen die Symptomgeschichte der neueren
Zeit weiter zu verfolgen, sehen wir, verhältnismäßig ruhig, wirklich
wie Glieder aufeinander folgend, das englische Wesen sich fortentwikkeln. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich das englische Wesen bis zum
Ende des 19. Jahrhunderts ziemlich gleichmäßig, ich möchte sagen, in
einer gewissen Ruhe das Ideal des Liberalismus geradezu ausprägend.
Es entwickelt sich das französische Wesen etwas tumultuarischer, so
daß man eigentlich, wenn man die Ereignisse der französischen Geschichte im 19. Jahrhundert verfolgt, nie recht weiß: wie kam eigentlich das Folgende dazu, sich an das Vorangehende anzureihen? - unmotiviert, möchte man sagen. Das ist der hauptsächlichste Grundzug
der Entwickelungsgeschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert: unmotiviert. Es ist kein Tadel - ich spreche ganz ohne Sympathie und Antipathie -, sondern nur eine Charakteristik.
Nun wird man niemals hineinsehen können in dieses ganze Symptomgewebe der neueren Geschichte, wenn man nicht den Blick darauf
wirft, wie eigentlich sich in all dem, was so mehr äußerlich - oder
auch seelisch innerlich, aber doch in einem gewissen Sinne äußerlich,
wie ich gestern erwähnt habe — sich abspielt, wiederum etwas anderes
wirkt. Das möchte ich Ihnen so charakterisieren. Man empfindet schon
in einer gewissen Weise, sogar bevor dieses fünfte nachatlantische
Zeitalter beginnt, das Herannahen dieses Zeitalters der Bewußtseinsseele. Wie in einem Vorausahnen empfinden es gewisse Naturen. Und
sie empfinden es eigentlich mit seinem Charakter, sie empfinden: Es
kommt das Zeitalter, in dem die Persönlichkeit sich emanzipieren soll,
das aber in einer gewissen Beziehung zunächst unproduktiv sein wird,
nichts selbst wird hervorbringen können, das mit Bezug gerade auf die
geistige Produktion, die ins soziale und geschichtliche Leben übergehen
soll, vom Althergebrachten wird leben müssen.
Das ist ja der tiefere Impuls für die Kreuzzüge, die dem Zeitalter
des Bewußtseinsmenschen vorangegangen sind. Warum streben die
Leute hinüber nach dem Oriente? Warum streben sie hinüber nach dem
heiligen Grabe? Weil sie nicht streben können und nicht streben wollen
nach einer neuen Mission, nach einer neuen ursprünglichen speziellen
Idee im Bewußtseinszeitalter. Sie streben danach, das Althergebrachte
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in seiner wahren Gestalt, in seiner wahren Substanz sogar, zu finden:
Hin nach Jerusalem, um das Alte zu finden und es auf eine andere
Weise in die Entwickelung hereinzustellen, als es Rom hereingestellt
hat. - Mit den Kreuzzügen ahnt man, daß heraufkommt das Zeitalter
der Bewußtseinsseele mit seiner Unproduktivität, die es zunächst entfaltet. Und im Zusammenhang mit den Kreuzzügen entsteht der Tempelherrenorden, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe, dem der
König Philipp der Schöne den Garaus gemacht hat. Und mit dem
Tempelherrenorden kommen nach Europa die Geheimnisse des orientalischen Wesens, und sie werden eingeimpft der europäischen Geisteskultur. Der König von Frankreich, Philipp - ich habe das im Laufe
der Zeit ja von einer anderen Seite her charakterisiert —, konnte zwar
die Tempelritter hinrichten lassen, konnte ihr Geld konfiszieren, aber
die Impulse der Tempelritter waren durch zahlreiche Kanäle in das
europäische Leben hineingeflossen und wirkten weiter fort, wirkten
fort durch zahlreiche okkulte Logen, die dann wiederum ins Exoterische hinausgingen, und die im wesentlichen so charakterisiert werden
können, daß man sagen kann, sie bildeten nach und nach die Opposition gegenüber Rom. Rom war auf der einen Seite, erst allein, dann
mit dem Jesuitismus verbunden, und dann stellte sich auf die andere
Seite alles dasjenige, was, mit dem christlichen Elemente tief zusammenhängend, Rom radikal fremd, in Opposition gegen Rom sich stellen
mußte, und auch von Rom als eine Opposition empfunden wurde und
empfunden wird.
Was war denn nun eigentlich der tiefere Impuls dieser Tatsache, daß
man gegenüber dem, was von Rom ausströmte, gegenüber diesem
suggestiven Universalimpuls, wie ich ihn gestern charakterisiert habe,
orientalisch-gnostische Lehren und Anschauungen, Symbole und Kulte
nahm, die man einimpfte dem europäischen Wesen? Betrachten wir einmal, was es ist, dann wird es uns auch auf den eigentlichen Impuls
führen können.
Die Bewußtseinsseele sollte herankommen. Rom wollte bewahren
gegenüber der Bewußtseinsseele - und bewahrt es bis heute - die suggestive Kultur, jene suggestive Kultur, welche geeignet ist, die Menschen
zurückzuhalten vom Übergehen zum Bewußtseinsseelenzustand, welche
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geeignet sein soll, die Menschen auf dem Standpunkte der Verstandesoder Gemütsseele zu halten. Das ist ja der eigentliche Kampf, den Rom
gegen den Fortgang der Welt führt, daß es beharren will, dieses Rom,
bei etwas, was für die Verstandes- oder Gemütsseele taugt, während
die Menschheit in ihrer Entwickelung fortschreiten will zur Bewußtsemsseele.
Aber auf der anderen Seite bringt sich die Menschheit mit dem Fortschritt in die Bewußtseinsseele wahrhaftig in eine recht unbehagliche
Lage, die für weitaus die meisten Menschen zunächst in den ersten
Jahrhunderten des Bewußtseinszeitalters und bis heute unbequem
empfunden wurde. Nicht wahr, der Mensch soll sich auf sich selbst
stellen, der Mensch soll als Persönlichkeit sich emanzipieren. Das verlangt von ihm das Zeitalter der Bewußtseinsseele. Er muß heraus aus
all den alten Stützen. Er kann sich nicht mehr bloß suggerieren lassen
dasjenige, an was er glauben soll, er soll selbsttätig teilnehmen an der
Erarbeitung dessen, was er glauben soll. Das empfand man, insbesondere als dieses Zeitalter der Bewußtseinsseele heraufstieg, als eine Gefahr für den Menschen. Instinktiv fühlte man: Der Mensch verliert
seinen alten Schwerpunkt; er soll einen neuen suchen. — Aber auf der
anderen Seite sagte man sich auch: Wenn man gar nichts tut, was sind
dann die Möglichkeiten des Geschehens? - Die eine Möglichkeit besteht
darinnen, daß man einfach den Menschen hinausfahren läßt auf das
offene Meer des Suchens nach der Bewußtseinsseele, ihn gewissermaßen
freigibt dem, was in den freien Impulsen des Fortschrittes liegt. Die
andere Möglichkeit, wenn der Mensch so hinaussegelt, ist die, daß
Rom dann eine große Bedeutung gewinnt, eine große Wirkung üben
kann, wenn es ihm gelingt, abzudämpfen das Streben nach der Bewußtseinsseele, um den Menschen zu erhalten beim Stehen in der Verstandes- oder Gemütsseele. Dann würde das erreicht werden, daß der
Mensch nicht aufsteigt zu der Bewußtseinsseele, daß der Mensch nicht
zum Geistselbst kommt, daß der Mensch seine zukünftige Entwickelung
verliert. Es wäre das nur eine von den Nuancen, durch welche die zukünftige Entwickelung verloren werden könnte.
Die dritte Möglichkeit ist die folgende: Man geht noch radikaler
vor, man versucht sein Streben ganz abzutöten, damit der Mensch
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nicht in diese pendelnde Schwingung kommt zwischen dem Streben
nach der Bewußtseinsseele und dem Streben, das ihm Rom auferlegt.
Damit der Mensch nicht in diese pendelnden Schwingungen kommt,
untergräbt man sein Streben vollständig, noch radikaler als Rom. Das
tut man dann, wenn man die fortschreitenden Impulse eben gerade der
Kraft des Fortschrittes entkleidet und das Alte wirken läßt. Vom
Oriente hatte man es mitgebracht, allerdings ursprünglich bei den
esoterisch eingeweihten Templern in einer anderen Absicht. Aber nachdem diesem Streben die Spitze abgebrochen war, nachdem der Tempelherrenorden zunächst so behandelt worden war, wie er eben von
Philipp dem Schönen, dem König von Frankreich, behandelt worden
ist, da war geblieben, was man so herübergebracht hatte aus Asien an
Kultur. Aber es war ihm zunächst die Spitze abgebrochen, in der Historik, nicht bei einzelnen Persönlichkeiten, aber in der historischen Welt.
Durch zahlreiche Kanäle, wie ich gesagt habe, war eingeträufelt das,
was die Templer herübergebracht haben, aber der eigentliche spirituelle Gehalt war ihm vielfach genommen worden. Und was war es
denn? Es war im wesentlichen der Inhalt der dritten nachatlantischen
Zeit. Die Katholizität brachte den Inhalt der vierten. Und dasjenige,
woraus der Geist ausgepreßt war wie der Saft aus einer Zitrone, was
sich fortpflanzte als exoterisches Freimaurertum, als schottische oder
Yorklogen oder wie immer, was namentlich ergriff der falsche Esoterismus der englischsprechenden Bevölkerung, das ist die ausgepreßte
Zitrone, die daher, nachdem sie ausgepreßt ist, die Geheimnisse des
dritten nachatlantischen, des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes enthält, und was nun angewendet wird, um Impulse hineinzusenden in das
Leben der Bewußtseinsseele.
Da entsteht sogar etwas, was wirklich wie im bösesten Sinne ähnlich
sieht dem Entwickelungsgange, der stattfinden soll. Denn erinnern Sie
sich nur an folgendes, das ich Ihnen einmal dargestellt habe. Ich habe
Ihnen gesprochen von der Entwickelung in den sieben Zeiträumen
(siehe Zeichnung). Hier zu Beginn haben wir die atlantische Katastrophe, dann den ersten nachatlantischen Zeitraum, den zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebenten. Die Entwickelung geschieht
so, daß der vierte für sich allein dasteht, gewissermaßen die Mitte
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bildet. Dasjenige, was charakteristisch war im dritten, erscheint wiederum, nur auf einer höheren Stufe, im fünften. Was im zweiten charakteristisch war, tritt wiederum auf einer höheren Stufe auf im sechsten.
Was im ersten, im urindischen Zeitraum charakteristisch war, erscheint
wiederum im siebenten. Solche Übergreifungen finden statt. Erinnern
Sie sich, wie ich gesagt habe, daß es einzelne Geister gibt, die sich bewußt sind dieses Übergreifens, wie in Kepler - als er versuchte, in
seiner Art im fünften nachatlantischen Zeitraum die Harmonien im
Kosmos durch seine drei Keplerschen Gesetze zu erklären, indem er
sagte: Ich bringe herbei die goldenen Gefäße der Ägypter und so weiter - das Bewußtsein auftaucht, daß wiederersteht im Menschen des
fünften nachatlantischen Zeitraumes dasjenige, was Inhalt des dritten
nachatlantischen Zeitraumes war. In gewissem Sinne schafft man also
etwas Ähnliches, wie es sich vollziehen will in der Welt, wenn man
den Esoterismus, die Kulte des ägyptisch-chaldäischen Zeitalters, herübernimmt. Aber man kann das, was man da herübernimmt, dazu
benützen, um jetzt nicht nur durch Suggestion der Bewußtseinsseele
die Selbständigkeit zu nehmen, sondern um die eigentlich treibende
Kraft der Bewußtseinsseele abzudämpfen, zu lähmen. Und das ist von
dieser Seite aus vielfach gelungen: einzuschläfern die Bewußtseinsseele,
die heraufkommen soll. Das ist von dieser Seite aus vielfach gelungen.
Rom — ich spreche jetzt bildlich - braucht den Weihrauch und schläCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 185 Seite: 47
fert die Leute halb ein, indem es ihnen Träume verursacht. Diejenige
Bewegung, die ich jetzt meine, die schläfert die Leute, das heißt die
Bewußtseinsseele, vollständig ein. Das sickerte auch in die Entwickelung der neueren Menschheit geschichtlich hinein. Und so haben Sie
auf der einen Seite dasjenige, was sich bildet, indem tumultuarisch
Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit auftreten, indem auf der anderen
Seite aber der Impuls da ist, der die Menschen im Laufe des fünften
nachatlantischen Zeitalters verhindert, das klar einzusehen, wie Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit die Menschen ergreifen sollen.
Denn das können sie nur klar einsehen, wenn sie die Bewußtseinsseele
zur rechten Selbsterkenntnis verwenden können, wenn sie aufwachen
in der Bewußtseinsseele. Wachen die Menschen auf in der Bewußtseinsseele, so fühlen sie sich zunächst im Leibe, in der Seele und im Geiste.
Das aber soll gerade eingeschläfert werden. So daß wir diese zwei
Strömungen in der neueren Geschichte drinnen haben: Auf der einen
Seite will man, nun der Impuls nach der Bewußtseinsseele da ist,
chaotisch Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit. Auf der anderen Seite
ist das Bestreben der verschiedensten Orden, auszulöschen das Aufwachen in der Bewußtseinsseele, damit einzelne Individualitäten dieses
Aufwachen in der Bewußtseinsseele für sich benützen können. Diese
zwei Strömungen gehen ineinander im ganzen Verlauf des geschichtlichen Lebens der Neuzeit.
Und nun bereitet sich etwas vor. Indem die neuere Zeit ins 18. Jahrhundert hineinstürmt und in den Anfang des 19. Jahrhunderts, bis
ungefähr in die Mitte des 19. Jahrhunderts, ist zunächst stark ein Anhub nach der Emanzipation der Persönlichkeit da, weil, wenn so viele
Strömungen da sind, wie ich Ihnen charakterisiert habe, sich die Sache
nicht sukzessiv bequem, sondern in Flut und Ebbe vollzieht. Und wir
sehen auf nationalem Grunde und aus den anderen Impulsen heraus,
die ich Ihnen für den Westen von Europa charakterisiert habe, wie
sich entwickelt das, was hin will zu der Emanzipation der Persönlichkeit, was aus der Nationalität heraus und ins Allgemein-Menschliche
hinein will. Nur kann es sich nicht ordentlich selbständig entwickeln,
weil immer die Gegenströmung ist von jenen Orden, die, insbesondere
in England, furchtbar das ganze öffentliche Leben infizieren, viel mehr
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 185 Seite: 48
als die äußere Welt irgend meint. Es kann sich nicht entwickeln. Und
so sehen wir, wie so merkwürdige Persönlichkeiten auftreten wie
Richard Cobden, wie John Bright, die auf der einen Seite wirklich
erfaßt sind von dem Impuls nach der Emanzipation der Persönlichkeit,
nach der Überwindung des Nationalen durch die Persönlichkeit über
die ganze Erde hin, die so weit kamen, daß sie an etwas tippten, was
politisch von größter Bedeutung sein könnte, wenn es sich einmal hineinwagen würde in die neuere geschichtliche Entwickelung, aber differenziert je nach den verschiedenen Gegenden, denn natürlich haben es
die Leute nur für ihre Gegend charakterisiert: das Prinzip der Nichtintervention in andere Angelegenheiten von Seiten des Inselreiches als
Grundprinzip eines Liberalismus. Es war etwas sehr Bedeutsames, aber
es wurde, kaum entstanden, ganz abgestumpft durch das andere Bestreben, das aus dem Impuls des dritten nachatlantischen Zeitraumes
heraus war. Und so sehen wir, wie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
von Westen her dasjenige entsteht, was man gewöhnlich Liberalismus
nennt, liberale Gesinnung - bald nennt man es freisinnig -, nun, so
wie es einem gerade gefällt. Sie wissen aber, ich meine diejenige Anschauung, die sich am deutlichsten auf politischem Gebiete ausgeprägt
hat im 18. Jahrhundert als politische Aufklärung, im 19. Jahrhundert
als ein gewisses politisches Streben, das man das liberale politische
Streben nannte, und das so allmählich versickerte und ausstarb im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.
Das, was gerade in den sechziger Jahren zum Beispiel überall noch
als liberales Element auftrat, trat ja allmählich im wirklichen Leben
ganz zurück. Dafür trat etwas anderes ein. Da nähern wir uns bedeutsamen Symptomen des neueren geschichtlichen Lebens. Was mußte nun
geschehen? Nicht wahr, eine Zeitlang war der Stoß der Bewußtseinsseele so, daß er eine Flut nach oben getrieben hat: die liberalisierende
Flut (s. Zeichng. S. 50, rot). Aber was so ausschlägt nach der einen Seite,
schlägt dann wiederum nach der anderen Seite aus (blau), so daß wir
auch ein Ausschlagen nach der anderen Seite haben. Das wird der
Gegenschlag des Liberalismus sein (Pfeil abwärts). Stellen wir uns nur
die Sache gut vor. Der Liberalismus entstand dadurch, daß sich die
Menschen, die ihn vertraten, innerlich, ich möchte sagen, so recht faßCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 185 Seite: 49
4 X f Z I %
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ten, so recht in die Hand nahmen und anstürmten gegen die Fangarme
der Erde, wie ich es Ihnen charakterisiert habe. Sie machten sich los,
ließen sich nicht kapern, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen
darf, waren einfach von allgemeinen menschlichen Ideen erfaßt. Aber
das andere war doch da, wirkte im Werden der neueren Zeit und
brachte allmählich diese sehr dünn vertretenen sogenannten liberalen
Ideen zu sich hinüber. Und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts
waren an dem politischen Himmel eigentlich die liberalen Ideen aussichtslos, denn diejenigen, die später noch liberale Ideen vertraten,
machen doch eigentlich mehr oder weniger den Eindruck von Invaliden
des politischen Denkens. Die liberalen Parteien der späteren Zeit waren
so mehr die Nachhumpler nur, denn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
machte sich immer mehr und mehr geltend die Frucht desjenigen, was
aus jenen Orden und Geheimgesellschaflen des Westens heraus kam:
die Einschläferung, Einlullung der Bewußtseinsseele als solcher. Dann
wirkt das Seelische und Geistige gar nicht mehr, dann wirkt zunächst
nur dasjenige, was in der äußeren sinnlich-physischen Welt da ist. Und
das trat auf in der neueren Zeit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
als der seiner selbst bewußte Sozialismus in allen möglichen Formen.
Dieser Sozialismus, der da auftrat, kann nur geistig durchdrungen
werden: mit Pseudogeist, mit der Maske des Geistes, mit der bloßen
Verstandeskultur, die das Tote nur erfassen kann, nicht. Und mit einer
solchen toten Wissenschaft hat zunächst Lassalle gerungen, aber Marx
und Engels haben sie ausgebildet, diese tote Wissenschaft. Und so bildete sich im Sozialismus, der als Theorie sich bestrebte, praktisch zu
werden und in der Praxis nichts Rechtes zusammenbrachte, weil er auf
dem Standpunkt der Theorie immer stehenblieb, eines der bedeutendCopyright Rudolf Steinet Nachlass-Vei waltung Buch: 18 5 Seite: 5 0
sten Symptome der neueren geschichtlichen Entwickelung der Menschheit heraus. Wir müssen schon einige charakteristische Dinge dieses
Sozialismus vor unsere Seele hinstellen.
Es sind ja drei Überzeugungen oder Uberzeugungsteile, besser gesagt, die den neuzeitlichen Sozialismus charakterisieren. Er fußt erstens
auf der materialistischen Geschichtsauffassung, zweitens auf der Anschauung von dem Mehrwert im Wirtschaftlichen, im volkswirtschaftlichen Zusammenhange, und drittens auf der Theorie der Klassenkämpfe. Das ist im wesentlichen dasjenige, was Millionen von Menschen heute als Überzeugung erfüllt über die Erde hin, was sich in
diesen drei Dingen zusammenfassen läßt: Theorie der Klassenkämpfe,
volkswirtschaftliche Anschauung von der Entstehung des Mehrwertes,
materialistische Geschichtstheorie.
Versuchen wir uns ganz klar zu machen, damit wir die Symptome,
die ich hier meine, gut verstehen als Unterbau für das, was wir
eben morgen darauf bauen wollen, erstens: Was ist materialistische
Geschichtsauffassung? - Materialistische Geschichtsauffassung meint:
Alles was geschieht im Laufe der Menschheitsentwickelung, geschieht
nur aus äußeren, rein materiellen Impulsen. Die Menschen müssen
essen, müssen trinken, die Menschen müssen das, was sie zu essen und
zu trinken brauchen, von da- und dorther holen. Sie müssen also miteinander handeln, sie müssen das erzeugen, was die Natur nicht selbst
erzeugt. Aber das ist dasjenige, was überhaupt menschliche Entwickelung erzeugt. Wenn in irgendeinem Zeitalter, sagen wir, ein Lessing
auftritt - ich will einen bekannten Namen wählen -, warum tritt Lessing auf, wie er im 18. Jahrhundert aufgetreten ist? Nun, seit dem
16. Jahrhundert, aber insbesondere auch im 18. Jahrhundert ist durch
die Einführung des mechanischen Webstuhls, der Spinnmaschine und
so weiter eine starke Scheidung entstanden - sie war im Entstehen -,
die sich da vorbereitet hat zwischen Bürgertum und dem nachrückenden Proletariat. Das Proletariat war noch kaum da, aber es war
gewissermaßen schon glimmend unter der Oberfläche des sozialen Daseins. Aber gegenüber den früheren Ständen war im Verlauf des wirtschaftlichen Lebens der Neuzeit der Bürgerstand erstarkt. Durch die
Art und Weise, wie man als Bürger lebt, so daß man den Arbeiter
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 18 5 Seite: 51
unter sich hat, daß man nicht mehr recht anerkennt die früheren
Stände, daß man es dazu gebracht hat, die Gütererzeugung, die Güterverarbeitung, die Güterverteilung so zu machen, wie es eben der Bürger macht, dadurch wird eine gewisse Denkweise allgemein, die nichts
anderes ist also ein ideologischer Oberbau für die Art, wie das Bürgertum Güter produziert, verarbeitet und verhandelt. Das bedingt, daß
man in einer gewissen Weise denkt. Derjenige, der nicht ein Bürger
ist, der noch ein Bauer ist, der von der Natur umgeben ist, mit der
Natur zusammenlebt, der denkt anders. Aber es ist nur eine Ideologie,
wie er denkt, denn das, worauf es ankommt, das ist die Art, wie er
Güter erzeugt, verarbeitet und verhandelt. Der Bürger denkt dadurch,
daß er in Städten zusammengepfropft ist, anders als der Bauer. Er
löst sich los von der Scholle, sieht nicht die Natur, daher ist der Zusammenhang für ihn abstrakt. Er wird ein Aufgeklärter, der so im
Allgemeinen, im Abstrakten von Gott denkt. Aber das ist alles die
Folge davon, daß er Güter erzeugt. - Ich spreche die Sache etwas kraß
aus, aber in einer gewissen Weise ist es so. — Dadurch, daß man in
einer gewissen Weise seit dem 16. Jahrhundert Güter verarbeitet und
verhandelt, hat sich ein Denken herausgebildet, das in einer besonderen Art bei Lessing zum Vorschein kommt. Lessing ist der Repräsentant des auf seiner Höhe stehenden Bürgertums, hinter dem das
Proletariat nachhinkt in seiner Entwickelung. - So ähnlich ist Herder,
Goethe und so weiter zu erklären. All das ist ein Oberbau; wirklich
ist für die elementare materialistische Auffassung nur dasjenige, was
aus der Gütererzeugung, Güterverarbeitung, aus dem Güterverhandeln kommt.
Das ist materialistische Geschichtsauffassung. Will man das Christentum erklären, so hat man zu erklären, wie in der Zeit, als unsere Zeitrechnung begonnen hat, die Handelsverhältnisse zwischen dem Orient
und dem Okzident andere geworden sind, man hat zu erklären, wie
die Ausbeutung der Sklaven, die Verhältnisse der Herren zu den Sklaven sich verwandelt haben, und dann daraus zu erklären, wie sich über
all diesem wirtschaftlichen Spiel ein ideologischer Oberbau entwickelt:
das ist das Christentum. Weil die Menschen zu einer anderen Notwendigkeit gekommen sind, das zu erzeugen, was sie essen und was
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vei waltung Buch:185 Seite: 52
sie zum Essen verhandeln sollen, als das früher der Fall war, deshalb
haben sie anders gedacht. Und weil ein radikalster wirtschaftlicher
Umschwung im Beginne unserer Zeitrechnung war, so trat auch jener
radikale Umschwung im ideologischen Oberbau ein, der sich als Christentum charakterisiert. - Das ist der erste Teil jener Überzeugungen,
die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Millionen und Millionen Herzen Bahn gebrochen haben.
Diejenigen, die im Bourgeoistum geblieben sind, haben eigentlich
keine Ahnung, wie tief, tief eingefressen in weitesten Kreisen diese
Anschauung ist. Gewiß, die Professoren, die von den Ideen der Geschichte sprechen, die von allerlei historischen Schatten sprechen, die
haben ein Publikum. Aber selbst unter den Professoren haben sich einzelne in der letzten Zeit zum Marxismus schon leise hingezogen gefühlt.
Aber unter den breiten Menschenmassen haben sie kein Publikum. Das
ist aber im Zeitalter der Bewußtseinsseele, und der Impuls der Bewußtseinsseele wirkt fort. Die Leute wachen auf, sofern man sie aufwachen
läßt. Man versucht, von der einen Seite sie einzuschläfern; von der
anderen Seite verlangen sie aber, ich möchte sagen, mitten im Schlafe,
wieder aufzuwachen. Da sie nichts anderes haben als die Hinlenkung
des Sinnes auf die rein materielle Welt, bilden sie sich die materialistische Geschichtswissenschaft aus. Und so entstanden jene eigentümlichen
Symptome: Einer der edelsten, liberalsten Geister, Schiller, wurde
lange gefeiert, wurde äußerlich ungemein bewundert. 1859 wurden zur
Jubelfeier seiner Geburt überall Denkmäler errichtet. In meiner Jugend lebte in Wien ein Mann, Heinrich Deinhardt hieß er, der bemühte
sich, in einer sehr schönen Schrift die Menschen einzuführen in wirkliche Ideengänge Schillers, in seine Ideengänge, die er niedergelegt hat
in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen. Die ganze
Auflage dieses Werkes ist eingestampft worden! Der Verfasser, dieser
Heinrich Deinhardt, hatte einmal das Malheur, daß er berührt wurde,
glaube ich, von einem vorüberfahrenden Wagen - kurz, er fiel um auf
der Straße, brach sich das Bein, und konnte nicht kuriert werden - obwohl es ein leichter Beinbruch war -, weil er so unterernährt war, daß
man ihn nicht gesundmachen konnte. Er konnte das nicht überstehen.
Das ist nur ein Symptom für die Art und Weise, wie das 19. JahrhunCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 18 5 Seite: 5 3
dert jene behandelt hat, die nun wirklich Schiller haben verständlich
machen wollen, die die großen Ideen Schillers haben einführen wollen in
das allgemeine Zeitbewußtsein. Gewiß werden Sie sagen, oder werden
andere sagen: Gibt es denn nicht schöne Bestrebungen auf allen Gebieten? - Die gibt es schon, wir werden auch davon noch im Laufe der Zeit
sprechen, aber sie führen alle zum großen Teile in Sackgassen hinein.
Das ist das eine Glied der sozialistischen Überzeugung. Das zweite
ist die Theorie des Mehrwertes. Man kann sie kurz etwa in folgendem
charakterisieren, daß man sagt: Die neuere Produktionsweise hat es
dahin gebracht, daß derjenige, welcher verwendet werden muß, um
Güter zu erzeugen, um Güter zu verarbeiten, seine eigene Lebenskraft
zur Arbeitskraft machen muß, die dann ebenso eine Marktware wird
wie andere Marktwaren. Denn es entstehen zwei Klassen von Menschen: die Unternehmer und die Arbeiter. Die Unternehmer sind die
Kapitalisten, und die haben daher die Produktionsmittel. Sie haben
die Fabrik, sie haben die Werkzeuge, sie haben alles, was zu den Produktionsmitteln gehört. Das ist die eine Sorte von Menschen, die Arbeitgeber; sie haben die Produktionsmittel. Dann sind die Arbeiter da;
die haben keine Produktionsmittel, sondern nur das einzige auf den
Markt zu bringen: ihre Arbeitskraft. Dadurch, daß dieser Gegensatz
besteht zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter, daß dem Unternehmer, welcher der Besitzer der Produktionsmittel ist, der besitzlose Arbeiter gegenübersteht, der nur seine Arbeitskraft auf den Markt
bringen kann, dadurch ist es möglich, die Entschädigungen für die
Ware Arbeit - Ware Arbeit! - auf ein Minimum herabzudrücken, und
alles übrige fließt dem Besitzer der Produktionsmittel, das heißt dem
Unternehmer, als Mehrwert zu. Dadurch verteilt sich dasjenige, was
produziert wird für den Markt und für die Menschheit, also für den
Konsum, im ganzen so, daß der Arbeiter nur Entschädigungen bekommt, ein Minimum; das andere fließt als Mehrwert dem Unternehmertum zu. - Das ist marxistische Theorie. Und das ist die Überzeugung wiederum von Millionen Menschen. - Und dies ist lediglich
durch die ganz bestimmte wirtschaftliche Struktur herbeigeführt, welche
das soziale Leben der neueren Zeit angenommen hat. Das führt zuletzt
dazu, daß es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 18 5 Seite: 5 4
Es sind im wesentlichen diese Kategorien, mit denen, seit der Mitte
des 19. Jahrhunderts zunehmend, erst in kleinen Zirkeln, dann in Sekten, nun aber unter Millionen und Millionen Menschen, die Herzen
gewonnen werden für die Anschauung einer rein wirtschaftlichen
Struktur im sozialen Zusammenleben. Denn man kann sehr leicht zu
der Überzeugung sich aufschwingen, wenn man diese Anschauungen,
die ich Ihnen nur skizziere, weiterentwickelt, daß man sagt: Also ist
der Besitz der Produktionsmittel durch den einzelnen der Verderb der
sich entwickelnden Menschheit. Produktionsmittel müssen Gemeingut
werden. Alle, die arbeiten, müssen die Produktionsmittel zusammen
verwalten können. - Expropriation der Produktionsmittel ist das Ideal
des Arbeiterstandes geworden.
Dies ist sehr wichtig, daß man erstens nicht bei den eingerosteten,
eben keine Wirklichkeit treffenden Vorstellungen stehenbleibt, welche
viele Menschen noch haben, die dem Bürgertum angehörig geblieben
sind und sich so durchgeschlafen haben über die neuzeitliche Entwickelung. Denn, nicht wahr, sehr viele so im Bourgeoistum eingerostete
Menschen, die sich so durchgeschlafen haben durch das, was eigentlich
geschehen ist in den letzten Jahrzehnten, haben heute noch die Vorstellung: Ja, es gibt Sozialdemokraten und Kommunisten, die wollen
teilen, die wollen, daß alles gemeinschaftlich wird und so weiter. -
Diese Leute müßten eigentlich nun erstaunt sein, wenn sie hören, daß
eine sorgfältig ausgebaute, scharfsinnige Anschauung, wie es werden
soll und werden muß, unter Millionen und Millionen von Menschen
ist: die Theorie vom Mehrwert, der nur dadurch überwunden werden
kann, daß die Produktionsmittel Allgemeingut werden. Jeder, der
heute sozialistischer Agitator ist, oder auch nur einer, der nachläuft
dem sozialistischen Agitator, lacht natürlich den Angehörigen der Bourgeoisie aus, der ihm redet von Kommunismus und was alles die Sozialdemokraten wollen, denn der versteht, daß es sich um die Sozialisierung, das heißt um die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel
handelt. Denn den Verderb sieht der heutige Arbeiter in dem Besitz
der Produktionsmittel durch einzelne menschliche Individuen, weil
derjenige, der keine Produktionsmittel hat, ausgeliefert ist dem, der
die Produktionsmittel hat.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 185 Seite: 55
So ist im wesentlichen der soziale Kampf der neueren Zeit ein Kampf
um die Produktionsmittel, und Kampf muß sein, denn das ist die dritte
Überzeugung der Sozialdemokratie, daß sich alles, was sich entwickelt
hat, durch den Kampf entwickelt. Die Bourgeoisie ist heraufgekommen, indem sie den Adelsstand überwunden hat. Das Proletariat wird
heraufkommen und wird sich die Verwaltung über die Produktionsmittel erringen, indem es mit der Bourgeoisie es so macht, wie es die
Bourgeoisie mit dem alten Adelsstande gemacht hat. Alles ist Kampf
der Klassen. In der Überwindung der einen Klasse durch die andere
liegt der Fortschritt der Menschheit.
Diese dreifache Anschauung: erstens, daß dasjenige, was die Menschheit vorwärts bringt von Epoche zu Epoche, nur materielle Impulse
sind, alles andere nur ideologischer Oberbau ist, zweitens, daß der
eigentliche Verderb der Mehrwert ist, der nur überwunden werden
kann durch die gemeinsame Verwaltung der Produktionsmittel, und
drittens, daß eine Möglichkeit, die Produktionsmittel gemeinschaftlich
zu machen, nur die ist, die Bourgeoisie ebenso zu überwinden, wie die
Bourgeoisie den alten Adel überwunden hat - das ist es, was sich allmählich als die sogenannte sozialistische Bewegung über die zivilisierte
Welt verbreitet hat. Und man hatte dann als ein bedeutsames geschichtliches Symptom der allerjüngsten Jahre auch dieses, daß sowohl die
Mitglieder des gebliebenen Adels wie auch die Mitglieder der gebliebenen Bourgeoisie sich auf ihre Ruhebetten legten, höchstens Schlagworte aufnahmen wie vom Teilen und vom Kommunismus, nun,
diejenigen Schlagworte, über die manchmal ganz hinten in den Geschichtsbüchern so lange Anmerkungen stehen. Aber sehr selten steht
überhaupt etwas drinnen darüber! Das also wurde verschlafen, was
wirklich geschah. Und das entwickelte sich dann dahin, daß, außerordentlich schwierig, aber unter dem Zwang der Verhältnisse, unter
dem Einflüsse dieser letzten vier Jahre, einige Leute angefangen haben,
auf manches hinzuschauen. Es ist gar nicht auszudenken, wie unbekümmert die Leute weitergeschlafen hätten, wenn die letzten vier Jahre
nicht eingetreten wären, wie unbekümmert darum, daß mit jedem
Jahre neue Tausende und Tausende gewonnen wurden für diese sozialistischen Anschauungen, die ich Ihnen eben charakterisiert habe, und
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 185 Seite: 56
daß endlich die Leute auf dem Vulkan tanzen. Aber es ist unbequem,
sich zu gestehen, daß man auf einem Vulkan tanzt, und die Leute vermeiden es, sich klar zu machen, daß sie auf einem Vulkan tanzen. Aber
der Vulkan vermeidet es nicht, auszubrechen und diejenigen, die auf
ihm tanzen, zu verschütten.
Damit habe ich Ihnen wieder ein Symptom der neueren Geschichte
charakterisiert. Denn sie gehört zu den Symptomen der neueren Geschichte, diese sozialistische Überzeugung. Sie ist eine Tatsache, sie ist
nicht bloß irgendeine Theorie. Sie wirkt. Ich lege keinen Wert auf das
Feste der Lassalleschen oder der Marxistischen Theorie, aber natürlich
einen großen Wert auf das Vorhandensein von Millionen von Menschen, die zu ihrem Ideal erkoren haben, das zu tun, was sie doch erkennen können aus den drei Punkten, die ich angeführt habe. Das aber
ist etwas, was radikal entgegengesetzt ist dem Nationalen, das ich
Ihnen als eine gewisse Grundlage beim Ausgang der neueren Geschichte
gezeigt habe. Da hat sich aus dem Nationalen allerlei herausentwickelt.
Nun, was das Proletariat anstrebt, so wurde ja schon, als 1848 Karl
Marx zunächst das Programm dieses Proletariats veröffentlichte, das
im wesentlichen die Punkte enthielt, die ich jetzt angeführt habe, es
wurde da geschlossen mit dem Ruf: «Proletarier aller Länder, vereinigt
euch!» Und fast keine Versammlung über die ganze Erde hin unter
diesen Leuten wurde geschlossen, ohne daß sie geschlossen wurde mit
einem Hoch auf die internationale revolutionäre Sozialdemokratie,
auf die republikanische Sozialdemokratie. Das war ein internationales
Prinzip. Und so tritt neben die römische Internationale mit ihrer Universalidee die Internationale des Sozialismus. Das ist eine Tatsache,
denn diese so und so vielen Menschen sind eine Tatsache. Es ist wichtig,
daß man das ins Auge faßt.
Um morgen wenigstens vorläufig diese Symptomatologie der neueren
Zeit zu krönen, müssen wir schon scharf den Weg ins Auge fassen, der
uns gestatten wird, die Symptome zu verfolgen, bis sie uns einigermaßen zeigen: da können wir durchbrechen und in die Wirklichkeit
hineinschauen. Zu all diesem schufen andere Menschen daneben geradezu unlösbare Probleme - Sie müssen empfinden, wie die Dinge
verlaufen, wie die Dinge sich zuspitzen - unlösbare Probleme. Wir
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 18 5 Seite: 5 7
sehen, wie sich im 19. Jahrhundert verhältnismäßig ruhig die liberalisierende parlamentarische Richtung in England entwickelt; tumultuarisch, besser gesagt, unmotiviert in Frankreich. Je weiter wir nach
Osten gehen, desto mehr müssen wir sagen: Das Nationale wird hinübergetragen, hinübergeleitet, so wie ich das gestern schon erwähnt
habe. Aber dabei entstehen unlösbare historische Probleme. Und das
ist auch ein solches Symptom. Freilich, diejenigen Menschen, die nicht
nachdenken, die halten alles für lösbar, die glauben, man kann alles
losen.
Ein solches unlösbares Problem - ich meine jetzt nicht für den abstrakten Verstand, da ist es selbstverständlich lösbar, aber ich meine
Wirklichkeiten - wird geschaffen 1870/71 zwischen West-, Mittel- und
Osteuropa. Das ist das sogenannte Elsässische Problem. Selbstverständlich, die gescheiten Menschen, die können es lösen. Entweder erobert
der eine Staat oder der andere, besiegt den andern, dann hat er die
Sache gelöst, nicht wahr. Das hat man ja mit Bezug auf das Elsaß von
der einen oder von der anderen Seite lange versucht. Oder wenn man
das nicht will, stimmt man ab unter der Bevölkerung. Das geht sehr
leicht, die Majorität entscheidet. Nicht wahr, auf diese Weise geht es,
so sagen die gescheiten Menschen. Aber diejenigen, die in der Wirklichkeit stehen, die nicht bloß einen einzelnen Zeitpunkt sehen, sondern
die da sehen, wie die Zeit überhaupt ein realer Faktor ist, und wie
man nicht, was im Laufe der Zeit sich entwickeln muß, in einem kurzen
Zeitraum zur Entwickelung kommen lassen kann - kurz, die Menschen, die in der Wirklichkeit stehen, die wußten schon, daß dies ein
unlösbares Problem ist. Man lese nur, was die Menschen, die hineinzuschauen versuchten in den Gang der europäischen Entwickelung, über
dieses Problem in den siebziger Jahren dachten und schrieben und sagten. Vor ihren Augen, vor ihren Seelenaugen stand, wie durch das, was
da geschah, der Zukunft Europas sonderbare Vorbedingungen geschaffen wurden, wie der Drang entstehen wird im Westen, den ganzen
Osten aufzurufen. Dazumal gab es schon Leute, welche wußten: Das
slawische Problem wird in die Welt gesetzt dadurch, daß man im
Westen die Sache anders wird lösen wollen als in Mitteleuropa. - Ich
will nur hindeuten darauf, wie die Sache ist. Ich will hindeuten darauf,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 185 Seite: 58
daß es ein solches handgreifliches Symptom ist, wie ich Ihnen gestern
den Dreißigjährigen Krieg vorgeführt habe, um Ihnen zu zeigen, daß
man in der Geschichte nicht das Folgende als eine Wirkung des Vorhergehenden zeigen kann. Gerade der Dreißigjährige Krieg zeigt: Das,
womit es angefangen hat, was vor dem Ausbruch des Krieges war, das
ist genauso wie nach dessen Ende; aber mit dem, was dann entstanden
ist, hat es nicht angefangen. Von Ursache und Wirkung ist nicht die
Rede. Sie sehen da etwas Charakteristisches an diesem Symptom, ebenso an dem Elsässischen Problem. Für viele Fragen der neueren Zeit
könnte ich Ihnen das gleiche zeigen. Die Dinge werden aufgeworfen,
führen aber nicht zu einer Lösbarkeit, sondern zu einer Unlösbarkeit,
zu immer neuen Konflikten, führen in Sackgassen des Lebens. Das ist
wichtig, daß man das ins Auge faßt. Sie führen so in Sackgassen des
Lebens, daß man nicht einerlei Meinung sein kann in der Welt, daß der
eine eine andere Meinung haben muß als der andere, einfach wenn er
an einem anderen Orte von Europa steht. Und wiederum gehört das
zu charakteristischen Seiten neuzeitlicher Geschichtssymptome, daß die
Menschen es dazu bringen, sich Tatsachen zu schaffen, die unlösbare
Probleme sind.
Jetzt haben wir schon eine ganze Reihe von charakteristischen Dingen der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung: das Unproduktive,
das Heraufdämmern insbesondere solcher Gemeinschaftsideen, die kein
Produktives beanspruchen, wie die des nationalen Impulses und so weiter. Dazwischen doch das fortwährende Anstürmen der Bewußtseinsseele. Und jetzt das Charakteristische des Hineingehens in Sackgassen,
überall das Hineingehen in Sackgassen. Denn ein großer Teil dessen,
was heute verhandelt wird, was heute die Menschen unternehmen, ist
ein Sich-Bewegen in Sackgassen. Und ein weiteres Charakteristisches:
die Bestrebung, sich abzudämpfen das Bewußtsein für dasjenige, was
gerade als Bewußtsein entwickelt werden soll. Denn es gibt nichts Charakteristischeres als das Abdämpfen des Bewußtseins bei der heutigen
sogenannten gebildeten Schichte der Bevölkerung über die wahren Zustände in dem sogenannten Proletariat. Alles schläft nämlich gegenüber
den wahren Zuständen im Proletariat. Man sieht höchstens das Äußerliche. Die Hausfrauen schimpfen über die Dienstmädchen, daß sie nicht
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 18 5 Seite: 5 9
mehr dies und das tun wollen, haben keine Neigung, sich darum zu
bekümmern, daß heute nun nicht bloß die Fabrikarbeiter, sondern
auch schon die Dienstmädchen von marxistischer Theorie erfüllt sind.
Man redet allmählich von allem möglichen Allgemein-Menschlichen.
Das ist aber eine reine Rhetorik, wenn man sich nicht wirklich für den
einzelnen Menschen interessiert und um den einzelnen Menschen kümmert. Dann muß man aber wissen, was Wichtiges vorgeht in der
Menschheitsentwickelung, dann muß man sich wirklich einlassen auf
die Dinge.
Wahrhaftig nicht, um irgendeine soziale Theorie vorzutragen, sondern um Ihnen Symptome der neueren Geschichtsentwickelung darzustellen, habe ich neuerlich auch dieses eine Symptom des Sozialismus
vor Ihre Seele hinstellen müssen. Wir wollen morgen dann mit unseren
Betrachtungen weiterfahren, um das zu krönen und an einzelnen Stellen, ich mochte sagen, zur Wirklichkeit durchzubrechen. |