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319 Den zwölf Vorträgen dieses Bandes kommt im Gesamtwerk ein besonderer Stellenwert zu, insofern als Rudolf Steiner mit ihnen beginnen wollte, die wissenschaftliche Erkenntnis der physischen, der seelischen und der geistigen Natur des Menschen durch konkrete geisteswissenschaftliche Forschungsergebnisse zu erweitern. Er wollte seinen damaligen Zuhörern eine «ernste und würdige Fundamentierung unserer geistigen Strömung» (S. 15) geben. Eine Brücke sollte geschaffen werden, die einerseits hinaufführen kann «von der Welt, in der wir unmittelbar leben, zu den Welten, die von einem höheren Gesichtspunkte aus in der Theosophie betrachtet werden» (S. 109) und die andererseits dazu angelegt wurde, «eine Art Brücke zu bauen von der Geisteswissenschaft aus zu der heute üblichen Wissenschaft dieser Gebiete» (S. 217). Die Vorträge wurden in den Jahren 1909, 1910 und 1911 jeweils in Verbindung mit den letzten drei Generalversammlungen der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Berlin gehalten, bevor sich 1912/13 die anthroposophische Bewegung aus der Verbindung mit der Theosophischen Gesellschaft löste. Die drei Vortragskurse von jeweils vier Vorträgen wurden von Rudolf Steiner selbst als in sich zusammenhängendes Ganzes (S. 109 und 217) aufgebaut und durchgeführt, woraus sich ihre natürliche Vereinigung zu einem Band ergab.
Mit den vier Vorträgen über «Anthroposophie» im Jahre 1909 sollte der Grund gelegt werden für eine geisteswissenschaftliche Sinneslehre und eine Anschauung der menschlichen Gestalt. Die methodische Stellung der Anthroposophie zwischen Anthropologie und Theosophie wird skizziert und als ihr erster Inhalt dargestellt die physische Sinnesorganisation, die das Bewußtsein des Menschen mit der Welt wahrnehmend verbindet. Das erkenntnistheoretische Problem der Sinneswahrnehmung hatte Rudolf Steiner in seinen philosophischen Schriften und seinen Studien zur Naturwissenschaft Goethes gründlich untersucht und er hatte in früheren Vorträgen schon kurze Ausblicke auf die Welt der Sinne gegeben, jedoch kann die Darstellung in diesen Vorträgen als die erste umfassende Betrachtung einer geisteswissenschaftlichen Sinneslehre gelten. Später wurde sie noch öfter dargestellt, weiter entwickelt und differenziert. Mit der Sinneslehre sind einige der wichtigsten Entdeckungen Rudolf Steiners verbunden, wie seiner 1917 veröffentlichten Schrift «Von Seelenrätseln» entnommen werden kann. Dort wird im I. Teil bei der vergleichenden Darstellung von «Anthroposophie und Anthropologie» geschildert: «Indem die Anthroposophie fortschreitet von den Erlebnissen der außermenschlichen geistigen Welt bis zum Menschen, findet sie denselben zuletzt als im Sinnesleibe lebend, und in demselben das Bewußtsein von der sinnlichen Wirklichkeit entwickelnd.» Hier bei der Betrachtung des Sinneslebens begegnen sich anthropologische
320 Wissenschaft und anthroposophische Geisteswissenschaft: «Die Anthroposophie bringt bei diesem Zusammentreffen das Bild des lebendigen Geistesmenschen mit und zeigt, wie dieser durch das Sinnensein das zwischen Geburt und Tod bestehende Bewußtsein entwickelt, indem das übersinnliche Bewußtsein abgelähmt wird. Die Anthropologie zeigt bei dem Begegnen das Bild des im Bewußtsein sich selbst erfassenden Sinnesmenschen, der aber aufragend in das geistige Dasein in dem Wesen lebt, das über Geburt und Tod hinaus Hegt. Bei diesem Zusammentreffen ist eine wirklich fruchtbare Verständigung zwischen Anthroposophie und Anthropologie möglich.»
Mit den ein Jahr spater gehaltenen Vorträgen des Jahres 1910 über «Psychosophie» werden die Elemente des rein für sich betrachteten Seelenlebens geisteswissenschaftlich durchleuchtet und gegliedert. Es handelt sich um die Grundbegriffe einer realen Psychologie, die in enger Anlehnung und ganz selbständiger Weiterführung der Ergebnisse des philosophischen Seelenforschers Franz Brentano entwickelt werden. Über die in diesen Vorträgen dargestellte Erkenntnis von den zwei Zeitströmungen äußerte Rudolf Steiner kurz darauf in Berlin, 7. November 1910, in seinem Vortragszyklus «Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums», GA 124, daß die Brücke von den verschiedenen Wissenschaften zur Spiritualität in der Zukunft am leichtesten geschlagen werden könne auf dem Gebiete des Seelenwissens: «Dazu wird nur nötig sein, daß eingesehen wird, was den Schluß meiner <Psychosophie> bildete: daß der Strom des Seelenlebens nicht nur von der Vergangenheit in die Zukunft geht, daß wir zwei Zeitströmungen haben: das Ätherische, das in die Zukunft geht, während dasjenige, was wir als Astralisches dagegen haben, von der Zukunft in die Vergangenheit zurückfließt. Auf dem Erdenrund wird vielleicht heute niemand da sein, der so etwas finden wird, wenn er nicht einen spirituellen Impuls hat.»
Mit den im Jahr 1911 folgenden vier Vorträgen über «Pneumatosophie» werden die Betrachtungen des Vorjahres über das Seelenleben weitergeführt zu einer Geistlehre hin, deren Grundlage, weit in die Vergangenheit der abendländischen Wissenschaft zurückreichend, bei Aristoteles untersucht wird und deren zukünftiges Fundament die wissenschaftliche Begründung der Wiederverkörperung zu bilden habe. Und am Beispiel der Überwindungsmöglichkeit des Irrtums wird klarzulegen versucht, daß es schon für das gewöhnliche menschliche Bewußtsein, wenn es sich nur recht selbst versteht, einen Beweis für das Dasein des Geistes gibt.
1909 hatte Rudolf Steiner beabsichtigt, die in diesen Vortragskursen dargestellten Erkenntnisse schriftlich auszuarbeiten und buchmäßig zu veröffentlichen. Schon im ersten der Vorträge über «Anthroposophie» kündigte er an, daß so bald als möglich «ein kurzer Abriß dessen, was Anthroposophie ist» erscheinen solle. Tatsächlich korrigierte er im folgenden Jahr bereits die Druckbögen des weitgehend gesetzten Buches. Doch hielten sowohl bestimmte Forschungsprobleme wie der Zeitmangel durch die immer umfangreicher werdende internationale Vortragstätigkeit Rudolf Steiner von einer Veröffentlichung ab. Die unvollendete, nachgelassene Niederschrift
321 wurde unter dem Titel «Anthroposophie. Ein Fragment aus dem Jahre 1910», GA 45, in die Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe eingereiht und 1951 veröffentlicht. Gemäß einer Bemerkung in diesem Fragment «Anthroposophie» hatte Rudolf Steiner damals vor, dem ersten Buche auch eine Darstellung der «Psychosophie» und der «Pneumatosophie» folgen zu lassen, was ebenfalls nicht realisiert wurde. Doch enthält die 1917 während des Weltkrieges veröffentlichte Schrift «Von Seelenrätseln», GA 21, eine Reihe von schriftlichen Skizzen der entsprechenden Inhalte aus den Vorträgen und Fragmenten der Jahre 1909 bis 1911: die Bestimmung des Verhältnisses von Anthropologie und Anthroposophie, die Skizzierung der zwölf Sinne des Menschen, der Hinweis auf die Einheitlichkeit der Funktion von sensiblen und motorischen Nerven sowie eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Werk und der Psychologie Franz Brentanos. Dazu trat 1917 dann die als Ergebnis «einer dreißig Jahre währenden geisteswissenschaftlichen Forschung» dargestellte Anschauung von der Dreigliederung des physischen Organismus des Menschen entsprechend der seelischen Gliederung in Vorstellen, Fühlen und Wollen. Auch hier wiederum, bei der Niederschrift im Jahre 1917, standen Rudolf Steiner, wie er mehrfach angibt, nicht zur Ausführung gekommene längere Darlegungen vor Augen. Im IV. Teil der Schrift, Kapitel 5, «Über die wirkliche Grundlage der intentionalen Beziehung», heißt es dazu: «Diese Anschauungen verlangen allerdings, daß sie auch noch in ausführlicherer Gestalt - mit allen Begründungen - gegeben werden. Doch haben mir die Verhältnisse bisher nur möglich gemacht, manches Einschlägige in mündlichen Vorträgen vorzubringen. Was ich hier anführen kann, sind Ergebnisse in kurzer skizzenhafter Darstellung. Und ich bitte den Leser, sie vorläufig als solche aufzunehmen. Es handelt sich nicht um <Einfälle>, sondern um etwas, dessen Begründung mit den wissenschaftlichen Mitteln der Gegenwart von mir in jahrelanger Arbeit versucht worden ist.» Damit dürfte feststehen, daß die in den Vorträgen über «Anthroposophie», «Psychosophie» und «Pneumatosophie» gemachten Ausführungen wesentliche Marksteine eines Forschungsweges enthalten, die Rudolf Steiner wiederholt schriftlich niederlegen wollte und zu seinen zentralen wissenschaftlichen Entdeckungen zählte.

Zu den Textunterlagen: Die hier vorliegenden zwölf Vorträge wurden erstmals 1927 in der Zeitschrift «Die Drei» veröffentlicht. 1931 erfolgte durch Marie Steiner die erste, damit textidentische Buchausgabe. Zu den Textunterlagen heißt es in ihrem Vorwort: «Die hier gedruckten Vorträge über <Anthroposophie> sind mehr als andere in einer gewissen Kürzung wiedergegeben, denn ein Stenogramm war nicht vorhanden, nur eine gewöhnliche Nachschrift [von Dr. Paul Lindtner, Kassel]. Die zwei Vortragsreihen über <Psychosophie> und <Pneumatosophie> sind in ihrer Unmittelbarkeit wiedergegeben gemäß der stenographischen Nachschrift [von dem offiziellen Stenographen Walter Vegelahn, Berlin].» Für die 1965 erschienene von Hendrik Knobel und Johann Waeger
322 besorgte Ausgabe konnten sehr erhebliche Textverbesserungen vorgenommen werden, da seit den Erstdrucken 1927/31 dem Rudolf Steiner Archiv weitere Nachschriften zugekommen waren. Es handelte sich vor allem für die vier Vorträge über «Anthroposophie» um Nachschriften von Jakob Mühlethaler, damals Berlin, der relativ gut stenographieren konnte. Ferner auch - allerdings nur für den dritten und vierten der Vorträge «Anthroposophie» - von Walter Vegelahn. Warum es von diesem, der damals ein offiziell amtierender Stenograph Rudolf Steiners war, keine Nachschriften des ersten und zweiten Vortrages gibt, ist unbekannt.
Für die Ausgabe 2001 wurden die Texte mit allen vorliegenden Unterlagen erneut gründlich geprüft. Zur Verfügung standen folgende Unterlagen: Für die vier Vorträge über «Anthroposophie»: Nachschrift Paul Lindtner, Jakob Mühlethaler; Walter Vegelahn für den dritten und vierten Vortrag. Ferner mehr oder weniger stark gekürzte Privatmitschriften von verschiedenen Zuhörern (Alice Kinkel, Stuttgart; Berta Lehmann-Reebstein, Berlin; Julia Wernicke, Berlin; des weiteren um eine namentlich nicht gezeichnete Mitschrift, vielleicht von Mathilde Scholl, Köln). Dadurch war es möglich, gerade bei diesen vier Vorträgen nochmals Textverbesserungen vornehmen zu können.
Für die vier Vorträge über «Psychosophie»: Nachschrift Walter Vegelahn, zwei namentlich nicht gezeichnete Aufzeichnungen, wovon die eine vermutlich auf Mathilde Scholl zurückgeht, ferner handschriftliche Kurznotizen von unbekannter Hand. Für die vier Vorträge über «Pneumatosophie»: Nachschrift Walter Vegelahn, Mathilde Scholl, Otto oder Willi Daeglau entweder Otto D., Breslau, oder Willi D., Leipzig).

Zur Textqualität: Obwohl insgesamt Textverbesserungen, hauptsächlich für die vier Vortrage «Anthroposophie», vorgenommen werden konnten, bleibt in bezug auf die Textqualität aller zwölf Vorträge das Faktum zu berücksichtigen, daß keine Originalstenogramme vorliegen - auch nicht von Walter Vegelahn -, sondern nur die von den Mitschreibern besorgten Übertragungen in Klarschrift, die zumeist von ihnen schon leicht redigiert worden sind. Fehlerhaftes kann nicht ausgeschlossen werden. Stilistische Unebenheiten dürfen nicht Rudolf Steiner zur Last gelegt werden.

Zum Titel des Bandes: Die Titel der drei Vortragskurse sind die Originaltitel, unter denen Rudolf Steiner die Vortragskurse ankündigte und durchführte.

Zu den Korrekturen: Die meisten Korrekturen der Neuausgabe 2001 bestehen in Textverbesserungen und -ergänzungen aus den verschiedenen Nachschriften. Einige wesentliche Sinnkorrekturen und nicht berücksichtigte Varianten sind unten S. 339ff besonders nachgewiesen. Einfügungen in eckigen Klammern […] stammen von den Herausgebern.
323 Zu den Zeichnungen: Die von Rudolf Steiner während der Vorträge an der Wandtafel skizzierten Zeichnungen sind von den verschiedenen Mitschreibern im Prinzip wohl richtig, aber in bezug auf Anzahl und Form verschieden festgehalten worden. Beispielsweise handelt es sich im Vortrag vom 15. Dezember 1911 eindeutig nicht um mehrere, sondern um ein einziges Schema, das nur fortlaufend weiter ergänzt wurde, was für die Auflage 2001 berücksichtigt worden ist.

Zu den Notizbuchaufzeichnungen: Die im Anhang S. 31 lff wiedergegebenen Notizbuchaufzeichnungen sind zeitlich und inhaltlich unmittelbar den Vorträgen über «Anthroposophie» 1909 zuzuordnen. Aus dem Zusammenhang der Arbeit am Textfragment «Anthroposophie» 1910, GA 45, und aus späteren Jahren sind zahlreiche weitere Aufzeichnungen über die Sinne von Rudolf Steiners Hand in den Notizbüchern erhalten, die sich im Rudolf Steiner Archiv befinden. Ein Teil davon wurde von Hendrik Knobel publiziert in «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», 1965, Nr. 14 und 1971, Nr. 34 und 1977, Nr. 58/59. Neben der Neuausgabe des Textes «Anthroposophie» aus dem Jahre 1910 ist vorgesehen, sämtliche Zeichnungen und Aufzeichnungen Rudolf Steiners über die Sinneslehre in einem Ergänzungsband der Gesamtausgabe zu dokumentieren.

Zeitschriften-Veröffentlichung: In «Die Drei. Monatsschrift für Anthroposophie, Dreigliederung und Goetheanismus», hrsg. von Dr. Kurt Piper und Dr. Erich Schwebsch, 7. und 8. Jg., 1927 und 1928.



Hinweise zum Text

323 Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit der Bibliographie-Nr. angegeben. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.


13 Anthroposophie: Der Vortragskurs über «Anthroposophie» wurde in Verbindung mit der 8. Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gehalten, die am 24. Oktober in Berlin an der Geisbergstraße 2, der damaligen Stätte des Berliner Zweiges der theosophischen Arbeit, stattfand. Die Einladung ist auf S. 308 wiedergegeben. Der Inhalt der Vorträge liegt in schriftlicher Ausführung Rudolf Steiners vor in der unvollendeten Schrift «Anthroposophie. Ein Fragment», GA 45, die aus dem Nachlaß herausgegeben wurde, siehe dazu die Einleitung «Zu dieser Ausgabe» S. 320f. Rudolf Steiner entlehnte den Titel der Vorträge einem Buchtitel des Philosophen Robert Zimmermann, wobei er ihn schon 1902 einmal im Titel eines Vortragskurses gebraucht hatte, siehe dazu die Hinweise zu S. 15 und S. 21. Der Ausdruck <Anthroposophie>, analog zu <Theosophie> zusammengesetzt aus den griechischen Worten anthropos <Mensch> und sophia <Weisheit>, bedeutet etwa <Weisheit vom Menschen* bzw. «die Weisheit, die der Mensch spricht», wie es Rudolf Steiner im ersten Vortrag S. 18 formuliert. Er bezeichnet den methodischen Ausgangspunkt Rudolf Steiners beim menschlichen Bewußtsein, nicht bei göttlich-mystischer Offenbarung oder anthropologischen Verstandesbeobachtungen, siehe dazu die Ausführungen im ersten Vortrag. Titelgebung und Inhalt der Vorträge ist auch als bewußte Kennzeichnung der selbständigen Geistesrichtung Rudolf Steiners im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft zu verstehen, da gerade 1909 die Differenzen zur Strömung Annie Besants, die in den Folgejahren zur Trennung der nthroposophischen von der theosophischen Bewegung führen sollten, deutlich zunahmen, man aber noch nebeneinander lebte. Wie in den von Mathilde Scholl herausgegebenen «Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (Hauptquartier Adyar)», 1910, Nr. 10, berichtet wird, sagte Rudolf Steiner in der Eröffnungsrede zur Generalversammlung am 24. Oktober 1909 dazu etwa: «Besant und Steiner kommen also offenbar recht gut miteinander aus, wenn sie auch verschiedene Wege gehen. Es war eben notwendig, den alten Strom der theosophischen Bewegung mit einer neuen Strömung zu vereinigen, ihr von gewisser Seite her neues Lebensblut zuzuführen. Von irgendeinem leeren Harmoniegerede wird nichts Fruchtbares kommen.» Wie immer in diesen Jahren hielt Rudolf Steiner neben der Veranstaltung der Generalversammlung und dem Vortragskurs für Mitglieder über «Anthroposophie» in denselben Tagen auch noch öffentliche Vorträge im Berliner Architektenhaus und weitere Vorträge für Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft. Eine kleine chronologische Übersicht über das bedeutsame Jahr 1909 im Werdegang und Wirken Rudolf Steiners findet sich, zusammengestellt von Hella Wiesberger in «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», 1965, Nr. 14.
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15 unsere Tbeosopbische Gesellschaft: Rudolf Steiner leitete zu dieser Zeit als Generalsekretär die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft, aus der 1913 die Anthroposophische Gesellschaft hervorgehen sollte, siehe dazu auch die Vorbemerkung S. 9 und das Vorwort Marie Steiners S. 304ff. Die deutsche Sektion umfaßte zu diesem Zeitpunkt etwa 1500 Mitglieder in 44 Arbeitszweigen.

dem siebenjährigen Bestände unserer Deutschen Sektion: Im Oktober 1902 war sieben Jahre zuvor die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft mit Rudolf Steiner als Generalsekretär begründet worden.

Die Kasseler Vorträge: «Das Johannes-Evangelium im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem Lukas-Evangelium», 14 Vorträge Kassel 1909, GA 112.

die Düsseldorfer Vorträge: «Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt. Tierkreis, Planeten, Kosmos», 10 Vorträge Düsseldorf 1909, GA 110.

über das Lukas-Evangelium: «Das Lukas-Evangelium», 10 Vorträge Basel 1909, GA 114.

die Münchner über die Lehren der orientalischen Theosophie: «Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi», 9 Vorträge München 1909, GA 113.

in den Tagen unserer allerersten Generalversammlung: Es handelt sich um den zweiten großen Vortragszyklus, umfassend 27 Vorträge von Oktober 1902 bis April 1903, der in dem literarischen Kreis der Berliner Moderne «Die Kommenden» gehalten wurde unter dem Titel «Von Zarathustra bis Nietzsche. Entwicklungsgeschichte der Menschheit an der Hand der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie». Von diesen Vorträgen sind keine Nachschriften erhalten. Der dritte dieser Vorträge fand statt am Tage der Gründungsversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, am 20. Oktober 1902, weswegen Rudolf Steiner die Gründungsversammlung vorzeitig verließ.
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16 auch in meiner Schrift: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», GA 10, 1904/05 als Folge von Zeitschriftenaufsätzen veröffentlicht, erste Buchausgabe 1909. Grundlegende Schrift Rudolf Steiners über den anthroposophischen Erkenntnisweg.

ein kurzer Abriß: Die geplante Umsetzung der Vorträge über «Anthroposophie» in ein zur baldigen Veröffentlichung bestimmtes Buch zeigt die große Bedeutung, die Rudolf Steiner den in diesen Vorträgen behandelten anhalten beimaß. Zum Fragment gebliebenen Buch «Anthroposophie», GA 45, siehe die einleitenden Bemerkungen «Zu dieser Ausgabe», S. 320f. Als schriftliche Skizze veröffentlichte Rudolf Steiner jedoch 1917 eine Darstellung der zwölf Sinne des Menschen in dem Buch «Von Seelenrätseln», GA 21, siehe dort IV. Teil, Kap. 5: «Über die wirkliche Grundlage der intentionalen Beziehung». Zu beachten ist, daß Rudolf Steiner seine Forschungen über die Sinne 1909/10 noch in einer Anordnung von zehn Sinnen behandelte, während er seine Forschungsergebnisse zur Sinneslehre von 1916 an immer in einer Gesamtzahl von zwölf Sinnen des Menschen von den verschiedensten Seiten darlegte. Seine hier vorliegende, erste umfassende Darstellung der Sinnesorganisation des Menschen von 1909 muß daher im Lichte seiner später weiter differenzierten Forschungsergebnisse gesehen werden. Ein kleines Verzeichnis der entsprechenden Vortrags- und Schriftstellen zur Sinneslehre aus dem Gesamtwerk findet sich, von Hendrik Knobel zusammengestellt, in «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», 1965, Nr. 14.
18 diese Wissenschaft nennt man gewöhnlich Anthropologie: Damals wie heute wird die Bezeichnung Anthropologie oft für einen weiten Fächer von Wissenschaften gebraucht, der von der Betrachtung der physischen Organisation des Menschen über die Betrachtung der Geschichte und Kulturen der Menschheit bis zur Philosophie reicht.
19 Karl Wilhelm Ferdinand Solger, 1780-1819, Philosoph und klassischer Philologe, studierte unter anderem bei Schelling, übersetzte die Tragödien des Sophokles, war Professor und Rektor der Universität Berlin. Solger gehörte der romantischen Geistesrichtung an und sah das Ziel des Erkennens in mystischer Vertiefung der Philosophie und Zugang zum Göttlichen, zu dem insbesondere auch die Kunst führe. Ähnlich wie im vorliegenden Vortrag behandelte Steiner die gegensätzlichen Standpunkte der Philosophen Solger und Zimmermann auch in seinem am Tag zuvor gehaltenen öffentlichen Vortrag über «Die Mission der Wahrheit», Berlin, 22. Oktober 1909, in «Metamorphosen des Seelenlebens - Pfade der Seelenerlebnisse. Erster Teil», GA 58. Robert Zimmermann hatte Solgers theosophische Ästhetik dargestellt in seiner «Geschichte der Ästhetik als philosophischer Wissenschaft», Wien 1858, siehe das Kapitel «Theosophie und Historismus». Zu Zimmermann siehe den Hinweis zu S. 21.
20 Was ist Philosophie f Man kann sie nur verstehen, wenn man sie zunächst geschichtlich betrachtet in ihrem Zusammenhang: In Erweiterung seines zweibändigen Werkes «Welt und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert», erschienen in den Jahren 1900/01, arbeitete Rudolf Steiner den geschichtlichen Zusammenhang der abendländischen Philosophie zu einer Darstellung aus in seiner Schrift «Die Rätsel der Philosophie. In ihrer Geschichte als Umriß dargestellt», 1914, GA 18.
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21 Heraklit: Herakleitos von Ephesos, um 500 v. Chr., vorsokratischer Denker des griechischen Altertums.

Robert Zimmermann hat eine «Anthroposophie» geschrieben: Robert Zimmermann, 1824-1898, österreichischer Philosoph und Ästhetiker, Professor an der Wiener Universität. Zimmermann gehörte der Denkrichtung Herbarts an. Sein Werk «Anthroposophie im Umriß. Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage» erschien in Wien 1882. Darin heißt es in der Vorrede in Abgrenzung zur Theosophie und Anthropologie: «Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche denselben wählt, will damit angedeutet haben, daß es weder ihr Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr genüge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu sein.» Es ist dieser bei Zimmermann skizzierte mittlere Standpunkt einer Anthroposophie zwischen Theosophie und Anthropologie, den Steiner hier, natürlich in dem von ihm gemeinten Sinne, aufgriff. Rudolf Steiner hörte während seiner Wiener Studienzeit Vorlesungen von Robert Zimmermann. Im Rückblick schilderte Steiner später, wie er Zimmermanns Philosophie, die er keineswegs teilte, als Zeichen der Zeit im ausgehenden 19. Jahrhundert erlebte und die Bezeichnung Anthroposophie aus dessen Werk entlehnte, siehe dazu den Vortrag in Dornach, 11. Juni 1923, in: «Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft», GA 258.
23 auf dem alten Saturn: Über die mit den Planetennamen bezeichneten Stufen der kosmischen Evolution der Erde siehe «Die Geheimwissenschaft im Umriß», 1910, GA 13, Kap. «Die Weltentwickelung und der Mensch».
27 Zu diesen Sinnen hat die heutige Wissenschaft allerdings schon drei andere Sinne hinzugefügt: Vgl. dazu auch die Textvariante S. 340f. Weitere Sinnesbereiche wie die «Wärme- und Kälteempfindungen», die «Organempfindungen» und die manchmal als «Muskelsinn» zusammengefaßten «Lage- und Bewegungsempfindungen» wurden zum Beispiel differenziert von dem Nervenarzt, Psychologen und Philosophen Theodor Ziehen, 1862-1950, Professor in Jena, Berlin und Halle, in seinem von Rudolf Steiner öfter herangezogenen Werk «Leitfaden der physiologischen Psychologie», 5. teilweise umgearbeitete Auflage, Jena 1900, 4. Vorlesung.
28 die drei halbzirkelförmigen Kanäle im Ohr: Siehe die ausführlichen Darstellungen im Vortrag in Dornach, 29. November 1922, in: «Über Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geisteswissenschaftlichen Sinneslehre», GA 348, und im Vortrag in Stuttgart, 9. Dezember 1922, in: «Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus», GA 218.
39 So hat man verglichen diese Bildungen, die ein menschliches Sinnesorgan bedeuten, mit gewissen Organen im Pflanzenreiche: Diese Aufassung wurde dargestellt von dem aus Österreich stammenden Biologen Raoul Heinrich France, 1874-1943, einem Begründer der Bodenökologie und der Bionik, die technische Konstruktionen nach Vorbildern der Natur anstrebt. Zur genannten Anschauung siehe seine Schrift «Das Sinnesleben der Pflanzen», Stuttgart 1905, S. 49ff. Ein Exemplar des Buches mit handschriftlicher Widmung France's befindet sich in der Bibliothek Rudolf Steiners. Steiner besprach das Problem öfter von verschiedenen Seiten. France hatte er 1904 bei einem Diskussionsabend in München kennen gelernt, und er hatte seinem Buch 1906 eine anerkennende Besprechung gewidmet, siehe in: «Luzifer-Gnosis 1903 - 1908», GA 34. Bei den Organen der Pflanze handelt es sich um die in bestimmten Zellen eingeschlossenen Stärkekörner, die mit der Ausrichtung der Pflanze entlang der Schwerkraftlinie zusammenhängen. Siehe dazu auch den Vortrag in Berlin, 8. Dezember 1910, über den «Geist im Pflanzenreich», enthalten in «Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins», GA 60.
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42 Arthur Schopenhauer, 1788 - 1860, Philosoph, der als Privatgelehrter sein Leben verbrachte. Schopenhauer ging von der Ansicht Kants aus, daß die Welt uns nur als Vorstellung gegeben sei und entwickelte in seinem 1819 veröffentlichten Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» eine Weltanschauung, welche im unbewußt wirkenden Weltenwillen den tieferen Grund der Lebenserscheinungen im und außerhalb des Menschen sieht.
43 Der nächste Sinn ist der Gesichtssinn … An der Grenze des äußeren und inneren Astralischen entsteht die Farbe: Siehe hierzu auch die ausgedehnten Untersuchungen durch Rudolf Steiner: «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften», GA 1, insbesondere Kapitel XVI «Goethe als Denker und Forscher», und die Vorträge «Das Wesen der Farben», GA 291, sowie den Dokumentationsband zur Farbenforschung Rudolf Steiners «Farbenerkenntnis», GA 291a.
54 was man die zweiblättrige Lotusblume nennt: Eine ausführliche Darstellung der geistig-seelischen Organe der Lotusblumen und der im folgenden erwähnten Erkenntnisstufen von Imagination, Inspiration und Intuition findet sich im Band «Die Geheimwissenschaft im Umriß», 1910, GA 13, Kap. «Die Erkenntnis der höheren Welten».
68 Carl Unger, 1878 - 1929, Ingenieur deutschjüdischer Herkunft, Leiter einer Maschinenfabrik bei Stuttgart, Schüler Rudolf Steiners und führender Mitarbeiter der anthroposophischen Bewegung, damals Mitglied des Vorstands der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, später auch Mitglied des Vorstandes der 1913 gebildeten Anthroposophischen Gesellschaft. Steiner bezieht sich auf Vorträge, die Unger, der sich vornehmlich mit erkenntnistheoretischen Studien befaßte, bei der Generalversammlung in Berlin in den Tagen zuvor gehalten hatte. Es handelt sich dabei wohl u. a. um den im folgenden Jahr im Philosophisch-Theosophischen Verlag veröffentlichten Vortrag «Das Ich und das Wesen des Menschen», Berlin 1910, wiederabgedruckt in: Carl Unger, Schriften, 2. Band, Stuttgart 1964.
74 In früheren Vorträgen habe ich Ihnen gesagt: Siehe die Vorträge «Die Theosophie des Rosenkreuzers», München 1907, GA 99. 79 aus den Vorträgen des Herrn Dr. Unger: Siehe Hinweis zu S. 68.
80 Ich will Ihnen zwei Lehren vorführen: Eingehender finden sich beide Perspektiven, die geisteswissenschaftliche und die sinnliche Abstammungslehre, einander gegenübergestellt in dem Berliner Vortrag vom 5. Oktober 1905 «Haeckel, die Welträtsel und die Theosophie». Die Nachschrift wurde von Rudolf Steiner durchkorrigiert und von ihm in der Zeitschrifte «Lucifer-Gnosis» 1906 veröffentlicht; sie ist abgedruckt im Band «Lucifer-Gnosis. 1903-1908», GA 34.
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81 das biogenetische Grundgesetz: Es wurde 1866 aufgestellt von dem Zoologen und Philosophen Ernst Haeckel, 1834-1919, Professor in Jena, einem Hauptvertreter des Darwinismus. Haeckel postulierte, daß in der Entwicklung des einzelnen Lebewesens eine gedrängte Wiederholung der Stammesentwicklung stattfinde. Das, was der Mensch durchmacht: Im embryonalen Zustand.
92 Da würden Sie ein wunderbares Gewebe erhalten von dem, was arbeitet an Geisteskräften an der ganzen Bildung der Erde - den Menschen mit inbegriffen: Ausführlich stellte Rudolf Steiner dies hier von ihm angedeutete Gewebe geistiger Kräfte in der Bildung der Erde und Kulturen dar im nächsten Jahr in seinem Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie», 11 Vorträge Kristiania (Oslo) 1910, GA 121.
93 Ewald Hering, 1834-1918, deutscher Physiologe, Professor in Wien, Prag und Leipzig. Hering, Schüler von Weber und Fechner, ist insbesondere bekannt durch seine gemeinsam mit Josef Breuer unternommene Erforschung der Selbststeuerung der Atmung, seine Untersuchung der Regelung von Stoffwechselvorgängen und seine Forschungen zum Sehsinn, wobei er die Drei-Farben-Theorie von Helmholtz ablehnte zugunsten einer Theorie des Sehens in drei Paaren von Gegenfarben. Seine Abhandlung «Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie» erschien zuerst in Wien 1870 als schriftliche Fassung eines Vortrages, gehalten im selben Jahre in der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. Hierin vertrat Hering die Hypothese, daß das instinktgebundene Verhalten der Tiere als Äußerung eines gedächtnishaften Reproduktionsvermögens der ererbten Nervensubstanz der Gattung aufgefaßt werden könne. Rudolf Steiner verfolgte mit besonderem Interesse, wie moderne Naturwissenschaftler seiner Zeit dazu gelangten, Begriffe des menschlichen Seelenlebens in der Erkenntnis der Tierwelt anzuwenden. Das hier erwähnte Beispiel Herings vom Huhn und vom Kücken bespricht Steiner auch im Anhang seiner «Geheimwissenschaft im Umriß», GA 10, an deren Fertigstellung er 1909 arbeitete. In einem seiner Notizbücher, Archiv-Nr. NB 533, das auf 1909 datiert wird, findet sich die folgende Notiz mit einem teils freien, teils wörtlichen Auszug einer Stelle aus Herings Vortrag über das Gedächtnis:

Hering: Das Kücklein, welches eben aus seinem in der Brutmaschine gezeitigtem Ei schlüpft und dessen sich keine fürsorgliche Henne annimmt, pickt trotzdem nach den Körnern, die man ihm vorstreut. Es muß diese also überhaupt nicht nur sehen, sondern die Lage jedes einzelnen Kornes genau auffassen, die Bewegungen seines Kopfes und ganzen Körpers mit Sicherheit darnach bemessen; mehr noch, es muß sich dessen bewußt sein, in den Körnern etwas Freßbares erkennen zu dürfen. «Das alles kann es nicht in der Eischale gelernt haben, das haben vielmehr die tausend und abertausend Wesen erlernt, die vor ihm lebten, und von denen es abstammt.» (Hering) —

Auf die Vorstellungen Herings über das Gedächtnis in der Natur und deren zustimmende Aufnahme durch Haeckel hatte Steiner schon hingewiesen in seinem Aufsatz «Wie Karma wirkt», 1903, siehe in: «Lucifer-Gnosis. 1903-1908», GA 34. Im Rahmen einer ausführlichen eigenen Betrachtung des Problems der seelischen Natur der Tiere behandelte Rudolf Steiner die Frage des Gedächtnisses bei Tieren vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt im öffentlichen Vortrag über «Die Seele der Tiere» in Berlin, 23. Januar 1908, siehe in «Die Erkenntnis der Seele und des Geistes», GA 56.
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97 Ich werde daher morgen sprechen im anthroposophischen Sinne über, man könnte sagen, eine der Töchter Goethes: Gemeint ist der am nächsten Tag, dem 28. Oktober 1909, in Berlin gehaltene Vortrag über «Das Wesen der Künste», siehe in «Kunst und Kunsterkennthis», GA 271. Indem Vortrag werden die verschiedenen Künste in imaginativer Art geschildert und zu den Sinnesorganen des Menschen in Beziehung gesetzt, weswegen der Vortrag einen unmittelbaren Zusammenhang mit der in den Vorträgen über «Anthroposophie» dargestellten Sinnesorganisation des Menschen hat. Vgl. dazu auch die S. 316 wiedergegebene Aufzeichnung aus dem Notizbuch Archiv-Nr. NB 208.

«Goethe als Vater einer neuen Ästhetik»: Am 9. November 1888 im Wiener Goethe-Verein gehaltener Vortrag, zuerst 1889 in schriftlicher Fassung veröffentlicht, abgedruckt in: «Methodische Grundlagen der Anthroposophie. Gesammelte Aufsätze zur Philosophie, Naturwissenschaft, Ästhetik und Seelenkunde 1884 - 1901», GA 30, und in «Kunst und Kunsterkenntnis», GA 271. In dem frühen Vortrag wurde die Anschauung dargelegt, daß das Wesen der Kunst nicht wie in der idealistischen Philosophie als Erscheinung der geistigen Idee in sinnlicher Form, sondern als Umgestaltung des Sinnlichen zu geistiger Form verstanden werden muß.
99 Psychosophie: Der Vortragskurs über «Psychosophie» wurde im Architektenhaus in Berlin anläßlich der 9. Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gehalten, deren geschäftlicher Teil am 30. Oktober 1910 am selben Ort stattfand. Siehe die Wiedergabe der Einladung auf S. 309. Die Bezeichnung Psychosophie ist analog zu <Anthroposophie> gebildet aus den griechischen Worten psyche <Seele> und sophia <Weisheit>, bedeutet also etwa <Weisheit von der Seele>.
101 Mietet Waller-Pyle, 1883-1954, Malerin aus Holland, die seit etwa 1909 Freundin und Mitarbeiterin von Marie und Rudolf Steiner auf künstlerischem Gebiet war.

«Der ewige Jude»: Die nur in Bruchstücken ausgeführte Dichtung Goethes wurde bei dieser Gelegenheit in einer von Rudolf Steiner gekürzten, geänderten und in einigen Teilen umgestellten Fassung vorgetragen. Nach Goethes eigenem Zeugnis bildete die Quelle für das Volksbuch die Legende von Ahasver, dem ewig wandernden Juden. Der 24-jährige Goethe rezitierte im Sommer 1774 «viel von seinem ewigen Juden. Ein seltsames Ding in Knittelversen», so daß die Entstehung der Dichtung vor dieser Zeit angenommen werden muß.
119 Nun ist vor der Geisteswissenschaft diese Sache gar nicht so: Mit dem folgenden kurzen Hinweis stellte Rudolf Steiner erstmals die von ihm später weiter verfolgte Entdeckung dar, daß sensitive und motorische Nerven prinzipiell gleichartig organisiert sind und beide funktioneil in erster Linie als Wahrnehmungsorgane aufzufassen sind. Schriftlich umriß Steiner den Sachverhalt in «Von Seelenrätseln», 1917, GA 21, Kap. IV, Nr. 6: «Die physischen und die geistigen Abhängigkeiten der Menschen-Wesenheit». Den physiologischen und psychologischen Zusammenhang des Problems stellte Rudolf Steiner z. B. dar im öffentlichen Vortrag über «Menschenseele und Menschenleib in Natur- und Geist-Erkenntnis» in Berlin, 17. März 1917, GA 66.
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128 Dr. Unger: Siehe den Hinweis zu S. 68.

Henri Bergson, 1859-1941, französischer Philosoph, Professor am College de France in Paris. Die angeführte Auffassung stellt Bergson beispielsweise in seiner Schrift «Einführung in die Metaphysik», Jena 1909, S. 5f. dar: «Es gibt eine Realität zum wenigsten, die wir alle von innen, durch Intuition und nicht durch bloße Analyse ergreifen. Es ist unsere eigene Person in ihrem Verlauf durch die Zeit. Es ist unser Ich, das dauert. Wir können kein anderes Ding intellektuell miterleben. Sicherlich aber erleben wir uns selbst.»
133 in seiner allerersten Jugend: 7MY Entstehungszeit der Dichtung siehe den Hinweis zuS. 101.
146 ein Kirchenkonzil: Auf dem vierten in Konstantinopel stattfindenden Konzil 869/ 70, später nur von der lateinischen, nicht aber von der orthodoxen Kirche als 8. ökumenisches Konzil anerkannt, wurde im 11. Canon dogmatisch festgelegt, daß der Mensch nur «eine Vernunft- und verstandesbegabte Seele hat» (unam animam rationabilem et intellectualem habere hominem), während andere Anschauungen als Ketzerei zu gelten hätten. In dem von Rudolf Steiner benutzten Werk des katholischen Philosophen Otto Willmann, «Geschichte des Idealismus», 2. Band, Braunschweig 1896, Kap. 54, wird dieser Konzilsentscheid, durch den die trichotomische Gliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib verworfen wurde, folgendermassen dargestellt: «Der Mißbrauch, den die Gnostiker mit der paulinischen Unterscheidung des pneumatischen und des psychischen Menschen trieben, indem sie jenen als Ausdruck ihrer Vollkommenheit ausgaben, diesen als den Vertreter der im Gesetze der Kirche befangenen Christen erklärten, bestimmte die Kirche zur ausdrücklichen Verwerfung der Trichotomie. Das achte ökumenische Konzil von Konstantinopel erklärte 869, daß ,das Alte und Neue Testament lehre, daß der Mensch eine denkende und geistige Seele hat (unam animam rationalem et intellectualem, {iiav \pvxf)V koyxirjv ze xai voegäv) was alle aus Gott redenden (deiloqui, derffOQOi) Väter und Lehrer der Kirche feststellen (asservare, xaiEimeÖäv).» Vgl. auch den Hinweis zu S. 218. Verschiedentlich machte Rudolf Steiner auf die geistesgeschichtliche Tragweite dieser dogmatischen Festlegung aufmerksam, siehe zum Beispiel im Vortrag in Berlin 24. Oktober 1907 «Die Erkenntnis der Seele und des Geistes», GA 56, oder die Vorträge Berlin 1917 «Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha», GA 175.
152 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770-1831, Philosoph des deutschen Idealismus, Professor in Jena, Nürnberg, Heidelberg und Berlin. Den Hymnus «Eleusis» sandte Hegel, damals Hauslehrer in der Schweiz, im Spätsommer 1796 seinem Freund Hölderlin. Eleusis ist das westlich von Athen gelegene uralte Heiligtum, in welchem im griechischen Altertum die Mysterienweihen begangen wurden.
158 Schopenhauerianismus: Siehe Hinweis zu S. 42.
159 Kantianismus: Immanuel Kant, 1724-1804, Philosoph, Professor in Königsberg, Begründer der modernen, kritischen Erkenntnistheorie. Gemäß Kants Untersuchung des Erkenntnisvermögens kann der Mensch nur etwas davon wissen, wie die Erscheinungen unserer Erkenntnis gegeben sind, nicht aber, wie sie als solche, als «Dinge an sich» beschaffen sind.
176 «Willen zum Dasein»: Der Begriff wurde in den philosophischen Anschauungen Arthur Schopenhauers und Friedrich Nietzsches verwendet.
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179 von dem jungen Goethe: Das Gedicht verfaßte Goethe vermutlich im Alter von 15 oder 16 Jahren.
190 Erklärungen aber gibt es nur die einzige: daß das, was wir begehren, überhaupt nicht in derselben Richtung fließt wie der dahinfließende Strom der Vorstellungen, sondern daß es diesem Strom entgegenkommt: Kurze Zeit später wies Rudolf Steiner darauf hin, daß der hier in den Vorträgen über «Psychosophie» ausgeführte Begriff von den zwei Zeitströmen die einzig mögliche Grundlage für eine zukünftige spirituelle Psychologie sei, siehe den Vortrag in Berlin, 7. November 1910, in: «Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums», GA 124. Zum näheren Verständnis von der Bedeutung des Doppelstromes der Zeit im Erkennen Rudolf Steiners ist weiter zu vergleichen der Vortrag Berlin 17. Mai 1905, enthalten in «Die vierte Dimension. Mathematik und Wirklichkeit», GA 324a, sowie die werkgeschichtliche Studie von Hella Wiesberger, «Rudolf Steiners Lebenswerk in seiner Wirklichkeit ist sein Lebensgang», in «Beiträge zu Rudolf Steiner Gesamtausgabe», 1975, Nr. 49/50.
192 Und die Folge ist, daß das Leben im Kamaloka rückwärts verläuft, wie es Ihnen erzählt worden ist: Kamaloka, «der Ort des Verlangens», ist eine theosophische Bezeichnung für eine Phase des nachtodlichen Lebens. Rudolf Steiner hatte verschiedentlich den rückläufigen Verlauf des Lebens in der Welt nach dem Tod in Vorträgen dargestellt, siehe z. B. die Vorträge Paris 2. Juni 1906 und Leipzig 3. Juli 1906, beide enthalten im Band «Kosmogonie», GA 94, sowie Stuttgart 24. August 1906 in «Vor dem Tore der Theosophie», GA 95.
195 im öffentlichen Vortrage über «Leben und Tod»: Siehe den Vortrag in Berlin, 27. Oktober 1910, in «Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins», GA 60. ich habe schon darauf aufmerksam gemacht: In dem eben angegebenen Vortrag.
202 in meiner Erziehertätigkeit bei meinen Schülern: Rudolf Steiner war von 1884 - 1890 in Wien als Hauslehrer bei Ladislaus und Pauline Specht als Erzieher der vier Söhne der Familie tätig.
209 Sigmund Freud, 1856—1939, Arzt, Neurologe, Psychologe und Begründer der Psychoanalyse, Professor in Wien, bevor er, von den Nationalsozialisten bedroht, 1938 nach London emigrierte. In Freuds Theorie des Unbewußten, die am Anfang des 20. Jahrhunderts schulbildend wirkte, nehmen auf den Sexualtrieb zurückgeführte seelische Inhalte eine zentrale Stellung ein.
211 ad oculos beweisen: Augenfällig beweisen.

ich habe die entsprechende Tatsache an einem andern Orte einmal erwähnt: Im Vortrag «Die Philosophie Hegels und ihr Zusammenhang mit der Gegenwart», Hamburg, 26. Mai 1910, in GA 125.

Franz Brentano, 1838-1917, Philosoph, katholischer Theologe und Priester, der 1873 wegen der Erklärung des Unfehlbarkeitsdogmas aus der Kirche austrat. Zunächst Professor in Würzburg, wurde Brentano 1874 Professor an der Universität in Wien, mußte aber nach seiner Verheiratung aufgrund von Umtrieben klerikaler Kreise die Professur 1880 wieder aufgeben, habilitierte erneut und wirkte daraufhin als Privatdozent in Wien. Er lebte seit 1895 in Florenz, später ab 1915 in Zürich. Brentano übte durch seine vom Geist sowohl der scholastischen wie der naturwissenschaftlichen Methode ausgehenden philophischen Forschungen zu Aristoteles, zur Psychologie und Logik großen Einfluß auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts aus, insbesondere auf die phänomenologische Denkrichtung. Zu seinen Schülern zählten u. a. Anton Marty, Carl Stumpf, Alexius Meinong, Christian von Ehrenfels, Edmund Husserl und Kazimierz Twardowski. Rudolf Steiner hatte in seinen Studienjahren Vorlesungen Franz Brentanos in Wien gehört und verfolgte die Entwicklung seines gesamten Werkes mit großem Interesse. Er sah, wie er öfter ausführte, in den wissenschaftlichen Bestrebungen der Zeit eigentlich nur bei Brentano den Ansatz zu einer wirklich wissenschaftlichen Psychologie, die das Seelische rein für sich zu begreifen suchte, jedoch zugleich vor dem ungelösten Problem stand, das Geistige neben dem Seelischen zu erfassen. Die Vorträge zur «Psychosophie» 1910 eröffnen eine verstärkte und nicht mehr abreißende Auseinandersetzung Steiners mit dem geistigen Schicksal von Brentanos Denken. In den Darstellungen der «Psychosophie» lehnt Rudolf Steiner sich eng an Brentanos Grundbegriffe zur Einteilung des Seelenlebens an und entwickelt sie zugleich selbständig weiter. In den Vorträgen zur «Pneumatosophie» aus dem Jahr 1911, ebenfalls im vorliegenden Band enthalten, behandelt Steiner auch das Geistproblem im Verhältnis zu Brentanos Anschauungen, insbesondere zu dessen Forschungen über Aristoteles. In seiner Schrift «Von Seelenrätseln», 1917, GA 21, wird er sich dann anläßlich des Todes Brentanos in einem ausführlichen Nachruf vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt der Anthroposophie mit dem ganzen Werk Brentanos auseinander setzen, wobei auch die «Skizzenhaften Erweiterungen» im Anhang dieses Buches, die einige der wichtigsten Forschungsresultate Rudolf Steiners umreißen, sich mehrfach auf die Ergebnisse von Brentanos philosophischen Studien beziehen. Schließlich widmete er Brentano noch in den 20er Jahren mehrere Essays, siehe in: «Der Goetheanumgedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart. Gesammelte Aufsätze aus der Wochenschrift <Das Goetheanum> 1921 - 1925», GA 36.
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212 den ersten Band seiner «Psychologie»: Franz Brentano, «Psychologie vom empirischen Standpunkt», 1. Band, Leipzig 1874. Dort heißt es im Vorwort: «Dieses Buch bespricht die Psychologie als Wissenschaft, das nächste die psychischen Phänomene im allgemeinen; und ihnen werden der Reihe nach folgen ein Buch, welches die Eigentümlichkeiten und Gesetze der Vorstellungen, ein anderes, welches die der Urteile und wieder eines, welches die der Gemütsbewegungen und des Willens im besonderen untersucht. Das letzte Buch endlich soll von der Verbindung unseres physischen mit unserem psychischen Organismus handeln, und dort werden wir uns auch mit der Frage beschäftigen, ob ein Fortbestand des psychischen Lebens nach dem Zerfalle des Leibes denkbar sei.» 1911 ließ Brentano eine Neuauflage wichtiger Kapitel seiner Schrift mit Kommentaren und Nachträgen erscheinen, siehe dazu Rudolf Steiners Ausführungen S. 220ff. und die entsprechenden Hinweise. Obgleich Brentano manche Einzelfrage fortbildete, wurde der ursprüngliche Plan einer Durchführung der Psychologie bis zur Frage der Unsterblichkeit nicht ausgeführt und die einst vorgesehenen Folgebände des ersten Bandes sollten nie erscheinen. In seiner «Psychologie vom empirischen Standpunkt» hatte Brentano seine in den vorliegenden Vorträgen von Rudolf Steiner teilweise verwendete Einteilung der psychischen Phänomene in Vorstellen, Urteilen und Phänomene der Liebe und des Hasses dargelegt.

Lipps: Gemeint ist entweder Theodor Lipps, 1851 - 1914, Philosoph und Ästhetiker, Professor in München, unter anderem Verfasser von «Grundtatsachen des Seelenlebens», Bonn 1883, und eines «Leitfadens der Psychologie», Leipzig 1903, der eine psychologistische Philosophie vertrat, oder Gottlob Friedrich Lippsy 1865-1931, Philosoph, Schüler Wundts, Professor in Leipzig und Zürich, der unter anderem einen «Grundriß der Psychophysik», Leipzig 1899, verfaßte. In Rudolf Steiners Bibliothek befinden sich Schriften beider Persönlichkeiten.

Wilhelm Wundt, 1832-1920, Naturwissenschaftler, Psychologe und Philosoph, Professor an mehreren Universitäten, begründete in der Folge der Vorläufer Fechner, Weber und Helmholtz den Wissenschaftszweig der experimentellen Psychologie und 1879 das erste Labor für experimentelle Psychologie in Leipzig. Rudolf Steiner setzte sich vielfach mit dem umfangreichen Schrifttum Wundts, der auch die Psychologie der Sprache und Völker behandelte, auseinander, und er porträtierte Wundts Weltanschauung in seinen «Rätseln der Philosophie», GA 13. Er beschrieb und begrüßte die neue wissenschaftliche Strömung der experimentellen Psychologie, in deren Mittelpunkt Wundt damals stand, in einem Aufsatz unter dem Titel «Moderne Seelenforschung» 1901 in der Zeitschrift «Die Gesellschaft», siehe: «Methodische Grundlagen der Anthroposophie 1884-1901. Gesammelte Aufsätze zur Philosophie, Naturwissenschaft, Ästhetik und Seelenkunde», GA 30. Rudolf Steiner sah bedeutende Möglichkeiten in der experimentellen Psychologie, fand aber die in ihr angewendeten Begriffe und Vorstellungen mangelhaft ausgebildet.
215 Pneumatosophie: Der Vortragskurs über «Pneumatosophie» wurde im Anschluß an die 10. Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gehalten, deren geschäftlicher Teil am 10. Dezember 1911 in Berlin im Architektenhaus stattfand. Siehe die Wiedergabe der Einladung auf S. 310. Es war die letzte Generalversammlung der Deutschen Sektion, da im Winter 1912/13 die Trennung von der Theosophischen Gesellschaft und die Begründung der Anthrosophischen Gesellschaft eintreten sollte. Der Kurs ist, wie Rudolf Steiner schon im Vorjahr, siehe S. 109 in diesem Band, angekündigt hatte, als unmittelbare Fortsetzung der im vorliegenden Band enthaltenen Vorträge über Anthroposophie» und «Psychosophie» aus den Jahren 1909 und 1910 anzusehen. Die Bezeichnung <Pneumatosophie> ist wie <Psychosophie> in Analogie zu <Anthroposophie> aus den griechischen Worten pneuma <Geist>, <Luft>, <Atem>, und sophia <Weisheit> zusammengesetzt, bedeutet also etwa <Weisheit vom Geiste>.
218 Anton Günther, 1783-1863, katholischer Philosoph, Theologe, Priester und Erzieher deutschösterreichischer Herkunft aus Böhmen. Als Privatgelehrter in bescheidenen Verhältnissen in Wien lebend, entwickelte Günther in mehreren Werken seine philosophischen und theologischen Gedanken, die ihn zum einflußreichen Begründer einer eigenen katholischen Denkrichtung des 19. Jahrhunderts machten. Unter Ablehnung Hegels und der Scholastik baut seine Philosophie auf dem Gegensatz von Gott und Welt auf, wobei die Welt den prinzipiellen Gegensatz von Natur und Geist umfaßt. Im Erkennen steht über dem begrifflichen Denken der Seele, das den Naturerscheinungen zugeordnet ist, die geistige Tätigkeit, die das geistige Wesen im Selbstbewußtsein und den überweltlichen Gott ideell erfaßt. Der Mensch bildet die Synthese von Natur und Geist. Die Vernunft vermag aus sich heraus christliche Wahrheiten wie die Trinität, die Schöpfung und die Inkarnation zu begreifen. Auf Betreiben von Kardinalen und Professoren als Gegnern seiner Anschauungen wurden 1857 alle Schriften Günthers von der Index-Kongregation der katholischen Kirche in Rom verboten. Hierzu heißt es in
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218 «The Catholic Enzyklopedia», Bd. VII, 1910, im Artikel von Friedrich Lauchert über Anton Günther: «In seinem Breve an Kardinal von Geißel, den Erzbischof von Köln, am 15. Juni 1857, wurden die besonderen Gründe dieser Verdammung von Papst Pius IX. ausgeführt, indem erklärt wurde, daß Günthers Lehren über die Trinität, die Person Christi, die Natur des Menschen, die Schöpfung, und insbesondere seine Anschauungen über das Verhältnis des Glaubens zum Wissen sowie der fundamentale Rationalismus, der seine Philosophie sogar in der Behandlung der christlichen Dogmen beherrscht, unvereinbar mit der Doktrin der Kirche sind.» Verbittert unterwarf sich Günther und veröffentlichte in der Folge keine weiteren Schriften mehr. Führende Anhänger seiner Richtung verbanden sich nach dem Vatikanischen Konzil 1869/70 mit der altkatholischen Bewegung. - Vincenz Knauer, 1828-1894, Benediktinermönch und Privatdozent für Philosophie in Wien, den Rudolf Steiner in seinen Wiener Jahren kennen lernte, war selbst zeitweilig Anhänger der Ideen Günthers gewesen und behandelte Günther in seinen von Steiner viel benutzten philosophiegeschichtlichen Darstellungen, siehe: Vincenz Knauer, «Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Neuzeit», Wien 1882,2. Auflage, Kap. über Günther, und «Die Hauptprobleme der Philosophie in ihrer Entwicklung und teilweisen Lösung von Thaies bis Robert Hamerling», Wien und Leipzig 1892, Sommersemester 11. Vorlesung.

weil nämlich die katholische Kirche entgegen der Bibel, sowohl des Alten wie des Neuen Testaments … schon in den ersten Jahrhunderten sozusagen den Geist abgeschafft hat, das heißt, in einer gewissen Weise die Evolution der Dogmatik so geführt hat, daß die Gliederung des Menschen nur umfassen dürfe Leib und Seele: Die trichotomische Auffassung von Leib, Seele und Geist als drei Wesensbestandteilen des Menschen wurde schon früh und mehrfach in der Kirchengeschichte verdammt. Es heißt dazu im «Lexikon für Theologie und Kirche», hrg. von Josef Höfer und Karl Rahner, 10. Band, Freiburg im Breisgau 1965, im Artikel «Trichotomismus» von Fritz Setzer: «Die Trichotomie wurde durch die Konzilien von Rom 382, Konstantinopel 553 (Canon 14) und 869 (Canon 11), Vienne 1311-12, V. Lateran 1512-17 und durch Pius IX 1857 (Ep. ad archiep. Colon. et Wratislav.) verurteilt. Auch philosophisch und psychologisch ist die Trichotomie unhaltbar, weil sie die Selbständigkeit und Einheitlichkeit der menschlichen Persönlichkeit nicht wahrt.» Siehe auch den Hinweis zu S. 146. - In dem von Rudolf Steiner Öfter benutzten Werk von Otto Willmann, «Geschichte des Idealismus», 2. Bd., Braunschweig 1896, Kap. 54, «Der christliche Idealismus als Vollendung des antiken», wird die «ausdrückliche Verwerfung der Trichotomie» durch mehrere Konzilien der Kirche dargestellt. Otto Willmann, 1839-1920, war katholisch-thomistischer Philosoph, Pädagoge und Professor an der Universität Prag. Im Zuge seiner geistesgeschichtlichen Darstellung des Einmündens der alten Weltanschauungen in die kirchliche Lehre und den «anthropologischen Dualismus» von Seele und Leib wies Willmann auf die früher in den alten Kulturen wie auch im Alten und Neuen Testament weit verbreitete Gliederung in Geist, Seele und Leib hin: «Durch Beseitigung der Scheu vor dem materiellen Elemente erhält auch eine anthropologische Anschauung ihre angemessene Fassung, welche uns allenthalben im Altertume entgegentritt: die trichotomische Gliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib, die bei den Indern als Gunalehre erscheint, aber auch in der orphischen Theologie Geltung hat und von da in die pythagoreisch-platonische übergeht. Die Zerlegung des höheren Elementes in Geist und Seele hat auch das Alte Testament, welches ruach und nephesch scheidet und im Neuen werden analog Jtvevfia, und oätßa, Spiritus, anima, corpus unterschieden.»
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219 Hegeischen Philosophie: Hegels erstes Hauptwerk bildete die 1807 veröffentlichte «Phänomenologie des Geistes». Seine 1817 erschienene «Enzyklopädie der philosopischen Wissenschaften» enthielt als ersten Teil die «Wissenschaft der Logik», als zweiten Teil die «Philosophie der Natur», als dritten Teil die «Philosophie des Geistes». Zu Hegel siehe auch die Hinweise zu S. 152 und 241.

Franz Brentano: Siehe oben den Hinweis zu S. 211.

hat ein merkwürdiges Buch geschrieben: Siehe Hinweis zu S. 212.
220 in den letzten Tagen ist eine interessante Neuauflage: Franz Brentano, «Von der Klassifikation der psychischen Phänomene. Neue, durch Nachträge stark vermehrte Ausgabe der betreffenden Kapitel der Psychologie vom empirischen Standpunkt», Leipzig 1911. Wie Brentano, damals in Florenz lebend, im Vorwort berichtet, erschien die deutsche Fassung anläßlich der Vorbereitung der italienischen Übersetzung, welche in Lanciano 1913 veröffentlicht wurde.

ganz nach Art der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erklärungen über die Seele zu forschen: Die berühmte vierte Habilitationsthese Brentanos in Würzburg 1866 lautete: «Die wahre Methode der Philosopie ist keine andere als die der Naturwissenschaften.»
227 sein ganzes langes Gelehrtenleben hindurch sich beschäftigt hat mit dem griechischen Philosophen Aristoteles: Neben den gleich unten erwähnten Schriften befaßten sich schon Brentanos erste Bücher mit Aristoteles: die Dissertation «Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles», Freiburg im Breisgau 1862, und die Habilitationsschrift «Die Psychologie des Aristoteles, insbesondere seine Lehre vom nous poietikos», Mainz 1867. Im Nachlaß Brentanos fanden sich mehr als 150 unveröffentlichte Manuskripte und diktierte Texte, die sich mit Aristoteles beschäftigen. In seinem lebenslangen Studium des Aristoteles und seiner Auslegung durch Thomas von Aquin sah Brentano auch die ursprüngliche Quelle für die wissenschaftliche Methodik seiner eigenen systematisch-sachlichen Beiträge zur modernen Philosophie.

Aristoteles, 384-322 v. Chr., griechischer Philosoph aus Stageira, Schüler von Plato, der in Athen die peripatetische Philosophenschule des Altertums ins Leben rief und als Begründer der wissenschaftlichen Ausrichtung des abendländischen Geistes gelten kann.

«Aristoteles und seine Weltanschauung»: Die Schrift Brentanos erschien in Leipzig 1911.

«Aristoteles Lehre vom Ursprung des menschlichen Geistes»: Ebenfalls Leipzig 1911 erschienen. Es handelt sich um eine beträchtlich erweiterte Neuausgabe von Brentanos früherer Abhandlung «Über den Creatianismus des Aristoteles», Wien 1882.
234 wissenschaftliche Begründung für die Reinkarnation: Zur Begründung der Reinkarnation siehe Rudolf Steiners Schriften: «Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen», zuerst 1903 veröffentlicht, abgedruckt in: «Lucifer-Gnosis. 1903-1908», GA 34, und «Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung», zuerst 1904, GA 9.
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237 Seelenkunde ohne Seele»: Der Ausdruck «Psychologie ohne Seele» wurde geprägt von dem Philosophen Friedrich Albert Lange, 1828-1875, Professor in Zürich und Marburg, in seinem Werk «Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart», 2. Auflage Iserlohn 1873-75, 2. Buch, Kap. «Die naturwissenschaftliche Psychologie».
240 Hegel: Siehe Hinweise zu S. 152 und 219.
241 Hegel, der moderne Philosoph, redet von einer Selbstbewegung des Geistes und meint damit die «Selbstbewegung der Begriffe»: Hegel verwendete den Ausdruck «Selbstbewegung des Begriffs» in der Vorrede zu seiner Phänomenologie des Geistes», 1807, zur Darstellung des Denkens in reinen Begriffen, die sich zu «geistigen Wesenheiten» vertiefen. Auch im letzten Abschnitt der «Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften», 1830, § 577, setzt Hegel die Tätigkeit des absoluten Geistes mit der Bewegung des Begriffs gleich.

Rudolf Eucken, 1846-1929, Philosoph, Professor in Jena. Euckens Philosophie des Geisteslebens skizziert Rudolf Steiner in seinem Buch «Die Rätsel der Philosophie», GA 18, Kap. «Der moderne Mensch und seine Weltanschauung».
242 daß das Gehirn Gedanken absondere: Carl Vogt, 1817-1895, Naturforscher, Zoologe und Geologe, Professor in Gießen, Bern und Genf. Vogt vertrat zuerst in seinen «Physiologischen Briefen für Gebildete aller Stände», Stuttgart und Tübingen 1845, S. 206, den in seinen späteren Schriften wiederholten Satz: «Ein jeder Naturforscher wird wohl, denke ich, bei einigermaßen folgerechtem Denken auf die Ansicht kommen, daß alle jene Fähigkeiten, die wir unter dem Namen der Seelenthätigkeiten begreifen, nur Funktionen der Gehirnsubstanz sind; oder, um mich einigermaßen grob hier auszudrücken, daß die Gedanken in demselben Verhältnis etwa zu dem Gehirne stehen, wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren.»
244 Ludwig Feuerbach, 1804-1872, Philosoph, Schüler Hegels, der als Privatgelehrter lebte und eine materialistische Weltanschauung entwickelte. In seinem Hauptwerk «Das Wesen des Christentums», Leipzig 1841, vertrat Feuerbach die Auffassung, daß alle Religion nur in die äußere Welt verlegte Eigenschaften der menschlichen Natur enthalte.
248 «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten»: Siehe Hinweis zu S. 16. «Geheimwissenschaft im Umriß»: 1910 veröffentlichtes Grundlagenwerk Rudolf Steiners über die Entwicklung von Welt und Mensch, GA 13.
250 «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte»: Goethe, «Faust», erster Teil, von Mephistopheles in der Szene «Auerbachs Keller» gesprochen.
251 Dr. Unger: Bezieht sich auf den von Unger in den Tagen zuvor bei der Generalversammlung gehaltenen Vortrag «Gedanken zur Philosophie des Widerspruchs», publiziert im Philosophisch-Theosophischen Verlag, Berlin o. J., wiederabgedruckt in: Carl Unger, Schriften, 1. Band, Stuttgart 1964. Zu Unger siehe Hinweis S. 68.
253 Buddha: Begründer der sich über weite Teile des Orients verbreitenden Religion, Ethik und Philosophie des Buddhismus, der aus dem nördlichen Indien stammte und dessen Lebenszeit zwischen ca. 563 und 483 v. Chr. angesetzt wird.
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254 Jakob Frohschammer, 1821-1893, freisinniger katholischer Theologe und Philosoph in Bayern, Professor an der Universität München. Frohschammer suchte die Vereinigung von Christentum und moderner Wissenschaft und geriet wegen der freien Stellung, die er der menschlichen Vernunft in der Erkenntnis der höchsten Wahrheiten gab, in Konflikt mit der katholischen Hierarchie. Seine Anschauungen wurden 1862 von der Index-Kongregation in Rom verurteilt, Frohschammer verweigerte die Unterwerfung, wurde daraufhin von der Kirche aller geistlichen Ämter enthoben und nach dem Ersten Vatikanischen Konzil, das er ablehnte, exkommuniziert. Vereinsamt entwickelte er sein kirchenkritisches Spätwerk und seine Philosophie der Phantasie. Die von Rudolf Steiner hier herangezogene Stelle entstammt Frohschammers Schrift «Die Philosophie des Thomas von Aquino kritisch gewürdigt», Leipzig 1889, S. 418f. Frohschammer vertrat im Katholizismus in Bezug auf die Entstehung des Einzelmenschen den Generatianismus im Unterschied zur herrschenden Auffassung des Kreatianismus: der Mensch gehe aus dem Strom der Elterngenerationen hervor, er werde nicht als Einzelwesen durch Gott mit der Geburt geschaffen. Frohschammers Ansicht von der Fortpflanzung behandelte Steiner auch in seinem Nachruf auf Franz Brentano, einem Vertreter des Kreatianismus, in seiner Schrift «Von Seelenrätseln», 1917, GA 21.
255 «Die Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses»: Erschienen München 1877. In seinem Hauptwerk entwickelte Frohschammer die Idee, daß dem Weltgeschehen in Natur und Geschichte eine schöpferische Weltphantasie zugrunde liegt, die im Menschen individuell-selbstbewußte Form erlangt und das Seelenleben durchdringt und organisiert. Zu Frohschammer siehe den Hinweis zu S. 254.

in dem Karlsruher Zyklus: Siehe den Vortrag 6. Oktober 1911 in «Von Jesus zu Christus», 11 Vorträge Karlsruhe 1911, GA 131, in welchem der Psychologe Maximilian Droßbach sowie der Arzt und Philosoph Gustav Widenmann als bedeutende Vertreter des Reinkarnationsgedankens im 19. Jh. angeführt werden.
258 Pierre Huber, 1777-1840, Naturforscher und Maler aus Genf, dort Mitglied der Societe de Physique et d'Histoire naturelle und der Societe des Naturalistes. Huber lieferte ausgezeichnete Beiträge in der Beobachtung des Ameisen- und Insektenlebens. Den von Rudolf Steiner hier wiedergegebenen Versuch Hubers an Raupengespinsten hatte Charles Darwin so beschrieben in seinem zuerst 1859 erschienenen Werk: «Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl»,; Kap. 8: «Instinkt».
263 das hat einmal Goethe ganz besonders stark hervorgehoben: Der Spruch lautet: «Die Sinne trügen nicht, aber das Urteil trügt.» Siehe Goethes Aphorismensammlung «Sprüche in Prosa», manchmal auch unter dem Titel «Maximen und Reflexionen» zusammengestellt.
270 deshalb hat zum Beispiel Goethe, der den künstlerischen Prozeß wohl kannte, so oft betont: So äußerte sich Goethe unter anderem in seinen «Heften zur Morphologie» 1824 gelegentlich einer Besprechung von Ernst Stiedenroths Psychologie: «So wird ein Mann, zu den sogenannten exakten Wissenschaften geboren und gebildet, nicht leicht begreifen, daß es auch eine exakte sinnliche Phantasie geben könne, ohne welche doch eigentlich keine Kunst denkbar ist.»
275 Intuition im höheren Sinne, wie es auch gemeint ist in dem Buche «Wie erlangt -man Erkenntnisse der höheren Welten?»: Der Begriff «Intuition», auf den Rudolf Steiner sich hier bezieht, wurde von ihm dargelegt nicht in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», GA 10, sondern in den als Fortsetzung dieser Schriftenreihe geschriebenen Aufsätzen «Die Stufen der höheren Erkenntnis», GA 12, welche zuerst 1905-1908 in der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» erschienen.
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276 das Beispiel anführen, das ich vor kurzem schon anführte: Im Vortrag in Nürnberg, 3. Dezember 1911, siehe in: «Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit», GA 130. Quelle für das Traumbeispiel bildete die Fetter TextSchrift von Heinrich Spitta, «Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele mit besonderer Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu den psychischen Athenationen», Tübingen 1878, S. 251ff. Spitta, 1849-1929, Professor für Philosophie in Tübingen, unterschied in seiner Schrift leiblich bedingte Nervenreizträume von vorstellungshaften Assoziationsträumen. Bei den letzteren untersuchte er ausführlich das hier von Rudolf Steiner angeführte Fallbeispiel in seinem Abschnitt über die «prophetischen Träume». Er gelangte zu dem Schluß, daß den prophetischen Träumen kein besonderer Wert beizumessen sei, daß sich dieser Traum nach Assoziationsgesetzen bei den Eltern des Sohnes gebildet habe, die durch die gemeinsame seelische Erschütterung gleichartig disponiert gewesen seien. Dabei hielt Spitta es für wahrscheinlich, daß nur der eine Elternteil das Traumerlebnis gehabt habe, während bei dem anderen aus der gleichartigen Gemütslage heraus nur der Eindruck entstanden sei, er hätte ihn auch geträumt.
296 eine schöne Stelle in Goethes Schriften: Siehe Goethes nachgelassenes Fragment «Über den Granit» aus den Jahren 1784/85.

«Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt»: Aus Klärchens Lied in Goethes «Egmont», 3. Akt, Szene «Klärchens Wohnung».
298 Vorträge von Dr. Unger: Siehe Hinweise zu S. 68 und S. 251.

«Philosophie der Freiheit» und in «Wahrheit und Wissenschaft»: Philosophischerkenntnistheoretische Schriften Rudolf Steiners, die seine Auffassung vom Erkenntnisprozeß und der Freiheit des menschlichen Individuums entwickelten, siehe: «Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel zu einer «Philosophie der Freiheit», 1892, GA 3, und «Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. Seelische Bebachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode», 1894, GA 4.
300 Friedrich Christoph Oetinger, 1702 - 1782, evangelischer Theologe, Theosoph, Naturforscher und Vertreter des schwäbischen Pietismus. Unter dem Einfluß der Mysti Jakob Böhmes und der pansophischen Bestrebungen des 17. Jahrhunderts entwickelte Oetinger eine Theosophie als Vereinigung von irdischem und himmlischem Wissen mit dem Grundgedanken der pneumatischen, unzerstörbaren Leiblichkeit der Werke Gottes. Der Spruch «Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes» findet sich im Artikel «Leib, Soma» des von Oetinger 1776 veröffentlichten «Biblischen und emblematischen Wörterbuchs». Schon zu Lebzeiten Oetingers zitierte man auch «Wege» statt «Werke».

Johann Albrecht Bengel, 1687 - 1752, evangelischer Theologe und führender Vertreter des schwäbischen Pietismus, der in seinen Werken vor allem den griechischen Text des Neuen Testaments erforschte.

Marcus Völker, lebte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei Erfurt in Thüringen, ein Bauersmann mit innerer theosophischer Weltschau, von dem man aus
338 der Selbstbiographie und Briefen Oetingers weiß. Rudolf Steiner hatte schon in seinem Vortrag vom 13. Oktober 1911, siehe in «Von Jesus zu Christus», Karlsruhe 1911, GA 131, aufmerksam gemacht auf den Einfluß, der von dem äußerlich ganz ungebildeten, aber mystischer Hellsicht fähigen Marcus Völker auf Oetinger ausging. Zu Oetingers Schilderung seiner Begegnung mit Völker siehe C. S. Picht, Marcus Völker», in «Die Drei», 1927, Heft VIII.



Sinnkorrekturen

in der Auflage 2001 gegenüber der Auflage 1965

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19 Sie können nicht einsehen, wie die Seele hinaufsteigt von Stufe zu Stufe, von Imagination zu Inspiration und der Intuition: In der Ausgabe 1965 heißt es gemäß Nachschrift Mühlethaler: «… von Stufe zu Stufe, von Inkarnation zu karnation». Korrektur gemäss Nachschrift von unbekannter Hand. Die sonstigen Nachschriften enthalten diesen Satz überhaupt nicht. Zur Korrektur vgl. auch den Vortrag in Berlin, 24. Oktober 1910, in «Exkurse in das Markus-Evangelium», GA 124, in welchem Rudolf Steiner auf die Vorträge über «Anthroposophie» zurückblickt, sowie die Notizbucheitragungen aus Archiv-Nr. NB 533, wiedergegeben auf S. 313.
32 den Begriff, der nicht in Sprachlaute sich kleidet: In der Ausgabe 1965 heißt es gemäß Nachschrift Mühlethaler: «der in Sprachlaute sich kleidet», es haben jedoch alle anderen Nachschriften: «der nicht …».
37 Erdenaufgabe: In der Ausgabe 1965 heißt es gemäß Nachschrift Mühlethaler «Erkenntnisaufgabe», jedoch haben alle anderen Mitschreiber «Erdenaufgabe».
42 Der Geschmackssinn wirkt… weil in ihm der Ätherleib: In der Ausgabe 1965 heißt es gemäß der Nachschrift Mühlethaler «Organismus »statt «Ätherleib». Alle anderen Mitschreiber haben jedoch «Ätherleib».
112 Wir haben bis jetzt dieses seelische Erleben betrachtet, wie es sozusagen von außen begrenzt ist, wo es angrenzt an anderes: In der Ausgabe 1965 heißt es: «Wir haben bis jetzt dieses seelische Erleben nach aussen hin begrenzt, haben gezeigt…». Die Korrektur wurde nach der vermutlich von Mathilde Scholl stammenden Nachschrift vorgenommen. In den handschriftlichen Notizen von unbekannter Hand heißt es: «Das Innenleben ist in einem stetigen Auf- und Abwogen zwischen dem, was vom Außenleben, das sie [die Seele] begrenzt, hereinfliesst und dem, was aus ihrem Inneren dem entgegenkommt.»



Text-Varianten

aus den verschiedenen Aufzeichnungen

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92 zu diesen Sinnen hat die heutige Wissenschaft allerdings schon drei andere Sinne hinzugefügt: In den Aufzeichnungen von Julia Wernicke lautet dieser Satz so: «Die heutige Wissenschaft hat zwar zu diesen diesen anerkannten fünf Sinnen noch drei andere Sinne gefügt, z. B. den Kälte- und Wärmesinn, den Muskelsinn usw.»
33 Liegt etwas darunter und darüber?…: In anderen Aufzeichnungen lautet der Passus über die drei höheren Sinne wie folgt:

Alice Kinkel: «Der Begriff macht Halt vor dem 11. Sinn; der 4. Sinn, der Geruchssinn macht Halt vor den Sinnen, die uns ins Innere der Dinge leiten. So entsprechen drei Sinne unter dem Geruch drei Sinnen über dem Begriff, durch die man eindringen kann in das Geistige der äußeren Dinge, wie die drei unteren Sinne eindringen in das Innere des Menschen. Über dem Denken haben Sie diese drei geistigen Sinne.»

Julia Wernicke: «Durch den 11., 12. und 13. Sinn steigen wir schon ins Geistige der Dinge. Sie werden uns tief hineinführen in die verborgenen Seiten der Dinge. Der Begriffssinn macht Halt vor den verborgenen Seiten der Dinge und jenseits der Begriffe liegt das, was nur durch die geistigen Sinne wahrgenommen werden kann. So haben Sie drei geistige Sinne, die über das Denken hinausgehen.»
Namentlich nicht gezeichnete Aufzeichnungen, vermutlich Mathilde Scholl: «Über den Begriffssinn hinaus würden wir finden die astralischen Sinne, den 11., 12., 13. Sinn etc. Diese drei astralischen Sinne werden uns tiefer hineinführen in die Untergründe der äußeren Dinge, in die der Begriff nicht hineindringt. Über dem Begriffssinn sind drei geistige Sinne, durch die wir dringen in die Untergründe der äußeren Dinge.»
61 und das bietet in der Mitte: «und das bildet …»

So daß der untere Teil der einen Strömung …; Die namentlich nicht gezeichnete Aufzeichnung hat hier: «So daß der untere Teil, das was wir eigentlich an uns sehen können …»

Wir haben da eine Strömung, die durch die Längsachse des Körpers verläuft. Diese Strömung bewirkt…: So gemäß Nachschrift Vegelahn. Zwei andere Nachschriften haben jedoch statt «Diese Strömung bewirkt…» die Wendung: «Diese Strömung, im Zusammenhang mit der Strömung von rechts nach links, bewirkt …»
86 daß nicht nur von außen etwas an ihn herandrang: Eine andere Nachschrift hat hier «in ihn hineindrang».
87 Wenn Sie eine gerade Linie ziehen durch die Mitte des Kehlkopfes: Eine Nachschrift hat hier folgenden Text: «Wenn Sie eine gerade Linie ziehen durch den Kehlkopf, so ist das diejenige Stelle, welche dirigiert wurde von den die Sprache gebenden Geistern selber aus. Und aus diesen zwei Strömungen entstand die eigentümliche Form des menschlichen Kehlkopfes.» Eine andere Nachschrift hat: «Wenn Sie eine gerade Linie ziehen durch die Mitte des Kehlkopfes, so entdecken Sie da eine Stelle, bis wo die Sprache gebenden Geister dirigierend einwirken. Von unten strömt eine andere Strömung herauf. Der Kehlkopf stellt in physischer Materie die Stauung dar, die entstand beim Zusammenprall jener beiden Strömungen.»
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90 entgegen jenen Gruppenseelen: So haben es zwei Nachschriften aufgezeichnet. Zwei andere haben: «entgegen jener Gruppenseele».
92 aber ohne das Ich: In einer anderen Nachschrift lautet dieser Satz: «Beim Tiere bilden sich Empfindungs- und Verstandesseele einigermaßen aus, ja sogar Anfänge einer Bewußtseinsseele, aber kein Ich.» Eine weitere Nachschrift hat: «Das Tier hat nicht ein Gedächtnis im selben Sinne. Beim Tier handelt es sich beim Gedächtnis um die Ausbildung der Empfindungsseele, der Verstandesseele und der Bewußtseinsseele, aber ohne Ich.»
101 ebenso zu illustrieren: Die Nachschrift Vegelahn hat «ideell zu illustrieren». Eine andere hat statt «ideell» das Wort «individuell». Eine weitere Nachschrift hat: «… Rezitation gewisser Dichtungen stattfinden, die ebenso zu illustrieren haben werden das Vorgetragene, wie ich auf der Tafel zu illustrieren haben werde.»
208 was sein eigenes Leben ist: Eine Nachschrift hat statt «eigenes Leben» die Worte «eigentliches Wesen».
244 daß überall in den Dingen: In der Nachschrift folgt hierauf noch: «das Unabhängige, der überall waltende Nus ist».
301 des ersten Vierteljahres: Eine andere Nachschrift hat hier «nach Ablauf des vierten Jahres».




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