Hinweise
Zu dieser Ausgabe
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| 319 | Den zwölf Vorträgen dieses Bandes kommt im Gesamtwerk ein besonderer Stellenwert zu, insofern als Rudolf Steiner mit ihnen beginnen wollte, die wissenschaftliche Erkenntnis der physischen, der seelischen und der geistigen Natur des Menschen durch konkrete geisteswissenschaftliche Forschungsergebnisse zu erweitern. Er wollte seinen damaligen Zuhörern eine «ernste und würdige Fundamentierung unserer geistigen Strömung» (S. 15) geben. Eine Brücke sollte geschaffen werden, die einerseits hinaufführen kann «von der Welt, in der wir unmittelbar leben, zu den Welten, die von einem höheren Gesichtspunkte aus in der Theosophie betrachtet werden» (S. 109) und die andererseits dazu angelegt wurde, «eine Art Brücke zu bauen von der Geisteswissenschaft aus zu der heute üblichen Wissenschaft dieser Gebiete» (S. 217). Die Vorträge wurden in den Jahren 1909, 1910 und 1911 jeweils in Verbindung mit den letzten drei Generalversammlungen der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Berlin gehalten, bevor sich 1912/13 die anthroposophische Bewegung aus der Verbindung mit der Theosophischen Gesellschaft löste. Die drei Vortragskurse von jeweils vier Vorträgen wurden von Rudolf Steiner selbst als in sich zusammenhängendes Ganzes (S. 109 und 217) aufgebaut und durchgeführt, woraus sich ihre natürliche Vereinigung zu einem Band ergab. Mit den vier Vorträgen über «Anthroposophie» im Jahre 1909 sollte der Grund gelegt werden für eine geisteswissenschaftliche Sinneslehre und eine Anschauung der menschlichen Gestalt. Die methodische Stellung der Anthroposophie zwischen Anthropologie und Theosophie wird skizziert und als ihr erster Inhalt dargestellt die physische Sinnesorganisation, die das Bewußtsein des Menschen mit der Welt wahrnehmend verbindet. Das erkenntnistheoretische Problem der Sinneswahrnehmung hatte Rudolf Steiner in seinen philosophischen Schriften und seinen Studien zur Naturwissenschaft Goethes gründlich untersucht und er hatte in früheren Vorträgen schon kurze Ausblicke auf die Welt der Sinne gegeben, jedoch kann die Darstellung in diesen Vorträgen als die erste umfassende Betrachtung einer geisteswissenschaftlichen Sinneslehre gelten. Später wurde sie noch öfter dargestellt, weiter entwickelt und differenziert. Mit der Sinneslehre sind einige der wichtigsten Entdeckungen Rudolf Steiners verbunden, wie seiner 1917 veröffentlichten Schrift «Von Seelenrätseln» entnommen werden kann. Dort wird im I. Teil bei der vergleichenden Darstellung von «Anthroposophie und Anthropologie» geschildert: «Indem die Anthroposophie fortschreitet von den Erlebnissen der außermenschlichen geistigen Welt bis zum Menschen, findet sie denselben zuletzt als im Sinnesleibe lebend, und in demselben das Bewußtsein von der sinnlichen Wirklichkeit entwickelnd.» Hier bei der Betrachtung des Sinneslebens begegnen sich anthropologische |
| 320 | Wissenschaft und anthroposophische Geisteswissenschaft: «Die Anthroposophie bringt bei diesem Zusammentreffen das Bild des lebendigen Geistesmenschen mit und zeigt, wie dieser durch das Sinnensein das zwischen Geburt und Tod bestehende Bewußtsein entwickelt, indem das übersinnliche Bewußtsein abgelähmt wird. Die Anthropologie zeigt bei dem Begegnen das Bild des im Bewußtsein sich selbst erfassenden Sinnesmenschen, der aber aufragend in das geistige Dasein in dem Wesen lebt, das über Geburt und Tod hinaus Hegt. Bei diesem Zusammentreffen ist eine wirklich fruchtbare Verständigung zwischen Anthroposophie und Anthropologie möglich.» Mit den ein Jahr spater gehaltenen Vorträgen des Jahres 1910 über «Psychosophie» werden die Elemente des rein für sich betrachteten Seelenlebens geisteswissenschaftlich durchleuchtet und gegliedert. Es handelt sich um die Grundbegriffe einer realen Psychologie, die in enger Anlehnung und ganz selbständiger Weiterführung der Ergebnisse des philosophischen Seelenforschers Franz Brentano entwickelt werden. Über die in diesen Vorträgen dargestellte Erkenntnis von den zwei Zeitströmungen äußerte Rudolf Steiner kurz darauf in Berlin, 7. November 1910, in seinem Vortragszyklus «Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums», GA 124, daß die Brücke von den verschiedenen Wissenschaften zur Spiritualität in der Zukunft am leichtesten geschlagen werden könne auf dem Gebiete des Seelenwissens: «Dazu wird nur nötig sein, daß eingesehen wird, was den Schluß meiner <Psychosophie> bildete: daß der Strom des Seelenlebens nicht nur von der Vergangenheit in die Zukunft geht, daß wir zwei Zeitströmungen haben: das Ätherische, das in die Zukunft geht, während dasjenige, was wir als Astralisches dagegen haben, von der Zukunft in die Vergangenheit zurückfließt. Auf dem Erdenrund wird vielleicht heute niemand da sein, der so etwas finden wird, wenn er nicht einen spirituellen Impuls hat.» Mit den im Jahr 1911 folgenden vier Vorträgen über «Pneumatosophie» werden die Betrachtungen des Vorjahres über das Seelenleben weitergeführt zu einer Geistlehre hin, deren Grundlage, weit in die Vergangenheit der abendländischen Wissenschaft zurückreichend, bei Aristoteles untersucht wird und deren zukünftiges Fundament die wissenschaftliche Begründung der Wiederverkörperung zu bilden habe. Und am Beispiel der Überwindungsmöglichkeit des Irrtums wird klarzulegen versucht, daß es schon für das gewöhnliche menschliche Bewußtsein, wenn es sich nur recht selbst versteht, einen Beweis für das Dasein des Geistes gibt. 1909 hatte Rudolf Steiner beabsichtigt, die in diesen Vortragskursen dargestellten Erkenntnisse schriftlich auszuarbeiten und buchmäßig zu veröffentlichen. Schon im ersten der Vorträge über «Anthroposophie» kündigte er an, daß so bald als möglich «ein kurzer Abriß dessen, was Anthroposophie ist» erscheinen solle. Tatsächlich korrigierte er im folgenden Jahr bereits die Druckbögen des weitgehend gesetzten Buches. Doch hielten sowohl bestimmte Forschungsprobleme wie der Zeitmangel durch die immer umfangreicher werdende internationale Vortragstätigkeit Rudolf Steiner von einer Veröffentlichung ab. Die unvollendete, nachgelassene Niederschrift |
| 321 | wurde unter dem Titel «Anthroposophie. Ein Fragment aus dem Jahre 1910», GA 45, in die Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe eingereiht und 1951 veröffentlicht. Gemäß einer Bemerkung in diesem Fragment «Anthroposophie» hatte Rudolf Steiner damals vor, dem ersten Buche auch eine Darstellung der «Psychosophie» und der «Pneumatosophie» folgen zu lassen, was ebenfalls nicht realisiert wurde. Doch enthält die 1917 während des Weltkrieges veröffentlichte Schrift «Von Seelenrätseln», GA 21, eine Reihe von schriftlichen Skizzen der entsprechenden Inhalte aus den Vorträgen und Fragmenten der Jahre 1909 bis 1911: die Bestimmung des Verhältnisses von Anthropologie und Anthroposophie, die Skizzierung der zwölf Sinne des Menschen, der Hinweis auf die Einheitlichkeit der Funktion von sensiblen und motorischen Nerven sowie eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Werk und der Psychologie Franz Brentanos. Dazu trat 1917 dann die als Ergebnis «einer dreißig Jahre währenden geisteswissenschaftlichen Forschung» dargestellte Anschauung von der Dreigliederung des physischen Organismus des Menschen entsprechend der seelischen Gliederung in Vorstellen, Fühlen und Wollen. Auch hier wiederum, bei der Niederschrift im Jahre 1917, standen Rudolf Steiner, wie er mehrfach angibt, nicht zur Ausführung gekommene längere Darlegungen vor Augen. Im IV. Teil der Schrift, Kapitel 5, «Über die wirkliche Grundlage der intentionalen Beziehung», heißt es dazu: «Diese Anschauungen verlangen allerdings, daß sie auch noch in ausführlicherer Gestalt - mit allen Begründungen - gegeben werden. Doch haben mir die Verhältnisse bisher nur möglich gemacht, manches Einschlägige in mündlichen Vorträgen vorzubringen. Was ich hier anführen kann, sind Ergebnisse in kurzer skizzenhafter Darstellung. Und ich bitte den Leser, sie vorläufig als solche aufzunehmen. Es handelt sich nicht um <Einfälle>, sondern um etwas, dessen Begründung mit den wissenschaftlichen Mitteln der Gegenwart von mir in jahrelanger Arbeit versucht worden ist.» Damit dürfte feststehen, daß die in den Vorträgen über «Anthroposophie», «Psychosophie» und «Pneumatosophie» gemachten Ausführungen wesentliche Marksteine eines Forschungsweges enthalten, die Rudolf Steiner wiederholt schriftlich niederlegen wollte und zu seinen zentralen wissenschaftlichen Entdeckungen zählte. Zu den Textunterlagen: Die hier vorliegenden zwölf Vorträge wurden erstmals 1927 in der Zeitschrift «Die Drei» veröffentlicht. 1931 erfolgte durch Marie Steiner die erste, damit textidentische Buchausgabe. Zu den Textunterlagen heißt es in ihrem Vorwort: «Die hier gedruckten Vorträge über <Anthroposophie> sind mehr als andere in einer gewissen Kürzung wiedergegeben, denn ein Stenogramm war nicht vorhanden, nur eine gewöhnliche Nachschrift [von Dr. Paul Lindtner, Kassel]. Die zwei Vortragsreihen über <Psychosophie> und <Pneumatosophie> sind in ihrer Unmittelbarkeit wiedergegeben gemäß der stenographischen Nachschrift [von dem offiziellen Stenographen Walter Vegelahn, Berlin].» Für die 1965 erschienene von Hendrik Knobel und Johann Waeger |
| 322 | besorgte Ausgabe konnten sehr erhebliche Textverbesserungen vorgenommen werden, da seit den Erstdrucken 1927/31 dem Rudolf Steiner Archiv weitere Nachschriften zugekommen waren. Es handelte sich vor allem für die vier Vorträge über «Anthroposophie» um Nachschriften von Jakob Mühlethaler, damals Berlin, der relativ gut stenographieren konnte. Ferner auch - allerdings nur für den dritten und vierten der Vorträge «Anthroposophie» - von Walter Vegelahn. Warum es von diesem, der damals ein offiziell amtierender Stenograph Rudolf Steiners war, keine Nachschriften des ersten und zweiten Vortrages gibt, ist unbekannt. Für die Ausgabe 2001 wurden die Texte mit allen vorliegenden Unterlagen erneut gründlich geprüft. Zur Verfügung standen folgende Unterlagen: Für die vier Vorträge über «Anthroposophie»: Nachschrift Paul Lindtner, Jakob Mühlethaler; Walter Vegelahn für den dritten und vierten Vortrag. Ferner mehr oder weniger stark gekürzte Privatmitschriften von verschiedenen Zuhörern (Alice Kinkel, Stuttgart; Berta Lehmann-Reebstein, Berlin; Julia Wernicke, Berlin; des weiteren um eine namentlich nicht gezeichnete Mitschrift, vielleicht von Mathilde Scholl, Köln). Dadurch war es möglich, gerade bei diesen vier Vorträgen nochmals Textverbesserungen vornehmen zu können. Für die vier Vorträge über «Psychosophie»: Nachschrift Walter Vegelahn, zwei namentlich nicht gezeichnete Aufzeichnungen, wovon die eine vermutlich auf Mathilde Scholl zurückgeht, ferner handschriftliche Kurznotizen von unbekannter Hand. Für die vier Vorträge über «Pneumatosophie»: Nachschrift Walter Vegelahn, Mathilde Scholl, Otto oder Willi Daeglau entweder Otto D., Breslau, oder Willi D., Leipzig). Zur Textqualität: Obwohl insgesamt Textverbesserungen, hauptsächlich für die vier Vortrage «Anthroposophie», vorgenommen werden konnten, bleibt in bezug auf die Textqualität aller zwölf Vorträge das Faktum zu berücksichtigen, daß keine Originalstenogramme vorliegen - auch nicht von Walter Vegelahn -, sondern nur die von den Mitschreibern besorgten Übertragungen in Klarschrift, die zumeist von ihnen schon leicht redigiert worden sind. Fehlerhaftes kann nicht ausgeschlossen werden. Stilistische Unebenheiten dürfen nicht Rudolf Steiner zur Last gelegt werden. Zum Titel des Bandes: Die Titel der drei Vortragskurse sind die Originaltitel, unter denen Rudolf Steiner die Vortragskurse ankündigte und durchführte. Zu den Korrekturen: Die meisten Korrekturen der Neuausgabe 2001 bestehen in Textverbesserungen und -ergänzungen aus den verschiedenen Nachschriften. Einige wesentliche Sinnkorrekturen und nicht berücksichtigte Varianten sind unten S. 339ff besonders nachgewiesen. Einfügungen in eckigen Klammern […] stammen von den Herausgebern. |
| 323 | Zu den Zeichnungen: Die von Rudolf Steiner während der Vorträge an der Wandtafel skizzierten Zeichnungen sind von den verschiedenen Mitschreibern im Prinzip wohl richtig, aber in bezug auf Anzahl und Form verschieden festgehalten worden. Beispielsweise handelt es sich im Vortrag vom 15. Dezember 1911 eindeutig nicht um mehrere, sondern um ein einziges Schema, das nur fortlaufend weiter ergänzt wurde, was für die Auflage 2001 berücksichtigt worden ist. Zu den Notizbuchaufzeichnungen: Die im Anhang S. 31 lff wiedergegebenen Notizbuchaufzeichnungen sind zeitlich und inhaltlich unmittelbar den Vorträgen über «Anthroposophie» 1909 zuzuordnen. Aus dem Zusammenhang der Arbeit am Textfragment «Anthroposophie» 1910, GA 45, und aus späteren Jahren sind zahlreiche weitere Aufzeichnungen über die Sinne von Rudolf Steiners Hand in den Notizbüchern erhalten, die sich im Rudolf Steiner Archiv befinden. Ein Teil davon wurde von Hendrik Knobel publiziert in «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», 1965, Nr. 14 und 1971, Nr. 34 und 1977, Nr. 58/59. Neben der Neuausgabe des Textes «Anthroposophie» aus dem Jahre 1910 ist vorgesehen, sämtliche Zeichnungen und Aufzeichnungen Rudolf Steiners über die Sinneslehre in einem Ergänzungsband der Gesamtausgabe zu dokumentieren. Zeitschriften-Veröffentlichung: In «Die Drei. Monatsschrift für Anthroposophie, Dreigliederung und Goetheanismus», hrsg. von Dr. Kurt Piper und Dr. Erich Schwebsch, 7. und 8. Jg., 1927 und 1928. |
Hinweise zum Text
| 323 | Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit der Bibliographie-Nr. angegeben. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.
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Sinnkorrekturen
in der Auflage 2001 gegenüber der Auflage 1965
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Text-Varianten
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