FRAGENBEANTWORTUNGEN, 18., 19., 22. April 1923
I. Dornach, 18. April 1923
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Es ist ein Mißverständnis dadurch entstanden, daß ja vorläufig geschildert worden ist, wie sich das Kind hinsichtlich seiner religiösen
Impulse entwickelt. Es ist noch gar nicht in meinen Vorträgen vom
Religionsunterricht gesprochen worden, weil ich ja heute überhaupt
erst begonnen habe mit dem Pädagogisch-Didaktischen. Dasjenige,
was von mir ausgeführt wurde, das ist, daß eine Art physisch-religiösen, ich sagte leiblich-religiösen Verhältnisses besteht zwischen dem
Kinde und seiner Umgebung. So daß also dasjenige, was das Kind bis
zum Zahnwechsel hin einfach durch seine Organisation übt, erst nach
der Geschlechtsreife, etwa nach dem 14., 15. Jahr, ins Denken übergeht. Ich habe den Vergleich gebraucht, daß dasjenige, was zunächst
auf eine leiblich-geistige Weise sich offenbart, gewissermaßen in einer Unterströmung fortfließt und dann für das Denken, durch welches die Religion beim Erwachsenen auftritt, erst im 15. Jahre ungefähr auftritt. Nun ist die Sache aber so, daß ja gerade bei einer naturgemäßen Pädagogik dasjenige, was in irgendeinem Lebensalter auftritt, sorgfältig vorbereitet werden muß in den früheren Lebensepochen. Und die didaktisch-pädagogische Frage, die nun daraus hervorgeht, ist diese: Wie ist mit Rücksicht auf diese Entwickelungsgesetze
des Menschen der Religionsunterricht gerade in der Volksschule einzurichten? Das ist eine Frage, die den nächsten Vorträgen als Aufgabe mit unterliegen wird. Dasjenige, was ich schon voraus sagen
möchte, ist nun dieses: Wir müssen uns klar sein, daß wirklich das
religiöse Element dem Menschen angeboren ist, zur Menschennatur
gehört. Das drückt sich dadurch ganz besonders aus, daß man eben
diese religiöse Orientierung des Kindes, wie ich sie beschrieben habe,
bis zum Zahnwechsel findet. Dasjenige, was wir nun durch die allgemeine Zivilisation als die Religion der Erwachsenen haben, ist natürlich eine solche, die in Vorstellungen lebt oder wenigstens ihren InCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:175
halt durch Vorstellungen bekommt, die allerdings vor allen Dingen
im Gemüt sich ausleben. Für diesen Vorstellungsinhalt wird der
Mensch erst reif nach dem 14. Lebensjahr. Es bleibt uns gerade das
volksschulmäßige Lebensalter für die wichtige Frage: Wie haben
wir da nun den Religionsunterricht einzurichten? Da kommt in erster
Linie in Frage: Worauf müssen wir in diesem Lebensalter vom 7. bis
zum 14. Jahr vorzugsweise wirken? In der ersten Lebensepoche bis
zum Zahnwechsel wirken wir als erzieherische Umgebung eigentlich
auf das Leibliche. Nach der Geschlechtsreife wirken wir im Grunde
genommen auf das Urteil, auf die Vorstellung. In der Zwischenperiode wirken wir nun gerade auf das Gemüt, das Gefühl. Daher ist
auch notwendig, diese Periode einzuleiten damit, daß wir bei den
Kindern, die in die Volksschule hineinkommen, mit Bildern anfangen.
Die wirken nämlich gerade auf die Empfindung, auf das Gemüt. Die
Vorstellung reift allmählich erst heran und wird vorbereitet für das
richtige Lebensalter. Nun haben wir ebenso, wie ich es morgen für
einzelne Lehrfächer ausführen werde, beim Religionsunterricht dafür
zu sorgen, daß wir ihn vor allen Dingen ans Gemüt heranbringen.
Und darum handelt es sich also: Was wirkt im Gemüt und auf das
Gemüt? Ja, da wirkt vor allen Dingen dasjenige, was erlebt wird in
Sympathien und Antipathien, Wenn wir nun bei dem Kinde gerade
zwischen dem 7. und 14. Jahr solche Sympathien und Antipathien entwickeln, die da vorbereiten ein richtiges religiöses Urteil, dann tun
wir das Rechte. Also sagen wir: Wir richten den Unterricht nicht so
ein, daß wir überall Gebote obenan stellen «Du sollst dieses tun, Du
sollst jenes nicht tun»; das taugt eben wiederum nicht, gerade für
dieses kindliche Alter, sondern wir müssen den Unterricht so einrichten, daß das Kind Sympathie bekommt mit dem, was es tun soll. Das
behalten wir für uns im Hintergrund, was es tun soll, aber wir stellen
in Bildern dasjenige dar, was ihm auch in religiöser Beziehung in höherem und sehr gehobenem Sinne sympathisch einfließen soll. Wir
versuchen, ihm Antipathie einzuflößen für dasjenige, was es eben
nicht soll. Wir versuchen auf diese Weise auch gerade eben durch das
Gemütsurteil immer an Hand des Bildes das Kind allmählich hinzuführen von dem Göttlich-Geistigen in der Natur durch das Göttlichcopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:176
Geistige im Menschen zu dem Aneignen des Göttlich-Geistigen.
Aber das Ganze muß durch Gemüt und Gefühl gehen, gerade im
volksschulmäßigen Alter. Also nicht dogmatisch und nicht gebotsmäßig, sondern durchaus das Gemüt, das Gefühl vorbereiten für dasjenige, was dann später in selbstgebildetem Urteil auftreten kann.
Und wir werden ganz andere Erfolge erzielen gerade für die religiöse
Orientierung des Menschen, als wenn wir in dem Lebensalter, in dem
das Kind nicht empfänglich dafür ist, mit Geboten oder Glaubensartikeln kommen. Wenn wir ihm die Bilder vorweisen und dadurch vorbereiten dasjenige, worüber sich später der junge Mensch selber ein
religiöses Urteil bilden soll, bereiten wir dem Menschen die Möglichkeit, dasjenige wirklich durch seine eigene Geistigkeit zu erfassen, was er als sein innerstes Wesen erfassen soll, nämlich die religiöse Orientierung. Wir lassen gewissermaßen dem Kinde die Freiheit, sich selber religiös zu orientieren, wenn wir ihm das Religiöse
ans Gemüt heranbringen, also in Bildern das Religiöse darbieten,
nicht in Glaubensartikeln oder in Geboten. Es ist von ungeheurer Bedeutung, wenn der Mensch dann nach der Geschlechtsreife bis in die
Zwanziger jähre hinein die Möglichkeit hat, das, was er erst im Gemüt, im Gefühl, ich möchte sagen mit einer gewissen Weite und Vielseitigkeit aufgenommen hat, aus sich selbst heraus zum Urteil erhebt. Er bringt sich dann selbst auf den Weg zum Göttlichen. Es ist
ein großer Unterschied, ob das Kind in der Zeit, in der es auf Autorität eingestellt ist, durch die Autorität eine fest bestimmte Richtung
bekommt oder ob es so geführt wird, daß es die religiöse Orientierung bei seinem Erzieher oder Lehrer sieht, daran bildhaftig sich hinaufrankt und dann später schöpfen kann daraus das «Du sollst», «Du
sollst nicht». Nachdem es zuerst Gefallen oder Mißfallen gefunden hat
an dem, was herauskommt als «Du sollst», «Du sollst nicht», nachdem es in bildhafter Naturanschauung erkennen gelernt hat, wie das
Gemüt frei wird durch die Vorstellung eines göttlich-geistigen Webens in Natur und Geschichte, kommt es selber darauf, sich die Vorstellungen zu bilden. Es bekommt die Möglichkeit, die religiöse Erziehung aus dem Zentrum des Lebens zu bekommen, zu dem man erst mit
der Geschlechtsreife herankommt. Also darum handelt es sich, aus dieCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:177
sen Untergründen, die aus Menschenerkenntnis gewonnen werden, das
Spätere in richtiger Weise vorzubereiten. Ich habe es dargestellt in
den Vorträgen, indem ich einen Vergleich gebraucht habe mit einem
Fluß, der versinkt und weiter unten wieder hervorkommt. Der
Mensch ist in den ersten 7 Jahren religiös eingestellt. Das tritt nun
in die Tiefen des Gemütes hinein, wird ganz seelisch, kommt an die
Außenfläche erst wiederum als Denken mit der Geschlechtsreife. Und
nun müssen wir in die Tiefen seiner Seele hineinwirken durch eine
uns persönliche Gemütsoffenbarung. Wir bereiten dadurch für das
Kind vor, was es zum religiösen Menschen macht, während wir das
verhindern, wenn wir ihm nicht die Möglichkeit bieten, aus dem eigenen Zentrum seines Wesens heraus die religiöse Orientierung zu
gewinnen. Diese eigene religiöse Orientierung liegt im Menschenwesen. Sie muß nach dem 15. Jahr gewonnen werden. Wir müssen sie
vorbereiten in richtiger Weise. Darum muß auch der Religionsunterricht gestaltet werden wie der andere Unterricht in diesem Lebensalter; er muß bildhaft aufs Gemüt wirken, muß dem Kinde Gefühlsanregungen geben. Bis in die Mathematik hinein kann man in jedes
Unterrichtsfach einen religiösen Zug bringen. Und daß das der Fall
ist, das werden diejenigen spüren, die einmal den Waldorfschulunterricht kennen. Da ist wirklich eigentlich in allen einzelnen Fächern
Christentum darinnen, bis in die Mathematik hinein ist Christentum
darinnen. Es liegt überall der religiöse Zug zugrunde. Nur eben sind
wir ja wegen der heutigen Verhältnisse in die Notwendigkeit versetzt, den eigentlichen Religionsunterricht, weil wir keine Weltanschauungsschule sind, sondern eine pädagogische Schule, und weil
wir eigentlich nur den Wert darauf legen, daß bei uns nach naturgemäßer Methodik gelehrt wird - wir haben Anthroposophie eben deshalb zugrunde gelegt, weil wir glauben, daß daraus eine wirklich
richtige Pädagogik herausquillt, aber wir wollen nicht Anthroposophen dressieren in der Waldorfschule; deshalb ist es so, daß wir den
katholischen Religionsunterricht von katholischen Pfarrern, den evangelischen Religionsunterricht von evangelischen Pfarrern erteilen lassen. Diejenigen, die nun von unseren Lehrern selber unterrichtet
werden, das sind eigentlich die Kinder, die zumeist heute DissidenCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:178
tenkinder wären, also keinen Religionsunterricht bekommen würden.
Es ist eine überraschende Tatsache, daß das die weitaus größte Majorität der Waldorf Schulkinder ist. Die kommen nun alle zu dem sogenannten freien Religionsunterricht, der im Grunde genommen nur
dasjenige dann zusammenfaßt, was den ganzen Unterricht doch eigentlich beherrscht. Dieser freie Religionsunterricht, der macht uns
eigentlich recht viel Sorge. Wir stehen in bezug auf diesen Unterricht in einem ganz besonderen Verhältnis zur Schule. Wir betrachten alle übrigen Fächer als dasjenige, was durch anthroposophische
Forschung als notwendige pädagogisch-didaktische Methodik da sein
muß. Den freien religiösen Unterricht erteilen wir selbst, indem wir
uns ebenso fühlen in der Schule drinnen stehend wie der katholische
und evangelische Religionslehrer. Den erteilen wir als Fremde drinnen. Wir wollen nicht eine Weltanschauungs- oder Konfessionsschule
haben, auch nicht in anthroposophischem Sinne, aber schließlich wird
natürlich gerade die anthroposophische Methodik recht fruchtbar in
diesem freien Religionsunterricht, in dem nicht etwa Anthroposophie
gelehrt wird, sondern in dem so gearbeitet wird, wie ich es jetzt methodisch charakterisiert habe. Man wendet allerlei ein gegen diesen
freien Religionsunterricht, zum Beispiel, daß so furchtbar viele Kinder von dem anderen Religionsunterricht hinüberlaufen zu dem freien.
Das macht sehr viele Schwierigkeiten, weil wir einen Religionslehrer
nach dem anderen anstellen mußten und nicht mehr genügend Leute
haben dafür. Wir können nichts dafür, daß die Kinder hinüberlaufen,
von dem anderen Religionsunterricht fortlaufen. Das liegt nur darinnen, daß die anderen eben nicht die Methodik haben, die in unserem
Religionsunterricht drinnen ist. Uns kommt es auch beim Religionsunterricht auf die richtige Pädagogik an.
Auf eine weitere Frage.
Das Charakteristische der Waldorfschule soll sein, alle Fragen vom
Gesichtspunkte der Pädagogik aus zu betrachten, also auch den Religionsunterricht. Nun wird aber gerade Herr Pfarrer X. zugeben, daß
die beiden angeführten Richtungen: die Frage der Ersetzung des Religionsunterrichts durch moralischen Unterricht und die konfessioCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:179
nelle Schule, daß die von ganz anderen Gesichtspunkten aus aufgeworfen werden. Vor allen Dingen die Ersetzung des Religionsunterrichtes durch den Moralunterricht wird von denjenigen Menschen
aufgeworfen, welche überhaupt in der Zivilisation die Religion beseitigen wollen, welche die Religion als etwas mehr überflüssig Gewordenes halten. Die wollen natürlich keine Religion, sondern Moralunterricht. Auf der anderen Seite geht natürlich aus dem Hinneigen zu
den dogmatischen Konfessionen die Sehnsucht hervor, die Schule konfessionell zu gestalten. Das sind aber keine pädagogischen Gesichtspunkte. Aber damit man auch etwas Präzises verbindet mit dem, was
da Pädagogik genannt werden muß, möchte ich sagen: Was ist denn
eigentlich der pädagogische Gesichtspunkt? Der pädagogische Gesichtspunkt kann nur der sein, vorauszusetzen, daß der Mensch, wie
es ja selbstverständlich ist, zunächst in seinem kindlichen oder jugendlichen Lebensalter nicht ein ganzer Mensch ist, sondern erst einer
werden muß; daß man erst Mensch wird im Verlauf des Lebens. Man
muß also alle menschlichen Anlagen zur Ausbildung bringen. Das ist
zuletzt die abstrakteste Form des pädagogischen Gesichtspunktes.
Wenn nun jemand vom pädagogischen Standpunkte aus spricht und
sagt, aus der Menschenerkenntnis, die zugrunde liegt der Pädagogik,
daß das Kind überhaupt schon religiös eingestellt zur Welt kommt,
daß es in den ersten 7 Lebensjahren sogar seine Leiblichkeit religiös
eingestellt hat, dann muß es einem vorkommen, daß, wenn man den
Religionsunterricht ersetzen will durch Moralunterricht, wie wenn
man ein physisches Glied des Menschen, ein Bein, nicht ausbilden
wollte, weil man zu der Ansicht übergehen würde: der Mensch braucht
alles, aber nicht die Beine auszubilden. Das weglassen zu wollen, was
zum Menschen gehört, das kann entspringen einem Fanatismus, aber
niemals einer Pädagogik. Insofern hier überall pädagogische Grundsätze verfochten werden, pädagogische Impulse ins Auge gefaßt werden, folgt die Notwendigkeit des Religionsunterrichtes durchaus vom
pädagogischen Gesichtspunkte. Daher haben wir, wie ich schon sagte,
für diejenigen Kinder, die sonst konfessionslos wären, also keinen
Religionsunterricht hätten nach dem Württembergischen Schulgesetz,
den freien Religionsunterricht eingerichtet. Dadurch haben wir gar
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keine Kinder in der Waldorfschule ohne Religionsunterricht; denn
in den freien Religionsunterricht kommen diese alle. Wir haben dadurch die Möglichkeit, gerade wiederum das religiöse Leben in die
Schule zurückzuführen. Das wird vielleicht die beste religiöse Erneuerung sein, wenn man davon spricht, das religiöse Leben in der
Schule richtig zu pflegen, wenn man es dahin bringt, dasjenige, was
heute als religionslose Aufklärung wirkt, dadurch zu bekämpfen, daß
man einfach appelliert an die ursprüngliche religiöse Anlage des Menschen. Ich betrachte das als eine Art von Erfolg in der Waldorfschule,
daß wir die Dissidentenkinder auf diese Weise zum Religionsunterricht gebracht haben. Die katholischen und evangelischen Kinder wären ja zu ihrem Religionsunterricht gekommen, aber es war wirklich
nicht so leicht, diejenige Form zu finden, die nun allen andern Kindern wiederum Religionsunterricht zuwendet. Das ist vom pädagogischen Standpunkte aus angestrebt worden bei uns. |
II. Dornach, 19. April 1923
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17jährigen Mädchen).
Das Wesentliche ist ja doch das, was Herr Baumann hingestellt
hat: daß gerade mit der Geschlechtsreife und dann in den folgenden
Jahren sich ergibt, daß ein gewisses musikalisches Urteil an die Stelle
eines früheren musikalischen Empfindens und musikalischen Erlebens
tritt. Das musikalische Urteil tritt dann auf. Das ist natürlich darin
sehr deutlich zu bemerken, daß die Erscheinungen auftreten, die Herr
Baumann charakterisiert hat. Es tritt eine gewisse Selbstbeobachtung
ein bei den Kindern, eine Selbstbeobachtung ihres Singens und dadurch wiederum die Möglichkeit, bewußter die Stimme zu behandeln
und dergleichen. Das muß nun auch methodisch kultiviert werden.
Dann aber tritt das sehr stark hervor, daß gerade von diesem Jahre
ab jenes selbstverständliche musikalische Gedächtnis etwas zurückgeht, so daß die Kinder von diesen Jahren ab sich mehr anstrengen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:181
müssen, um auch gedächtnismäßig das Musikalische zu behalten. Darauf muß man dann im Unterricht ganz besonders sehen. Während die
Kinder bis zur Geschlechtsreife ein selbstverständliches Leben haben
im Musikalischen, die Dinge sehr leicht behalten, fangen manchmal
diejenigen, die früher sehr gut behalten haben, nun an, Schwierigkeiten zu haben im Behalten, also nicht so sehr im Aneignen, sondern im
Behalten. Darauf muß man sehen. Man muß versuchen, nicht unmittelbar hintereinander, aber oftmals die Dinge zu wiederholen. Namentlich tritt in diesem Alter stark das hervor - psychologisch liegt da
ein sehr feiner, intimer Unterschied zugrunde -, daß, während früher
das Instrumental-Musikalische und das Stimmliche, das Vokal-Musikalische in eins zusammenfallen, werden diese zwei Dinge gerade
vom 16., 17. Jahr ab sehr deutlich voneinander unterschieden. Es wird
viel bewußter hingehört auf das Instrument, es wird viel bewußter
von diesem Lebensalter an auch auf das Instrumental-Musikalische
hingehört. Man bekommt mehr Verständnis für das InstrumentalMusikalische als vorher. Vorher sang das Instrument sozusagen mit,
nachher hört man die Instrumente; hören und singen sind dann zwei,
wenn auch parallel miteinandergehende Prozesse. In diesem Verhältnis, das dann eintritt zwischen Singen und Verstehen des Instrumentes, liegt das Charakteristische. Da müssen dann die Unterrichtsmethoden eben darnach eingerichtet werden. Wichtig ist, daß man mit
dem Theoretisch-Musikalischen vor diesem Lebensalter überhaupt
nicht anfangen sollte, sondern daß man eigentlich das Musikalische
praktisch treiben sollte und, was man theoretisch bemerken will, anknüpft an das unmittelbar praktische Treiben, und dann allmählich,
gerade in diesem Lebensalter, den Übergang erst gewinnt, nun auch
etwa verstandesgemäß zu urteilen über das Musikalische. Das, was
Herr Baumann zuletzt angedeutet hat, daß man den Kindern manches in ihrer Selbsterkenntnis beibringen kann aus ihrem musikalischen Auftreten heraus, das ist durchaus richtig. Und während zum
Beispiel, wenn man, wie wir es ja in der Waldorf schule machen, die
älteren Kinder zur plastischen Tätigkeit bringt, wenn man sie allerlei
bilden läßt, währenddem man da die Eigentümlichkeiten der Kinder
gleich von Anfang an wahrnehmen kann in dem, was sie plastisch
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hervorbringen - es ist irgend etwas, wenn es von verschiedenen Kindern plastisch gestaltet wird, ja etwas ganz Verschiedenes -, ist es
beim Musikalischen so, daß man auf dasjenige, was den Kindern individuell ist, zunächst gar nicht eingehen kann. Das tritt dann eben
hervor, wenn das Kind dieses Lebensalter erreicht hat. Dann kann
man, natürlich namentlich aus den ja dann auch schon intensiver hervortretenden Neigungen für diese oder jene musikalische Richtung,
zurückwirken auf das Kind, um Einseitigkeiten zu vermeiden. Wenn
also das Kind eine bestimmte Musik besonders liebt, sagen wir zum
Beispiel, es gibt ja gerade in unserer gegenwärtigen Zivilisation sehr
viele Kinder, bei denen stellt sich ganz von selbst ein, daß sie reine
Wagnerianer werden. Da muß man entgegenwirken, denn da findet
eigentlich das statt, daß ein zu starkes Aufnehmen des Musikalischen
mit dem Gefühl eintritt, statt der inneren Gestaltung des Musikalischen selber - ich will damit nichts gegen Wagner sagen -, also es
rutscht das Musikalische gewissermaßen zu stark in das Gefühlsleben hinunter. Da muß man es dann heraufheben. Das merkt der Musiker auch an der Gestaltung der Stimme. Die Stimme klingt anders
bei einem Kinde, bei dem zu stark das Musikalische ins Gefühl
rutscht, als bei einem Kinde, das die Formung der Töne hört, für das
Plastische in der Musik ein richtiges Verständnis hat. Da in der richtigen Weise zu wirken für ein richtiges musikalisches Gefühl und
Verständnis, dafür ist dieses Lebensalter besonders wichtig. Natürlich kommt dabei in Betracht, daß man ja bis zur Geschlechtsreife unbedingt als Autorität neben den Kindern steht. Da hat man noch nicht
Gelegenheit, auf diese Dinge zu sehen beim Kinde. Nachher steht
man schon nicht mehr als Autorität neben dem Kinde, sondern durch
das Gewicht, das man dem eigenen Urteil für das Kind geben kann.
Bis zur Geschlechtsreife ist dasjenige richtig, was der Lehrer für richtig hält, falsch, was der Lehrer für falsch hält, weil es der Lehrer für
richtig oder falsch hält. Nach der Geschlechtsreife muß man begründen, auch musikalisch begründen. Deshalb ist es sehr wichtig, daß
gerade dann, wenn eben die Veranlassung vorliegt, den musikalischen Unterricht in diese Zeit hinein besonders fortzusetzen, wirklich stramm in das Motivieren der Urteile, die man heranzieht, einCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:183
gegangen wird. - Ja, man könnte die ganze Nacht über dieses Thema
weiterreden, wenn man wollte.
Frage: Liegt nicht eine Lüge darin, wenn man das Kind nach etwas frag, was man doch
schon weiß?
Es liegt etwas sehr Interessantes zugrunde. Wenn ich jemand frage
nach etwas, so ist die Voraussetzung, ich will die Antwort haben,
weil ich sie noch nicht weiß. Nun frage ich das Kind um etwas, ich
weiß es aber schon, also begehe ich eine Unwahrheit. - Nun handelt
es sich im Unterricht eben sehr stark um Imponderabilien. Sehen Sie,
es ist manchmal durchaus notwendig, sich dieses klarzumachen. Ich
gebrauche oftmals ein Beispiel dafür: Man kann, wenn man religiös
bildhaft unterrichtet, bei der Besprechung der Unsterblichkeitsfrage
zu einem Bilde greifen in der folgenden Weise. Man sagt sich: du
willst dem Kinde, das noch nicht irgendwelche Erörterungen begrifflicher Art verstehen kann, bildlich etwas von der Unsterblichkeit beibringen. Du bist gescheit als Lehrer, das Kind ist dumm; also präge
ich aus meiner Gescheitheit heraus ein Bild. Ich mache das so, daß ich
sage: Schau dir die Schmetterlingspuppe an; die Puppe öffnet sich,
wenn sie reif wird, dann fliegt der schöne Schmetterling heraus. So
wie der Schmetterling aus der Puppe ausfliegt, so fliegt die unsterbliche Seele aus dem Körper, wenn der Mensch stirbt. Man bringt das
dem Kinde bei. Schön, aber man wird bemerken, daß, wenn man aus
dieser Orientierung heraus das dem Kinde beibringt, so wird es keinen sehr starken Eindruck auf das Kind machen. Denn der Lehrer in
seiner Gescheitheit glaubt natürlich selber nicht an das Bild, sondern
er verdeutlicht nur für das dumme Kind die Unsterblichkeitsfrage in
diesem Bilde. Aber es gibt noch eine andere Orientierung, das ist die,
daß man selber an das Bild glaubt. Und da kann ich sagen: Wenn man
nicht furchtbar gescheit ist, sondern wirklichkeitsverwandt ist, glaubt
man selber daran. Da nimmt man das Bild so, daß man sich sagt:
Nicht ich vergleiche, sondern die Weltordnung selber hat dieses Bild
hingestellt; es liegt wirklich im Auskriechen des Schmetterlings auf
einer unteren Stufe dasselbe ausgedrückt, versinnlicht vor, was in der
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Unsterblichkeit der Seele vorliegt. Ich kann daran glauben. Merken
Sie den Unterschied: Wenn ich an meine Bilder selber glaube, mit alldem, was in meinen Worten liegt, wenn ich sie dem Kinde beibringe,
da wirkt die Gesinnung des Lehrers mit auf das Kind. Solche Dinge
können Sie unendlich viele finden. Und so wirken auch die Imponderabilien mit in der interessanten Frage, die jetzt eben aufgestellt ist.
Es handelt sich nicht darum, daß man als Lehrer nun die Ansicht hat:
Ich weiß das, das Kind weiß es nicht, und ich frage das nun, als wenn
ich es wissen wollte. Nicht wahr, es ist ein großer Unterschied, ob
ich das Kind frage etwa über die Schlacht bei Zabern, und ich weiß es,
das Kind aber nicht, oder weiß es auch; die Unwahrheit liegt darinnen, daß ich frage, während ich die Sache schon weiß. Nun kann ich
aber die Gesinnung haben, daß mich trotzdem an der Antwort des
Kindes etwas interessiert, und ich stelle vorzugsweise die Fragen in
der Absicht, nun richtig zu erfahren, was das Kind über die Sache
meint. Dann weiß ich wirklich nicht, was das Kind sagen wird. Das
Kind sagt mir die Dinge nuanciert. Und wenn ich mir überhaupt als
Ideal stelle, wie ich es oftmals betont habe in meinen Vorträgen:
Kein Weiser ist so gescheit, daß er nicht von einem Säugling etwas
lernen könnte - ja man kann noch so weit in der Wissenschaft fortgeschritten sein, der Schrei eines Säuglings kann einen viel lehren -,
so kann man tatsächlich als Lehrer aus jeder Antwort des Kindes,
wenn man die Frage in dieser Gesinnung stellt, lernen zu lehren. Man
kann aus jeder Antwort eines Kindes durchaus nicht das herausholen:
man will hören, was man weiß, sondern man kann dasjenige kennenlernen, was das Kind einem sagt. Dann wird man auch seine Frage
richtig stellen. Dann wird man sehr häufig zum Beispiel die Frage so
formulieren: Was meinst du darüber? - Schon in der Betonung der
Frage wird etwas liegen, daß man selber als Lehrer neugierig ist,
was das Kind antwortet. Es ist wirklich so, daß auf die Imponderabilien, die sich abspielen zwischen Kind und Lehrer, viel ankommt.
Wenn man das unterbewußte Leben kennt, wie es im Kinde ausgebildet ist, kommt man auf vieles andere noch. Auf diesem Gebiete liegt
ja auch die Frage des Lügenhaften im Unterricht, wenn man es bestimmt ausdrücken will, wenn der Lehrer vor der Schule steht und
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aus dem Buche unterrichtet oder sich so hilft, daß er sich, die Sachen
irgendwie aufgeschrieben hat. Ja, nicht wahr, das ist unter Umständen sehr bequem für den Lehrer. Für den Unterricht ist es aber eigentlich furchtbar; schon deshalb furchtbar, weil das Kind in seinem
Unterbewußtsein sich fortwährend ein Urteil bildet, wenn der Lehrer mit dem Unterrichtsstoffe so in der Klasse steht. Da spricht das
Unterbewußtsein des Kindes: Warum soll ich wissen, was der nicht
weiß? Von mir wird verlangt, zu wissen, was der mir aus seinem Buche vorliest. - Sehen Sie, das ist noch eine viel größere Unwahrheit,
die auf diese Weise in die Klasse kommt, als durch das Fragestellen.
Selbst beim Diktieren von Übungssatzen soll man vorsichtig sein
und nicht aus dem Buche diktieren. Wenn man beachtet, was im Kinde vorgeht, und das Kind merkt, daß der Lehrer für es Interesse hat
und nicht die Frage aus Lügenhaftigkeit stellt, dann ist die Sache
eben ganz anders. Auf diese Weise wird man wirklich dazu kommen,
keine Lüge mehr zu entwickeln in dem Frage- und Antwortverhältnis
zwischen Lehrer und Kind. |
III. Dornach, 22. April 1923
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Beispiel in der Tschechoslowakei?
Im Prinzip ist es möglich, die Waldorfschul-Pädagogik überall einzuführen, denn sie ist reine Pädagogik, bloße Pädagogik. Das Wesentliche der Waldorfschul-Pädagogik im Unterschied von vielen anderen pädagogischen Strömungen, die heute bestehen, ist ja das, daß
eben die Waldorfschul-Pädagogik rein pädagogisch ist. Nicht wahr,
heute gibt es ja Menschen die sagen: Wenn man einen Menschen ordentlich erziehen und unterrichten will, muß man ihn in ein Landerziehungsheim tun; in der Stadt geht es nicht. Ein anderer fordert
diese äußeren Bedingungen, der andere jene. Der eine sagt: das Internat ist das richtige für die Erziehung, der andere sagt: die Familienerziehung ist die richtige. All diese Dinge fallen in der WaldorfCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:186
schul-Pädagogik weg. Ich will jetzt gar nicht streiten gegen diese
Dinge, sie mögen von dem einen oder anderen Gesichtspunkte aus
ihre Berechtigung haben. Aber die Waldorfschul-Pädagogik ist eben
reine Pädagogik und kann sich allen äußeren Verhältnissen anpassen,
sei es städtische Schule, Landschule oder was auch. Sie ist eben nicht
auf besondere Verhältnisse zugeschnitten, sondern sie will nur den
heranwachsenden Menschen als solchen ins Auge fassen. Also, die
Waldorf-Pädagogik könnte in jede Schule eingeführt werden. Etwas
anderes ist es aber, ob man sie hereinläßt, ob die anderen einverstanden sind, die in diesen Schulen die Aufsicht haben oder diese Schulen
einrichten oder sie mit Lehrplänen versehen oder dergleichen. Die
Waldorfschul-Pädagogik kann morgen in der ganzen Welt in alle
Schulen eingeführt werden, aber ob man sie hereinläßt, das ist die
Frage. Die ist vom Gesichtspunkte des einzelnen Territoriums aus
zu beantworten. - Das ist das einzige, was man darüber sagen kann.
Über Rezitation und Eurythmie.
Es ist ja schade, daß gerade Frau Dr. Steiner, die die Rezitationskunst hier ausgebildet hat, in diesen Tagen krank ist und nicht die
Rezitation selber hat besorgen können. Es handelt sich darum, daß
die Eurythmie selber dazu zwingt, wieder zurückzugehen zu derjenigen Rezitations- und Deklamationskunst, die gepflogen worden sind
in mehr künstlerisch fühlenden Zeitaltern, als das unsrige ist. Das
heutige Zeitalter ist ja kein sehr künstlerisch empfindendes und würde
nicht leicht verstehen, warum Goethe selbst seine Jamben-Dramen
wie ein Kapellmeister mit dem Taktstock mit seinen Schauspielern
einstudiert hat. In unserem Zeitalter wird bei der Rezitation und Deklamation - die beide voneinander unterschieden werden müssen in
sehr strenger Weise - viel mehr Rechnung getragen dem Pointieren
eben des Prosainhaltes. Wenigstens eine starke Strömung war seit
den neunziger Jahren vorhanden, die eigentlich die künstlerische Gestaltung der Sprache selber mehr in den Hintergrund treten ließ und
den Prosagehalt des Gedichtes mehr in den Vordergrund treten ließ,
während es tatsächlich darauf ankommt, in der imaginativen Gestaltung der Laute, aber auch, sagen wir, des Strophenbaues oder in der
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musikalisch-thematischen Behandlung, in Rhythmus, Takt, im melodiösen Thema, das überall doch zugrunde liegen wird, das Wesentliche zu sehen und durch die Sprachbehandlung auf einer höheren
Stufe das zu erreichen, was man in der Prosa durch den bloßen Wortinhalt erreicht. Es ist ja das Gefühl für das Künstlerische der Sprache
überhaupt in der neueren Zeit zurückgegangen, selbst äußere Kulturerscheinungen machen einem das klar. Ich glaube nicht, daß sehr
viele Menschen wissen oder beachtet haben, was der berühmte Curtius an der Berliner Universität für ein Fach hatte. Er trug Kunstgeschichte und dergleichen vor, aber das war nicht das Fach, für das er
an der Berliner Universität angestellt war, sondern er hieß «Professor der Eloquenz», er war eigentlich angestellt für die Redekunst,
über Redekunst zu sprechen. Aber man hatte dafür kein Verständnis
mehr, es war unnötig, daß er über sein eigenes Fach las, so rutschte
er in ein anderes Fach hinein. Solche Erscheinungen sind heute vielfach da. Es ist notwendig, wenn wiederum zu einer Rezitationskunst
gekommen werden soll, die vorzugsweise ausgebildet werden muß
für das mehr Erzählende oder für diejenige Poesie, die etwa die Griechen hatten, für die Rezitationskunst und die Deklamationskunst, das
ist diejenige Kunst, die der älteren deutschen Poesie zugrunde liegt,
daß da wiederum für die Sprachbehandlung das Nötige getan wird.
Das ist es, worauf es ankommt. Ich weiß nicht, was dem Fragesteller
gerade aufgefallen ist, aber das ist es, worauf es uns ankommt: durch
die Sprachbehandlung das zu erreichen, was für die Prosa durch den
Sprachgehalt selber erreicht wird.
Es ist nicht durch die Betonung des Inhalts, nicht durch die Prosabedeutung des Inhalts, sondern durch die Art und Weise der Aufeinanderfolge der Laute oder des Gebrauches des Reimes und dergleichen, es ist also gerade durch die Form das zu erreichen, was man
heute gerne erreicht durch die prosaische Pointierung. Die Rezitation sucht vorzugsweise an das Plastisch-Maßvolle sich zu halten, sie
sucht also vorzugsweise das, wo es darauf ankommt, im Aushalten
der Silben und im Kurzmachen der Silben, was ja bei Balladen ganz
besonders wichtig werden kann. Die Deklamation sucht durch den
Hoch- und Tiefton und was sich daran anschließt das Wesentliche zu
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:188
erreichen. (Es war dem Fragenden aufgefallen, daß bei dem Worte
«grüßen» die Silbe «grüs» in demselben Tone gesprochen wurde
wie die Silbe «sen».) Das ist keine künstlerische Frage, sondern eine
bloße Auffassungsfrage. Das hängt ganz davon ab, ob der Sprechende
den Hauptwert darauf legt: Sag, ich lass' sie großen, oder: Sag, ich
lass* sie grüßen.
Frage: Wird dadurch nicht das Gewicht des Reimes verschoben?
Das könnte nur dann verschoben werden, wenn man die anderen
Silben der Sache nicht anpassen würde. Das kommt ja aus der Stimmung, nicht aus der Sprachbehandlung.
Frage: Drückt sich in der Auffassung keine Gesetzmäßigkeit ausf
Nein, die Auffassung muß frei bleiben. Es ist durchaus möglich,
daß Sie ein und dasselbe Gedicht künstlerisch deklamieren oder rezitieren, und Sie können die verschiedensten Auffassungen hereinbringen, gerade wie einer im Spielen eines musikalischen Stückes die verschiedensten Auffassungen hereinbringt. Es gibt keine eindeutige
Behandlung des Gedichtes, sondern es kommt auf das Wesentliche
an, daß man es also dazu bringt, nicht mehr das Gefühl zu haben:
Man spricht rezitierend oder deklamierend mit dem Kehlkopf, sondern man spricht mit der Luft. Darauf kommt es an, daß man wirklich die Gabe entwickelt, die Luft zu gestalten. Darauf kommt es
beim Rezitieren an. Beim Gesang gestaltet man die Luft. Beim Rezitieren muß auch dieselbe Tendenz walten, nur natürlich bei der
Sprache liegt die Melodie schon im Laut. Also es muß tatsächlich in
das Behandeln der Sprache das Wesentliche hereingebracht werden
und nicht in den Inhalt. Es muß einer solchen Sache Rechnung getragen werden, daß es bei Schiller zum Beispiel so war: Bei seinen bedeutendsten Gedichten hatte er eine allgemeine Melodie in der Seele;
dazu konnte er einen Text schreiben, den er wollte. Man muß erreichen, das Wesentliche auszudrücken auf der einen Seite durch das
Musikalische, auf der anderen Seite durch das Plastisch-Malerische
in der Sprache.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:189
Frage: In der Tanzkunst tanzen die Tänzer verschieden. Das ist bei der Eurythmie nicht
der Fall; da ist die Bewegung selbst ja wohl immer die gleiche?
Das würden Sie nicht sagen, wenn Sie die Eurythmie viel sehen
würden. Sagen wir, wenn Sie ein Gedicht rezitieren und ein anderer
Mensch dasselbe Gedicht rezitiert, so sind das doch zwei verschiedene Stimmlagen und so weiter. Sie können nun künstlerisch das Gedicht in der gleichen Weise behandeln. Die künstlerische Behandlung
wird gleich sein. Schon dieser Unterschied tritt bei der Eurythmie
stark hervor. Sie werden trotzdem die persönlichen Eigentümlichkeiten bei den einzelnen Eurythmikern sehen. Die sind schon individuell. Die Eurythmie ist nur noch nicht weit genug, daß die
besondere individuelle Art schon hervortreten würde. Es wird aber
das sein, wenn die Eurythmie so weit ist, daß der Eurythmist ganz
zusammen sich lebt mit seiner Kunst; dann wird auch die individuelle Auffassung schon bemerkbar sein. Gewiß, es liegt zugrunde
immer eine gesetzmäßige Bewegung. Es ist das so wie beim Sprechen:
Wenn ich Mund sagen will, darf ich nicht Mond sagen, also nicht
ein o statt des u. Der Betreffende muß deshalb eurythmisierend
ein u an der betreffenden Stelle haben, aber da kommt dann innerhalb dieser Gesetzmäßigkeit die individuelle Ausgestaltung der Auffassung, die größte Entfaltungsmöglichkeit zu ihrem Recht. Es ist
nicht irgend etwas Pedantisches, Stereotypes. Sie werden auch sehen,
wenn ein Anfänger etwas eurythmisch darstellt, oder jemand, der
es jahrelang getrieben hat, ist es ein großer Unterschied, nicht
bloß in der Fertigkeit, sondern auch im Künstlertum. Und ebenso
kommt wiederum die ursprüngliche künstlerische Begabung zum
Vorschein, ob jemand künstlerische Veranlagung hat oder nicht.
Mehr wie bei einer anderen Kunst kommt das bei der Eurythmie
zum Vorschein. Die Eurythmie ist ganz im menschlichen Organismus beschlossen. Der menschliche Organismus umfaßt die Eurythmie so, daß die Eurythmie, ebenso wie die anderen Künste, zum
Beispiel die Malerei, nicht verstandesmäßig, aber innerhalb des Bewußtseins, beschlossen werden, während das Tanzen ins Emotionelle
hinübergeht. Da können andere Schwierigkeiten hervortreten. Das
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Tanzen ist doch nicht etwas rein Künstlerisches. Die Eurythmie ist
schon Kunst.
Es war bei den Teilnehmern der Wunsch entstanden, einen Schulverein zu gründen, mit
dem Ziel, in der Schweiz eine Waldorfschule aufzubauen. Es stellte sich aber auch die
Frage, was wichtiger sei, das Goetheanum wieder aufzubauen oder eine Schule zu errichten. Beides zugleich zu tun, schien nicht möglich. Dr. Steiner wurde gebeten, sich über
den Wiederaufbau des Goetheanums zu äußern.
Ja, daß das Goetheanum wieder aufgebaut werde, das ist ja wohl
für die weiteren Kreise, nicht bloß für die schweizerischen, sondern
für die weiteren Kreise der anthroposophischen Bekenner in der Welt
eine Art Selbstverständlichkeit. Das Goetheanum wurde im Laufe
der Jahre, in denen es gestanden hat, nach und nach als etwas angesehen, was schon als ein Mittelpunkt der ganzen anthroposophischen
Bewegung da sein sollte. Und es wird kaum ein Zweifel bestehen bei
der weitaus größten Anzahl der Anthroposophen in der Welt, daß das
Goetheanum wieder aufgebaut werden muß. Die Hindernisse für den
Aufbau des Goetheanums könnte es ja eigentlich nur geben bei den
schweizerischen Macht habern. Andere Hindernisse kann es ja nicht
geben. Wenn eben die schweizerischen Machthaber der verschiedensten Art es nicht unmöglich machen, daß das Goetheanum aufgebaut
werde, so wird es ganz gewiß aufgebaut.
Auf der anderen Seite hat sich ja auch schon, während das Goetheanum bestanden hat, die Notwendigkeit herausgestellt, wenigstens
eine kleine Fortbildungsschule hier zu errichten. Denn eigentlich ist
es für alle Dinge, welche die Anthroposophie in Angriff nimmt, welche aus den Impulsen der Anthroposophie folgen, immer notwendig,
daß sie auch vertreten werden, daß sie dann ins Praktische hinübergeführt werden. Sie wissen ja, daß sich auch mancherlei andere Bestrebungen aus der anthroposophischen Arbeit heraus ergeben haben,
zum Beispiel die medizinischen. Ich will das nur zur Erläuterung sagen. Da mußte ich auch sagen: Wenn man überhaupt daran denkt,
Medizinisches zu treiben auf Grundlage der anthroposophischen Forschungen, so ist es notwendig, daß die Persönlichkeiten, welche sich
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dieser Sache widmen, in fortwährendem wirklich praktischem Zusammenhang mit kranken Menschen sind. Deshalb wurden die Kliniken
hier in Ariesheim und in Stuttgart eingerichtet. Das will ich nur als
ein Beispiel dafür erwähnen, daß es uns wirklich nur so ernst sein
kann mit demjenigen, was nach der einen oder anderen Richtung hin
an Impulsen aus der anthroposophischen Sache folgt, daß aus dem
sich diese Institutionen wie von selbst als eine Notwendigkeit ergeben. Und so haben wir auch eben mit dieser kleinen Fortbildungsschule, die hier unmittelbar an das Goetheanum sich angeschlossen
hat und ja auch weiter betrieben wird, dasjenige getan, was einzig
und allein zu tun möglich war. Begonnen haben wir ja sogar diese
Schule damit, daß aus einer gewiß ganz berechtigten Überzeugung
heraus eine Anzahl von Eltern uns für diese Schule ja auch kleinere
Kinder gerne übergeben hätten, die auch hier dann nach der Waldorfmethode unterrichtet worden wären. Allein diese Kinder hat man uns
behördlich genommen. Diese Kinder mußten unter das Zwangsschulgesetz eben gefügt werden. So daß wir in der Schweiz nicht in der
Lage waren, auch nur in kleinem Maßstabe etwas ähnliches einzurichten, wie es in Stuttgart durch ein freieres Schulgesetz ja damals
noch möglich war, als die Waldorfschule eingerichtet worden ist. In
dieser Beziehung sind ja die Fortschritte der Weltgeschichte sehr
merkwürdig. In bezug auf das Unterrichtswesen war man eigentlich
frei - glauben Sie nicht, daß ich jetzt konservative oder reaktionäre
Tendenzen entfalten will, sondern ich will nur historische Tatsachen
feststellen - in jenen alten Zeiten, in denen es noch keinen Liberalismus, geschweige denn eine Demokratie gegeben hat. Die Unfreiheit
ist erst gekommen in den Zeiten des Liberalismus und der Demokratie. Ich will nicht einmal behaupten, daß diese Dinge, Unfreiheit und
Liberalismus, Unfreiheit und Demokratie, unbedingt zusammengehören; aber in der historischen Entwickelung haben sie sich als eng miteinander verbunden gezeigt. Und das allerunfreieste Schulwesen ist
ja in demjenigen Teil der heutigen - ja, ich weiß nicht, ob ich sagen
soll «zivilisierten Welt», in demjenigen Teil der europäischen Welt,
der auch von manchen westeuropäischen, demokratisch gesinnten
Leuten wie eine Art Paradies angesehen wird, in Sowjetrußland.
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Da wird die Freiheit durch die extremste Demokratie, wie man es
nennt, mit Stumpf und Stil ausgerottet, und ein Unterrichtswesen
greift da Platz, das überhaupt die Karikatur der menschlichen Freiheit, der menschlichen Betätigung ist.
Nun also, ich möchte das doch eben stark betonen, daß der Wiederaufbau des Goetheanums schon eine Notwendigkeit ist und daß
man zu einem Nichtaufbauen nur kommen würde, wenn eben der
Zwang dazu da wäre. Also das müßte ja auf jeden Fall angestrebt
werden, und das wird auch als selbstverständlich von all denjenigen,
die es mit der Anthroposophie ernst meinen, auch in ganz ernster
Weise energisch als ein Ziel vorausgesetzt. Sobald die behördlichen
Angelegenheiten abgeschlossen sind, wird selbstverständlich nach
dieser Richtung alles versucht werden. Man kann immer nur eines
nach dem anderen tun, wenn man etwas nicht nur bloß theoretisch
vertreten will. Nicht wahr, man kann ja alles mögliche beschließen
und Pläne ausdenken, aber wenn man auf dem Boden einer Wirklichkeitserkenntnis steht, tut man das nur, wenn die Basis dazu da ist.
Das Idealste wäre natürlich, wenn sich dasjenige, was man an allgemeinem Volksgeistesleben und sonstigem Volksleben durch ein neues
Goetheanum begründen könnte, wenn sich das würde ergänzen können durch eine Volksschule auch hier. Aber da kommt es eben darauf
an, daß alle diese Interessen, die gerade hierzulande sind, eben in irgendeiner Weise beseitigt werden würden.
Und ich meinerseits bin ja der Überzeugung, wenn sich nur eine
genügend große Anzahl von Menschen - womit ich nicht immer Majoritäten meine - findet, welche eine solche Schule als eine Notwendigkeit erkennen, so wird sie auch entstehen. Es werden sich Mittel
und Wege ganz unbedingt finden, und sie wird entstehen. Mit dem
Goetheanum ist es ja nicht so leicht. Natürlich, es - sagen wir - aus
dem Willen der Schweiz heraus zu gestalten, das ist nicht so leicht;
das muß eine internationale Sache sein.
Aber Volksschulen gehen schon aus den Volkskulturen hervor,
und da handelt es sich wirklich darum, daß weder die Waldorflehrer noch ich oder sonst ein anderer Mensch als unsere verehrten schweizerischen Freunde und Besucher darüber eine Stimme
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haben und daß es daher wirklich vor allen Dingen Bedürfnis sein
würde, die Empfindungen, die Gesinnung, die Ansicht gerade
der schweizerischen Freunde und Besucher über diesen Punkt zu
hören.
Nach weiteren Äußerungen von Teilnehmern wird Dr. Steiner gebeten, die Schlußworte
zu sprechen.
Der Herr Vorsitzende meint, ich sollte noch einige Worte sagen.
Die können ja eigentlich nur darin bestehen, daß ich meine recht
große Befriedigung darüber ausdrücke, daß ja bei den sehr verehrten
Besuchern, die hier vereint sind, der allerbeste Wille und die allerbesten Absichten zum Ausdruck gekommen sind. Und man muß schon
sagen, daß jede solche Vereinigung von Menschen erfreulich ist, welche wiederum einmal darauf kommen, daß dasjenige, was hier in
Dornach gepflegt wird, doch nicht das ist, was sehr viele Menschen
in unwahrer Art daraus machen. Und wenn sich eine Anzahl von Persönlichkeiten findet, die einfach durch die eigene Anschauung wissen
kann, wieviel Unwahres über Dornach verbreitet wird, dann wird
auch die Zeit kommen, in welcher alles dasjenige, was heute beabsichtigt wird, in schwacher Weise noch selbstverständlich von hier,
daß das in einer viel, viel leichteren Weise zur Verbreitung kommen
wird. Es ist ja natürlich nicht jeder in der Lage, die ganz besondere
Art und Weise zu sehen, in welcher das entstellt wird, was hier von
Dornach aus geschieht. Man ist manchmal ganz verwundert darüber,
wie wenig eigentlich heute sittliches Ethos unter den Menschen ist,
wieviel Gleichgültigkeit gegenüber Verdrehungen und Entstellungen, die doch eigentlich auf das Feld der Unmoralität gehören - wieviel von dem, was an Verdrehungen und Entstellungen geleistet wird,
mit einer gewissen Phlegmatik hingenommen wird. Es ist nun schon
einmal so, daß man fast auf Unglauben stößt, wenn man die Dinge
berührt, die auf dieses Feld gehören. Es ist hier gestern eine Persönlichkeit genannt worden, auf die sehr viele Menschen in der Schweiz
hören. Und wenn man nun genötigt ist, zu sagen, daß diese Persönlichkeit zum Beispiel mein Buch «Die Kernpunkte» schon abfällig
kritisiert hat, bevor es noch erschienen war, bevor also die betrefCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:194
fende Persönlichkeit ein Sterbenswörtchen daraus gelesen haben
konnte, so wird man bei dem allgemeinen ethischen Phlegma, das
eben heute in der Gegenwart herrscht, gegenüber dem, wenn eine
vielleicht sogar in einem gewissen Grade berühmte Persönlichkeit
eine Unwahrheit sagt, nicht besonders aufsehen. Dadurch summieren
sich dann diese Dinge. Sie summieren sich ja ungeheuer. Es ist ja vor
zwei Jahren etwa immer wiederum darauf hingewiesen worden, wie
eine theologische Persönlichkeit hier in der Schweiz eine Broschüre
geschrieben hat, in der die grotesken Worte standen, daß hier im
Goetheanum eine Holzplastik aufgestellt werden sollte, welche jetzt
schon im Atelier zu sehen sei und die oben luziferische Züge und unten ein tierisches Aussehen trüge. Nun trägt diese Figur oben die
Züge eines ideal geformten Christus, und unten ist sie noch nicht
fertig. Die Persönlichkeit, als sie zur Rede gestellt worden ist, hat
einfach erklärt, daß sie diese Worte von einem anderen abgeschrieben hat. Sehen Sie, trotzdem handelt es sich um eine weitberühmte
Persönlichkeit der Schweiz. Es ist das oftmals gesagt worden in unserem Kreis, auch mit einer gewissen Dezidiertheit gesagt worden,
aber es geht an dem allgemein ethisch-sittlichen Phlegma wiederum
vorüber, statt daß es als ein Beispiel in weitesten Kreisen angehört
würde dafür, wie stark die Neigung ist, selbst bei ganz berühmten
Persönlichkeiten, einfach durch Unwahrheiten die Anthroposophie
und alles das, was daran hängt, zu entstellen, durch ganz grobe Unwahrheiten zu entstellen. - Nun, man könnte so fortfahren. Aber ich
furchte, wenn ich Ihnen nur einen kleinen Teil desjenigen, was an
Unwahrheiten, an wirklichen Unwahrheiten über Anthroposophie,
auch über alles das, was aus der Anthroposophie kommt, verbreitet
ist, wenn ich Ihnen das aufzählen wollte, so würden wir erst auseinandergehen können, wenn wieder die Sonne aufgeht. Das wollen wir
natürlich nicht. Aber die Sache liegt schon so, daß nun doch wiederum betont werden muß: Alle Dinge werden bei uns so schwer, weil
einfach auf allen möglichen unterirdischen Wegen Unwahrheiten
über Dornach und alles, was dazugehört, grassieren und weil man
diesen Dingen gegenüber in einer gewissen Gleichgültigkeit verharrt. Ich will nicht darum betteln, selbstverständlich nicht, daß man
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Dornach verteidigt. Aber eines ist doch außerordentlich wichtig, und
das ist: Viele Leute sagen: Ja, in bezug auf das Aussprechen von Meinungen muß im weitesten Sinne Freiheit herrschen. - Gewiß, jeder
mag seine Meinung haben; niemand kann mehr auf diesem Standpunkte stehen als ich. Es ist einfach selbstverständlich, daß jeder
seine Meinung haben soll und sie auch frei aussprechen soll. Aber niemand sollte, ohne daß er auch in maßgebender Weise das Echo davon
hört, eine Unwahrheit sagen dürfen in der Welt. Die Welt wird schon
durch Unwahrheiten am meisten gestört. Und das ist dasjenige, was
uns hier am schwersten wird, zur Geltung zu bringen. Wir haben sehr
viele gute Freunde, aber der Enthusiasmus, für die Wahrheit in der
Weise einzutreten, daß man wirklich auch die Unwahrheit in der richtigen Weise behandelt, der ist eben für alles das, was von Dornach
ausgeht, noch nicht sehr groß geworden. Und mehr als man meint,
hängen doch die Schwierigkeiten alle mit diesen Dingen zusammen.
Ich war zum Beispiel vor kurzem einmal in der Lage, daß mir eine
sehr große Anzahl von Unwahrheiten entgegengehalten worden sind,
also von Urteilen, die Unwahrheiten waren, die mir selbst angehängt
werden. Da mir daran lag in diesem Falle, das Urteil, das sich die
Leute bildeten auf Grundlage dieser verbreiteten Unwahrheiten, zu
rektifizieren, so sagte ich: Nun, und wenn ich mich verbindlich mache, in ganz kurzer Zeit in sehr übersichtlicher Weise, also so, daß
man nicht viel dabei zu lesen hätte, alle diese Unwahrheiten dokumentarisch zu widerlegen, wie würde es dann sein? - Da antwortete
man mir: Das würde an der Sache nichts ändern. - Nicht wahr, das
sind eben doch Hinweise auf Schwierigkeiten, bei denen gesagt werden kann, worin das Wesentliche liegt. Also, Rektifizierung der vielen Unwahrheiten, die über Dornach grassieren, das wäre schon etwas, was außerordentlich wünschenswert wäre. - Die Geldbeschaffung für einen schweizerischen Schulverein würde nicht so schwierig
sein, wenn das Mißtrauen nicht vorhanden wäre. Aber dieses Mißtrauen wird eben, glaube ich, auch so lange vorhanden bleiben, solange man nicht wirksam in der Lage ist, nicht nur die Wahrheit der
Unwahrheit gegenüberstellen zu können, sondern auf soundso viele
Menschen hinweisen zu können, die da wissen, daß die UnwahrheiCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 306 Seite:196
ten Unwahrheiten sind, und die auch dafür eintreten wollen, daß diese
Unwahrheiten wirklich Unwahrheiten sind.
Denn sehen Sie, es ist in vieler Beziehung jetzt schon so durch
diese Sachlage gekommen, daß ich in der letzten Zeit manchen Menschen gegenüber sagen mußte: Ja, uns schadet es ja am allermeisten,
wenn wir selbst die Wahrheit unserer Sache beweisen müssen. Denn
die Leute hätten uns viel lieber, wenn die Unwahrheiten über uns
richtig wären. Dann brauchten sie sich kein Gewissen daraus zu machen, über uns zu schimpfen. So aber wissen gerade die wesentlichsten Verbreiter der Unwahrheiten über Dornach und die Anthroposophie ganz gut, daß die Dinge unwahr sind. Und es ist ihnen das Unangenehmste, wenn man ihnen die Unwahrheit beweisen könnte. Das
ist so in bezug auf persönliche Dinge und so weiter. Ich stelle jetzt
diese Dinge wirklich nicht hin, um an dieser Stelle wieder einmal über
so etwas zu sprechen, sondern ich möchte nur sagen: Ich stelle sie hin
als den Schatten gewissermaßen, den ja jedes Licht wirft; um dem
Lichte die richtige Helligkeit zu geben, muß der Schatten da sein.
Hellere Lichter werfen stärkere Schatten. Ich stelle diese Dinge hin
wie die andere Seite der Sache. Gerade weil aber diese andere Seite da
ist, deshalb dürfen Sie mir glauben, daß es mir eine um so herzlichere
Befriedigung gewährt, daß heute abend von so vielen Seiten in einer
so eindringlichen Weise dafür gesprochen worden ist, daß etwas getan
werden soll für die Sache, für die hier eingetreten werden soll. Und
indem ich Ihnen diese herzliche Befriedigung ausspreche, möchte ich
eben auch das Licht hinstellen neben den Schatten, den ich, wie
gesagt, nur hingestellt habe in dieses Licht, um es mehr in seinem
Glänze erscheinen zu lassen; denn es glänzt mir wirklich recht schön,
dieses Licht, das sich dadurch vor uns hingestellt hat, daß so viele
verehrte und liebe Besucher, die sich eingefunden haben, in so eindringlicher Weise für die Sache gesprochen haben. |